Aus dem Verkostungstagebuch

Hier mal wieder als Update ein paar nicht repräsentative Eindrücke der vergangenen Tage…

Peter Jakob Kühn, Oestrich

2015 Spätburgunder trocken – persönlich mag ich die Riesling, vor allem die Ortsweine, aber auch immer den St. Nikolaus lieber als die Roten. Dieser ist gleichwohl ein guter Vertreter des recht üppigen Jahrgangs 2015, in der Struktur recht fest, gute Säure

Kloster Eberbach/ Staatsweingüter

2010 Pinot Noir trocken – sehr klassisch aus einem eher „kleinen“ Pinotjahr, dafür mit unverändert hoher Eleganz bei lebendiger Säure, ein Florett, kein Säbel und schon gar kein Schwert, wirklich gut

Delaire Graff, Stellenbosch

2018 The View White Blend – eine von Sauvignon blanc getragene Cuvée mit gutem Zug und viel Finesse, schöner Trinkfluss, reife Früchte, Zitrus, ein wenig Paprika, dabei immer fein und ziseliert, gut, der richtige Soli-Schluck angesichts der tiefen Krise, in der südafrikanischen Winzer nach dem zweiten Lockdown mit zweitem Alkoholverbot leiden…

Pfeffingen, Pfalz

2018 Roter Riesling –SP- zugegeben, ich bin selten ein Enthusiast des Roten Riesling, der mir oft zu süßlich, zu sehr Feuerstein schmeckt… aber es gibt fulminante Ausnahmen, und das ist eine davon, die ich das allererste Mal getrunken habe und meinen guten Eindruck bestätigt, wann immer ich Pfeffingen-Weine getrunken habe.

Peter Lauer, Saar

2018 „Faß 25“ Alter Riesling trocken VDP.Ortswein – im Weingut war ich begeistert, zuhause zeigt er Weine eine ungewohnte Reife für einen 2018er… meinem Gegenüber im der Blindverkostung kam der Wein schon mehrere Jahre alt vor… ich muss unbedingt in Kürze eine Konterflasche öffnen…

Künstler, Hochheim

2015 Rüdesheim Berg Rottland GG – ein Hammer. Ungemein frisch, mit hoher Präzision und Finesse, ein Wein voller Trinkfluss, charmant und elegant, love it! Dummerweise ein Einzelstück im Keller…

Carl Ehrhard, Rüdesheim

2018 Berg Rottland Urstück Rottland – hammergut, wie sich die 2018er Urstücke jetzt präsentierten, und dieses hier ist mein Liebling. Kleine Anmerkung für Rosé-Freunde: der 2019er Rosé ist der bislang beste, den ich im Rheingau getrunken habe. Taste it!

Eva Fricke, Eltville

2009 Seligmacher – Nur zu gerne würde ich jetzt über diesen Wein und jüngere Jahrgänge desselben ausführlich schreiben. Aber das ist brandgefährlich, weil jeder Weinblogger und Weinjournalist Gefahr läuft, den Wein nicht genug in den Himmel zu loben oder gar andere Weine besser zu finden. Die Winzerin mit Elefantengedächtnis versteht da keinen Spaß, und wer nicht mit einem bösen Zauber, einem Bann oder gar der Höchststrafe, einem Kaufverbot (!), belegt werden will, weil er der Fricke-Weine einfach nicht würdig ist (jedenfalls nicht ab Weingut), der sollte sich tunlichst ganz zurückhalten. Daher hier mein unangreifbares und abschließendes Urteil zu diesem Tropfen: Es ist Wein.

(Keine Sorge, bei nächsten Mal dann wieder das volle Programm!)

Nahe am Rhein

… so heißt eine neue wein-touristische Initiative zwischen Bingen und Kreuznach, die Aufmerksamkeit verdient. Ich bin bei einer kleinen Tour an die Nahe darauf gestoßen, bei der ich unter anderem die wunderbaren Wanderrouten rund um Bad Kreuznach erkundet habe. Und endlich mal wieder eine Stippvisite bei Martin Tesch in Langenlonsheim.

Kompliment für die 2019er, bei denen die Lagencharakteristik wie schon 2018 sehr gut herausgearbeitet worden ist. Die „Lagenkiste“ (nur 77 Euro!) ist eine echte Empfehlung… eine Art flüssiges Lehrbuch über die Böden und die geschmackliche Ausprägung im Wein. Mit dem Jahrgang 2019 waren der St. Remigiusberg und der Karthäuser meine absoluten Favoriten, wobei die Krone auch immer eine Bank ist. Wie gut die Weine reifen, zeigte mir Tesch mit einem 2009 Karthäuser: Stoffige Eleganz mit prägnantem Zug, fein!

Natürlich habe ich auch ein wenig Dönnhoff, Korrell, Emrich-Schönleber und Diel getrunken (die Nahewein-Vinothek in Bad Kreuznach ist in dieser Hinsicht jedenfalls ein Muss!). Zu einer Nahe-Visite gehört aber auch ein Besuch bei Kruger-Rumpf, wo die 2019er ebenfalls außerordentlich gut geraten sind. Schon der Binger (Quarzit!) und der Münster (Schiefer!)-Ortswein sind jeweils ganz feine, filigrane Visitenkarten des Weinguts mit großem Trinkfluss aus zwei Anbaugebieten. Ein echtes Aha-Erlebnis bietet am Gaumen die neue „Bingerbrücker-Abtei“ in der Variante „Abtei 1937“. Ein präziser Hammerwein! Wobei der Münsterer Kapellenberg aus VDP.Erster Lage ein großartiges Preis-Leistungsverhältnis bietet. Übrigens hat sich Kruger-Rumpf jetzt auf dem Weg zum Öko-Weingut begeben… der 2020 wird der erste Umstellungsjahrgang. Bei den Großen Lagen ist es fast immer der Binger Scharlachberg, der mein Favorit ist. So auch mit dem Jahrgang 2018. Ein rheinhessischer Diamant, geschliffen an der Nahe! Und dann zwei Schätzchen aus der Schatzkammer: 2004 Scharlachberg Riesling GG. Wow! Und eine Majestät: 1992 Münsterer Dautenpflänzer Riesling Spätlese trocken – fantastisch gereift, und noch lange nicht am Lebensende angekommen.

