100 Jahre Mumm

„Deutschland braucht Mumm“ lautete die doppeldeutige Kampagne, mit der Rotkäppchen-Mumm vor 20 Jahren die Bundesbürger optimistisch stimmen und sich selbst bekannter machen wollte. Es war das Jahr, in dem der Freyburger Sekterzeuger Rotkäppchen mit der Übernahme von Mumm, Jules Mumm und „MM Extra“ samt ihrer Standorte in Eltville am Rhein und Hochheim am Main die bis dahin wichtigste Akquisition seiner Firmengeschichte abschloss.

Aus einem ostdeutschen Sekthaus war Deutschlands Marktführer in Sachen Schaumwein geworden, und der langen Markengeschichte von Mumm und „MM“ wurde ein neues Kapitel hinzugefügt. Während die Marke „MM“, deren Initialen für den Gründer Matheus Müller stehen, schon im Jahr 2011 seinen 200. Geburtstag feierte, steht der 100. von Mumm an diesem Montag auf dem Kalender.

Rotkäppchen-Mumm ist glücklich, dass die Erfolgsmarke Mumm einen Bekanntheitsgrad von mehr als 80 Prozent und damit einen der besten Werte in der Branche hat. Der Claim aus der Fernsehwerbung, „Manchmal muss es eben Mumm sein“, geriet schon in den 1980er Jahren zum Ohrwurm einer ganzen Generation. Ein Erfolg, den Godefroy H. von Mumm kaum vor Augen gehabt haben dürfte, als er am 2. Mai 1922 das unter seinem Namen firmierende Sekt- und Weinhandelshaus gründete.

Die verzweigte Mumm-Geschichte reicht allerdings weiter in die Vergangenheit zurück. Schon 1827 hatten die Brüder Gottlieb, Jacobus und Philipp Mumm in Reims die Champagnerkellerei P. A. Mumm gegründet. Sie erinnerten mit dem Firmennamen an ihren Vater Peter Arnold Mumm, der als Bankier und Weinhändler seine Geschäfte zeitweise von Frankfurt aus führte. Er war es, der mit einer kühnen Spekulation auf den Schloss Johannisberger Kometenjahrgang 1811 einen sagenhaften Gewinn einfuhr und daraufhin ein eigenes, später nach ihm benanntes Weingut gründete. Die Nachfahren erwarben 1873 Burg Schwarzenstein im Johannisberg. 

Mumms Unternehmen wurde nach seinem Tod 1852 aufgespalten in die G. H. Mumm & Co. und die Jules Mumm & Co. Von Jules Mumm blieben nach 1910 nur die Namensrechte bestehen. Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs war der in Reims lebende Stamm der Familie Mumm enteignet worden und kehrte nach Deutschland zurück. In Reims wurde 1920 die Société G. H. Mumm in Reims neu gegründet, die bis heute klassischen Champagner herstellt. In Deutschland wurde zur Unterscheidung und Abgrenzung 1922 in Frankfurt das Sekthaus Mumm & Co. gegründet, das dann seit 1933 als Sektkellerei G. H. von Mumm & Co. firmierte.

Verwechslungsgefahr beim Kunden besteht trotz des gemeinsamen Namens „Mumm“ aber kaum: französischer Mumm-Champagner wird zu Einstiegspreisen jenseits der 30 Euro Marke vermarktet. Mumm-Jahrgangssekt aus Eltville geht hingegeben bisweilen auch für 3,79 Euro über die Ladentheke, obwohl Rotkäppchen-Mumm dem Handel 5,99 Euro je Flasche empfiehlt. Die aggressiven Aktionen des Handels sind der Preis, den Mumm für seinen zweiten Platz im Marken-Ranking der Sekte zu zahlen hat. Nur deshalb rangiert er hinter Rotkäppchen, aber vor Freixenet, MM Extra, Söhnlein und Fürst von Metternich.

Seinen Nimbus als klassische trockene Sektmarke mit Anspruch verdankt Mumm dem Engagement von Seagram nach Übernahme der Marke in den 1970er Jahren. Damals hob die Marke zunächst mit großem Erfolg ab: „Mumm Selection“ flog exklusiv für die Lufthansa in einer Zeit, als Flugzeuge noch kein billiges Massentransportmittel waren. Bis Ende der 1980er Jahren wurden fast 50 Millionen Flaschen verkauft.

Mit der Exklusivität war es schnell vorbei, als „Mumm“ zunehmend in den Regalen der Supermärkte landete. 1998 kam „Jules Mumm“ als Markenerweiterung hinzu und zielte mit ungewöhnlichem Design, eher süßem Geschmack und poppiger Werbung auf die Erwartungen einer jungen Zielgruppe.

Inzwischen gibt es Mumm in vielen Varianten, darunter Dry und Extra Dry, Rosé sowie – weiß und rosafarben – jeweils auch alkoholfrei. Anfänglich wurden die Sekte in Rüdesheim entalkoholisiert, aber wegen des wachsenden Markts investierte der Konzern vor einigen Jahren in eine eigene Entalkoholisierungsanlage in Eltville. Mumm selbst setzte schon in den 1990er Jahren auf einen eher puristischen Auftritt im Regal. Seit zwei Jahren gibt es unter dem Namen Mumm auch Weine aus den Rebsorten Riesling, Spätburgunder und Chardonnay. Der Riesling stammt dabei von rheinhessischen Erzeugern, der Spätburgunder aus Württemberg und der Chardonnay aus der Pfalz. Markendirektorin Cathrin Duppel ist um „Mumm“ auch in der Zukunft nicht bange, auch wenn die Entwicklung immer weitergehe: „Mit einer Marke ist man niemals fertig.“ (Mein Bericht aus der FAZ vom 28.02.2022)

Wie schmeckt ein 1882er Pinot?

Die Spätburgunder mit den Nummern 68 bis 76 funkeln in unterschiedlicher Intensität in den Gläsern. Jetzt nähert sich die „Weltraritäten-Probe“ in der stimmungsvollen Rotunde des Biebricher Schlosses dem Höhepunkt, auch wenn dieser „Flight“ aus insgesamt neun Rotweinen dem Dutzend Verkoster „blind“ – also ohne jede nähere Information zum Jahrgang – serviert wird. Die Nase erschnuppert Anklänge von roten Früchten, die sich am Gaumen als intensive Kirsche und ein wenig Brombeere entpuppen. Die Zunge kostet sich durch zarte Aromen von Cassis und Dörrobst und die typischen Reifenoten eines gut gelagerten Spätburgunders. Nummer 76 sticht durch seinen seidigen, filigranen Charakter und seine zurückhaltenden, feinen Gerbstoffe heraus.

Und tatsächlich: Genau das ist der älteste Wein der Probe. Ein 1882er Assmannshäuser, der die kaum weniger phänomenalen Weine aus Spitzenjahrgängen wie 1920 und 1921 aussticht. Diese beiden tragen im Gegensatz zu dem 1882er auch schon den Namen Höllenberg auf dem Etikett. Bei 1882er hatte man aus unbekannten Gründen darauf verzichtet. Dabei ist Höllenberg mehr eine Herkunftsbezeichnung. Es ist ein Gütesiegel, wenn Erzeuger Weine unter diesem Namen abfüllen. Eine derartige Phalanx dieses Spätburgunders aber kann nur ein Erzeuger bieten: die Hessischen Staatsweingüter.

Deren Schatzkammer ist für ganz Deutschland außergewöhnlich reicht bestückt. Auf Initiative des Wiesbadener Verlegers Ralf Frenzel hatte der Chef der Staatsweingüter, Dieter Greiner, die eisernen Kammertore weit aufgemacht. Eine kleine Schar von Weinexperten und Fachjournalisten erhielt im Biebricher Schloss die Gelegenheit, insgesamt 103 Rotweine aus dem für seinen Spätburgunder gerühmten Assmannshäuser Höllenberg zu verkosten. Die Palette der Weine reichte über 140 Jahre und somit bis zum Jahrgang 1882 zurück. Zwei Tage nahmen sich die Weinenthusiasten für diese außergewöhnliche „Weltraritätenprobe“ Zeit. Aus Sicht von Frenzel „eine Sensation für die Weinwelt“ und zugleich ein „kultureller Schatz“.

Der „Assmannshäuser“ ist ein legendärer deutscher Rotwein, den nicht erst Goethe schätzte. „Hölle“ verweist dabei nicht auf Teufelswerk, sondern hat ihren Ursprung in einer alten Bezeichnung für steile Hänge. Im Höllenberg ist es eine Hangneigung von immerhin bis zu 65 Prozent. Der wärmespeichernde Schiefer im Boden gilt als ideal für den Rotweinanbau. Gut 50 Hektar groß ist der nach Süden und Südwesten ausgerichtete Höllenberg, und viele seiner allerbesten Parzellen werden von den Staatsweingütern bewirtschaftet.

Der Rotweinanbau hat in Assmannshausen eine lange Tradition, wie  eine Chronik des Klosters Marienthals von 1507 bestätigt. 1740 wird der Anbau von Rotwein erstmals urkundlich bestätigt. Im Handbuch für Reisende am Rhein wird 1812 Assmannshausen als der Ort beschrieben, „wo auf dem Hellenberg ein trefflicher roter Wein wächst.“ Der badische Weinfachmann Johann Philipp Bronner rühmte den Höllenberg zu Beginn des 19. Jahrhunderts als einen der besten in Deutschland. Von Goethe sind enthusiastische Zeilen über den „sehr beliebten Assmannshäuser Roten“ bekannt, und Bismarck stellte ihn 1871 über den in der Rhone gewachsenen Vin du Pape. Wenig überraschend also, dass der Wein im 19. Jahrhundert zum exklusiven Kreis der „Hochgewächse“ gezählt wurde.

Und jetzt also ein 1882er in Glas. Das Jahr, in dem es Bismarck gelang, den Dreibund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien zu formen. Die Erwartungen der Verkoster und sogar jene von Greiner wurde übertroffen. Schließlich gilt 1882 aus weinbaulicher Sicht als nasses Katastrophenjahr. Nach der geringen Ernte klagen die Winzer zudem über die geringe Haltbarkeit ihre Weine Klage.

Greiner hatte den Wein zuletzt vor 20 Jahren bei der Neuverkorkung der Flaschen verkostet und zeigte sich selbst überrascht, in welch herausragender Form sich der Wein aus dem vermeintlichen Katastrophenjahrgang präsentierte. Auch die „nur“ rund 100 Jahre alten Weine aus den 1920ern zeigten sich in bestechender Güte, allen voran die Jahrgänge 1920 und 1921, aber auch 1926 und 1929 beeindruckte die Verkostungsrunde.

Für Frenzel ist das eine Bestätigung der Erkenntnis früherer Proben, dass vor allem der vor 1960 erzeugte Höllenberg-Spätburgunder der Staatsweingüter der einzig ernsthafte Konkurrent der besten Pinot Noir-Weine burgundischer Spitzengüter wie Romanée-Conti waren und sind. Heute sei man wieder auf dem besten Weg zu dieser Größe, meint Frenzel. Die Schwächephase nach 1964, als Rotweine einer deutschen Geschmacksverirrung folgend vielfach halbtrocken oder gar süß ausgebaut wurden, ist mehr als zwei Jahrzehnte wieder vorbei. „Heute spielen die Süßweine aus dem Höllenberg keine Rolle mehr“, sagt Greiner. Für seine Kellermeisterin Kathrin Puff war die voller Inspiration für ihre Arbeit. Ihr Ziel sei es, den Höllenberg „so pur wie möglich“ in die Flasche zu bringen und im Glas sein außergewöhnliches Terroir sprechen zu lassen: „Ich habe viel Respekt vor diesem Weinberg“. (Mein Bericht aus der FAZ vom 28.04.2022)

Es brodelt im Rheingau

Nach dem Abgang von Geschäftsführerin Andrea Engelmann lädt die Basis ihren aufgestauten Unmut auf dem Weinbaupräsidenten Peter Seyffardt ab. Dabei will der Verband im stimmungsvollen Ambiente des Wiesbadener Kurhauses bald seinen 75. Geburtstags nach der Wiederbegründung 1947 feiern. Doch den Winzern ist derzeit nicht nach Feiern zumute. Der Verband mit seinen rund 500 Mitgliedern steckt vielmehr in der Krise, seit Engelmann bei Backhaus Dries angeheuert hat.

Der Absprung der allseits geschätzten Geschäftsführerin, von dem viele Winzer nicht von ihrem Präsidenten, sondern aus der Zeitung erfahren haben, ist der Auslöser eines offenbar verbreiteten Unmuts über den Führungsstil und den weinbaupolitischen Kurs von Seyffardt. Der Martinsthaler Winzer, ehedem langjähriger Eltviller Kommunalpolitiker und überdies vier Jahre lang Rheingauer Landtagsabgeordneter, führt den Verband seit neun Jahren als Nachfolger von Stefan Ress.

Damals wie heute gilt, dass sich der Verband schwertut, überhaupt einen Winzer zu finden, der die Zeit und die Bereitschaft aufbringt, sich für den Verband einzusetzen. Das gilt umso mehr, als die Zahl der Winzer im Zuge eines fortdauernden Konzentrationsprozesses zwar immer kleiner wird. Doch die Interessen liegen oft weit auseinander, und das große Ganze haben nur wenige vor Augen. Bis auf Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau engagierten sich vor allem jene Winzer führend in der Verbandarbeit, deren familiärer Nachfolger im eigenen Weinbaubetrieb schon das Heft in die Hand genommen hat. Denn der zeitliche Aufwand ist enorm.

Seyffardt müsste daher bei der anstehenden Wahl Ende eigentlich nicht um eine vierte, dreijährige Amtszeit fürchten, denn ein Mitbewerber ist bislang nicht in Sicht. Und für eine einschneidende Veränderung der Verbandsstruktur, die intern immer wieder – aber ohne jedes greifbare Ergebnis – diskutiert wird, fehlen konkrete Vorschläge einer Satzungsänderung.

Dennoch ist der Unmut über Seyffardt offenbar groß. Fast drei Dutzend Winzer haben ihm im Januar einen Brandbrief geschrieben, der Seyffardt indirekt den Verzicht auf eine weitere Amtszeit nahelegt. Ihm wird vorgeworfen, wichtige weinbauliche Themen einfach auszusitzen, die Interessen der Basis nicht zu vertreten und diese mangelhaft zu informieren. Selbst traditionsreiche Familienweingüter dächten deshalb über einen Austritt nach. Der Weinbauverband müsse daher neu aufgestellt, die Geschäftsführung gestärkt, das Präsidentenamt auf Repräsentationspflichten beschnitten werden.

Der Brandbrief, der Seyffardt überrascht und hart getroffen hat, war das wichtigste Thema der jüngsten Sitzung des Hauptausschusses, dem Entscheidungsgremium des Verbands. In einer langen, teil hitzig-emotionalen Diskussion wurde deutlich, dass etliche Winzer Seyffardt unterstellen, durch seinen Führungsstil am Abgang von Geschäftsführerin Engelmann nicht unschuldig zu sein. Ein Vorwurf, den Seyffardt vehement bestreitet. Zudem wurde einmal mehr Unbehagen gegenüber dem vermeintlich zu großen Einfluss der Prädikatsweingüter (VDP) auf den Rheingauer Weinbauverband spürbar.

