Sterneküche, Sektgarten und neue Schänken: Es sind keine leichten Zeiten für die Gastronomie. Auch im Rheingau haben die Winzer und Wirte mit Bürokratie, hohen Kosten und Zurückhaltung beim Konsum zu kämpfen. Das einst legendäre „Graue Haus“ in Winkel hat inzwischen seine Pforten ebenso geschlossen wie das innovative „Y“ in Eltville und Wiesbaden. Gleichwohl gibt es Zeichen für neuen Optimismus im Rheingau, denn Traditionslokale wie der „Grüne Baum“ und das „Gronesteyn“ wurden neu eröffnet. Ganz unerwartet wurde der Rheingau zudem zum temporären Sitz eines Wiesbadener Sternelokals. Auf die Besucher des Musik Festivals warten reizvolle Neuentdeckungen.
Ente landet im Rheingau
Die auf rund drei Jahre veranschlagte Sanierung des Luxushotels Nassauer Hof in Wiesbaden machte es möglich: Auf der Suche nach einem Übergangs-„Nest“ hat sich Michael Kammermeiers Sternelokal „Ente“ im Pfortenhaus von Kloster Eberbach bei Eltville eingenistet. Dort werden die Feinschmecker mit Küchenkunst auf höchstem Niveau bewirtet. Die Weinkarte ist phänomenal, der Service hochgradig aufmerksam und zuvorkommend. Auch wenn die mittelalterliche Klosteranlage als Standort außergewöhnlich reizvoll ist, so stellt sich dennoch die Frage: Werden die großstädtischen Feinschmecker der „Ente“ aufs Land folgen? Wer kommt, der findet die vielfach ausgezeichnete Küche in einem Ambiente, das Genuss, Geschichte und Atmosphäre einzigartig bündelt.
„Ente“ im Kloster Eberbach, Kloster-Eberbacher-Straße in Eltville, www.kloster-eberbach.de, https://www.hommage-hotels.com/nassauer-hof-wiesbaden/kulinarik/restaurant-ente
Gronesteyn wachgeküsst
Sterneverdächtig ist bekanntermaßen auch die Küche von Dirk Schroer, der im vergangenen Jahr mit seiner Frau Amila das „Groenesteyn“ in Kiedrich verlassen hat, um im „Baiken“, der schön gelegenen Gutsschänke der Hessischen Staatsweingüter in Rauenthal, ein neues kulinarisches Kapitel aufzuschlagen. Am Weinstand im Innenhof des Baiken werden an den Wochenenden auch Wanderer und Ausflügler bewirtet. Zum Glück für die regelmäßigen Besucher des gotischen Weindorfs Kiedrich ist die Vakanz im „Groenesteyn“ nach dem Umzug von Schroer wieder beendet. Die junge Winzerin Julia Schönberger hat in diesem Frühjahr das Restaurant und Veranstaltungshaus „JuLe im Groenesteyn“ eröffnet. Das „Groenesteyn“ ist nun eine Gutsschänke im besten Sinne mit feinen Rieslingen – unter anderem – aus den Renommierlagen Klosterberg und Gräfenberg. Aufgetischt wird, was regionale Lieferanten an saisonalen Erzeugnissen dem Küchenteam zuliefern, darunter feine Schnitzel sowie leckeres Rind und Geflügel.
„Jule im Groenesteyn“, Oberstraße 36 in Kiedrich, www.jule-groenesteyn.de
Pop-up in der Burg
In der stattlichen Burg Crass am Eltviller Rheinufer ist wieder Gastlichkeit Trumpf. Die Sektmanufaktur Schloss Vaux ist inzwischen alleinige Eigentümerin, und der bisherige Pächter hat den Freyhof zum Jahresende verlassen. Damit wurde der Weg für die Sektmanufaktur frei, an einem außergewöhnlichen Standort im Rheingau ihren Hauptsitz zu nehmen und dort dem Sektgenuss eine Bühne zu geben. Einen Vorgeschmack auf alles, was 2027 kommen wird, gibt seit Anfang Mai das Pop-up-Projekt „Sektgarten“. An den Wochenenden bis – zunächst – Ende August sollte sich der Rheingau-Besucher bei gutem Wetter dieses Erlebnis nicht entgehen lassen. Mit einem Glas Sekt in der Hand den Schiffen auf dem Rhein und den Ausflüglern auf dem Leinpfad zuzuschauen, das ist Entspannung pur. Patron und Spitzensommelier Florian Richter bietet ergänzend zum Vaux-Sekt spannende Weine aus dem Keller seines kleinen Weinhandelshauses.