Privatkunden retten die Winzer

In der Weinbranche wird die Corona-Krise nachhaltige Veränderungen zur Folge haben. Der Strukturwandel, der die Konzentration von immer mehr Weinbaufläche bei immer weniger Erzeugern beschreibt, wird sich noch einmal beschleunigen. Die Rebfläche in Deutschland von derzeit rund 100.000 Hektar könnte gleichwohl in wenigen Jahren deutlich zurückgehen. Und viele Erzeuger müssen sich wohl zu Produktions- und Vermarktungsallianzen zusammenschließen, wenn sie nicht zum Spielball des großen Lebensmitteleinzelhandels werden wollen.

Das sind einige der Einschätzungen aus dem ersten Online-Seminar, das der Bund Deutscher Önologen organisiert und das Simone Loose, die Geisenheimer Institutsleiterin für Wein- und Getränkewirtschaft, am Bildschirm moderiert hat. Loose hatte schon im April eine erste Umfrage zu den Corona-Folgen für die deutschen Weinproduzenten veröffentlicht. Daran hatten sich rund 850 Weingüter, Genossenschaften und Kellereien beteiligt.  

Demnach hatte es im März zunächst eine klare Verschiebung des Weinabsatzes hin zu Supermärkten und Discountern sowie zu Onlinehändlern gegeben, während der Absatz über die Gastronomie, den Export und den Fachhandel regelrecht eingebrochen ist. Die Folge: mehr als jeder zweite Erzeuger strich oder verschob geplante Investitionen. Nahezu jeder zweite Betrieb beantragte die staatliche Soforthilfe für selbständige und kleine Unternehmen. Für den Sommer zeichneten sich für vier von zehn Betrieben schwerwiegende Liquiditätsengpässe ab. Eine weitere Folge der Krise ist die starke Zunahme des Online-Geschäfts. Dirk Würtz, viele Jahre Betriebsleiter des Hattenheimer Weinguts Ress und jetzt Geschäftsführer bei St. Antony in Nierstein, hatte auf die Krise unmittelbar mit kreativen Online-Angeboten reagiert. Der Absatz sei daraufhin „unfassbar gestiegen“, beschreibt Würtz seine Erfahrungen mit dem eigenen Onlinehandel. Besonders bemerkenswert: Auch nach den zwischenzeitlichen Lockerungen und der Wiedereröffnung von Restaurants liegt der Onlineverkauf stabil etwa vier bis fünf Mal höher als noch vor der Krise.

: „Endlich scheint Wein im Online-Handel angekommen zu sein“, meint Würtz und lobt die Weingenießer: „Die Privatkunden haben uns gerettet“.

Kellereien und Große Winzergenossenschaften hatten wiederum das Glück, dass die Kunden ihren Wein vermehrt im Lebensmittelhandel kauften, um sich wenigsten zuhause gutes Glas zu gönnen. Die Lauffener Weingärtner, eine große württembergische Genossenschaft mit 1200 Mitgliedern und fast 900 Hektar Rebfläche, musste in der Krise zunächst damit kämpfen, dass die Lagerflächen in den Einkaufsmärkten für „systemrelevante“ Produkte reserviert waren und Wein es nur mit Hürden ins Regal schaffte. Weingärtner-Geschäftsführer Marion Kopp machte zu Beginn der Krise zwei interessante Erfahrungen. Außerhalb der deutschen Weinanbaugebiete ging Wein zu Preisen von weniger als zwei Euro je Flasche „ab wie Feuerwehr“. Je näher die Verbraucher allerdings an einem Weinbaugebiet wohnen, desto eher waren sie geneigt, sich etwas Gutes zu gönnen und auch bei Weinen jenseits der Preisschwelle von sieben Euro zuzugreifen. Der Konsument habe in der Krise gelernt, höherwertige Weine zu kaufen, freut sich Kopp und hofft, dass dies nun zur Gewohnheit geworden ist.

Das gibt Hoffnung auf Zukunft, zumal sich die Winzer neue Absatzchancen ausrechnen, wenn viele Bürger in diesem Sommer ihren Urlaub in Deutschland verbringen. Dann ist auch die Chance größer, dass sie zu deutschem Wein greifen. Laut Kopp stellen sich seine Handelspartner schon auf diese Entwicklung ein.

Doch neben diesen positiven Signalen gibt es viele negative Entwicklungen, die nachdenklich stimmen. Winzer Würtz hat beobachtet, dass manches Weingut in der Krise an seinen langjährigen Fachhändlern vorbei Wein über Schnäppchenangebote zu verkaufen suchte. Diesen „Sündenfall“ werde der jeweilige Händler über die Streichung aus der Lieferantenliste ahnden. Mit langfristig schwerwiegenden Folgen für den Erzeuger. Mancher Winzer habe zudem aus purer Not Weine direkt im Fass verkauft, anstatt sie in Flaschen zu füllen, und das Preisen von 90 Cent je Liter, und das für ordentliche Ware. Das ist jenseits der Kostendeckung. Und wer nur wegen der Krise jetzt auf die Schnelle einen Onlineshop aufgebaut habe, der dürfe nicht erwarten, dass nun die Bestellungen nur so eintrudelten.

Ganz allmählich geht es aber auch wieder aufwärts, bestätigte die Rüdesheimer Winzerin Theresa Breuer, die von der Krise mitten in einer baulichen Neuordnung des Betriebsgeländes erwischt wurde. Im Export und in der Gastronomie rühre sich langsam wieder etwas, sagte Breuer, die jetzt vor allem Flexibilität zeigen will, auch wenn die Gastronomen nur sehr kleine Mengen ordern oder Importeure und Händler nicht die gesamte reservierte Ware auf einmal abrufen. Aber auch Breuer hat beobachtet, dass Kollegen Wein tankweise zu Niedrigpreisen verkaufen, weil im September schon die nächste Ernte ansteht und Platz gebraucht wird. „Mancher Keller wird geradezu verramscht“, bedauerte Würtz. Ob die Rebfläche in Deutschland nach einer absehbaren Bereinigung in der Branche zurückgeht (Würtz), ob die Pachtpreise wirklich sinken (Kopp) und ob die jetzt schon großen Erzeuger in der Folge der Krise noch einmal größer werden (Breuer), blieb Spekulation.