Seyffardts eigenes Weingut Diefenhardt in Eltville-Martinsthal gehört dem VDP an. Ein Verband, der im Hinblick auf die Qualitätspyramide deutscher Weine, die Klassifizierung der besten Weinlagen und das Bezeichnungsrecht andere Positionen vertritt als viele der traditionsverhafteten Familienbetriebe im Rheingau. Dass Seyffardt an der Verbandsspitze eine VDP-Politik verfolgt hat, kann ihm aber nicht vorgeworfen werden. Vielmehr hat sich in den Reihen des VDP selbst einiger Unmut aufgestaut über Seyffardts Einflussnahme auf die jüngsten Weingesetzänderungen.

Im Rheingau wiederum heißt es, Seyffardt sei „geimpft vom VDP“, und was der Linie des Präsidenten zuwiderlaufe, werde einfach „platt gemacht“. Seyffardt, der beteuert, dass es ihm um die Sache und um die Zukunft der Region gehe, war schon versucht, das Amt aufzugeben. Ob er nochmal antritt, ist das den jüngsten Eruptionen im Verband keineswegs ausgemacht. Eine Phase der Führungslosigkeit wird sich der Rheingau aber weder leisten wollen noch können.

Auf den Brief der Winzer hat Vorstand ebenfalls schriftlich geantwortet und die Vorwürfe zu entkräften versucht. Diese Antwort war in den Augen einiger Winzer jedoch „nicht das Papier wert, auf dem sie steht“. Umstritten ist unter den Winzern auch, ob der neue Verbandsgeschäftsführer ebenso wie Engelmann das „Haus der Region“ in Oestrich-Winkel und damit in Personalunion die Geschäfte der Rheingauer Tourismuswerbung und des Zweckverbands Rheingau führen soll. Das bringt zwar bedeutende Synergieeffekte und eine für den Verband vorteilhafte Aufteilung der Personalkosten. Doch gestehen auch Vorstandsmitglieder des Verbands zu, dass sich Engelmann damit vielleicht zu viel aufgeladen hatte und daran gescheitert war. Obwohl sie der Verband nicht in diese Rolle gedrängt habe.

Dass der von Seyffardt geführte Vorstand mit dem 42 Jahre alten Weinbautechniker Dominik Rußler zum 1. Mai schon einen Engelmann-Nachfolger berufen hat, zementiert allerdings die Strukturen, die mancher Winzer gerne zu Lasten des Präsidentenamtes verändert sähe. „Wenn Ihr einen Grüßaugust als Präsidenten wollt, dann braucht Ihr einen entsprechenden Geschäftsführer“, hielt Seyffardt seinen Kritikern entgegen in dem sicheren Wissen, dass ein Fachmann von solchem Kaliber nur schwer zu finden und vom Verband überdies kaum zu bezahlen ist. Nach einer Klausurtagung verspricht der Vorstand mehr Transparenz, mehr Mitgliederbeteiligung und mehr Professionalisierung sowie die klare Zuordnung, dass der Vorstand für die Strategie, die Geschäftsführung für den operativen Alltag zuständig ist. Ob sich die Wogen damit glätten lassen, wird sich erst im Mai zeigen.

(aus der FAZ vom 31.3.2022)

Großes Geld für große Flaschen

Zum zweiten Mal herrschte wegen der Pandemie weitgehende Leere im Laiendormitorium von Kloster Eberbach anlässlich der Weinversteigerung des Verbands der Prädikatsweingüter (VDP). Doch die Winzer hatten gleichwohl Grund zu Zufriedenheit. Auch ohne die sonst gewohnten 500 Weingenießer im Saal waren die Gebote für die knapp 3000 angebotenen Flaschen der zwölf beteiligten Weingüter beachtlich. Insgesamt lag der Umsatz am Ende bei 305.000 Euro.

Auf großes Interesse stießen vor allem die angebotenen Großflaschen. Das für seinen Assmannshäuser Spätburgunder stets hochgelobte Weingut August Kesseler erhielt 3000 Euro für eine fünf Liter fassende Flasche mit dem 2019er Assmannshäuser Höllenberg Großes Gewächs. Diesen Erlös übertrafen die Hessischen Staatsweingüter mit einem 2012er Spätburgunder in der Methusalem-Flasche (6 Liter) um 100 Euro. Staatsweingüter-Chef Dieter Greiner war mit dem Erlös ebenso zufrieden wie August Kesseler. Dieser hatte auf mehr als 2000 Euro spekuliert und war entsprechend glücklich über das Höchstgebot. Kesseler schwärmte vom einzigartigen Terroir des Höllenberg, das feine und elegante Rotweine möglich mache.

Nicht weniger als zwölf Liter fasst die Balthazar genannte, künstlerisch gestaltete Einzelflasche mit „Goethewein aus dem Brentanohaus“ des Winkeler Weinguts Allendorf. Winzer Max Schönleber konnte sich an seinem 35. Geburtstag über ein Höchstgebot von 6600 Euro freuen: „Ich habe heute Grund zu feiern“. Schloss Johannisberg versteigerte eine Sechs-Liter-Flasche 2018er Riesling „Goldlack“ nach 30  Monaten Lagerzeit im großen Holzfass für 3000 Euro. Die Staatsweingüter erzielten 800 ebenfalls für eine Sechs-Liter-Flasche 2012er Hochheimer Domdechaney Riesling Großes Gewächs. Für die edelsüße Riesling Spätlese aus dem Rüdesheimer Berg, ebenfalls in der Sechs-Liter-Flasche, erhielten die Staatsweingüter 1100 Euro. Die doppelte Menge fasste die große Flasche mit einer gemeinsamen Cuvée von  Spitzenweinen der drei Weingüter Robert Weil, Sankt Antony und Battenfeld-Spanier, die zusammen mit dem das Flaschenetikett zierenden Original-Bild des bekannten zeitgenössischen Künstlers Bernd Zimmer und sechs weiteren Flaschen dieses Weins zugunsten der flutgeschädigten Ahr-Winzer, der „Stiftung Stoa169“ des Künstlers und der Ukraine-Hilfe für 31.500 Euro versteigert wurde. „Weltrekord für einen trockenen Riesling“, sagte Allendorf.

Nicht minder begehrt waren die Raritäten in handelsüblichen Flaschen (0,75 Liter). Der Benefizwein der diesjährigen Auktion, ein Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder Cabinet des Jahrgangs 1952, fand für 4200 Euro einen neuen Eigentümer. Über den Erlös freut sich eine Eltviller Kindertagesstätte, die mit dem Geld ein Motorikzentrum finanzieren will. Sozialminister Kai Klose (Grünen) lobt die Aktion: „Ein 70 Jahre alter Wein, so alt wie unser Ministerpräsident“. Klose outete sich aber als Weißweintrinker und als Freund des „Steinberger“. 350 Euro wurden für die 1967er Riesling Spätlese aus dem Rauenthaler Rothenberg des Weinguts August Eser gezahlt, 220 Euro für eine trockene Spätlese des Jahrgangs 1976 von Schloss Johannisberg und 1200 Euro für den 1972 Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder Auslese Eiswein. Die älteste Rarität war ein 1915er Schloss Johannisberger Riesling Beerenauslese Dunkelblaulack, die Experten im Vorfeld so beschrieben hatten: Das Bouquet offenbart komplexe Aromen nach getrockneten Aprikosen, kandierten Orangen, Earl Grey Tee, Pfefferminze und feinwürzige Noten wie Marzipan, Zimt und Tabak. Das überzeugte wohl einen Sammler, der mit 9600 Euro das zweithöchste Gebot des Tages abgab. Neben Großflaschen und gereiften Raritäten sind es Kultweine, die der Versteigerung den Reiz geben. Der erst zweite Jahrgang des „Monte Vacano“-Riesling aus dem Weingut Robert Weil, der ausschließlich in Magnum-Flaschen und Großflaschen versteigert wird. „Mir haben das erste Mal die Worte zur Weinbeschreibung gefehlt“, sagte Auktionator Allendorf vor Beginn des Bietgefechts, das für jede der Magnumflaschen nur deshalb bei 850 Euro (Vorjahr 520 Euro) endete, weil Wilhelm Weil zusätzlich zu den 36 angebotenen Flaschen weitere 88 Flaschen bereitstellte. Für die einzige Sechs-Liter-Flasche wurde der Zuschlag beim Höchstgebot von 10.001 Euro erteilt. Im vergangenen Jahr waren es 18.000 Euro für eine Zwölf-Liter-Flasche. (aus der F.A.Z. vom 7.3.2022)

Mehr Wein exportiert

Die Ausfuhren deutscher Weine haben sich im vergangenen Jahr sehr positiv entwickelt. Wie das Deutsche Weininstitut (DWI) mitteilt, erreichte der Wert der exportierten Weine mit 357 Mio. Euro den höchsten Stand seit 2010 (355 Mio. Euro). Im Vergleich zum Vorjahr ist der Weinexportwert um 29 Prozent und das Volumen der ausgeführten Weine um 27 Prozent auf 1,2 Mio. Hektoliter angestiegen. (Quelle DWI)

Saffredi Vertikale

Zu den Besonderheiten des Rheingau Gourmet und Weinfestivals gehören die inzwischen „Masterclass“ genannten Weinproben, die eine nähere Beschäftigung mit einem Weingut erlauben. Da macht die 25. Jubiläumssaison keine Ausnahme. Ich habe mir die Saffredi -Vertikale gegönnt, und das hat sich gelohnt. Die 75 Hektar große Fattoria le Pupille liegt in Küstennähe in der Maremma. Den Saffredi (das ist kein Weinbergsname)-Cru aus einer heute 8,5 Hektar großen Einzellage gibt es seit 1987. Der in der Regel von der Rebsorte Cabernet-Sauvignon geführte Blend ist am Markt erfolgreich, Flaschenpreis ca. 80 Euro, und das waren die Jahrgänge:

2000 in  Würde gereift, durchaus schon oxydative Noten, auch Rumtopf mit medinischen Noten, Eukalyptus, auch Tabak, gepaart mit Frucht. Damals ergänzte Grenache (15%) noch Cabernet (50%) und Merlot (35%). Unter dem Strich das Trinkfenster schon überschritten. Einzelne Flaschen schon oxidiert.

2001 wirkt zehn Jahre jünger als 2000! Großer Jahrgang in der Maremma, komplex, dicht, Grip, aber mit einem unschönen fetten Depot, der den Genuss trübte.

2004 jetzt mit Syrah (10%) statt Grenache. Wirkt eher kühler, mineralischer als 2001, sehr kräuterig, gut

2008 steht für ein forderndes Jahr. Der einzige Jahrgang, bei dem Merlot (50%) den Blend mit Cabernet (45%) und Syrah (5%) prägte. Sehr gut strukturiert und balanciert, trinkreif, bei mir auf Platz 3

2012 war mein Favorit, zupackend, präzise, gute Tannine, braucht viel Luft, kommt dann aber mit Macht, hat Potential für die nächsten 5-7 Jahre, ist übrigens der erste Jahrgang, bei dem Petite Verdot den Syrah als 3. Verschnittpartner abgelöst hat. Klare Kaufempfehlung!

2014 steht 2021 nur wenig nach, obwohl das Jahr deutlich schwieriger war. Sehr feine Tannine, sehr elegant, ebenfalls mit Zug und Finesse, gewann die Abstimmung in größer Runde

2015 noch sehr verschlossen, fast schon mollig, wenig Ecken und Kanten, Zeit für die Entwicklung geben, aber die Ansätze sind sehr gut

2018 ist dieses Frühstadium überraschend zugänglich, aber auch dick (15 Alkohol) und fordern… ein Zeuge des Klimawandels auch in der Maremma, schmeckbarer Holzeinsatz, wird sich im Lauf der Jahre wohl in den Hintergrund verabschieden, da bin ich sehr auch die Alterung gespannt

Gourmet Festival … ich bin bereit!

Die Weine sind gekühlt, die Kühlschränke gefüllt. Das Rheingau Gourmet und Wein Festival steht vor seiner 25. Jubiläumssaison.  Kann Deutschland eigentlich auch Rotwein? Vor allem ausländische Weingenießer sind bisweilen regelrecht überrascht von der unerwarteten Qualität des Spätburgunders. Unter den heimischen Weinkennern gibt es diese Zweifel schon lange nicht mehr. Der Lunch mit dem Titel „Die besten deutschen Spätburgunder“ zählt regelmäßig zu den am schnellsten ausgebuchten Veranstaltungen des Rheingau Gourmet und Wein Festivals. Im aktuellen Programmheft war das Rendezvous der deutschen Rotweinpäpste deshalb schon gar nicht mehr verzeichnet.

Es ist ein in mehrfacher Hinsicht besonderes Festival, das mit der Welcome Party eröffnet wird. Denn 2021 hatte das Jubiläum „25 Jahre Gourmet Festival“ wegen der Corona-Pandemie erstmals seit der Premiere 1997 abgesagt werden müssen. Nun kann es stattfinden, wenn auch unter den besonderen Bedingungen einer auslaufenden Pandemie. Zwei publikumsstarke Veranstaltungen wurden vorsorglich in den Sommer verschoben. Für die Willkommens- und Abschiedsparty wurden diesmal weniger Tickets verkauft, um jedem Gast einen Sitzplatz anbieten zu können. Und von jedem Besucher wird, neben dem in der Gastronomie notwendigen Geimpft- oder Genesenennachweis ein tagesaktueller Schnelltest verlangt. Denn ein Corona-Ausbruch unter dem Küchen- oder Service-Personal mit zwingender Quarantäne hätte fatale Folgen für das Festival, dessen Dauer zum Jubiläum erstmals auf drei Wochen verlängert wurde. Am „Kronenschlösschen“ wird eigens eine Schnellteststation aufgebaut.  Die Weinliebhaber und Feinschmecker schreckt das aber nicht. Die Buchungslage sei außerordentlich gut, sagt Festival-Co-Chefin Johanna Ullrich, und viele Kartenbestellungen kamen sogar früher als üblich. Das Angebot, bis Anfang Januar kostenfrei stornieren zu können, sei nur vereinzelt angenommen worden. All das sind für Ullrich klare Indizien, dass es einen Nachholbedarf beim Genuss und eine große Lust auf gemeinsame Wein-Erlebnisse gebe.

Besonders gefragt sind einmal mehr die Raritätenproben mit Kultweinen renommierter Erzeuger. Da schrecken auch Ticketpreise um 1500 Euro nicht, wenn es beispielsweise darum geht, die weltweit teuersten Burgunder Domaine Romanée Conti zu trinken, die nach 2006 erst zum zweiten Mal auf dem Festival ausgeschenkt werden. Oder Bordeauxweine der renommiertesten Spitzengüter aus dem phänomenalen Jahrgang 1961.

„Das sind einmalige Gelegenheiten“, sagt Ullrich, und mancher Weinfreunde gönne sich das nur einmal im Leben. Es gebe aber auch Sammler, die solche Weine im Keller hätten und bei dieser Gelegenheit probieren wollten, in welcher Verfassung der Wein aktuell ist.

Ein Nachteil dieser teuren Raritätenverkostungen ist, dass das Festival seit seiner Gründung den Ruf einer elitären und snobistischen Veranstaltung nicht ganz ablegen kann, obwohl einige Weinverkostungen auch schon unter 40 Euro angeboten werden. Ullrich gibt die Hoffnung nicht auf, dass mehr und mehr Besucher erkennen, dass sich zum Festival im Rheingau „ein lustiger Haufen“ trifft, weil es eine entspannte Plattform für gleichgesinnte Weinfreunde und Genießer geworden sei. Die vielen und langjährigen Stammgäste, die bisweilen dem Programm Impulse und Inspiration geben, müssen ohnehin nicht überzeugt werden.