Burg Crass am Rhein, Freygässchen 1 in Eltville, www.schloss-vaux.de
Klosterschänke in Eigenregie
Nach dem Auszug des Caterers Consortium hat die Stiftung Kloster Eberbach die Bewirtschaftung der Klosterschänke in eigener Regie übernommen und die Wiesbadener Gastronomin Rosa Roccaro als erfahrene Patronin gewonnen. Im Frühjahr wurde die Küche noch mit dem in der Region wohlbekannten Küchenchef Miguel Sattler verstärkt. Sattler blickt auf Erfahrungen als Küchenchef auf Burg Crass, im „Baiken“ sowie in der Eltviller „Weinpump“ zurück. Auf der Speisekarte im Kloster stehen „Klosterbrote“ für den kleinen Hunger zwischendurch ebenso wie die Rinderroulade „Domus“, die Frikadellen „Familia“ und ein Rinderfilet „Cor magis“. Empfehlenswert sind die selbstgemachten Pasta wie die Casarecce „Silva“ und die Tagliatelle Tartufo „Meditatio“. Ein „Steinberger“ oder „Neroberger“ Riesling sollte dazu nicht fehlen.
Klosterschänke im Kloster Eberbach in Eltville, www.kloster-eberbach.de
Neuer Patron bei Diefenhardt
Die Gutsschänke des Weinguts Diefenhardt gehört zu den beliebtesten ihrer Art im Rheingau. Mit Mathias Kretschmer hat im Februar ein neuer Pächter übernommen, der über langjährige Erfahrungen in der Region verfügt, unter anderem bei Käfers in Wiesbaden und im Hofgut Georgenthal. Am Konzept einer regionalen Küche mit saisonalen Zutaten wird nicht gerüttelt. Und Klassiker wie das Schnitzel „Rosemarie“ haben erfreulicherweise ihren Platz auf der Karte behalten. Unser korrespondierender Lieblingswein ist der trockene Riesling aus dem Rauenthaler Rothenberg. Das Weingut selbst samt Vinothek ist nun endgültig in die neu gebaute Kellerei in den Frauensteiner Weg am Martinsthaler Ortseingang gezogen. Dort wird es nun unregelmäßig eine Straußwirtschaft geben, deren Besuch man nicht verpassen sollte.
Weingut Diefenhardt, Hauptstraße 9 (Schänke) und Frauensteiner Weg 1 (Vinothek) in Eltville-Martinsthal, www.diefenhardt.com
Riesling mit Ausblick
Wenn wir schon bei Diefenhardt in Martinsthal sind: Wer sich die neue Kellerei anschaut, der sollte den Aufstieg zum Weinberghäuschen nicht scheuen. Kein anderes Weingut hat solch ein Kleinod mit einem derart fantastischen Ausblick. Dem ehemaligen Eigentümer des Weinguts, Baron von Reichenau, diente der Bau als stimmungsvolle Jagdhütte zwischen Wald und Weinberg. Heute ist es ein Ort für Geselligkeit. Wenn an den Wochenenden das Wetter gut genug ist, um dort eine Auswahl der Diefenhardt-Kollektion auszuschenken, dann wird die weithin sichtbare Fahne gehisst, damit niemand den steilen Weg vergebens in Angriff nimmt. Wer am Ziel ist, hat die Mühe schnell vergessen. Das Weinberghäuschen ist jeden Schweißtropfen wert.