Realität ist hingegen die Mehrwertsteuersenkung, die von der Branche skeptisch bis ablehnend gesehen wird, weil dadurch die Durchschnittspreise für deutschen Wein noch weiter sinken und weil danach schnelle Preiserhöhungen wohl Illusion sein werden. Für Würtz und Breuer führt aber kein Weg daran vorbei, die drei Prozent Steuersenkung an die Kunden weiterzugeben, während sich Kopp kämpferisch gab: „Wir senken die Preise nicht“.

Unter dem Strich hat für Würtz die Krise offengelegt, „wie wenig professionell unsere Branche ist“ und wie sehr Entscheidungen nach Gefühl und auch dem Bauch heraus getroffen würden. Ein Business-Plan für eine auskömmliche betriebswirtschaftliche Entwicklung sei in vielen Weingütern bis heute ein Fremdwort. Das bestätigen auch die Erfahrungen von Loose: Viele Güter kennen noch nicht einmal ihre Produktionskosten.

Entnommen aus meinem TEXT für die F.A.Z. vom 24.06.2020

Buchvorstellung!

Kommt, und ich signiere gerne! Hier der Einladungstext von Hubert Allert

RHEINGAUER UNTERWELTEN… das neue Buch von Oliver Bock stellt 36 Weingewölbe der Region in Wort und Bild vor und bietet tiefe Einblicke in die Wirkungsstätten Rheingauer Wein-Macher.

PRÄSENTATION DES „KELLER-BUCHES“ AM 19. JUNI im Keller & Kunst Kontor durch den Autor Oliver Bock mit flankierender 6-er Probe Rheingauer Spitzenweine.
Anschließend bietet sich direkt nebenan die seltene Möglichkeit, im Weingut der Familie Georg Sohlbach ein eher unbekanntes Gewölbe-Juwel aus dem 16. Jahrhundert zu entdecken.

Limitierte Teilnehmerzahl in Corona-Zeiten !! Wir bieten daher zwei „Zeitfenster“ für die Teilnahme an.
Um 17.00 Uhr im Keller & Kunst Kontor
Um 18.30 Uhr im Keller & Kunst Kontor
Kostenbeitrag € 15,- pp / Mit Probe ca. 1 Stunde

RESERVIEREN SIE BITTE VORAB und nennen Sie uns Ihre Kontaktdaten
Per SMS :: 0173 – 63 585 66
Per Mail :: kontor@kellerundkunst.de

Das Keller & Kunst Kontor fühlt sich den Rheingauer Unterwelten seit jeher verbunden und wir haben zu diesem besonderen Anlass zwei attraktive „Buch-Wein-Pakete“ geschnürt.
Nr. 1 mit dem Kellerbuch und 3 Weinen vom Weingut Robert Weil Weingut Jakob Jung und J. B. Becker Weinbau Weinhandel
Nr. 2 mit dem Kellerbuch und 3 Weinen vom Weingut KünstlerWeingut Georg Sohlbach und der Domäne Assmannshausen

RHEINGAUER WEINKULTUR…. MIT ABSTAND AM BESTEN !

Unser Hygienepartner ist die Eltviller Firma Emil Otto Flux- u. Oberflächentechnik GmbH…. dort produziert man das derzeit vielleicht angesagteste alkoholische Produkt der Region mit 90 % Ethanol und „einem Hauch“ von Glyzerin… probieren Sie es bei uns gerne mal aus !

HERZLICH WILLKOMMEN IM KELLER & KUNST KONTOR

Oberstrasse 14 in 65399 Kiedrich

Ress, gereift

Es gibt kaum ein größeres Vergnügen, als gereifte Rieslinge ambitionierter Erzeuger zu verkosten. Ganz überraschend kam mir eine kleine Phalanx edelsüßer Tropfen aus dem Hause Balthasar Ress auf den Tisch, mit einigen handfesten Überraschungen.

Rüdesheim Berg Schlossberg

Über meinen Rheingauer Lieblingsweinberg habe ich schon einige Mal in diesem Blog etwas ausführlicher geschrieben, daher erspare ich mir hier ein Weinbergsporträt. Wie gut die Weine reifen zeigt der 1978 Berg Schlossberg Riesling Kabinett.  Ein Kabinett, der ein „C“ am Anfang und nur ein „t“ am Ende verdient. Ein Wein in der Cabinet-Tradition. Wunderbar gereift mit einer betörend saftigen Würze, Aromen von Dörrobst. Sehr voll, gute Länge, für sein Alter phänomenal vital mit besten Zukunftsaussichten! 1982 Berg Schlossberg Riesling Kabinett Ach ja, die 80er! Viele Enttäuschungen (vor allem 80 und 84), und bislang war ich nur bei 1983 recht erwartungsfroh, die sich über die Jahr gut gehalten haben. Dieser 1982er aber nötigt großen Respekt ab. 8 Prozent Alkohol, feine Süße, gepaart mit einer sehr prägnanten, aber nicht störende Säure, die seine Jugendlichkeit bewahren hilft. Anklänge von Rosinen, Karamell und Reneclauden, Chapeau! 2013 Rüdesheim Berg Schlossberg Auslese Rückblickend ein gigantischer Jahrgang für trocken UND für süß… mit dem nötigen Abstand vielleicht der beste Rheingauer Rieslingjahrgang seit 2004 und 2008! Rassig, gut eingebundene Säure, perfekte Balance mit nobler Süße, dabei echter Trinfluss! Ein Wow-Wein! 2007 Rüdesheim Berg Rottland TBA ein Gigant. Unzerstörbar. Unsterblich. Dunkler Bernstein, aber nahe keine schmeckbaren Altersnoten. Viel Karamell, gepaart mit Früchtebrot und Rosinen. Mächtige Süße, langer Nachhall 2011 Rüdesheim Berg Rottland Riesling Auslese Das war nur wirklich kein einfaches Jahr, und das schmeckt man auch. Der Wein tut sich im Umfeld von Riesling-Majestäten ein wenig schwer, verdient aber löbliches Urteil.