Das war 1997 noch eine andere Situation, als Hans-Burkhardt Ullrich gemeinsam mit dem Rüdesheimer Winzer Bernhard Breuer und Musikfestival-Chef Michael Hermann das Festival aus der Taufe hob. Vorbild war das „Masters of Food and Wine“ im kalifornischen Carmel. Mit zehn Veranstaltungstagen und 34 Gala-Dinners und Weinproben ging es los, und unter dem Strich blieb zunächst ein Defizit. 

Das anfängliche Konzept, jährlich ein Partnerland auszuwählen, wurde nach einigen Jahren zugunsten einer internationalen Mischung mit Schwerpunkt Europa aufgegeben. Von der „Assmannshäuser Krone“ zog der Festival im Jahr 2004 in das Hattenheimer Kronenschlösschen. Die Zahl der Tickets legte mit der Zahl der Veranstaltungen von anfänglich 3000 auf 6500 stetig zu. Zum Jubiläum werden es wegen der Corona-Einschränkungen nur rund 5000 sein, aber auch mit dieser Zahl bringt das Festival Belebung in die weintouristische Rheingauer Vorsaison. Im Roten Salon stapeln sich schon seit Tagen die Weinkisten für die Verkostungen und Dinners.

Die allermeisten der bedeutenden Köche und der renommiertesten Winzer haben sich den Festivalgästen seit 1997 schon vorgestellt. Die anfänglichen Vorbehalte, ob es klug sei, ausgerechnet im Rheingau ausländischen Winzern eine Plattform zu geben, sind schon seit vielen Jahren nicht mehr zu hören. Dass unter den Sterne-Köchen und Spitzenwinzern viele eitle Diven zu finden sind, hat Ullrich stets zurückgewiesen. Seine Erfahrungen waren andere: Je berühmter ein Winzer, desto unkomplizierter und desto einfacher der Umgang mit ihm, sagte Ullrich dieser Zeitung schon anlässlich des 20. Festivals im Jahr 2016.

Seit 2017 ist seine Tochter Johanna verantwortlich mit im Boot. Sie kann sich an den faszinierenden Festivalstart 20 Jahre zuvor erinnern, auch wenn sie damals erst acht Jahre alt war. Inzwischen ist die Festivalgeschichte auch reich an Anekdoten. Beispielsweise als die vermeintlich beste Köchin Chinas eingeladen war, diese aber allenfalls durchschnittliche Kost zu zelebrieren vermochte. Aus einer geplanten Kochdemonstration wurde schließlich eine Tee-Zeremonie.

Ullrich hat bei 24 Festivals ganze „Köche-Generationen“ mit sehr unterschiedlichen Kochstilen erlebt. „Stand am Anfang noch der klassische, traditionelle Stil im Vordergrund, gab es später Fortentwicklungen, die man mit Begriffen wie mediterran, molekular, nordisch und regional bezeichnen kann“, erinnert er sich und ist fasziniert, welche Geschmacksunterschiede trotz gleicher Grundprodukte schmeckbar wurden. Für besonders bemerkenswert hält er zudem, dass jene Küchenchefs, die kein eigenes Restaurant mehr betreiben, qualitativ mit ihren täglich aktiven Kollegen nicht mithalten können, „gleichgültig, wie berühmt sie vorher waren.“

Seine Tochter Johanna ist zudem überrascht, welche Modewellen bisweilen durch die Spitzenküchen schwappen, „als hätten sich alle Meisterköche abgesprochen“. Vor zwei Jahren war es beispielsweise die Taube, die bei kaum einem Menü fehlte, egal von welchem Koch. Zuvor war es die Rote Beete, die viele Rezepte wie ein roter Faden durchzog.

Mit ihrem Vater ist sie sich einig, dass die Weinqualität in Deutschland seit den neunziger Jahren eine höchst erfreuliche Entwicklung genommen hat. Hans-Burkhardt Ullrich spricht sogar von „Quantensprüngen“ insbesondere beim Spätburgunder. Seien von den Spitzenwinzern aus allen deutschen Anbaugebieten vor mehr als zwei Jahrzehnten noch häufig helle, relativ dünne Rotweine vorgestellt worden, hätten sie Jahr für Jahr an Komplexität und Format, aber auch an Finesse gewonnen. „Heute haben die deutschen Spätburgunder eine überragende Qualität, die jedem internationalem Vergleich standhält“, sagt er Nachdruck. Und beim trockenen Weißwein sei Dank der Klassifizierung „Großer Gewächse“ ein Durchbruch gelungen. Mit speziellen Qualitäten wie „Liquid Earth“ (Weingut Battenfeld-Spanier) oder „Monte Vacano“ (Weingut Robert Weil) gebe es inzwischen deutsche Kultweine im internationalen Maßstab. (mein Bericht aus der FAZ vom 21.02.2022)

Sekt und Wein werden teurer

Höhere Kosten für Rohstoffe und Energie setzen Deutschlands Marktführer bei Sekt, Wein und Spirituosen unter Druck. Das Unternehmen Rotkäppchen-Mumm kämpft mit „nie da gewesenen Preissteigerungen“, hinzu kommen die Folgen stetig steigender Inflationsraten. Die Wein- und Sektfreunde in Deutschland werden in diesem Jahr mit steigenden Preisen rechnen müssen, aber auch damit, dass nicht jedes Produkt des Sortiments immer und überall verfügbar sein wird. Schon im zurückliegenden Jahr sei es zeitweise ein „Kampf um jede Palette“ gewesen, um den Einzelhandel angesichts gestörter Lieferketten rechtzeitig zu beliefern.

Für das Jahr 2022 rechnet Rotkäppchen-Mumm mit weiter „unberechenbaren Weinernten“ und geht davon aus, dass viele Auswirkungen der Pandemie erst mit Verzögerung spür- und sichtbar werden. Zudem könnte die Reiselust den Inlandskonsum dämpfen: „Viele werden wieder am Gardasee ihren Prosecco trinken“, heißt es.  Allerdings werde es auch wieder mehr Anlässe zum Anstoßen geben,.

Für das zweite Pandemiejahr 2021 meldet Rotkäppchen-Mumm ungeachtet einer „sehr volatilen Marktsituation“ ein „solides Ergebnis“ mit einem gegenüber 2020 stagnierenden Umsatz von rund 1,2 Milliarden Euro. Im Vor-Pandemie-Jahr 2019 waren es 1,1 Milliarden Euro. Auf die Sparte Sekt entfielen demnach 47 Prozent (594 Millionen Euro) des Umsatzes, auf das Spirituosen-Segment 32 Prozent (378 Millionen Euro) und auf das seit Jahren stark wachsende Weinsegment rund 21 Prozent (255 Millionen Euro). Konkrete Flaschenabsatzzahlen zu den einzelnen Marken gibt Rotkäppchen-Mumm nicht bekannt.

Rotkäppchen-Mumm meldet bei seiner badischen Premiummarke Geldermann ein Wachstum von 30 Prozent. Viele Menschen konsumierten weniger, aber bewusster. In der Pandemie legte der Anteil des Onlinehandels um rund 20 Prozent zu. Inzwischen werde jede zehnte Flasche Wein über das Internet gekauft. Am Standort Eltville hat Rotkäppchen-Mumm im vergangenen Jahr 2,8 Millionen Euro (Vorjahr 2,6 Millionen Euro) investiert, unter anderem in ein neues Palettierzentrum. Insgesamt wurden 14,6 Millionen Euro ausgegeben (Vorjahr 17,1 Millionen Euro). Am Standort Freyburg an der Unstrut in Sachsen-Anhalt entsteht derzeit eine neue Marken-Erlebniswelt.

Dennoch liegt in diesem Jahr der Fokus auch auf dem Rheingau, weil die hier beheimatete Marke „Mumm“ 100 Jahre alt wird. (gekürzt mein Bericht aus der FAZ vom 16.2.22.)

Wein-Durst in Pandemie ungebrochen

Der Pro-Kopf-Verbrauch von Wein ist in Deutschland im zweiten Jahr der Pandemie (Weinwirtschaftsjahr 01.08.2020 – 31.07.2021) mit 20,7 Litern gegenüber dem Vorjahreszeitraum konstant geblieben. Dies geht aus der aktuellen Weinkonsumbilanz hervor, die im Auftrag des Deutschen Weininstituts (DWI) durch den Deutschen Weinbauverband erstellt wird. Danach wurden unverändert 17,2 Millionen Hektoliter in- und ausländische Weine konsumiert (gerechnet auf 83,2 Millionen Bundesbürger).  Die Schaumweinmenge ist mit 2,7 Millionen Hektolitern ebenfalls konstant geblieben. Dies entspricht einem Schaumweinkonsum von 3,2 Litern pro Person und Jahr. Diese Bilanz berücksichtigt sowohl den Konsum außer Haus, beispielsweise in der Gastronomie, als auch die Einkäufe im Handel und direkt bei den Winzern. „Die unveränderte Bilanz des Weinverbrauchs aus dem vergangenen Wirtschaftsjahr zeigt, dass die Verbraucher durch die coronabedingten Einschränkungen in der Gastronomie ihren Weinkonsum zwar zum Teil nach Hause verlagert haben, insgesamt während der Pandemie jedoch nicht mehr Wein getrunken wurde“, sagt dazu DWI-Geschäftsführerin Monika Reule.

Deeutschland ist demnach weiterhin viertgrößter Weinverbrauchermarkt weltweit.

Für den Still- und Schaumweinverbrauch ergibt sich aus der aktuellen Bilanz eine Gesamtmenge von 19,9 Millionen Hektolitern, was umgerechnet auf alle Bundesbürger 23,9 Litern Wein und Sekt pro Kopf und Jahr entspricht. Mit diesem Nachfragevolumen steht Deutschland an vierter Stelle der weltgrößten Weinverbrauchermärkte. Der meiste Wein wird nach Angaben der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) in den USA (33 Mio. hl) getrunken, gefolgt von Frankreich (24,7 Mio. hl) und Italien (24,5 Mio. hl).

Henkell übernimmt englisches Sekthaus

Der Weltmarktführer für Schaumwein mit Sitz in Wiesbaden, Henkell Freixenet, hat seine Position durch die Übernahme der englischen Sekt- und Weinkellerei Bolney gefestigt. Nach Angaben von Henkell Freixenet wurde der Erwerb erst vor wenigen Tagen vollzogen. Über die Modalitäten und den Kaufpreis sei Vertraulichkeit vereinbart worden

Die Bolney Wine Estate stehe für die noch junge Kategorie „English Sparkling Wine“, die mit dem Anspruch von Champagner vergleichbar sei. Sie entwickele sich seit Jahren „auf hohem Qualitäts- und Preisniveau überproportional positiv zum wachsenden Schaumweinmarkt in Großbritannien“.

Nach Angaben von Henkell zählt Bolney zu den Weinbaupionieren auf der Insel. Das in der Nähe von Brighton gelegene Weingut sei 1972 von Janet und Rodney Pratt gegründet worden und werde heute von ihrer  Tochter Samantha Linter geleitet. Bolney habe ein Portfolio erstklassiger und mehrfach ausgezeichneter Schaum- und Stillweine. Henkell Freixenet-Vorstandschef Andreas Brokemper gibt sich überzeugt, das Image von English Sparkling Wine weiter stärken können. Samantha Linter soll als Geschäftsführerin im Unternehmen bleiben und mit den Teams von Henkell Freixenet und der britischen Tochter Freixenet Copestick zusammenarbeiten.

Sind die Ökowinzer auf dem Holzweg…

zumindest beim Thema Klimawandel und CO2 Fußabdruck?

Die Winzer trauen Fidelio noch nicht

Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt die Weinbranche zunehmend und in hoher Intensität. Die vom Land mitorganisierte Rheingauer Weinbauwoche hatte jetzt erstmals „Nachhaltigkeit und Biodiversität“ als das prägende Thema. Dieses geht über eine zertifizierte ökologische Wirtschaftsweise weit hinaus. Tatsächlich scheint der Weg der Ökowinzer zu einer konsequent nachhaltigen Wirtschaftsweise überraschenderweise länger und steiniger als der ihrer konventionellen Kollegen. Denn Ökowinzer haben in der Regel einen geringeren Ertrag je Hektar Rebfläche und sie müssen vor allem in schwierigen Jahren wie 2021 deutlich öfter mit dem Traktor in die Rebzeilen, um die Ernte mit Kupfer- und Schwefelpräparaten vor Pilzkrankheiten wie Oidium und Peronospora zu schützen. Beides wirkt sich deutlich negativ auf den Kohlendioxid-Fußabdruck eines Weinguts aus.

Ein Instrument aus dem Baukasten hin zu einem konsequent nachhaltigen Weinbau sind pilzwiderstandsfähige Rebsorten, in der Branche kurz Piwis genannt. Das sieht auch der Geschäftsführer des Weinguts Schloss Vollrads, Ralf Bengel, so. Bengel vollzieht mit Schloss Vollrads gerade die Umstellung auf ökologischen Weinbau. Auf der Tagung gab er aber zu bedenken, dass jede Neuanlage von Weinbergen eine Entscheidung für die nächsten 30 bis 40 Jahre ist. Solange sollen die Rebstöcke Ertrag bringen, ehe sie gerodet werden und der Weinberg neu bepflanzt wird. Jede Anbauentscheidung will angesichts der Kosten in fünfstelliger Höhe je Hektar gut überlegt sein. Schließlich müssen die Kunden die dort erzeugten Weine auch überzeugen.

Wie berichtet führt aus Sicht der Politik daran aber kein Weg vorbei. Priska Hinz, deren Ministerium nicht explizit den Weinbau, aber den Klimaschutz im Namen führt, gab den Winzern jedenfalls die klare Ansage mit auf den Weg, dass die „neuen und robusten“ Rebsorten stärker angebaut werden müssen (F.A.Z. vom 13. Januar). Das Land will den Anbau von Piwis ausdrücklich fördern. Das ist neu, weil die Rheingauer Winzer bislang für ihre Konzentration auf Riesling und Spätburgunder stets gelobt wurden. Bislang lag der Fokus des Landes zudem auf der Forcierung des ökologischen Weinbaus. Doch das Ziel der Europäischen Union im Zuge des „Green Deal“, dass 25 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet werden sollen, ist beim Weinbau in Hessen mit 850 Hektar schon fast erreicht.

Eine zweite Vorgabe lautet, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis zum Jahr 2030 um die Hälfte zu verringern, wobei bislang unklar ist, auf welcher Zahlenbasis diese Reduktion errechnet wird. Nach Ansicht von Hans Rainer Schulz, dem Präsidenten der Hochschule Geisenheim, wird der deutsche Weinbau ohne Piwis dieses Ziel aber kaum erreichen können.

Zwar gibt es schon deutsche Winzer, die mit diesen modernen Rebsorten-Kreuzungen schon Erfahrungen sammeln, doch deutschlandweit stehen erst auf 2,8 Prozent der Rebfläche Piwi-Rebstöcke. An der hessischen Bergstraße sind es vor allem wegen der experimentierfreudigen Winzergenossenschaft und den Versuchsflächen des Rebveredlers Antes immerhin 3,5 Prozent. Im deutlich größeren Rheingau nicht einmal 0,5 Prozent.