Weinberghäuschen Diefenhardt, Zugweg über den Frauensteiner Weg in Martinsthal, www.diefenhardt.com/weinbergshaus
Chef Daniel wird sesshaft
Der Erfinder der Winzerpizza „Winzza“, Daniel Horne, ist als langjähriger „flying“ Koch jetzt wieder sesshaft geworden. Zur diesjährigen Schlemmerwoche hat der in Lorch verwurzelte Küchenchef die Gutsschänke „Weinwirtschaft 1716“ des bekannten Lorcher Weinguts Laquai unter seine Fittiche genommen. Egal ob im alten Fachwerkhaus oder im lauschigen Garten: hier gibt es feinen Wein aus steilen Schieferlagen und schmackhafte regionale Küche. Für Lorch und darüber hinaus ein kulinarischer Gewinn. Das Fleisch für die Wildgerichte liefert die von den lokalen Jägern belieferte Metzgerei Kempenich in Presberg, die Forellen gibt es fangfrisch von der Forellenzucht Flach im nahen Wispertal. Zwischen Hirsch-Burger mit Bärlauch und gebratener Wisperlachsforelle mit Spargelgemüse fällt die Wahl schwer. Dazu empfiehlt sich aber ganz eindeutig der Riesling vom Schiefer oder der Schlossberg.
Weinwirtschaft 1716, Schwalbacher Straße 20 in Lorch, www.chefdaniel.de
Der „Grüne Baum“ lebt weiter
Das prachtvolle, denkmalgeschützte Fachwerkhaus in Oestrich ist jahrelang mit großem Aufwand saniert worden. Aber würde der „Grüne Baum“ jemals wieder als Gasthaus öffnen? Schließlich reichte die gastronomische Vergangenheit bis ins 17. Jahrhundert zurück, womit der „Grüne Baum“ eines der traditionsreichsten Gasthäuser der Region ist. Diese bange Frage vieler Rheingauer ist in diesem Jahr zur Erleichterung der Region überzeugend beantwortet worden. Die Winzerfamilie Abel, deren Weine im Rheingau einen außerordentlich guten Ruf genießen, hat den eigenen Anspruch so formuliert: „ein Ort des Genusses, an dem Tradition, Innovation und Herzlichkeit aufeinandertreffen“. Neben einer Auswahl der Abel-Weine und hausgemachtem Kuchen gibt es tagsüber von Donnerstag bis Montag kleine Speisen wie Garnelen in Öl und ein wechselndes Tagesgericht.
Café und Bistro „Grüner Baum“, Rheingaustraße 45 in Oestrich, www.weingut-abel.de
Langer kocht im Kronenschlösschen
Das traditionsreiche Luxushotel Kronenschlösschen hat im Spätsommer vergangenen Jahres mit Marcus Langer einen neuen Küchenchef verpflichtet und seinem Gourmet-Lokal damit neue kulinarische Impulse gegeben. Zu Langers Stationen vor dem Wechsel in den Rheingau gehörten unter anderem „Becker’s“ in Trier und das Schlosshotel Lerbach. In Radebeul leitete er das Team des Sterne-Lokals „Atelier Sanssouci“. Langer, der im Februar anlässlich des Rheingau Gourmet und Wein Festivals Sterneköche aus der ganzen Welt in seiner Küche willkommen hieß, setzt selbst auf eine moderne, aromenreiche Interpretation der klassischen französischen Küche. Das sollte sich der Feinschmecker nicht entgehen lassen.
Kronenschlösschen, Rheinallee 1 in Eltville-Hattenheim, www.kronenschloesschen.de
Koffeinstoß in der Mauergasse
Das „Pearls“ ist leider Geschichte. Dieses kleine Sektbistro in der Wiesbadener Mauergasse, das sich mit den benachbarten Weinbistros der Weingüter Ress und Laquai perfekt ergänzte, hat nicht die Erwartungen von Henkell-Freixenet erfüllt. Hoffentlich ist in dieser lebendigen Gasse der neuen Kaffeebar der „Maldaner Coffee Roasters“ mehr Erfolg beschieden. Diese Bar will „kein normales Café“ sein, sondern ein außergewöhnliches Kaffeeerlebnis bieten. Alle Kaffeesorten werden in kleinen Chargen geröstet, und jede Bohne trägt den Namen des Erzeugers. Ein Schnuppertisch lädt ein, sich den Aromen olfaktorisch zu nähern. Für leidenschaftliche Koffein-Junkies in der Landeshauptstadt ein Dorado, dazu gibt es wunderbare Käseküchlein.
Maldaner Coffee Roasters, Mauergasse in Wiesbaden, www.maldanercoffee.com
(zusammengestellt für die Musik Festival Beilage der FAZ)