NUSSBRUNNEN

Eine der Hattenheimer Brunnenlagen, und in manchen Jahren mein Hattenheimer Favorit 2012 Nussbrunnen Eiswein Genau so muss Eiswein schmecken, konzentrierte Süße, typische Eiswein-Aromatik, sehr saftig, würzig, karamellig, dick 2012 Nussbrunnen Auslese Während der oben erwähnte Eiswein nur in kleinen Dosen genossen werden will, verlangt diese Auslese nach einem großen Glas. Eine Auslese, die eher auf der feinen als auf der üppigen Seite steht mit einer sehr feinen Säure. Gute Balance und Struktur, gefällt mir gut! 2007 Nussbrunnen Auslese Trotz mächtiger Süße typisch Nussbrunnen, allerdings aus einem warmen Jahr, was zu Lasten der Säure geht. Sehr saftig, getrocknete gelbe Früchte und Obst, vor allem Pfirsich und Marille, ein Wein mit Bums, der nach einer Gänseleber mit Brioche verlangt. War leider nicht im Kühlschrank. Sorry, ich muss jetzt hier aufhören und mal schnell zum Delikatesshändler…

Aus dem Verkostungstagebuch

Joh.Jos Prüm 2009

Bernkasteler Badstube Spätlese – ein Monument aus der üppigen Weinkarte des „Hirschen“ in Freiburg-Lehen, dazu ein Cordon bleu vom Allerfeinsten. Wer immer den Kaiserstuhl besuchen will, der ist bei Familie Baumgartner als Augangspunkt genau richtig… und natürlich gibt es auch eine reiche Auswahl an Weinen von Joachim Heger, bsp. den Chardonnay aus VDP.1.Lage, ein Hochgenuss

Zwölberich

2019 Auxerrois trocken – Das Langenlonsheimer Weingut im Zwölberich ist ein Familienbetrieb mit Tradition seit 1711. Seit mehr als 25 Jahren wird hier nach biologisch-dynamischen Weinbau und nach Demeter-Richtlinien gewirtschaftet. Ob bei 8000 Flaschen jede einzeln nummeriert sein sollte, lasse ich mal dahingestellt. Aber gut war der Wein allemal, und das Weingut kannte ich bislang gar nicht… muss ich unbedingt mal mehr kosten!

Graf von Schönborn, Franken

2018 Hallburger Silvaner trocken, im direkten Vergleich mit Höfler 2018 Michelbach Silvaner trocken… beide zeigen sehr schön die Stärke der Rebsorte, wobei am Ende der Michelbacher Ortswein bei mir knapp die Nase vorn hatte ob seiner Finesse und seiner rassigen Würze

Sohns, Geisenheim

2019 Rosa Chardonnay – eine neue Kreation aus dem Hause Sohns… weniger ein komplexer Überflieger im Hochpreissegment als ein süffiger Trinkwein. Gut, reintönig, läuft… der Chardonnay ist aber „blind“ gar nicht so leicht zu erkennen….

Georg Breuer, Rüdesheim

2019 Lorch Estate – lange habe ich auf diesen Wein warten müssen, dann wurde er mir im Rüdesheimer Schloss kredenzt. Vorfreude war diesmal NICHT die schönste Freude, sondern das Trinken. Ein wirklich feiner Ortswein, der gut die Lorcher Lagentypizität spiegelt… den Lorcher Estate habe nicht zum letzten Mal bestellt…

Gres, Rheinhessen

2017 Chardonnay vom Korallenriff – genau so mag ich das… gut schmeckbares, aber nicht dominierendes Holz, Länge, Dichte, Komplexität, ohne zu dick zu sein. Gut.

Künstler, Hochheim

2018 Chardonnay Kalkstein trocken – im Prinzip widerhole ich meine Meinung zu Gres, doch Künstler legt noch einmal eine gute Schippe drauf! Allendorf, Winkel 2017 Berg Roseneck Riesling trocken – auch wenn ich die 2017 nicht so mag wie 2016 und 2018, so ist das ganz wunderbar!

Kellerei Terlan, Südtirol

2019 Winkel und 2018 Quarz Sauvignon blanc – die Genossen haben es einfach drauf! Saugut.

Prinz Salm

2016 Scharlachberg Riesling GG – eine der besten GGs von der anderen Rheinseite, die ich in jüngerer Zeit getrunken habe… ohnehin habe ich Prinz Salm ein wenig aus den Augen verloren. Corona sei Dank gab es ein Probierpaket mit einer schönen Auswahl. Und da war ich wirklich in jeder Hinsicht sehr angetan…

„Rheingauer Unterwelten“

Endlich ist es soweit, mein neues Werk ist da! Für 20 Euro (Schnapper!) über alle gängigen Vertriebswege von Amazon bis zum stationären Buchladen erhältlich. Und so wirbt der Frankfurter Societätsverlag für das mehr als 200 Seiten starke Werk:

Guter Wein und guter Sekt werden im Weinberg, nicht im Keller gemacht. Doch die Weinkeller der Region sind zentrale Stätten der Rheingauer Weinkultur. In seinem ersten „Kellerbuch“ porträtiert FAZ-Autor und Weinblogger Oliver Bock (www.rheingauer-weinschmecker.de) weinbaulich interessante, historisch bedeutsame und architektonisch bemerkenswerte Weinkeller. Bock beleuchtet in prägnanter Kürze die Entstehungsgeschichte der Weingewölbe, schaut sich in den Schatzkammern der jeweiligen Keller nach besonderen Gewächsen um, skizziert die Nutzung über die Jahrhunderte hinweg, gibt Anekdoten wider und beschreibt die aktuelle Bedeutung für das jeweilige Weingut und ihre Ausbaumethoden im Keller. Informationen und Daten sowie Tipps, wann die Keller besichtigt werden können und worauf zu achten ist, sowie eine kleine Kulturgeschichte des Weinkellers, runden den repräsentativ ausgestatteten Band ab, den Fotograf Hermann Heibel optisch in Szene setzt.