Anja Antes-Breit sieht in dem schwierigen Weinjahr 2021 ein „Umdenken-Jahr“ bei den Winzern. Die Nachfrage nach Piwis habe europaweit stark angezogen. Sie setzte während der Weinbauwoche ein Fragezeichen hinter die Nachhaltigkeit des ökologischen Weinbaus. Wer deutlich häufiger zum Spritzen der Rebstöcke unterwegs sei, der belaste und verdichte den Boden, verbrauche mehr Energie, erzeuge mehr Kohlendioxid, bringe mehr Kupfer in die Natur und habe höhere Kosten als ein konventioneller Winzer, so ihre Bedenken.

Antes-Breit gab zudem zu bedenken, dass es im Rheingau nicht weniger als 40 Jahre dauern würde, wenn jede Neupflanzung ausschließlich mit Piwis erfolgen würde, und das sei kaum realistisch. Beschränkten sich die Winzer auf fünf Prozent Piwis bei jeder Neupflanzung, dauere der Umstellungsprozess jedoch 800 Jahre. Ihrer Ansicht nach liegen die Vorteile der Piwis auf der Hand: weniger Spritzungen, weniger Bodenverdichtung, geringerer Bedarf an Dünger, gesündere Trauben, geringerer Arbeitsaufwand.

Vor allem aber sind die Piwis widerstandsfähiger gegen die 1845 nach Deutschland eingeschleppte Peronospora (Falscher Mehltau) und das seit 1878 grassierende Oidium (Echter Mehltau). Beide Pilzarten sind die größten Feinde des Ertragsweinbaus. Piwis, das wurde auf der Tagung aber auch deutlich, sind keine „eierlegende Wollmilchsau“ im Weinberg. Sie erfüllen nicht alle Wünsche der Winzer, und jede hat ihre Stärken und ihre Schwächen. Dennoch formulierte Antes-Breit die These, dass „im Bioanbau konsequenterweise Piwis vorgeschrieben werden“ müssten. Konventioneller Anbau mit Piwis sei nachhaltiger als Bioanbau mit konventionellen Sorten.

Der Geisenheimer Weinbauprofessor Manfred Stoll bestätigt den deutlich geringeren Arbeitsaufwand für Piwis im Weinberg. Allerdings lasse sich wissenschaftlich noch keine Aussage treffen, ob mit Piwis tatsächlich der „enkeltaugliche Weinbau“ mit langfristiger Perspektive möglich sei. Die Rebsortenfrage sei eine wichtige, aber nicht die einzige Fragestellung in der Branche, sagte Stoll: „Es gibt viele Baustellen, die wir im Weinbau angehen müssen“. Abwarten sei keine Option.

Winzer, die sich zumindest versuchsweise mit Piwis beschäftigen wollen, haben es nicht einfach, sondern stehen einer verwirrenden Vielfalt gegenüber. Allein auf den Versuchsanlagen bei Antes an der Bergstraße stehen aktuell 75 verschiedene Piwi-Sorten: „Es gibt für jeden Zweck eine“, sagt Reinhard Antes und spricht selbst von einer verwirrend großen Auswahl. Darunter sind auch Geisenheimer Züchtungen wie „Fidelio“: Eine Weißweintraube, die kaum anfällig gegen Peronospora ist und nur zwei Mal im Jahr gegen Oidium gespritzt werden will. Die Weine werden als „rassig, fruchtig, duftig, rieslingähnlich“ beschrieben. Noch sind die Neigungen der Winzer, Fidelio statt Riesling zu pflanzen und damit die Kunden zu überraschen, aber recht gering. Es fehlen Erfahrungen und das Zutrauen, dass der Kunde zugreift.

Marc Dreßler vom Weincampus Neustadt war indes bemüht, Sorgen vor der Marktakzeptanz zu zerstreuen. Nachhaltigkeit im Weinbau sei „ein Muss und ein Erfolgsfaktor“. Seine Untersuchungen zeigen, dass Piwis nicht nur in Cuvées mit anderen Rebsorten, sondern auch sortenrein zu guten Preis vermarktet werden können. Wichtig sei es für die Winzer, Piwi-Tropfen als innovative „Zukunftsweine“ zu bewerben. (aus der FAZ vom 17.01.2022)

Schandfleck Staatsweingüterkellerei

Wiesbaden  Das Ensemble der ehemaligen Kellerei der Staatsweingüter hat einen neuen und ambitionierten Eigentümer. Nun muss die Stadt den Bebauungsplan ändern

Es ist ein Schandfleck an einer stark befahrenen Einfallsroute von Eltville: Die Brandruine der ehemaligen Kellerei der Staatsweingüter an der Schwalbacher Straße gammelt seit Jahren vor sich hin. Regen und Schnee dringen ungehindert in die von Architekt Heinrich Bott entworfene und in den Jahren 1910 und 1911 errichtete „Königliche Domänenkellerei“. Auch die Nebengebäude gammeln vor sich hin. Ein Trauerspiel, zumal äußerlich nicht erkennbar ist, dass das in Teilen denkmalgeschützte Ensemble schon seit dem Frühjahr 2021 einen neuen Eigentümer hat.

Die Mainterra Immobilien GmbH, ein vor gut 20 Jahren gegründeter Frankfurter Projektentwickler mit Schwerpunkt auf der Metropolregion Rhein-Main, hat das gesamte, 15.400 Quadratmeter große Areal zwischen Schwalbacher Straße und Waldstraße erworben. Geschäftsführer Jan Görtz wurde durch einen Makler auf die Verkaufsofferte aufmerksam und griff zu, zumal die Mainterra ohnehin gerade ein Wohnbauprojekt am alten Güterbahnhof vorbeireitet. Der aus dem Irak stammende und in Dubai lebende Investor Dana Hussein Qadir hatte im vergangenen Jahr die Lust an dem schwierigen Objekt offenbar endgültig verloren.

Schon im Jahr 2007 hatten die Staatsweingüter ihre damals schon marode erbaute Kellerei endgültig aufgegeben und den Neubau am Steinberg in Betrieb genommen. Das große Gelände lag danach brach. Ehrgeizige Pläne für eine Konzerthalle des Rheingau Musik Festivals scheiterten an Widerständen in der Politik. Es dauert sechs Jahre, ehe das Land das Gelände endlich für 2,5 Millionen Euro an eine „Domäne Eltville GmbH“ veräußerte. Damals war es noch das Ziel der Stadt, im denkmalgeschützten Kellereigebäude ein Hotel und im hinteren Teil des Grundstücks Wohnungen errichten wollen. Doch es tat sich nichts, und im Oktober 2015 zerstörte ein mutwillig gelegtes Feuer die historische Kelterhalle.

Danach beschleunigte sich der Verfall, den Görtz und die Mainterra nun baldmöglichst stoppen wollen. Zunächst aber wird die Stadt einen neuen Bebauungsplan aufstellen müssen. Im Frühjahr will Görtz der Politik die konkretisierten Pläne für das Gelände vorlegen. Ein Hotel ist allerdings vom Tisch. Stattdessen werden im Hauptgebäude der ehemaligen Kellerei, von der im Kern nur die Fassade stehen bleibt, bis zu 800 Quadratmeter Büroflächen entstehen. Außer der Gebäudehülle sei „nichts mehr da“, bedauert Görtz die weit fortgeschrittene Zerstörung eines Kulturdenkmals.

Der marode Gebäude-Querriegel aus der Nachkriegszeit darf mit dem Segen der Denkmalpflege abgerissen werden und soll in modernerer Form neu errichtet werden. Dort sollen Wohnungen für ein modernes  Wohnprojekt entstehen, zu dem Görtz aber noch keine Details verraten will. In dieses Wohnprojekt einbezogen werden könnte dann die altehrwürdige „Turn- und Festhalle“ auf dem Geländer. Einer passenden Nutzung bedarf auch der 700 Quadratmeter große Gewölbekeller mit seinen mächtigen Pfeilern. Er soll auf jeden Fall nach der Sanierung der Öffentlichkeit zugänglich sein. Einige Nebengebäude wie beispielsweise das Hochregallager mitsamt der Rampe für anliefernde Lastwagen werden abgerissen. Aus statischen Gründen und wegen des Brandschutzes wird wohl auch das alte unterirdische Fasslager nicht zu retten sein.

Ein zur Waldstraße hin gelegenes, rund 6000 Quadratmeter großes Teilgrundstück ist unverändert für den Wohnungsbau vorgesehen. Hier sollen einige großzügige Mehrfamilienhäuser mit Höfen entstehen. Die Mainterra will das Projekt, das einen zweistelligen Millionenbetrag erfordern wird, aus eigener Kraft stemmen. Regionale Banken sind bei der Finanzierung schon mit im Boot. Görtz hofft, dass das Vorhaben im Frühjahr 2023 starten kann. Wegen der Größe des Areals und der Komplexität des Vorhabens wird die Bauzeit kaum weniger als drei Jahre betragen. Bis zum Start will sich die Mainterra aber nicht nur auf Planungen beschränken. Möglichst kurzfristig soll nun doch noch das Dach provisorisch abgedichtet werden, damit die Schäden an der Gebäudesubstanz nicht noch größer werden. (aus der FAZ vom 15.01.22)

Hinz wirbt für Piwis

Weinbauministerin Priska Hinz (Die Grünen) hat die Rheingauer Winzer aufgerufen, sich künftig nicht länger nahezu ausschließlich auf Riesling und Spätburgunder zu konzentrieren, sondern neue und robuste Rebsorten vermehrt bei der Anbauentscheidung zu berücksichtigten. Das sei wegen des Klimawandels, der Ausbreitung neuer Krankheiten und Schädlinge sowie wegen der Vorgaben der Europäischen Union zur weiteren Reduzierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln unumgänglich. Die Winzer dürften sich im Rheingau einer Entwicklung nicht verschließen, die im Ausland schon weiter vorangeschritten sei. Hinz kündigte an, den Anbau der sogenannten pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (Piwis) zu entbürokratisieren und auch finanziell zu fördern.

Zufrieden zeigte sich Hinz mit den Fortschritten beim ökologischen Weinbau. Der positive Trend der zurückliegenden Jahre setze ich fort, sagt Hinz, nach deren Angaben hessenweit inzwischen 850 Hektar und damit fast 25 Prozent der hessischen Rebfläche ökologisch bewirtschaftet werden. Die Ministerin kündigte an, die Weinbauförderung in Hessen im bisherigen Umfang fortzusetzen und weiterhin Geld für den Ökoweinbau, den Steillagenweinbau, die biologische Schädlingsbekämpfung und für Investitionen in eine moderne Kellerwirtschaft und die Umstellung von Rebflächen bereitzustellen.

Die Winzer seien im Gegenzug aber gefordert, den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel „auf das absolut notwendige Maß“ zu begrenzen. Hinz kündigte zudem einen „Pestizid-Reduktionsplan“ für Hessen an, der auch für den Weinbau Wirkung entfalten werde. Dazu werde der Weinbauverband aber noch angehört. Ein Zeitpunkt für die Vorlage des Plans nannte Hinz nicht.   

Nach dem besonders schwierigen und herausfordernden Pflanzenschutzjahr 2021 hat der Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes, Peter Seyffardt, die Wiederzulassung des Mittels  Kaliumphosphonat zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten für den ökologischen Weinbau gefordert. „Das hätte den Ökobetrieben in diesem Jahr sehr geholfen“. Dieser Stoff war vor einigen Jahren von der Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel genommen worden. Seither stehen den Ökowinzern nur noch Kupferpräparate als hochwirksame Mittel zur Verfügung. Hinz griff diese Forderung aber nicht in ihrer Ansprache auf.

Seyffardt berichtet von teils erheblichen Ertragsausfällen im vergangenen Weinjahr durch den „falschen Mehltau“ (Peronospora) vor allem im Ökoweinbau. Schäden habe es aber auch durch den „echten Mehltau“ (Oidium), durch die Schwarzfäule und den Botrytispilz gegeben. Das Pflanzenschutzjahr 2021 habe den ökologischen Weinbau an seine Grenzen geführt. Wer als Ökowinzer alle fünf bis sieben Tage mit dem Traktor und der Spritze durch die Rebzeilen fahren müsse, der muss ich laut Seyffardt fragen lassen, ob das noch eine nachhaltige Wirtschaftsweise ist.

Nicht nur wegen der Ausbreitung der Pilzerkrankungen, sondern auch wegen der Pandemie hätten viele Winzer finanzielle Einbußen zu verkraften. Seyffardt verwies auf die Absage fast alle Weinfeste und Weinmessen und die phasenweise Schließung der Gastronomie im Lockdown. Der Rheingau leide zudem durch die Unterbrechung der A66 nach Havarie und Sprengung der Salzbachtalbrücke, weil weniger Besucher kämen. Zunehmend Sorgen bereitet dem Verband die Ausbreitung der Rebstock-Krankheit Esca, die zum schnellen Absterben des Rebholzes führen kann. „Da brauchen wir die Hilfe der Wissenschaft“, sagt Seyffardt zu dieser wachsenden Bedrohung.

Trotz dieser Rahmenbedingungen wurden laut Seyffardt im Rheingau 67 Hektoliter je Hektar geerntet. Das ist etwas weniger als anfänglich geschätzt worden war. Von Weinberg zu Weinberg seien die Schwankungen bei den Erträgen aber enorm und lägen zwischen 30 und 130 Hektoliter je Hektar. Insgesamt stünden der Rheingau und Deutschland aber besser da als einige der Nachbarländer. Europaweit sei die Weinernte 13 Prozent niedriger ausgefallen als 2020. Unzufrieden sind die Rheingauer Winzer mit den Preisen für Fasswein. Diese lägen teils unter den Erzeugungskosten. In die Flasche gefüllt worden sei „ein guter Trinkjahrgang“, während Spitzenweine vergleichsweise dünn gesät seien. Gut angelaufen ist laut Seyffardt mit mehr als 10.000 Flaschen das Gemeinschaftsprojekt zur Erzeugung eines alkoholfreien Weines. Es soll in diesem Jahr wiederholt und womöglich ausgeweitet werden. (aus der FAZ vom 13.01.2022)

D

Saphira statt Riesling?

