VDP.Weinbörse Mainz

Die von Überproduktion, Absatzschwäche, Kostendruck und Konsumentenzurückhaltung getriebene Krise ist für die deutschen Winzer keine neue Erfahrung. Anlässlich der Eröffnung der VDP-Weinbörse in der Mainzer Rheingoldhalle erinnerte der Präsident des Verbands, der Pfälzer Winzer Steffen Christmann, an düstere Zeiten. So wie vor 100 Jahren, als sich die Prädikatsweingüter den Adler zum Markenzeichen wählten, aber die zeitgenössischen Klagen denen von heute glichen: Die Preisbildung für Wein stehe in keinem Verhältnis mehr zu den Produktionskosten, zitierte Christmann Berichte über Preisverfall, stockenden Absatz und unverkäufliche Fassweine in den Winzerkellern. Christmann versuchte, mit dem Blick die aktuelle Krisensituation zu relativieren. Ihm sei um die Zukunft nicht bange, so Christmann, wenn die Winzer bereit seien, die Krise als herausfordernden Strukturwandel zu verstehen.

Unter den fast 200 VDP-Winzern, die mehr als 2000 Fachbesuchern aus Handel, Gastronomie und Fachpresse den neuen Jahrgang und gereifte Spitzenweine vorstellten, war das Stimmungsbild heterogen und reicht von Verzagtheit bis Aufbruchstimmung. Unter den Besuchern war auch der Präsident des Deutschen Weinbauverbandes, Klaus Schneider, der mit Hessens Weinbauminister Ingmar Jung (CDU) eine Verkostungsrunde drehte. Schneider sprach von einer für viele Betriebe existenziellen Krise. Er hofft, dass die Politik eine Forderung des Verbands aufnimmt, für ausländische Saisonarbeitskräfte Ausnahmen vom Mindestlohn zuzulassen. Der Mindestlohn sei neben der Bürokratie „tödlich“ für den Weinbau, sagte Saar-Spitzenwinzer Roman Niewodnczanski. Seine Erwartung: „Qualität setzt sich durch“. Seine Kollege von der Nahe, Georg Rumpf, wirbt dafür, die Probleme nicht kleinzureden, aber auch nicht in Jammern zu verfallen. Er hat in der Krise die Rebfläche sogar vergrößert, um »nicht jede Traube ernten zu müssen«. Wenn weinbaulich nicht besonders wertvolle Rebflächen aufgegeben werden, ist das seiner Ansicht nach nicht zum Schaden. Eine Meinung, die von vielen Kollegen geteilt wird. Allerdings haben die Winzer noch keine Antwort darauf, wie sie es steuern wollen, dass ein Rückgang der Rebfläche die „richtigen“ und nicht die „besten“ Lagen trifft. Denn unter diesen besten Lagen sind vor allem viele Steilhänge von Weltruf, an die VDP-Präsident Christmann große Hoffnung knüpft.

Schließlich wollten die Winzer nicht nur des VDP das allein am Mostgewicht orientierte Weingesetz von 1971 endgültig hinter sich lassen und auf die Herkunft – als den Weinberg – als Gütezeichen setzen. „Wir dürfen unsere Visionen nicht verlieren“, sagt der Hochheimer Winzer Gunter Künstler. Und er fordert seine Kollegen und die Branche auf, entschiedener in Diskussionen wie die Schädlichkeit von Alkohol aufzutreten. Schließlich stehe der Weinbau auch für die Pflege einer intakten Kulturlandschaft und sichere direkt und mittelbar viele Arbeitsplätze und die Existenz der Winzerfamilien im ländlichen Raum. Dass es weniger werden, ist unbestritten. „Wir sind in einem Konzentrationsprozess“, sagte der Betriebsleiter eines großen Traditionsweingutes. Und für alle Winzer hat sich der Aufwand, eine Flasche Wein zu verkaufen, spürbar erhöht.

Das zeigen auch die aktuellen Zahlen des VDP. Der Verband, der sich das Speerspitze der deutschen Qualitätserzeuger sieht, beschreibt 2025 als ein „herausforderndes Jahr, das durch Konsumzurückhaltung und dynamische Kostenentwicklung“ geprägt war. Der Gesamtabsatz sank auf 33,5 Millionen Flaschen (Vorjahr: 35,7 Millionen Flaschen) wegen Ernteausfällen durch Frost im Vorjahr und die Kaufzurückhaltung der Konsumenten. „Der Binnenmarkt bleibt geprägt von Konsumzurückhaltung, und bei Wein wird im Einkauf stärker auf Preis und Anlass geachtet.“, heißt es in der Jahresbilanz. Umso mehr ruhen die Hoffnung auf dem Jahrgang 2025, den VDP-Präsident Steffen Christmann für außerordentlich hält: „Ich erinnere mich kaum an ein anderes Jahr, das uns so exzellente Trauben geschenkt hat. Wenig, aber wunderbar.“

Das Umsatzvolumen der VDP-Weingüter wird 2025 mit 426 Millionen Euro angegeben. 22 Prozent der Erzeuger melden steigende und 31 Prozent stabile Umsätze. Belastet werden die Weingüter durch höhere Kosten und einen gestiegenen Aufwand im Verkauf. Der Markt verlange mehr Präsenz, mehr Transparenz und mehr Beziehungspflege. Viele Weingüter sprechen daher nicht von einer Krise, sondern einem Strukturwandel, der deutlich mehr Engagement der Erzeuger fordere, beispielsweise durch Veranstaltungen, Reisen in die Exportländer, durch Verkostungen und neue Ideen beim Verkauf. Rund jede fünfte Flasche wird weiterhin in die Gastronomie verkauft. Der klassische Lebensmittelhändler gilt hingegen als „optionaler Kanal“ mit einem durchschnittlichen Absatzanteil von rund sechs Prozent. Die Discounter wie Aldi liegen bei unter einem Prozent und spielen für den VDP „praktisch keine Rolle.“ Anders der Export: 38 Prozent der Betriebe berichten von steigenden und 32 Prozent von stabilen Exportabsätzen. Insgesamt bleibt der Exportanteil im Absatz zwar bei rund einem Viertel. Zu den wichtigsten Märkten zählen weiterhin Skandinavien vor den Vereinigten Staaten und Großbritannien sowie der Schweiz. Bis Ende 2025 haben sich alle VDP-Betriebe als nachhaltig zertifizieren lassen. Von ihnen wirtschaften 82 ökologisch, und jedes zehnte Weingut arbeitet biodynamisch.

Der F.A.Z.-Redakteur Jakob Strobel y Serra wurde für sein publizistisches Eintreten für den deutschen Wein mit der selten vergebenen VDP-Trophy „Herkunft Deutschland“ ausgezeichnet, die ich selbst vor 25 Jahren als erster Preisträger gemeinsam mit Daniel Deckers erhalten habe.

Die Laudatio hielt Fernsehmoderator und Weingutsbesitzer Günter Jauch, der den Preisträger dafür lobte, »dem Riesling rhetorische Kränze zu flechten«. Strobel forderte mehr Respekt vor einem der ältesten Kulturgüter der Menschen und wandte sich gegen die pauschale Verteufelung jeden Alkoholgenusses. Jeder müsse selbst entscheiden, was gut für ihn sei. Wein mache glücklich, und ihm sei bisweilen ein Kater lieber als ein Magengeschwür.  (ausführlichere Fassung meines Textes für die FAZ vom 28.April 26).