Mitten in der Coronakrise – Update

 Die Krise scheint kein Ende zu nehmen. Wir stecken alle ganz schön in der Krise. Jetzt sogar mit Maskenpflicht in Hessen. Die Düsseldorfer Weinmesse „Prowein“ fiel aus, die „Mainzer Weinbörse“ des VDP ebenso. Der „Ball des Weines“ im Wiesbadener Kurhaus wurde auf den 8. Mai 2021 verlegt. Die Frühjahrsproben der Weingüter sind gestrichen, die „Rheingauer Schlemmerwoche“ wurde mit den „Tagen der offenen Weinkeller im September“ fusioniert, das Internationale Riesling-Symposium auf 2021 vertagt… Sogar die Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden wurde abgesagt, das Aus für das Münchner Oktoberfest kann ich persönlich noch verschmerzen… Aber die Verluste sind immens! Das ist alles wenig erfreulich und sogar bedrückend. Für die Winzer sind harte Zeiten angebrochen, zumal ganze Vertriebswege (Restaurants, Fluglinien, Duty-Free-Shops, Export, Messen) weggebrochen sind und Reisen zur Exportunterstützung nicht möglich sind. Da helfen wohl auch heimische Drive-in-Abholstationen und Online-Weinproben am PC nur wenig. Aber sie sind ein gutes Lebenszeichen, das in jedem Fall Unterstützung verdient.

Apropos… Noch sind meine eigenen Weinvorräte ziemlich „ok“, und jeden Tage zeige ich auf Facebook meinen „Corona-Wein des Tages“. Also wenn Ihr Lust habt, einfach mal reinschauen auf meiner Profilseite. Mein persönlicher Lichtblick in dieser Zeit: Mein erstes Weinkellerbuch „Rheingauer Unterwelten“ mit den schönsten Weingewölben und ihren Schätzen geht jetzt in die Korrektur und dann unmittelbar in den Druck. Dem Societätsverlag sei Dank. Mitte Mai wird es im Buchhandel erhältlich sein.

California Dreaming

Finale beim Rheingau Gourmet und Wein Festival. Ich habe das Ende mit kalifornischen Weinen begossen… genauer: mit einer recht aufschlussreichen Probe mit dem Master of Wine Konstantin Baum, ein Badener wie ich… Natürlich ist die Wein-Vielfalt eines Bundesstaats mit 200.000 Hektar Weinbau (= 2x Deutschland) nicht in einem solchen Tasting zu ermessen, aber manchmal genügt ja auch eine Art Stichprobe.

Die umfasste auch 4x Chardonnay: Zuerst einen sehr cremigen, tatsächlich sehr an Champagner erinnernden und finessenreichen 2016 Blanc de Blanc brut von Schramsberg, der mir sehr, sehr gut gefiel. Da müssen sich die Franzosen warm anziehen. Danach 3x Chardonnay aus dem Jahrgang 2016: Grgich Hills Commemorative, Ramey Ritchie Vineyard und Paul Hobbs Russian River Valley. Das bestätigte mich einmal mehr in meiner bisherigen Erfahrung, dass mir die Sonoma-Weine im direkten Vergleich fast immer besser gefallen als die aus dem Napa Valley. In diesem Fall Hobbs (sehr harmonisch und perfekt balancierte Fülle) und Ramey (elegant, Zitrus, Frische, sehr eigenständig) klar vor Grgich. Aber: Alle drei Weine liegen zwischen 70 und 100 Euro die Flasche. Da wird die Luft dünn, nicht nur in meinem Geldbeutel. Würde ich bestellen? …. Äh… Nein.

Wechsel zu den Rotweinen. Ja, ich identifiziere mich mit dem Helden von „Sideways“, dem vielleicht besten Wein-Movie ever. Ich liebe Pinot Noir und mag (meistens) keinen Merlot. Also war der marmeladige 2017 Bucella Merlot aus dem Napa auch nix für meinen Gaumen, umso mehr der 2018 Black Stallion Pinot Noir Los Carneros. Viel Pfeffer und Lakritz, aber auch Brombeere, Leder und Schwarzkirsche. Top Pinot, und überdies für 30 Euro fair bezahlt!

Einen Tick stärker (auch weil zwei Jahre länger gereift), aber auch schon doppelt so teuer, der 2016er Goldeneye Pinot Noir aus dem Anderson Valley. Top. Pinot Noir macht einfach so viel mehr Spaß … das gilt auch nach der Verkostung der beiden Premium-Cabernet Sauvignons: 2017 Stag´s Leap Artemis und 2015 Silver Oak aus dem Alexander Valley. Beide so um die 80 Euro, beide sehr gut, aber für das gleiche Geld zöge ich wohl einen Spitzen-Burgunder vor…

Zum Schluss dann 2015 Seghesio Old Vine Zinfandel, wieder aus dem Sonoma Valley. Eigentlich mag ich Zinfandel so sehr wie Pinotage aus Südafrika. Gehört einfach dahin und dazu! Hier ein dichter, fetter Zeitgenosse, wiewohl das Thema Alkoholmanagement und Alkoholreduzierung auch bei der neuen Generation amerikanischer Winzer allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Die Chardonnays schmecken zwar nicht mehr so opulent-holzig, cremig-buttrig, vanillig-fett wie ehemals, aber 14,5 Alkohol haben sie dennoch allemal. Der richtige Trinkfluss will sich nach dem ersten Glas einfach nicht einstellen… den Hobbs Chardonnay und den Black Stallion Pinot nehme ich hier einmal aus… da kam wirklich Freude auf. Ein wenig California dreaming…

Südtirol im Rheingau und Rekord für Pinot

Bei der großen VDP-Weinpräsentation anlässlich des 24. Rheingau Gourmet und Wein Festivals waren diesmal auch fast 30 Erzeuger aus Südtirol dabei. Eine großartige Gelegenheit für eine Querschnittsverkostung durch Weißburgunder und Sauvignon blanc. Zu meinen Favoriten zählten die beiden 2017er Sauvignons von der Kellerei Girlan (DOC Flora) und der Kellerei Kaltern (Quintessenz). Bei den Weißburgundern setzte mich die Kellerei Meran mit dem 2012 (!) Riserva DOC V sehr, sehr positiv in Erstaunen, und ganz großartig auch der 2018er DOC von Nals Margreid aus der Monopollage Sirmian. Wie gewohnt ganz vorne mit dabei die Kellerei Terlan mit dem 2017 Vorberg Weißburgunder Riserva DOC und dem Sauvignon blanc Quarz 2018. Der ist immer eine Bank, und ich widerspreche jenen „Experten“ nicht, die in den Terlanern einen der besten Weißweinerzeuger Italiens sehen.