Eine beachtliche Zahl Rheingauer Weingüter stellt derzeit auf ökologischen Weinbau um. Das ist aus Sicht der Landesregierung eine höchst wünschenswerte Entwicklung. Die ökologisch bewirtschaftete Rebfläche wird bald deutlich nach oben schnellen. Der nach drei unkomplizierten Weinjahren in Folge hinsichtlich des Pflanzenschutzes äußerst schwierige Herbst 2021 hat diesen Winzern aber unmissverständlich vor Augen geführt, welche ökonomischen Risiken mit dem Verzicht auf konventionelle Pflanzenschutzmittel verbunden sind.Wer als Ökowinzer weitgehend auf Kupferpräparate angewiesen ist, um im Weinberg gefährliche Pilzkrankheiten in Schach zu halten, der darf sich beim Pflanzenschutz keine Nachlässigkeiten erlauben. Das Jahr 2021 hat den Ökoweinbau in dieser Hinsicht an seine Grenzen geführt. In einigen Rebzeilen waren sogar komplette Ernteausfälle zu beobachten.Die Geisenheimer Wissenschaftler stimmen die Winzer darauf ein, dass der sich abschwächende Jetstream extreme Wetterlagen begünstigt und dass sich die Weinjahre mit schweren Infektionsverläufen häufen könnten. Der Klimawandel stellt insofern ebenso eine gewaltige Herausforderung dar wie das Ziel des klimaneutralen Wirtschaftens.Ökowinzer haben es in dieser Hinsicht besonders schwer, weil sie je Hektar geringere Erträge erzielen und weil sie – vor allem in Jahren wie 2021 – häufiger als ihre konventionell arbeitenden Kollegen mit Traktor und Spritze in den Weinbergen unterwegs sein müssen, um die Ernte nicht zu gefährden. Der Weg, den ökologischen Weinbau mit einem möglichst klimaneutralen Weinbau zu versöhnen, wird ein steiniger.Eine Möglichkeit für die Winzer wäre, sich näher mit dem Anbau pilzwiderstandsfähiger Sorten zu beschäftigen. Sie müssen deutlich seltener gespritzt werden, was gut für das Klima ist. Bis sich die Weinfreunde aber für Allegro statt für Spätburgunder entscheiden und lieber Saphira statt Riesling trinken, dürfte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen. Im Instrumentenkasten für einen klimaneutralen Weinbau liegen indes nicht allzu viele Instrumente. Mit Spannung wird daher in der Branche beobachtet, wie ernst es das neue Ampelbündnis in Berlin mit seiner Klimaschutzstrategie meint.Nicht ausgeschlossen, dass das Thema Flaschenpfand bald virulent wird, denn die Einweg-Glasflasche ist für den ökologischen Fußabdruck jedes Weinguts eine Hypothek. Wegen der Schwierigkeiten bei der Logistik und der Ästhetik der Flasche trauen sich bislang aber nur vereinzelt Weingüter daran, das Thema Pfandflasche offen zu diskutieren. Wie aber wollen die Winzer erklären, dass bei Wein partout nicht geht, was bei Bier und Mineralwasser selbstverständlich ist? Die Politik wird auf einer überzeugenden Antwort bestehen.  (Mein Kommentar in der FAZ vom 4.1.2022)

Klimakiller Weinflasche

Die deutschen Winzer sind die Gewinner des Klimawandels. Der Rheingau ist durch die Erderwärmung von der nördlichen Grenze des Ertragsweinbaus in eine begünstigte Weinbauzone „gerutscht“. Am 50. Breitengrad könnten jetzt sogar mediterrane Rebsorten wie Chardonnay und Merlot mit Erfolg angebaut werden. Bei ihren kollegialen Hilfsaktionen für die im Ahrtal überschwemmten und teils zerstörten Weingüter haben die Rheingauer Winzer aber die Schattenseiten und existenzbedrohenden Gefahren des Klimawandels auch für ihre Branche aus nächster Nähe kennengelernt.

Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden und hat das Klimaschutzgesetz entsprechend verschärft. Wie aber steht es um den Weinbau? Kann ein Weingut klimaneutral Riesling und Spätburgunder erzeugen? Die – bisher vorliegenden – Antworten sind so überraschend wie ernüchternd: Der CO2-Fußabdruck eines Weinguts hängt maßgeblich vom Verhalten der Weintrinker ab. Und von der Verpackung.

Mit Blick auf den ökologischen Fußabdruck eines Weinguts ist es für einen Frankfurter Weingenießer beispielsweise keine gute Idee, mit dem Auto nach Rüdesheim zu fahren, um dort ein paar Flaschen Spitzenwein eines renommierten Erzeugers zu kaufen. Denn damit verhagelt er dem Winzer die Ökobilanz gründlich. Besser wäre es mit Blick auf die Treibhausgase, der Weinfreund würde in Kalifornien eine Flasche preiswerten Zinfandel-Rotwein bestellen und ihn sich nach Hause oder zum Weinhändler seines Vertrauens um die Ecke liefern lassen.

Das klingt wegen der weiten Transportwege zunächst paradox. Doch Forscher der Universität Gießen und der San Francisco State University haben genau das herausgefunden. Sie haben die Kohlendioxid-Bilanz der Reise einer Flasche Zinfandel vom kalifornischen Weingut bis zu einem Weinhändler analysiert: Mit dem Lastwagen zum Verteilzentrum, mit dem Container zum Hafen, mit dem Frachter eine halbe Weltreise nach Rotterdam, und dann weiter im Container und Lastwagen zum Ziel. Der Zinfandel hat dann zwar rund 18.000 Kilometer zurückgelegt. Der hocheffiziente Massentransport der Flasche sorgte dennoch nur für so viel Treibhausgase wie eine Fahrt mit dem Auto über die geringe Distanz von nicht einmal eineinhalb Kilometern.

Daraus folgt aber nicht die Empfehlung, nur noch Überseeweine zu kaufen und den Rheingauer Wein links liegen zu lassen. Die Konsequenz lautet vielmehr, den Fokus auf das klimafreundliche Einkaufen zu richten. Der Kauf regionaler Produkte ist nur dann unschädlich für das Klima, wenn er nicht mit umweltschädlichem Verkehr verbunden ist.

Rheingauer Weingüter haben allerdings kaum Einfluss darauf, welchen Vertriebsweg die Kunden bevorzugen. Die Winzer müssen sich beim Klimaschutz deshalb auf die Weinerzeugung in Weinberg und Keller konzentrieren. Eine Untersuchung des Heidelberger Instituts für Energie- und Umweltforschung hat ergeben, dass Wein „typischerweise“ mit einem CO2-Fußabdruck von 0,9 Kohlendioxid-Äquivalenten je Liter Wein verbunden ist. Weil es jedoch viele Variablen gibt, reicht die Bandbreite von 0,3 bis 1,3 Äquivalenten.

Stellschrauben, um diesen „Fußabdruck“ kleiner ausfallen zu lassen, gibt es viele. Der Treibhausgas-Ausstoß hängt unter anderem vom Energieverbrauch für Erwärmung oder Kühlung von Most und Wein ab. Die (teurere) Handlese ist deutlich besser für das Klima als die Maschinenlese. Holzpfähle wären im Weinberg zur Stütze der Rebstöcke besser als Stahlpfosten, obwohl sie lange nicht so lange haltbar sind. Ein Wermutstropfen für alle Weingenießer: Premiumweine weisen wegen der meist deutlich geringeren Erntemenge je Hektar einen größeren CO2-Fußabdruck auf als Standardweine. Dagegen hat Ökowein offenbar keine Vorteile beim Klimaschutz wegen der häufigeren Arbeitsgänge beim Pflanzenschutz und dem damit höheren Treibstoffbedarf.

Den größten Einfluss auf die Bilanz hat die Verpackung: Die Standard-Glasflasche mit einer Füllmenge von 0,75 Litern ist gewissermaßen ein Klimakiller. Sie hat einen Anteil von 48 Prozent an den gesamten Treibhausgas-Emissionen, die bei Produktion und Vertrieb von einem Liter Wein entstehen. Viel besser wäre es, den Wein in sogenannte Bag-in-Kartonboxen zu füllen – oder stattdessen gleich Mehrweg- und Pfandflaschen zu verwenden.   

Markus Bonsels hält letzteres für sein Weingut Bibo-Runge den richtigen Weg. „Ich will klimaneutral werden“, sagt der Hallgartener Winzer. Bonsels ist ein Quereinsteiger im Rheingau. Das Hallgartener Weingut erwarb er mit seiner Frau erst 2017. Bonsels ist studierter Chemie- und Wirtschaftsingenieur, der auf eine bemerkenswerte berufliche Karriere zurückblickt. Er war zuletzt als Personalchef für Amazon in Europa tätig und ist es gewohnt, „alles vom Kunden her zu denken“. Bonsels hat sich bewusst gegen eine Zertifizierung als Öko-Weingut ausgesprochen und sich stattdessen dem Verein Fair´n Green angeschlossen, der den Fokus auf Nachhaltigkeit und Klimaneutralität legt. Bonsels hält die Sorge um den ökologischen Fußabdruck für wichtiger als die Frage, ob Kupfer gegen Pilzkrankheiten im Weinbau wirklich besser als systemische Pflanzenschutzmittel ist.

Mit Blick auf den Klimaschutz hat sein Weingut auf den Prüfstand stellen lassen. Das Ergebnis: Die CO2-Emissionen von 132 Gramm je Liter Wein liegen rund 80 Prozent unter dem Durchschnitt der anderen Fair & Green-Weingüter von 562 Gramm, während der Durchschnitt aller deutschen Weingüter sogar auf 900 Gramm taxiert wird. Dabei sind allerdings Vertrieb und Verpackung noch nicht berücksichtigt.

Um diese guten Werte zu erreichen fährt Bonsels den Weinmost in den kühlen Herbstnächten ins Freie, statt ihn elektrisch zu kühlen. Er setzt ausschließlich auf Handlese, verzichtet weitgehend auf Hilfsmittel im Keller, heizt sein Weingut im Winter nicht, bezieht Ökostrom und teilt sich wichtige Maschinen mit Kollegen. Das fällt ihm vergleichsweise leicht. Schwierig wird es etwa beim ökologisch wünschenswerten Verzicht auf Glyphosat. Dieser Verzicht erfordert eine intensivere mechanische Bodenbearbeitung in den Rebzeilen. Gut für den Boden, schlecht für das Klima. Ein ähnliches Dilemma stellt sich bei der zunehmend notwendigen Bewässerung von Weinbergen.

Das größte Hindernis zur Klimaneutralität aber ist die Glasflasche. „Warum gibt es keine Pfandflaschen, und „warum ist bei Wein nicht möglich, was bei Wasser und Bier selbstverständlich ist?“, fragt sich Bonsels. Es brächte eine immense Verringerung der Treibhausgase, und ohne diese wird klimaneutraler Weinbau kaum möglich sein. Seine Rechnung: „Stellt man die circa 750 Millionen Einwegweinflaschen, die in Deutschland getrunken wurden, auf Mehrweg um, reduziert man den CO2-Ausstoss für Deutschland um bis zu 0,4 Prozent: „Oder einfacher gesagt, man spart 1000 Fußballfelder Photovoltaik.“

Bonsels hat deshalb viel Energie in Gespräche über ein deutschlandweites Pfandsystem für Weinflaschen gesteckt und seine Fühler bis hinein in die neue Berliner Ampelkoalition gesteckt. Er hofft darauf, mit Partnern ein Pilotprojekt starten zu können, auch wenn er weiß, dass wohl am Ende der Bund den gesetzlichen Rahmen setzen müsste. Enttäuscht ist Bonsels von den bisherigen Reaktionen der Verbände und Interessenvertretungen der Winzer. Tatsächlich gab es kürzlich sogar einen parlamentarischen Abend des Deutschen Weinbauverbandes zum Klimaschutz, bei dem es aber vor allem um neue, pilzwiderstandsfähige Sorten als „Schlüssel bei der Anpassung des Weinbaus an den Klimawandel“ ging.

Dabei hat der Fränkische Weinbauverband schon vor mehr als zehn Jahren den CO2-Fußabdruck des Weinbaus erstellen lassen. Schon damals wurden die Metallpfähle in den Weinbergen und vor allem die Glasflasche als ursächlich für die Treibhausgas-Emissionen identifiziert. Bonsels beklagt, dass aus diesen Erkenntnissen aber kaum konkrete Schritte gefolgt seien.

Dabei kommt auch das Institut für Energie- und Umweltforschung zu dem Schluss, dass Mehrwegflaschen nur ein Viertel der Treibhausgase einer Einwegflasche ausstoßen. Bonsels verweist darauf, dass es früher durchaus üblich war, dass Winzer die leergetrunkenen Weinflaschen ihrer Privatkunden zurücknahmen und dafür eine Vergütung zahlten. Doch das ist Vergangenheit. Dabei gibt es im Rheingau eine Einrichtung, die Weinflaschen für eine mehrfache Verwendung reinigt. Die Flaschenspülung ist ein Geschäftszweig der Werkstätten für Behinderten in Oestrich. Laut Werkstattleiter Andreas Waesch spült die Anlage jährlich 800.000 Flaschen, davon den Großteil Weinflaschen von rund 70 Weingüter aus dem Rheingau und auch darüber hinaus. Ausgelastet ist die Anlage nicht, denn jährlich wären bis zu zwei Millionen Flaschen möglich. Obwohl die Reinigung mit zehn bis 15 Cent je Flasche etwa ein Drittel einer neuen Flasche kostet, die drei bis fünf Mal gespült werden kann, sind viele Weingüter zurückhaltend.

Waesch beobachtet zwei gegenläufige Entwicklungen. Der Konzentrationsprozess im Weinbau führt zu größeren Weingütern mit mehr Fläche, die aber eher auf neue als auf wiederverwendbare Flaschen setzen. Aber es gibt auch junge, innovative Weingüter, die sehr auf die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz bedacht sind und Weinflaschen spülen lassen. Waesch sieht einen Trend zu vermeintlich klimafreundlicheren Leichtflaschen eher kritisch, weil sich diese empfindlichen Glaskörper nicht spülen lassen. Ideal wären aus seiner Sicht einheitliche, schwerere, wertige Weinflaschen, die mehrere Spüldurchgänge überstehen. Die Winzer müssten sich fragen, ob die gegenwärtige Flaschen-Vielfalt nicht ein Luxus sein, „den wir uns nicht mehr leisten können“.

Noch ist offen, ob Winzer Bonsels ein Pilotversuch gelingt und wie sich die neue Bundesregierung zum Thema Pfandflasche für Wein stellen wird. Doch Bonsels denkt schon darüber hinaus. Er berichtet von einem Pilotprojekt der Hochschule Geisenheim, den Rebschnitt nach der Ernte nicht einfach im Weinberg verrotten, sondern zu Holzkohle verarbeiten zu lassen. Sie würde dann wie ein Speicher für Kohlendioxid wirken. Am Ende würde die Holzkohle zerkleinert und wieder im Weinberg verstreut, um Mineralien an die Pflanze abzugeben. In Zusammenspiel mit allen anderen Maßnahmen in Weinberg, Keller und beim Verkauf könnte der Weinbau vielleicht sogar zu einer Senke für Kohlendioxid werden. Dann wäre jeder, der eine Flasche Wein trinkt, ein Kämpfer gegen den Klimawandel. (aus der F.A.Z.)

Kleiner Nachtrag/ Netzfund aus Wein+Markt:

Der spanische Weinerzeuger Torres mit Sitz in Vilafranca del Penèdes hat ein System zum Auffangen und Wiederverwenden von CO2 entwickelt, das bei der Gärung entsteht. Das System wurde bei der Weinlese 2021 in Pacs del Penedès eingesetzt. Dabei wird das während der Gärung freigesetzte CO2 in aufblasbaren Ballons gesammelt, die sich über den Tanks befinden. Anschließend wird das Gas mittels Kompressor in einen Vorrats-Drucktank geleitet und dort gelagert. Bei Bedarf wird es als Oxidation verhinderndes Schutzgas wiederverwendet, beispielsweise beim Umziehen und Befüllen der Weintanks. Mit dieser Lösung kann das Unternehmen Familia Torres schätzungsweise 20 Tonnen emissionsneutrales Kohlendioxid pro Jahr wiederverwenden, was einem Drittel des von der Weinkellerei benötigten Gases entspricht.

