Prosecco rettet Henkell

Der vor knapp 20 Jahren getätigte Kauf der italienischen Prosecco-Marke Mionetto ist eine der erfolgreichsten Akquisitionen des in Wiesbaden beheimateten globalen Marktführer für Schaumwein. Denn Mionetto legt auch dann noch dazu, wenn andere Marken schwächeln. In 27 Ländern ist Mionetto inzwischen Marktführer auf dem stabilen Wachstumsfeld Prosecco. Im vergangenen Geschäftsjahr verdankte Henkell-Freixenet allein dem Absatzplus bei Mionetto von rund drei Prozent, dass der Wachstumspfad nicht verlassen wurde.

Die Sekt-, Wein- und Spirituosensparte der Oetker Collection verzeichnete nur dank Prosecco ein leichtes Umsatzplus von 0,5 Prozent auf 1,25 Milliarden Euro. Belastet haben das Ergebnis nicht nur der global rückläufige Schaumwein- und Weinmarkt, sondern auch Währungseffekte. Ohne deren Berücksichtigung würde es für ein Umsatzplus von 1,5 Prozent reichen.

Vorstandschef Andreas Brokemper sprach bei der Bilanzvorstellung von einem „herausfordernden Marktumfeld und teils rückläufigen Teilmärkten”. Für den globalen Schaumwein-Gesamtmarkt erwartet Brokemper in der Bilanz für 2025 nach Jahren des steten Wachstums auf zuletzt 35 Milliarden Euro (2024) ein Minus von zwei bis drei Prozent. Das 2018 nach der Teilübernahme von Freixenet ausgegebene Ziel, dass jede zehnte getrunkene Flasche Schaumwein aus dem Hause Henkell-Freixenet kommen soll, sei noch nicht erreicht, gibt Brokemper zu und nennt einen globalen Marktanteil von rund neun Prozent.

Die gefühlte Dauerkrise in der Welt sei für den Absatz eines Genussproduktes aber nicht günstig, so Brokemper. Die Hoffnung auf ein ruhigeres Jahr habe sich frühzeitig zerschlagen. Beim Absatz spürt Henkell-Freixenet auch, dass – vor allem in Amerika – vor Neubestellungen die Lagerbestände deutlich abgesenkt werden. Das sei eine Folge von Zinsen und Zöllen.

Brokemper sieht auch positive Tendenzen und Signale. Die „Aperitif-Kultur“, also ein Glas zur Entspannung nach getaner Arbeit, gewinne an Bedeutung, wovon vor allem Mixgetränke profitierten. Der Markt an Fertig-Mix-Getränke lege zu, und das wachsende Gesundheitsbewusstsein kurbele die Nachfrage nach alkoholreduzierten und alkoholfreien Getränken an. Durch den Einsatz modernster Technologien gebe es bei den alkoholfreien Varianten, die Henkell-Freixenet zu fast allen wichtigen Marken offeriert, einen schmeckbaren Qualitätssprung.

Bewusster Alkoholkonsum sei kein „Nischentrend“ mehr, sondern entwickele sich zu einem „relevanten Marktsegment mit klaren Wachstumspotentialen.“ Bei Mionetto Aperitivo Alkoholfrei berichtet Henkell-Freixenet von einem Absatzplus von 18 Prozent.

Gut läuft es demnach auch für Kategorie Crémant. Laut Brokemper entwickelte sich der Absatz des Gesamtmarktes im vergangenen Jahr um 7,5 Prozent nach oben. Die hauseigene Marke Gratien Meyer wuchs mit 14 Prozent überdurchschnittlich.

Dagegen büßte der Umsatz mit der Kernmarke Henkell rund zwölf Prozent ein, und bei Freixenet belief sich das Minus auf vier Prozent, das Brokemper unter anderem als Folge notwendiger Preiserhöhungen sieht. Die Marke Fürst-von-Metternich blieb stabil, aber nur weil es Innovationen wie einen Grauburgunder-Variante und eine ohne Alkohol gab. Bei der Spirituosen-Marke Wodka Gorbatschow belief sich das Minus auf acht Prozent.

Bemerkenswert sind die regionalen Umsatz-Unterschiede auf der Weltkarte von Henkell-Freixenet: Während Amerika um 19 Prozent auf 263,5 Millionen Euro zulegte, verlor die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) vier Prozent auf 333,6 Millionen Euro. In Osteuropa war das Minus ähnlich hoch, während Westeuropa als wichtigster Markt immerhin ein Prozent auf 400,7 Millionen Euro zulegte.

Brokemper  bestätigte, dass der Schaumweinmarkt noch immer eine „Insel der Seligen“ angesichts der Verwerfungen auf dem Weinmarkt sei. Bei Prognosen für das laufenden Jahr war Brokemper zurückhaltend, zumal der Markterfolg im ersten Quartal auch davon abhängig sei, wie das Osterfest im Kalender liege. Brokemper ist gleichwohl optimistisch, weil Henkell-Freixenet in den Wachstumsmärkten stark positioniert und die „Innovationspipeline“ gefüllt sei. Erwartungen knüpft Brokemper zudem an die Übernahme des Vertriebs des amerikanischen Schaumweinerzeugers Korbel. Das stärke die eigene Stellung im für Henkell zweitgrößten Schaumweinmarkt – auch wenn die Zollpolitik und nachfolgende Preiserhöhungen den Konsum dämpften. Henkell hat zudem in Irland, Kroatien und Argentinien neue Vertriebsgesellschaften zur Stärkung der Internationalisierung gegründet. (verfasst für die FAZ -Ausgabe vom 30. April 2026)