Eine Bank ist auch der 2018 Chardonnay Lafoa von Schreckbichl, und apropos Chardonnay: 2017 Riserva Freienfeld von der Kellerei Kurtatsch fand ich zwar noch sehr holzig, aber trotzdem sehr gut. Ein Langläufer.

Kleiner Seitenblick nach Deutschland: Sehr gut Dautels 2018 Steingrüben Riesling GG aus Großer Lage und Luckerts 2018 Maustal Silvaner GG (typisch Muschelkalk-Silvaner, love it!) auf Augenhöhe mit dem 2018 Pfülben Sivlaner GG von Schmitts Kinder. In fantastischer Form jetzt aber das 2015 Wallufer Walkenberg Riesling GG von Toni Jost, ein Wein, zum darin Baden! Happy sunday!

Rekordpreis für deutschen Spätburgunder ! 

Das Publikum applaudierte stehend: 18.000 Euro war bei der Weinversteigerung in Kloster Eberbach einem unbekannten Weinfreund die 1920er Riesling Trockenbeerenauslese von Schloss Johannisberg wert. Ein solch hohes Gebot hatte es bei den Versteigerungen im Laiendormitorium des Klosters schon viele Jahre nicht mehr gegeben. Entsprechend euphorisch war die Stimmung am Ende einer vierstündigen Auktion, die in vielerlei Hinsicht bemerkenswert war. Nicht nur wegen des 100 Jahre alten Weinunikats aus der Schloss Johannisberger Schatzkammer, die Ende Januar vorsorglich noch einmal verkostet und neu verkorkt worden war. „Bernsteinfarben mit goldenen Reflexen. Intensive Nase mit ausgeprägten Aromen, die an Orangenmarmelade, getrocknete Aprikose und Feige erinnern“, notierte bei dieser Gelegenheit Stefan Doktor. Für den Schloss-Geschäftsführer war das Ergebnis ein schöner Erfolg auch im Hinblick auf das Jubiläum „300 Jahre exklusiver Riesling-Anbau“.

Insgesamt wurden 5069 Flaschen (Vorjahr 6105) Wein versteigert, ein paar hundert davon gingen über das Internet weg, was eine schöne Entwicklung ist. Der kumulierte Startpreis lag bei 78.000 Euro, der Versteigerungserlös insgesamt bei fast 195.000 Euro (Vorjahr 189.000).

Eigentlich hätte Leo Gros an diesem Tag das 25. Jahr als Auktionator feiern können. Doch wegen eines häuslichen Unfalls von Gros sprang VDP-Ehrenpräsident Michael Prinz zu Salm-Salm, und er machte es gut. Im ehemaligen Schlafsaal der Laienbrüder hatte Bacchus Corona getrotzt. Das Dormitorium war mit rund 500 Weinbegeisterten bis auf den letzten Platz besetzt. Es hatte im Vorfeld sogar eine Warteliste gegeben. Salm-Salm zelebrierte eine Auktion, wie sie das Kloster schon lange nicht mehr erlebt hatte. Vor allem für reife Weine und für Weine in Großflaschen wurden beträchtliche Preise gezahlt.

Das Weingut Allendorf hatte seinen „2018 Goethewein aus dem Brentanohaus“ in eine Zwölfliterflasche gefüllt und erzielte dafür 4500 Euro. Im vergangenen Jahr lag das Spitzengebot für den 2017er in der Großflasche bei 3300 Euro. Das Weingut Balthasar Ress bot eine mit 26 Litern Rüdesheimer Spitzenwein gefüllte „Sovereign“-Flasche mit Apitz-Künstleretikett an und strich dafür 6000 Euro ein. Dagegen wirkte die Sechsliterflasche mit einem Großen Riesling-Gewächs von Schloss Johannisberg fast winzig, obwohl der Preis von 1400 Euro durchaus beachtlich war.

Für 1000 Euro wurden jeweils zwei Dreiliterflaschen Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder aus dem sehr guten Jahrgang 2009 versteigert. Zwei Flaschen Riesling Auslese des Jahrgangs 1970 wurden vom Weingut August Eser für 50 Euro angeboten und für jeweils 450 Euro verkauft. Zweiter Höhepunkt war aber neben dem 100 Jahre alten Johannisberger ein „Assmannshäuser Höllenberger Spätburgunder Natur“ aus dem phänomenalen und seltenen Jahrgang 1945. Greiner hatte für den Benefizwein zugunsten des Hospiz Bergstraße auf mindestens 3000 Euro gehofft und von bis zu 8000 Euro geträumt. Am Ende erhielt ein Weinfreund nach einem heftigen Bietgefecht den Zuschlag erst bei 12.600 Euro!!! Auktionator Salm-Salm setzte ehrfurchtsvoll seinen Zylinder auf und sprach von einem historischen Augenblick. Es ist allem Anschein nach der höchste Preis, der je für einen deutschen Spätburgunder gezahlt wurde. Ein magischer Weinmoment im Kloster. (Angelehnt an meinem Bericht für die FAZ vom 2. März 2020)

Phélan Ségur Vertikale

Nein, es müssen nicht immer die großen Namen und die Premier Crus (s.u.!) sein. Guter Bordeaux muss nicht bösartig teuer sein, und manches Gut aus einer der hinteren Reihen begegnet den Spitzenerzeugern in gewissen Jahren sogar fast auf Augenhöhe. Ein verlässlicher Name ist Phélan Ségur aus Saint-Estéphe, also dem linken Ufer der Gironde, dessen Terroir von Kiesel, Lehm und Ton bestimmt wird. Das 70 Hektar große Weingut wurde 1810 gegründet und hat nach den Familie Delon (ab 1925) und Guardinier (ab 1985) seit 2018 mit Van de Vyver neue Eigentümer. Das Weingut setzt vor allem auf Cabernet-Sauvignon und Merlot, deren Cuvées 18 Monate im Holzfass (50% neue Barriques) reifen, um das Ziel zu erreichen: Bordeaux im klassischen Stil mit Finesse, Eleganz und Balance. Mit Frank Phélan gibt es übrigens auch einen Zweitwein (14 Monate im Holzfass).