Dem Schampus Paroli bieten

Ohne etwas Prickelndes geht es nicht. Kein Weingut, das in seinem Sortiment dem Kunden nicht zumindest eine Sorte Sekt anbietet. Für die meisten Winzer ist dieser meist mittelpreisige Schaumwein aber in erster Linie eine notwendige Ergänzung, nicht ein tragendes Geschäftsfeld. Mark Barth und eine Handvoll Kollegen vom Verband der Prädikatsweingüter (VDP) sehen das ganz anders. Sie wollen dem deutschen Premium-Sekt einen Status verleihen, der dem Champagner in Hinblick auf Prestige und Preis in nichts nachsteht.

Die wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg in diesem Bestreben liegen laut Barth auf der Hand: Besonders gute Weinberge als Herkunft der Trauben und sorgsam ausgewählte Grundweine für die zweite Gärung. Die Veredlung von Wein zu Sekt darf zudem ausschließlich auf traditionelle Weise in der Flasche erfolgen. Möglichst lange soll der Sekt nach der Gärung in Kontakt mit der zugesetzten Hefe bleiben. Denn ein langes Hefelager gilt als Königsweg zu einem feinperligen, aromatischen, komplexem Spitzenprodukt. Sekterzeuger benötigen deutlich größere Lagerflächen als die meisten Weingüter, weil mehrere Schaumwein-Jahrgänge parallel „auf der Hefe liegen“ sollen, um ihrem geschmacklichen Höhepunkt entgegen zu reifen.

Barth hat zusammen mit einem Dutzend deutscher Winzerkollegen für den VDP ein Sektstatut entwickelt. Sie haben dafür aus ihrer Sicht selbstverständliche Kriterien formuliert: 100 Prozent Handlese ist ebenso ein Muss wie die Ganztraubenpressung und eine niedrige Auspressquote, um den besten Teil des Saftes zu gewinnen. Nicht zu zuletzt das lange Hefelager.

Anders als für Wein hat der VDP für Sekt vorerst nur zwei Qualitätsstufen definiert: Das Attribut „VDP.Sekt“ steht für hochwertige Schaumweine ohne Lagenbezeichnung. Als Jahrgangssekte müssen sie aber mindestens 24 Monate Hefelager hinter sich haben, obwohl das Weingesetz nur neun Monate vorschreibt. Mindestens 36 Monate sind es für Spitzensekte, die unter der Bezeichnung „VDP.Prestige“ auf den Markt kommen, sofern sie von einer nationalen Prüfungskommission verkostet und für gut befunden wurden.

Der VDP ist nicht allein in seinem Bestreben, Sekte mit Kultstatus zu erzeugen. Ein neu formierter „Verband traditioneller Sektmacher“ hat als Club der Premiumhersteller die gleiche Stoßrichtung und nimmt nur Mitglieder auf, die sich auf die Erzeugung „handwerklich produzierter Sekten nach traditioneller Methode“ bekennen. Auch eine ambitionierte Sektmanufaktur wie Schloss Vaux in Eltville gehört in diesem Kreis dazu. Die Unterschiede zum Qualitätsanspruch des VDP sind gering.

Das Pendant zum Prestige-Sekt des VDP ist die „Sektmacher Réserve“, für die Kellereien allerdings Trauben zukaufen dürfen. Das ist den VDP-Betrieben streng verboten, weil der Terroir-Gedanke für sie der Wichtigste ist.

Der Qualität tut das aber keinen Abbruch. Kein Wunder, dass Barth und die nicht minder renommierten Sekterzeuger Ralf und Bernd Schönleber nicht nur dem VDP, sondern auch den „Sektmachern“ angehören und sich im Ziel einig sind, die Unterschiede zu Industriesekten noch deutlicher herauszustellen. Vorsitzender der „Sektmacher“ ist mit Volker Raumland einer der engagiertesten Vorreiter für ein „deutsches Sektwunder“.

Um die Kunden nicht zu sehr zu verwirren, hat Barth zwar bislang keinen „Sektmacher Réserve“ im Angebot, wohl aber Schaumweine aus der „Ersten Lage“ Hattenheimer Schützenhaus (Jahrgang 2015) und einen „2014er Hattenheimer Hassel“ aus Großer Lage. Letzterer ist das spritzige Gegenstück zum „Großen Gewächs“ beim Wein.

Auch das Wein- und Sektgut Schönleber hat mit einem besonders aromatischen 2014er Doosberg einen Prestige-Sekt im Angebot, der nicht weniger als sechs Jahre Hefelager hinter sich hat. „Das Statut ermöglicht, dass sich unsere Weingüter kontinuierlich fortentwickeln. Uns geht es darum mit dem Sektsiegel Leuchtturmsekte auszuzeichnen, die zu den großen Schaumweinen der Welt zählen“, meint VDP-Präsident Steffen Christmann zur deutschen Sektoffensive.

„Wir sollen Sekt einen höheren Stellenwert geben“, sagt Barth und hat dabei das Renommee und das Preisniveau von Champagner im Blick. Ist das realistisch? Barth bietet seinen „Hassel“ selbstbewusst zum Flaschenpreis von 65 Euro an und damit preislich über dem Einstiegsniveau der meisten großen Marken-Champagner. Barth sieht eine wachsende Nachfrage nach hochwertigem Sekt bei gleichzeitig fallendem Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland. Davon berichtet auch Ralf Schönleber, dem das Herausstellen der Handwerkskunst für Spitzensekt ein besonderes Anliegen ist. Die Nische für derartige Spitzensekte ist noch klein obwohl Deutschland für knapp ein Viertel des weltweiten Schaumweinkonsums steht. Doch der Durchschnittspreis für weißen Sekt beträgt aktuell 3,74 Euro. Knapp die Hälfte des Sektes wird im Einzelhandel und beim Discounter marktschreierisch zu Aktionspreisen verkauft. Die im VDP und bei den Sektmachern engagierten Winzer überlassen deshalb dieses Feld den großen Erzeugern Rotkäppchen-Mumm, Henkell-Freixenet und Schloss Wachenheim.

Dass Winzer überhaupt Sekt herstellen dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit. Das staatliche Sektmonopol, das lange Zeit die großen Kellereien begünstige, fiel nach einem jahrelangen Rechtsstreit erst vor knapp 50 Jahren. Das führte dazu, dass sich sukzessive immer mehr Genossenschaften und Weingüter an eine eigene Sektproduktion wagen. Die meisten Winzer überlassen das Geschäft wegen des Aufwands und der notwendigen Investitionen bis heute spezialisierten Lohn-Versektern wie beispielsweise Reuter & Sturm in Walluf oder Bardong in Geisenheim.

Barth hingegen entschied sich schon vor 30 Jahren dafür, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Winzer Norbert Barth startete 1991 mit zwölf Rüttelpulten im Keller. Heute rüttelt Nachfolger und Schwiegersohn Mark Barth die dreifache Menge. Insgesamt 4320 Flaschen werden über einen Zeitraum von zwei Wochen zweimal täglich jeweils ein kleines Stück gedreht und dabei ganz allmählich auf den Kopf gestellt, damit die Kohlensäure produzierende Hefe in den Flaschenhals absinkt und vor dem Verkauf der Flaschen auf einfache Weise entfernt werden kann. Insgesamt hat das Wein- und Sektgut seine Schaumwein Produktion von zunächst  rund zehn Prozent der seinerzeitigen Anbaufläche von fünf Hektar auf mittlerweile sechs von 20 Hektar erweitert. Tendenz steigend. Barth sieht darin die Zukunft. Das neue deutsche Sektwunder hat eben erst begonnen. (aus der F.A.Z.)

Sektglas statt Säbel

Der Jahreswechsel rückt näher, und in vielen Haushalten liegen Champagner, Sekt oder Crémant schon für die festlichen Momente gut gekühlt bereit. Wie aber öffnen wir die ausgewählte Flasche möglichst spektakulär und damit angemessen für den Start in ein Jahr, das uns endlich das Ende der Pandemie bescheren soll? Den häufig festsitzenden Naturkorken von Hand mühsam zu lockern, das ist alles andere als stilvoll.

Dieser Ansicht waren zu Beginn des 19. Jahrhundert auch die Offiziere in Napoleons Armee. Sie zückten ihren blanken Säbel, um die Schaumwein-Flasche zu köpfen. Eine Legende besagt, dass Husaren die napoleonischen Siege in ganz Europa auf diese Weise gefeiert haben. Eine andere, dass Napoleons Offiziere die junge und attraktive Champagnerhaus-Erbin Madame Clicquot beeindrucken wollten.

Diese Methode wird als „Sabrieren“ bezeichnet. Doch eine passende Hieb- und Stichwaffe liegt in den wenigsten Haushalten griffbereit.

Spektakulärer und obendrein praktischer ist es, zum hübschen Sektglas statt zum martialischen Säbel zugreifen. In dieses Glas kann aus der derart geöffneten Flasche dann gleich der erste Schluck Schaumwein fließen. Dazu machen wir uns die Schwachstelle jeder industriell hergestellten Sektflasche zu Nutze: Der Glaskörper weist an Vorder- und Rückseite eine deutlich fühlbare Längsnaht auf. Wo diese Naht auf den Wulst des Flaschenhalses trifft, liegt die Sollbruchstelle.

Wer in der Wohnung statt im Freien sabrieren will, sichere die Agraffe, so heißt das dünne Drahtgestell des Korkens, mit einer kleinen Kordel, deren Ende wir beim Sabrieren fest in der Hand behalten. Die Agraffe wird zuvor vom Flaschenhals gelöst und über den ersten Wulstring geschoben und wieder befestigt. Wir halten dann die Flasche etwa im 45-Grad-Winkel nach oben, fahren mit dem Glasfuss mit mäßigem Schwung den Flaschenkörper entlang und stoßen mit einem Streich direkt auf den Wulst. Dieser gibt dank des hohen Drucks in der Flasche nach. Agraffe, Korken und Glashals fliegen gemeinsam davon. Sie werden ihn ihrem Flug aber von der Kordel jäh gestoppt, so dass niemand getroffen und verletzt werden kann. Und keine Sorge beim Trinken: Der Flaschendruck sorgt dafür, dass keine winzigen Glassplitter in die Flasche zurückfallen, sondern weggepustet werden. Auf ein erfolgreiches Jahr 2022!  

Ehrung für Presser und Maltzahn

Der langjährige Mitarbeiter des Weinbauamtes Eltville, Christoph Presser, und der Ansprechpartner der Winzer im hessischenn Umweltministerium, Eberhard Maltzahn, wurde vom Rheingauer Weinbauverband für ihr Engagement im Sinne des Weinbaus das Ehrenzeichen „Goldener Römer“ verliehen. Verdient!

Pinot Noir round the world

Die 123. Probe der Kranenmeister zu Oestrich im Rheingau war mal wieder ganz dem Pinot Noir gewidmet, diesmal mit Tropfen aus aller Welt. Im ersten Flight stach mein südafrikanischer Liebling Bouchard Finlayson mit seinem 2017 Galvin Peak erfreulich klar Georg Breuer (2016) und Markus Schneider (2013) sowie Trapp & Sohn (2015) aus. Im zweiten Flight gefiel mir das Große Gewächs von Laquai (2015) etwas besser als der Willamette von Nicolas Jay. Dagegen fielen Peter Jakob Kühn (2014) und Creations Reserve (ebenfalls 2014, da hätte es bessere Kandidaten gegeben) deutlich ab.

Ein Überraschungskandidat im dritten Flight war Robert Weils 2011er, doch hatte bei mir der 2009 „Juwel“ aus dem Weingut Krone einen guten Vorsprung von Chat Sauvage (Höllenberg 2014) und Jurtschitsch (2009 Reserve). Das Finale schließlich gewann Meo Camuzet mit 2016 Corton Les Perieres Grand Cru (immerhin 225 Euro) knapp vor Kaufmanns Hassel GG (2015) und August Kesselers Cuvée Max aus 2015. Mit dabei auch Thierry & Pascale Matrot Blagny 1er Cru 2016. Spannender Abend mit guten Gesprächen, und wunderbar den Weinherbst eingeläutet.

Ein Wort an die Gastronomen

…statt des hier eigentlich fälligen Südtirol-Weinerfahrungsberichts: Wir haben rund um Meran viel und gut getrunken und nicht minder gut getafelt (und ich hebe bei den Restaurants einfach mal das Kallmünz in Meran und Hans Wirt in Rabland sowie den Mesnerwirt in Hafling) hervor. Dort – und anderorts – waren nicht nur hochwertige Weine auf der Karte, sondern derart vorbildlich für den Gast kalkuliert, dass sich da ganz viele deutsche Wirte einmal eine Scheibe abschneiden sollten. Beispiel Lagrein: Der Porphyr von der Kellerei Terlan. Spitze! Ab Weingut je nach Jahrgang zwischen 30 und 40 Euro. Im Restaurant: keine 60 Euro.

Den Wirt darauf angesprochen, und was war die Antwort: Ist doch eine Win-Win-Win-Situation für alle: Ich verkaufe gute Weine und beglücke den Gast, der Gast ist zufrieden, und der Winzer auch. Und natürlich ist der Aufwand je Flasche (Lagern, Kühlung, Service) immer gleich, egal wie teuer der Wein ist.  Ich weiß, ein „uraltes Thema“, aber eines, das mir immer wieder zeigt, auf welchem Holzweg viele deutsche Gastronomen sind: Das werden zwar feine Hauptspeisen um die 30 Euro angeboten, aber dazu nur einfach schlichte Basisweine ebenfalls um 30 Euro je Flasche (Einkaufspreis 5-8 Euro), weil die Kalkulation und angeblich auch der Gast angeblich nix anderes zulässt… Traurig.

Der Rausch bleibt aus

m Wein liegt die Wahrheit“, heißt es, aber es ist bekanntlich der Alkohol, der sie zutage fördert, indem er die Zunge löst. Was also ist der Sinn alkoholfreien Rebensaftes? Es ist eine „hochwertige Alternative“, meint der Rheingauer Weinbauverband und beginnt ein ungewöhnliches Gemeinschaftsprojekt der Rheingauer Winzer. Dazu hat der Verband eine bestehende Erzeugergemeinschaft reaktiviert und im Rheingau 10 000 Liter Riesling zur Entalkoholisierung aufgekauft.

Weinbaupräsident Peter Seyffardt legt Wert auf die Feststellung, dass es sich um Riesling-Cuvée „von höchster Qualität“ handele, auch wenn der Grundwein von verschiedenen Parzellen verschiedener Erzeuger stamme. Wie ernst es dem Verband ist, auch bei einer alkoholfreien Variante auf die Güte zu achten, unterstreicht Seyffardt mit der Äußerung, der Verband habe den Winzern je Liter 50 Cent mehr als den aktuellen Fassweinpreis überwiesen. Entalkoholisiert wurde der Wein in der hochmodernen Anlage der Weinkellerei Trautwein in Rheinhessen.

Seyffardt hält „ein wachsendes Interesse an alkoholfreien Weinen für unverkennbar“, auch wenn der Marktanteil noch gering sei. Das liege aber daran, dass das Angebot sehr überschaubar sei. Der Weinbauverband will das mit einem „Riesling alkoholfrei aus 100 Prozent Rheingauer Trauben“ ändern. Allerdings darf aus rechtlichen Gründen nicht „Rheingau“ auf der Flasche stehen, denn für dieses Getränk gilt das Lebensmittelrecht und nicht das Weinrecht.

