Diefenhardt baut neue Kellerei

Überproduktion, Absatzkrise, Gesundheitswelle: Wer investiert da noch in eine neue Weinkellerei? Im Rheingau gibt Peter Seyffardt mit einer Millioneninvestition ein Beispiel. Die gegenwärtige Krise des Weinbaus ist keine temporäre Delle im Absatz, sondern Auftakt eines beschleunigten strukturellen Wandels. Selbst traditionsreiche Weingüter geben auf oder stehen zum Verkauf. Doch es gibt Anzeichen für neuen Optimismus und Signale des Aufbruchs. Die manifestieren sich in millionenschweren Investitionen. In Eltville-Martinsthal hat das Weingut Diefenhardt am östlichen Ortsrand eine neue Kellerei errichtet. Das hat schon deshalb eine Signalwirkung gegen die depressive Stimmung unter vielen Winzern, weil der Bauherr der Weinbaupräsident persönlich ist.

Peter Seyffardt glaubt an die Zukunft der Branche und seines Betriebs. Seine Tochter Julia ist schon vor zehn Jahren in das Unternehmen eingestiegen. Spätestens in zwei bis drei Jahren werde er sich ganz zurückziehen und das Weingut vollständig an die fünfte Generation übergeben, so Seyffardt bei einer Eröffnungsfeier im Weingut.

Eigentlich wollte Seyffardt auf dem Hangrundstück im Frauensteiner Weg nur eine Station zur Traubenannahme bauen, um die schwierigen und beengten Verhältnisse des Weinguts in der alten Hauptstraße des Weindorfs Martinsthal zu verbessern. Dort lebt die Familie, dort ist auch die beliebte Gutsschänke des Weinguts, doch die Weingutlogistik ist schwierig.

Die resolute und weitsichtige Tochter ermutigte Seyffart aber zu kühneren Investitionen. Der Weinbaupräsident ließ sich überzeugen, dass eine neue Kellerei an einem neuen Standort die beste Entscheidung für die langfristige Zukunft des Weinguts ist. Entstanden ist ein funktionaler, aber optisch ansprechender Neubau, dessen wichtigstes Ziel es ist, die Arbeitsabläufe zu erleichtern. Dass das gelungen ist, zeigte sich schon bei der ersten Ernte im noch halbfertigen. Das Weingut ist bei Traubenannahme und -verarbeitung schneller und schlagkräftiger geworden. Das ist vor allem dann wichtig, wenn fortschreitende Fäulnis in den Weinbergen eine zügige Ernte erfordert. Auf eine mehrstöckige Kellerei, die bei der Traubenverarbeitung die Schwerkraft statt Pumpen setzt, hat Seyffardt bewusst verzichtet. Es gebe für eine schonende Arbeitsweise auch andere technische Optionen.

Weil die Produktpräsentation, das Marketing und die Kundenbindung für den Erfolg eines Weinguts mindestens so bedeutsam sind wie die Güte der Weine, wurden in die neue Kellerei neben einer großzügigen Vinothek für Privatkunden auch Veranstaltungsräume integriert. Sie wurden für die Gastlichkeit während der Rheingauer Schlemmerwoche genutzt. Vinothek und Gasträume sollen zu Orten „der Begegnung, des Genusses und der gelegten Weinkultur“ werden, so die Hoffnung der Familie Seyffardt.

Die Fertigstellung der Vinothek – andere Teile des Neubaus waren schon vor zwei Jahren nutzbar – war für Peter Seyffardt Anlass, eine aufreibende Bauphase Revue passieren zu lassen. Über das Ringen mit der Bau-Bürokratie kann Seyffardt viele Anekdoten erzählen, die nur im Nachgang eine humorvolle Note haben. Glück hatte das Weingut, dass es seine Investitionsentscheidung noch in der Phase besonders niedriger Zinsen getroffen hat und dass es benachbarte Grundstücke des Kellereigebäudes erwerben konnte. Dankbar ist Seyffardt, dass das Land die Investition in einen zukunftsfähigen Weinbetrieb mit nennenswerten Subventionen gefördert hat. Das habe einiges erleichtert, gibt Seyffardt zu. Welche Auflagen mit einem derartigen Bau verbunden sind, lässt sich an der Zisterne mit einem Fassungsvermögen von 240.000 Litern ablesen. Er habe der Martinsthaler Feuerwehr angeboten, bei Bedarf darauf zurückgreifen zu können, scherzte Seyffardt bei der Eröffnung. Nun sollen  viele Privatkunden den Weg nach Martinsthal finden. In der Vinothek wollen Julia und Peter Seyffardt einen in Deutschland eher ungewöhnlichen Weg gehen. Um die Hemmschwelle vor dem Besuch der Vinothek wegen eines vermeintliches „Kaufzwangs“ niedrig zu halten, sollen Weinproben gegen Gebühr die Regel sein. Wen die Qualität des VDP-Weinguts dann überzeugt und zum Kauf animiert, für den war die Verkostung gratis. (mein Bericht für die FAZ vom 2. Mai 2026)