Die Vertikalprobe umfasste alle Jahrgänge zwischen 2008 und 2016 mit Ausnahme des 2013er. Dabei waren die Jahrgangsunterschiede durchaus prägnant, beispielsweise der präzise, puristische, zupackende, wenngleich noch verschlossene 2016er und der elegantere, fast weiche, cremig-würzige 2015er. 2016 gehörte zu meinen drei Favoriten, daneben der opulente, volle, extrem nachhaltige und würzige 2009er und der sich im Glas phänomenal entwickelnde 2011 mit seiner zupackenden Fülle und seiner geschmeidigen Eleganz. Ganz so „preis-wert“ wie noch vor einigen Jahren ist allerdings auch Phélan Ségur nicht mehr: Je nach Jahrgang werden in der Regel 40 bis 50 Euro fällig… also ich greife zu diesem Preis dann doch fast eher zum spannungsgeladeneren  Pinot Noir…

Wein-Momente, Wein-Monumente !

Chateau Mouton Rothschild! Eine Legende. 118 Jahre hatte das Weingut warten müssen, bis der „Fehler“ der Klassifikation von 1855 endlich behoben wurde und es 1973 in den Kreis der (dann fünf) Premier-Cru-Weingüter des Bordeaux aufgenommen wurde. Dabei hatte das Weingut immer wieder bewiesen, dass es in die erste Reihe gehört, und der 1945er Mouton gilt manchem Bordeaux-Fan als der allerbeste überhaupt.

Ein Wein, nicht von diesem Planeten. Punkt. Nun, dieser 1945er Mouton – zeitweise übrigens der teuerste Wein der Welt – war mir bislang noch nicht vergönnt, aber aus dem Kronenschlösschen-Keller gab es bei der diesjährigen Probe immerhin fünf Moutons auf fünf Jahrzehnten: 1966, 1976, 1986, 1995, 2006 Dabei war die Weingut-Stilistik und die Prägung durch den Cabernet Sauvignon mit dem ihm typischen Aromenspiel gut erkennbar. Gemessen am Jahrgang hätte eigentlich der von der Weinkritik hochgelobte 1986er die Nase vorn haben müssen. Das hatte ich so erwartet. Tatsächlich gab es eine Überraschung, denn – nicht nur – mich überzeugte der 1976er mit samtigen Schmelz, schöner Präsenz, langem Nachhall. Schwarze Johannisbeere, Röstaromen, Tabak, ein wenig Zedernholz, Minze, eine Spur Leder, auch ein paar kräuterige Noten.

Aromen, die in unterschiedlicher Reihung und Prägung auch die anderen Jahrgänge bestimmten, doch 1976 war offenbar auch eine perfekte Flasche. 2006 eindeutig noch drei bis fünf Jahre zu jung, 1995 straff und gut, 1986 eher unruhig und nicht ganz so präzise und harmonisch wie erwartet. 1966 recht gut, obwohl der Füllstand nicht mehr ideal war, und die letzte 1966er-Flasche im Keller des Kronenschlösschens ist damit Geschichte!

Assmannshäuser Höllenberg

2009, 2010 und 2011 (jeweils Goldkapsel bzw. Cabinet), dazu 2005 als Mauerwein und vor allem 1945 Spätburgunder Natur

Über die jüngeren Jahrgänge ist schnell geschrieben: Der Sieger ist ganz klar 2011 mit seiner wahnsinnigen Geschmeidigkeit, seiner Eleganz, einer samtigen Würze, schönem Cassis. Dahinter blieb 2009 für mich überraschend deutlich zurück, und 2010 hatte für Spätburgunder einfach nicht das Potential wie 2009 und 2011. Bei Riesling ist das anders. Der 2005er Pinot Noir aus einem sehr warmen Jahr, „enttäuschte“ (wir kritteln auf höchstem Niveau!) insofern, als der Wein mit Blick auf das Mostgewicht offenbar ein paar Tage zu spät gelesen wurde. Die leichte Überreife der Beeren führte dann zu schöner Dichte und Konzentration, aber auch zu Rumtopf-Aromen, die ganz und gar nicht meine Sache sind.

Göttlich dagegen der 1945er Natur. Ein Monument. So gut wie keine Brauntöne! Fast jugendlich wirkend, sehr würzig und zugleich samtig, hohe Eleganz, Trinkfluss. Mit seiner Frische und Eleganz, seinen Aromen von Zedernholz, Tabak, Cassis, Himbeere, Veilchen und Räucherspeck war der Wein spannender als alle fünf Jahrgänge des ungleich teureren Kultweins „Chateau Mouton Rothschild“ (s.o.). Bin sehr gespannt, wie der Wein bei der Versteigerung am 29. Februar im Kloster Eberbach gehandelt wird!

Griff in die Schatzkammer!

Welches Weingut kann schon eine Riesling-Phalanx aus den 1940er Jahren auftischen? 1940, 1941, 1943 und 1947 Rauenthaler Gehrn Riesling trocken ! Trocken? Ja, trocken! Ein hochspannendes Quartett aus der Eberbacher Schatzkammer (siehe auch meinen Bericht in der FAZ vom 25. Februar 2020).

Von den drei Kriegsjahrgängen gefällt 1940 mit seinem Schmelz und der Fülle am besten. Vergleichsweise schwach hingegen 1941, der am Gaumen eine wenig erfreuliche Schärfe entfaltete und auch sonst vor allem sauer wirkte. Gut hingegen 1943, wenn auch der 1940er in allen Belangen jeweils einen Tick besser war. Herausragend und Flight-Sieger der 1947er mit samtigem Schmelz, guter Fülle, Nachhall. Das macht auch heute noch richtig Spaß, nicht nur wegen der Ehrfurcht. Applaus!