Seyffardt sieht dennoch die Chance, mittelfristig für den Rheingau in den Lebensmittelmärkten Platz in den Weinregalen zu erobern. Im ersten Schritt allerdings sind es die Rheingauer Winzer selbst, die das Produkt vermarkten. Knapp zwei Dutzend Betriebe machen mit. Darunter Uwe Rußler, der in Rauenthal ein Weingut nebst Gutsausschank betreibt. 600 Liter hat er sich gesichert, und wenn der alkoholfreie Wein in Kürze etikettiert ist, dann soll er auf die Getränkekarte seiner Schenke.

Laut Rußler bedienen sich die Autofahrer in einer Gruppe von Weingutsbesuchern bislang mit alkoholfreiem Weizenbier oder mit einer Traubensaftschorle. Doch das Bier fremdelt auf dem Tisch der Weingenießer, und die Schorle ist vergleichsweise süß. Rußler ist daher zuversichtlich, dass Kunden zugreifen werden, wenn das alkoholfreie Produkt erst einmal verfügbar ist. Auch der Weinbauverband zielt auf die Zielgruppe der Weinfreunde, die aus unterschiedlichen Gründen auf Alkohol im Glas verzichten müssen oder wollen. Aus Sicht des Verbands spielen aber wie bei „richtigem“ Wein Herkunft, Regionalität und Qualität eine bedeutsame Rolle.Mit 41 Gramm Restzucker bei 6,8 Promille Säure je Liter scheint der Wein vergleichsweise süß, doch ändert sich das Geschmacksbild durch den Mangel des Geschmacksträgers Alkohol deutlich, und er wirkt trockener am Gaumen. Für Seyffardt ist das Premierenprodukt jedenfalls „sehr gelungen“. Es rage unter vergleichbaren Produkten „qualitativ heraus“. Ob die Kunden das auch so sehen, muss sich erst noch weisen.Beim Bier hat sich der Marktanteil alkoholfreier Varianten auf inzwischen sieben Prozent gesteigert – gut 50 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Kann das auch beim Wein gelingen? „Auf jeden Fall“, meint der Rüdesheimer Winzer Johannes Leitz, der von einem norwegischen Spitzenkoch um eine alkoholfreie Variante gebeten worden war und diese seit 2016 im Angebot hat. Leitz hat von Anfang an die Strategie verfolgt, nur hochwertige Weine auf modernsten Anlagen entalkoholisieren zu lassen. Auch er schwört auf die Kellerei Trautwein.

Leitz spricht von einer „unfassbaren Entwicklung“ in den zurückliegenden drei Jahren. Er hat inzwischen sieben alkoholfreie Still- und Schaumweine im Angebot und verkauft sie auch in der Ukraine, auf Island, in Skandinavien, Großbritannien, den Niederlanden und in Amerika. „Der Markt ist riesengroß“, schwärmt der exportorientierte Leitz. Die Entwicklung sei nicht aufzuhalten, trotz beißender Kommentare von Weinfreaks in den sozialen Netzwerken zum Thema alkoholfreier Wein.

Der regelmäßige Shitstorm ärgert Leitz, aber er bringt ihn nicht vom Kurs ab: „Viele Leute wollen gesünder leben“, und es gebe Menschen, die dem Alkohol abgeschworen hätten. „Knochentrockene“ Alkoholfreie seien aber nicht möglich, gibt Leitz zu.

Alkoholfreie Weine gibt es im Rheingau inzwischen von mehreren Erzeugern. Beispielsweise von Bibo Runge („Deserteur“) in Hallgarten und Allendorf in Winkel („Save Water. Drink Riesling free“). Und natürlich von der Rüdesheimer Weinkellerei Carl Jung, die schon vor mehr als 100 Jahren als Vorreiterin ein später patentiertes Vakuum-Extraktionsverfahren zur Entalkoholisierung von Wein entwickelte und es seither immer wieder verbessert hat. Die „Carl Jung alkoholfrei Cuvée trocken“ gibt es heute für sechs Euro zu kaufen. Der Weinbauverband wünscht sich, dass die Winzer – so wie Allendorf – mindestens sieben Euro verlangen. Knapp acht Euro kostet der „Eins-Zwei-Zero Riesling alkoholfrei“ bei Leitz, und Bibo Runge verlangt sogar 9,50 Euro.Nicht alle Erzeuger wollen auf den gesamten Alkohol verzichten. Die Eltviller Sektkellerei Schloss Vaux hat gerade erst einen „Nouvaux“ vorgestellt. Ein „sensorisch trockener“ Sekt, hergestellt aus ausgewählten Pfälzer Grundweinen und im klassischen Verfahren der Flaschengärung hergestellt. Aber mit nur zwei Prozent Alkohol. „Weniger ist mehr“, heißt es dazu aus der Schloss-Vaux-Zentrale, die im besten Marketing-Deutsch verspricht, „ein Genuss-Erlebnis zu schaffen, das es bisher nicht gab“ und das deshalb 16 Euro kosten soll.Dabei kaufen die Sektfreunde aber die Katze im Sack, denn Geschäftsführer und Vertriebsleiter Christoph Graf verrät die Rebsorten des bei Jung in Rüdesheim entalkoholisierten Grundweins nicht.

Das sei „quasi ein Betriebsgeheimnis“, weil es ein Faktor sei, um die Auswirkungen der Entalkoholisierung auszugleichen. Graf deutet an, dass es sich um eine „Cuvée aus eher aromatischen“, aber nicht säurestarken Rebsorten handelt, weil die Wirkung der Säure durch die Entalkoholisierung verstärkt werde. In jedem Fall dürfte es mehrere Flaschen brauchen, bis auch in diesem „Sekt“ die Wahrheit liegt.  (aus der FAZ vom 9.10.2021)

Burg Scharfensteiner

Burg Scharfensteiner, so heißt der brandneue, trockene, 2020er Riesling von Weingut Robert Weil. Es ist nach dem Monte Vacano (s. weiter unten im Blog), der schon als Kultwein gehandelt wird und als 2019er (2. Jahrgang) derzeit für 140 Euro subskribiert werden kann, die zweite Wein-Innovation binnen kurzer Zeit. Wie der Monte Vacano trägt der Burg Scharfeinsteiner ein historisches Etikett aus der Frühzeit des 1875 gegründeten Weinguts. Und so wie der Monte Vacano aus einer besonderen Parzelle (Lay) des Gräfenberg stammt, geschieht es auch mit dem Burg Scharfensteiner. Die Trauben werden aus der bis zu 60 Prozent steilen, rund einem Hektar großen Urparzelle des Kiedricher Turmberg gewonnen. Diese Monopollage mit ihrem steinig-grusigen Boden aus Phylliten ist rund 3,8 Hektar groß und zu 100 Prozent mit Riesling bestockt.

Der Turmberg gehört in jedem Jahr zu meinen absoluten Lieblingen des Weinguts dank seiner großen Mineralität, gepaart mit Finesse, Eleganz und tiefgründiger Komplexität. Ausgestattet mit gefährlich großem Trinkfluss und mit weniger als 30 Euro preis-würdig im allerbesten Sinne! Der Burg Scharfensteiner legt gewissermaßen – und in jeder Hinsicht – noch eine (kleine) Schippen obendrauf. 3000 Liter wurden vinifiziert und gefüllt, und durch den etwas intensiveren Holzeinsatz wirkt er noch eine Spur dichter und aromatisch-intensiver als der ohnehin großartige Turmberg. Der Scharfensteiner aber hat ohnehin eine andere Mission als der Turmberg: Er soll zu einem bedeutenden Teil im Weinarchiv verschwinden und nach acht bis zehn Jahren als „late release“ auf den Markt kommen, um das Reifepotential trockener Weine aus besten Kiedricher Lagen zu unterstreichen. Dass das gelingen wird, steht außer Frage! Kaufen!

VDP GG Vorpremiere mit Wow-Effekt

Drei Tage, 150 Verkoster, 420 Große Gewächse aus ganz Deutschland, das sind in etwa die Eckdaten der GG-Vorpremiere, die wie immer bestens organisiert und Corona-konform in den Kurhaus-Kolonnaden von Wiesbaden stattfand. Wie immer konzentrierte ich mich auf einige Schlaglichter, zudem erschien am 31. August ein größerer FAZ-Artikel von mir dazu.  

Und hier ein paar Schlaglichter meiner leider knapp bemessenen Zeit im Proberaum:

Pfalz: 6x Forster Ungeheuer, und das war ungeheuer gut! Mein Favorit war der präzise, sehr geschliffene Weine, von vibrierender Säure geprägte Bassermann-Jordan, dicht gefolgt von Reichsrat von Buhl (2019), die beide Bürklin-Wolf auf Abstand hielten… ungeheuer spannende Erfahrung mit diesem Terroir!

Württemberg: 10 Rieslinge am Start, und Aldinger hatte mit dem „Lämmler“ die Nase vor. Schnaitmann gleich zwei Mal mit ordentlichem Stinker (Lämmler und – noch intensiver -Götzenberg) am Start, aber gut. Graf Neippergs Ruthe sehr schön, dicht fest, stoffig, und auch Haidles Pulvermächer gefiel sehr gut durch Struktur, Zuge, Dichte und Balance.

Baden: Burg Ravensburg mit 2019 Husarenkappe allein auf weiter Riesling-Flur. Gut, aber kein Überflieger.

Nahe: Ein Blick in Felsenberg und Kupfergrube, und keine Überraschung: Mein Favorit Schäfer-Fröhlich wurde seine Rolle gerecht, wobei Emrich-Schönlebers Halenberg und Dönnhoffs Felsenberg ebenfalls ausgezeichnete Weine sind. Toptop.

Roter Hang (Rheinhessen): Spannend und dicht beieinander die Güter im Pettenthal sowie im Rothenberg und Brudersberg. Gunderloch sehr, sehr stark mit Grip und Zug, kaufen würde ich auch Kühling-Gillot und St. Antony.

Mittelrhein: Mineralische Steillagenweine auf hohem Niveau. Ratzenbergers St. Jost wäre mein Favorit von „Im Hahn“ von Toni Jost und Lanius-Knab mit dem Oelsberg. Sehr würzige Weine mit gut eingebundener Säure, hohe Eleganz

Rheingau: Volle Konzentration auf den Rüdesheimer Berg: Leitz (Kaisersteinfels, aber nicht nur!) außergewöhnlich stark (Rottland), ebenso Künstler (Schlossberg) und Ress (Rottland).

Mosel: bin beim Schreiben noch ganz geplättet… Wehlener Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur, und die gab es zuhauf: Lieser mit charmantem Stinker, aber sehr viel Potential, ebenso Loosen (woher kam die Euklayptusnote, ein Hauch von Wick Medinight?), Nik Weis (Layet) straff und zupackend, S.A.Prüm nicht minder. Gott hab die Mosel selig!

Baden (2): 6x Chardonnay. Hammer. Heger vor Keller und Huber (Bienenberg, nicht Schlossberg). Sehr cremige, tiefgründige, elegante Chardonnay voller Finesse und Komplexität. Love it!

Ahr: Natürlich Ahr, nach dem ganzen Deaster! Natürlich Spätburgunder, natürlich Adeneuer, Meyer-Näkel, Stodden, Deutzerhof und die anderen. Begeistert von Adeneuers Alte Lay, von Meyer-Näkels Pfarrwingert und Deutzerhofs „Eck“. Wir müssen die Ahr wieder aufbauen. Komplett!

Lasst Bläschen um mich sein!

VDP.SEKT.PRESTIGE

An Bord der „RheinDream“ der Rössler-Linie wurden auf der Rhein-Fahrt von Biebrich nach Winkel (Allendorf) die neuen Sekte nach den VDP-Statuten vorgestellt. Das war richtig gut! Natürlich sind Spitzenlagen und Handlese obligatorisch. Sowohl für VDP.SEKT als auch für VDP.SEKT.PRESTIGE® ist die traditionelle Flaschengärung verpflichtend. Jahrgangssekte müssen auf der Hefe mindestens 24 Monate (VDP.SEKT) oder gar 36 Monate (VDP.SEKT.PRESTIGE®) reifen. Und es gibt eine Prüfung durch eine Jury.

1.      N.V.Riesling Extra Brut

VDP.SEKT by Wein- und Sektgut Barth

Kein Jahrgang auf dem Etikett, aber von 2018. 6 Gramm RZ, feine Kohlensäure, eher weich, gute Visitenkarte, nicht ganz mein Fall

2.      2018 Riesling Extra Brut

VDP.SEKT by Wein- und Sektgut F.B. Schönleber

sehr fruchtbetont, fast blumig, zupackende Säure, langes Hefelager, 4 Gramm RZ, lecker

3.      2016 Riesling Brut Nature

VDP.SEKT by Weingut Prinz

sehr weinig, fein

4.      2016 Hocheimer Stein

Riesling Brut Nature

VDP.SEKT.PRESTIGE by Weingut Künstler

Sehr guter Sekt, zero Dosage, läuft! Suchtfaktor !

5.      2015 Hattenheimer Schützenhaus

Riesling Brut Nature

VDP.SEKT.PRESTIGE by Wein- und Sektgut Barth

Knaller! tolles Bukett, Brioche, 5 Jahre Hefelager, spontan vergorener Wein, frühe Handlese, Holzfassausbau, großer Sekt!

6.      2014 ROTHENBERG, Geisenheim

Riesling Brut

VDP.SEKT.PRESTIGE by Weingüter J. Wegeler

sehr gut, würde aber Barth oder Künstler vorziehen

7.      2014 DOOSBERG, Oestrich

 Riesling Brut

VDP.SEKT.PRESTIGE by Wein- und Sektgut F.B. Schönleber

vielleicht ein Tick zuviel RZ, aber sehr fein, brotig, sehr lecker

Die Großen Gewächse sind da

Ende August ist die Hochzeit der deutschen Spitzenweine, denn dann werden die Großen Gewächse präsentiert. Natürlich Corona-konform. Der Rheingau lädt traditionell zur Preview, diesmal mit 30 Großen Gewächse auf Schloss Vollrads, jeweils in 3er Gruppen

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1.      2020 KIRCHENSTÜCK, Hochheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Domdechant Werner´sches Weingut

2.      2020 HÖLLE, Hochheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Domdechant Werner´sches Weingut

3.      2020 HÖLLE, Hochheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Künstler

Die Kraft und Eleganz von Künstlers Hölle überzeugt, cremig, füllig, großes Kino!

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4.      2020 GRÄFENBERG, Kiedrich

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Robert Weil

5.      2020 HOHENRAIN, Erbach

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Baron Knyphausen

6.      2020 HOHENRAIN, Erbach

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Jakob Jung

Weils Riesling grandios. Finesse, Eleganz, präzise, auf dem Punkt, ein Wein der auf der Zunge singt, toptop.

Jungs Hohenrain auch sehr, sehr gut, stärker als von Knyphausen, vielleicht ein Wimpernschlag vor von Oetinger

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7.      2020 HOHENRAIN, Erbach

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut von Oetinger

8.      2020 MARCOBRUNN, Erbach

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut von Oetinger

9.      2020 WISSELBRUNNEN, Hattenheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Josef Spreitzer

Marcobrunn zwar noch verschlossen, aber schon jetzt in Monumten. Machtvoller Wein. Spreitzers Wisselbrunnen deutlich kerniger, aber sehr gut balanciert

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10.    2020 WISSELBRUNNEN, Hattenheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut August Eser

11.    2020 DOOSBERG, Oestrich

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut August Eser

12.    2020 JUNGFER, Hallgarten

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Prinz

Diese Trio war nicht ganz so mein Fall, obwohl ich die Prinz-Weine sehr schätze. Der Doosberg sehr würzig-saftig mit gutem Nachhall.

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13.    2020 SCHLOSSBERG, Schloss Vollrads

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Schloss Vollrads

14.    2020 JESUITENGARTEN, Winkel

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingüter J. Wegeler

15.    2020 BERG SCHLOSSBERG, Rüdesheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingüter J. Wegeler

Großartiges Trio. Vollrads ein echter Stinker und damit ganz anders als gewohnt… spannender Paradigmenwechsel. Saftig-üppig hingegen Wegelers Jesuitengarten, sehr klassisch. Aber Schlossberg noch stärker.

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16.    2019 LANGENBERG, Martinsthal

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Diefenhardt

17.    2019 BAIKENKOPF, Rauenthal

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Kloster Eberbach

18.    2019 HOHENRAIN, Erbach

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Baron Knyphausen

Zurück ins  Weinjahr 2019, und das zeigt, warum der VDP gut daran gut, die GGs künftig erst zwei Jahre nach der Ernte zu zeigen. Diefenhardt sehr gut, sehr fein, sehr eleganzt, dagegen fehlte dem Baikenkopf die klare Frische (Flaschenfehler?).

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19.    2019 SIEGELSBERG, Erbach

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Jakob Jung

20.    2019 NUSSBRUNNEN, Hattenheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Balthasar Ress

21.    2019 HASSEL, Hattenheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Wein- und Sektgut Barth

Ganz starker Flight in jeder Hinsicht! Salzige Kühle von Ress, feinfruchtige Eleganz von Jung, schon spürbare Reife von Barth

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22.    2019 DOOSBERG, Oestrich

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Peter Jakob Kühn

23.    2019 JESUITENGARTEN, Winkel

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Familie Allendorf

24.    2019 SCHLOSS JOHANNISBERGER Silberlack

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Schloss Johannisberg

Das Schloss-GG noch recht verschlossen, Allendorf gewohnt solide und stark, Kühn einmal mehr salzig, karg, präzise, straff!

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25.    2019 BERG ROTTLAND, Rüdesheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Balthasar Ress

26.    2019 BERG ROTTLAND, Rüdesheim

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Johannishof

27.    2018 GREIFFENBERG, Schloss Vollrads

Riesling Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Schloss Vollrads

Vollrads mit ungewöhnlich starker Karamell-Note, Johannishof mit mehr Restsüße als der Rest, was im direkten Vergleich weniger gut war, zum Essen aber vermutlich umso besser, Ress abermals stark.

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28.    2019 Schlenzenberg, Martinsthal

Spätburgunder Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Diefenhardt

29.    2019 BERG SCHLOSSBERG, Rüdesheim

Spätburgunder Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Kloster Eberbach

30.    2019 HÖLLENBERG, Assmannshausen

Spätburgunder Trocken GG VDP.GROSSE LAGE®

Weingut Famile Allendorf

3x rot, 3x gut, aber Diefenhardt putzte die anderen weg. Präzise, elegant, kühle, Finesse, Frucht.

Weingut Dillmann

Wirklich bemerkenswert, was aus dem einst unscheinbaren Nebenerwerbsbetrieb (bis 2014) unter den beiden – gut behüteten – Brüdern Dillmann geworden ist. Tolle Entwicklung, klare Qualitätspyramide, neue Kellerei am Ortsrand… Respekt! Der Adelsschlag ist nun die Aufnahme in die 11. Auflage des Rheingauer Weinschmeckers. Beim abschließenden Testbesuch gefielen uns vor allem die drei Lagenweine Kläuserweg, Rothenberg und Rottland. Letzter besonders elegant und geschmeidig. Der Gelbe Muskateller hat mir schon vor Jahren gut gefallen, und auf das 2019er RGG bin ich schon jetzt gespannt. Hut ab!

Weingut Robert Weil, Kiedrich – die 2020er

Wegen Corona ein wenig später als im Jahreslauf gewohnt hatte ich wieder Gelegenheit zur Jahrgangsprobe auf Weingut Robert Weil, und das ist immer ein kleiner Wein-Feiertag für mich. Eines vorweg: Die 2020er bewegen sich auf Augenhöhe mit beiden sehr guten Jahrgängen 2018 und 2019… ein direkter Vergleich ist schwierig, vielleicht steht 2020 irgendwie dazwischen… Der Gutsriesling jedenfalls ist wie gewohnt eine überzeugende Visitenkarte des führenden Weinguts im Rheingau mit einer vibrierenden, gut eingebundenen Säure und feinem, leicht exotischem Fruchtspiel. Eine vinologische Allzweckwaffe, aber durchaus mit Alterungspotential.

Der Kiedricher Ortswein präsentiert sich sehr straff, sehr mineralisch, mit kühler, salziger Note und gutem Zug. Ein Wein mit hohem Trinkfluss. Bemerkenswert ist die Entwicklung des Kiedricher Turmberg (VDP.1.Lage), der über die Jahre immer eleganter geworden ist und nun fast auf Augenhöhe mit Turmberg und Gräfenberg angekommen ist. Wird einfach immer besser. Im direkten Vergleich ziehe ich aber den äußerst geschmeidig-eleganten Turmberg mit seinen mineralisch-dichten Noten und seiner leicht exotischen Fruchtaromatik vor. Vorteil des Turmberg: er ist zu diesem Zeitpunkt immer schon zugänglicher und charmanter als der noch recht verschlossene, aristokratisch-noble Gräfenberg, der auf lange Sicht dann aber unschlagbar ist. Jenseits der trockenen Weil-Phalanx breche ich eine Lanze für den 2020 „Tradition“, der diesmal so süffig und schmelzig ist wie selten zuvor. Hoher, fast schon gefährlicher Trinkfluss, sofern gut gekühlt“ Unbedingt mal probieren! Über die Spätlesen, Auslesen und BA`s sowie TBA´s zu schreiben, sind andere Süßweinexperten berufener als ich. Wie immer gilt: solche Weine mit ihren würzigen Noten von Honig und Karamell trinke man jetzt – oder in 20 Jahren. Mein Highlight: Gräfenberg Auslese Goldkapsel. Ein Monster für die Ewigkeit.   

Kleiner Ausflug nach Lorch

Endlich mal wieder zu den Lorcher Gütern! Zugegeben, nicht zu allen, denn einige waren verschlossen (Kanitz), andere haben inzwischen aufgegeben (Altenkirch). Aber bei Wurm waren wir – wie immer – willkommen! Für manche ungewohnt: Kein 2020er auf der Karte, nur wenige 2019er, ein Schwerpunkt auf 2018. Aber die hatten es in sich. Mein Favorit war einmal mehr der Lorcher Riesling + (plus) mit seiner salzige Note, seinem tollen Duft und seiner Geradlinigkeit. Dazu leicht kräuterige, florae Noten. Der Lorcher (ohne +) hingegen sehr saftig, sehr gefällig, sehr rund, ein Schmeichler, allerdings mit leichter Bitternote. Überzeugend 2017 Lorcher Kapellenberg mit exotischer Frucht, Würze, feinen Schiefer-Aromen und stoffiger Länge. Fast noch zu jung 2019 Pfaffenwies Großes Gewächs, braucht Luft und Zeit, aber ein Langläufer mit überzeugenden Eigenschaften.

Bei Jochen Neher (Mohr) dominierte der Jahrgang 2019, und die Riesling-Kollektion hat uns gut gefallen. Festgetrunken haben wir uns allerdings an den Großen Gewächsen, die mit ihrem straffen Zug überzeugten. Die türkisch inspirierte Küche war wieder einmal großartig.

Bei Laquai waren wir einmal mehr geplättet von der immer noch zulegenden Weinqualität. Die beiden Rieslinge vom Löss und vom Schiefer sind tolle Botschafter des Lorcher Terroirs, der 1716 Q ist ein ausdrucksstarker Wein mit komplexer Aromatik und toller Länge. Und das RGG aus dem Schlossberg ist vielleicht das beste RGG im Rheingau. Wer immer Laquai besucht, gönne sich dazu die Wisperforelle. Hammergut!

Weiler hatte diesmal leider nicht geöffnet, weshalb wir uns ein Probenpaket haben schicken lassen. Gute Idee!!! Der trockene Riesling aus dem Bodental-Steinberg ist phänomenal gut geraten, ebenso die Lorcher Krone „S“. Von den trockenen Basisweinen gefiel uns – wie fast immer – der Riesling „Schiefer“ etwas besser als der „Quarzit“. Das Niveau ist insgesamt aber top!

Rheingauer Weinschmecker 11. Auflage

Es ist geschafft!

Heute habe ich das Manuskript für die 11. Auflage des Rheingauer Weinschmeckers abgeschlossen und dem Societätsverlag übergeben. Damit sollte sichergestellt sein, dass die neueste Auflage noch rechtzeitig zur Buchmesse erscheinen kann. Ein hartes Stück Arbeit in der kurzen Zeit nach dem Lockdown für die Gastronomie. Aber natürlich habe ich ALLE Schänken wieder besucht und mir einen Überblick über den aktuellen Jahrgang und die Leistungen der Küche verschafft. Seid gespannt!

Seelen retten und Reben streicheln

Auch die Rheingauer Pfarrer sind „Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Für sie hatte dieses Gleichnis aus dem Neuen Testament aber immer eine besondere Bewandtnis. Denn über Jahrhunderte hinweg waren viele Pfarrer zugleich Winzer und tatsächlich rege im Weinberg aktiv. Die Geschichte des ehemaligen Pfarrweinguts Rüdesheim beispielsweise reicht bis ins elfte Jahrhundert zurück. Nachgewiesen ist, dass es im zwölften Jahrhundert durch die Schenkung eines Adeligen deutlich erweitert wurde. Mitte der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts bildet es den Kern des neu gegründeten Bischöflichen Weinguts, in das noch kleinere Pfarrweingüter und ihre Weinberge eingegliedert wurden. Zur Entlastung der Pfarrer, wie damals die Begründung lautete.

Im Rheingau heißt es bis heute, das Bistum Limburg habe nicht ganz ohne Grund geargwöhnt, mancher Pfarrer sorge sich vielleicht mehr um die Gesundheit seiner Rebstöcke als um das Heil der ihm anvertrauten Seelen. Während im Zuge der Säkularisation nach 1803 die Bistümer und Klöster ihre Besitzungen verloren hatten, war er vielen Kirchengemeinden erhalten geblieben. Auch in Kiedrich, wo die Natur dem Pfarrweingut zum Abschluss im Jahr 1971 noch einmal einen Paradejahrgang bescherte. Im Jahr darauf übernahm kurzzeitig das Pfarrweingut Rüdesheim die Verantwortung für die Kiedricher Kirchenlagen, die zum Jahresbeginn 1973 dann vom Kiedricher Weingut Robert Weil übernommen wurden, das in direkter Nachbarschaft zur prachtvollen Kirche residiert.

Daran erinnert eine bemerkenswerte Weinchronik, die integraler Teil der Kiedricher Pfarrchronik ist. Darin haben die Kiedricher Pfarrer handschriftlich in Sütterlin die Besonderheiten der jeweiligen Weinjahrgänge zwischen 1900 und 1972 notiert. Die Kiedricherin Irene Hirschmann hat diese Schlaglichter auf die örtliche Weinbaugeschichte akribisch in lesbare deutsche Hochschrift übersetzt und gemeinsam mit Wilma Scholl vom Kirchenbau-Verein auch als Broschüre herausgegeben.

Eine Lektüre, die das Auf und Ab in den Weinbergen, die Enttäuschungen und Euphorie vermittelt. Vor allem Schädlinge wie Heu- und Sauerwurm machten den Pfarrern wie allen Winzern schwer zu schaffen und minderten die Ernte: „Gerade in den besten Berglagen wurde die Ernte zum größten Teil vernichtet“, heißt es in der Chronik zum Weinjahr 1901. Damit nicht genug: „In manchen Lagen waren die Trauben stark vom Oidium befallen, wodurch der Wein einen unangenehmen Beigeschmack erhielt. Daher wenig Kauflust. Weinhandel liegt darnieder und Preise gedrückt.“

Die Pfarrer berichten akribisch von Missernten wie im schlimmen Weinjahr 1907, als außer den Schäden durch Pilzkrankheiten und Schädlinge auch noch das Wetter im Herbst so schlecht war, dass die Trauben nicht ausreiften und „der Wein ziemlichen Prozentsatz Säure hatte“. 1910 wurde zu einem weiteren „Fehljahr“, ebenso 1913 und auch 1914, als durch Heu- und Sauerwurm „die Trauben fast vollständig vernichtet wurden“.

Aber es gab auch erfreuliche Jahre wie 1915, das der Pfarrer sogar für besser als das Spitzenweinjahr 1911 hält. Aber einen Dämpfer gab es 1915 dennoch: „Wegen des Krieges ist leider keine Kauflust vorhanden. Die Weine werden deshalb länger lagern müssen.“

Dass „Mißjahre“ wie 1923 bisweilen dicht auf Jahrhundertjahre wie 1921 folgten, war in jener Zeit normal. Auch, dass die Pfarrer immer unter Beobachtung ihrer Bürger standen: „Die Kiedricher wollten es mir verübeln, dass ich in der ersten Woche des Herbstes Kartoffeln ausmachte, anstatt Trauben zu lesen. Spätlese!“, heißt es 1949 in der Pfarrchronik. Und im Jahr darauf: „Es ging das Gerücht, der Pfarrer lässt seine Trauben kaputtgehen. Ich wollte aber keine vollkommenen grasgrünen Luftballons, sondern edelfaule Trauben. Das habe ich durchaus erreicht.“

Die Kiedricher Weinchronik setzt aus lokaler Sicht die „Rheingauer Wein- und Geschichts-Chronik“ fort, die in ihrer ersten Fassung schon 1854 erschienen ist und die Weinjahre zwischen 1626 und 1848 beschreibt. Manche sehr ausführlich wie 1762 („außerordentlich viel, sehr gut und delikat“), manche kurz und knapp wie 1763: „außerordentlich schlecht sauer“.

Es waren die Zeiten, als die Jahrgänge zur Weinbeurteilung von großer Bedeutung waren. „Gibt acht auf den Jahrgang!“, heißt folgerichtig eine Jubiläumsschrift der Binger Weinetiketten-Druckerei Gewa, die sich den deutschen Weinjahrgängen 1880 bis 1983 widmet. Auf wenige Daten zu Witterung, Krankheiten, Schädlingen, Rebentwicklung und Erntemenge beschränkt sich der Bund Rheingauer Fachschulabsolventen mit seinem Buch über die Rheingauer Jahrgänge 1955 bis 2006.

Es ist zugleich ein Dokument des Klimawandels. Seit 1988 gibt es demnach keine „geringen“ Weinjahre mehr, aber ausnehmend viele „gute“ und „sehr gute“. Das bestätigt, dass die Rheingauer Winzer Gewinner des Klimawandels sind. Die dörflichen Winzer-Pfarrer hätten ihre Freude daran.

Die „Weinchronik 1900 bis 1972“ kann beim Kirchenbau-Verein Kiedrich, Suttonstraße 2 in 65399 Kiedrich zum Preis von zehn Euro bestellt oder im Rathaus abgeholt werden.  (aus der FAZ vom 8. Juni 2021)