Das war längst nicht alles. Doch ich erspare mir jetzt, auf die vier Auslesen aus der Hochheimer Domdechaney näher einzugehen (1953 war übrigens der Hammer, weit vor 1967, 1979 und 1989), lobe stattdessen das 2010er Rüdesheimer Schlossberg Riesling GG (aus der Magnum! Ich liebe große Flaschen!) und verneige mich vor der 2015er Domdechaney Auslese Goldkapsel.

Doch der Star war natürlich die 1920er Rauenthaler Wieshell Riesling Trockenbeer-Auslese. Eine bernsteinfarbene Riesling-Majestät von nicht zu erwartender Vitalität dank belebender Säure. Sehr elegant, irgendwie zeitlos. Feine Noten von reifen Rosinen, ein wenig getrocknete Feige, dazu gebrannter Karamell, ein Hauch von Räucherspeck im Hintergrund, eine Prise Blutorange, Andeutungen von Fenchel, Räucherspeck… ein nachhaltiger, immer noch komplexer Charakter-Wein mit Tiefgang, über den man lange fachsimpeln, aber nicht streiten kann. Wow!  

Schluss mit dem Etikettenschwindel!

Im Wein liegt keineswegs nur Wahrheit. „Johannisberger Erntebringer“ ist ein gerne gepflegter Etikettenschwindel auf der Weinflasche. Denn der Tropfen muss nicht einmal aus Johannisberg stammen. Doch das muss endlich aufhören. Denn ein Rheingauer Riesling namens „Rauenthaler Steinmächer“ muss keinen einzigen Tropfen Wein auf dem zu Eltville gehörenden Weindorf Rauenthal enthalten. Vielmehr dürfen Weinpartien aus bis zu 27 Einzellagen im vorderen Rheingau unter diesem Namen vermarktet werden.

Gemäß Weingesetz ist die Verwendung dieser Großlagen völlig legal, obwohl sie nichts anderes als eine große Verbrauchertäuschung sind. Doch der Deutsche Weinbauverband, der die Interessen von Fassweinwinzern, Spitzenerzeugern und Genossenschaften unter einen Hut bringen muss, tut sich mit jeder Veränderung schwer. Doch an enier Reform des Weingesetzes führt kein Weg vorbei. Ziel ist die Vereinfachung des Bezeichnungsrechtes, um für den Verbraucher mehr Klarheit und Transparenz herzustellen. Und die Herkunft eines Weins soll endlich wichtiger sein als das Mostgewicht, um das sich in Zeiten des Klimawandels die wenigsten Winzer Sorgen machen müssen.

Es geht um eine neue Qualitätshierarchie nach dem Prinzip: Auf jedem Etikett soll die Herkunftsangabe zugleich ein Qualitätsversprechen sein. Und je enger diese Herkunft gefasst ist, desto höher diese Qualität.

Basisqualität im Rheingau für den alltäglichen Trinkgenuss wäre demnach ein „Rheingau Riesling trocken„. Qualitativ – und preislich – darüber stünde in der Hierarchie der Ortswein, beispielsweise ein „Rauenthaler Riesling“. Dieser Name wäre dann tatsächlich verpflichtend: Die dafür gekelterten Trauben dürften ausschließlich in Rauenthaler Weinbergen geerntet worden sein. An der Spitze der Qualitätspyramide stünden schließlich die Weine aus einer Einzellage wie dem „Rauenthaler Baiken“. Für den Großlagenwein „Rauenthaler Steinmächer“ wäre in dieser Hierarchie eigentlich kein Platz mehr. Doch nach dem üblen Kompromiss, den der Deutsche Weinbauverband nach zähem Ringen und gegen den erbitterten Widerstand vieler Genossenschaften gefunden hat, bleibt die Großlage als Qualitätsstufe zwischen Basiswein und Ortswein weiterhin erhalten.

Einziger Fortschritt: Nach einer Übergangsfrist von drei Jahren nur noch mit dem Zusatz „Region“. Ob ein Wein mit der Bezeichnung „Region Rauenthaler Steinmächer“ tatsächlich die notwendige Klarheit und Abgrenzung von den Einzellagen bringt, ist mehr als fraglich. Erst nach weiteren fünf Jahren soll geprüft werden, ob auf die Großlagen nicht doch ganz verzichtet werden kann, oder ob sie begrifflich nur noch als „Region Steinmächer“ verwandt wird – also ohne den Gemeindenamen Rauenthal.

Der Rheingauer Weinbaupräsident und Martinsthaler Winzer Peter Seyffardt hätte sich den völligen Verzicht auf die Großlagen gut vorstellen können. Zumal das vom Klimawandel längst ad absurdum geführte Qualitätssystem für trockene Weine mit den Stufen Kabinett, Spätlese und Auslese weiter erhalten bleiben soll. Ein Wahnsinn. Unabhängig von den politischen Festlegungen kann der Rheingau allerdings über die künftigen Vorgaben des Bundes hinausgehen und sich strengere Regeln geben. Das sollte er auch tun.

Seyffardt kündigt entsprechende Diskussionen und Vorschläge an. Dabei geht es auch die Zukunft der Kategorien „Großes Gewächs“ und „Erstes Gewächs“ für trockene Spitzenweine. Denkbar ist, dass das „Erste Gewächs“ künftig für Lagen verwendet werden kann, aus denen in den zurückliegenden fünf Jahren kein Großes Gewächs (bislang Erstes Gewächs) erzeugt worden war.

Der VDP ist unzufrieden. Den Kompromiss hält er für das „das absolute Minimum“. Für einen größeren Erfolg seien wesentlich weitergehende Einschränkungen notwendig: „Der vollständige Verzicht auf die Großlage würden Erfolg aller maßgeblich erleichtern“. Sollte der aus Sicht des VDP gefundene Minimalkompromiss keinen Bestand haben, beispielsweise, weil die Genossenschaften noch mit Erfolg politisch intervenieren, sieht der VDP eine Spaltung der deutschen Winzerschaft voraus: Dann „wird die Zukunft des deutschen Weinbaus in dem Beschreiten unterschiedlicher Wege liegen“, weil viele Winzer nicht bereit seien, sich auf „einen kleinsten Nenner, voller Verwässerungen und Parallelitäten“ einzulassen. Aus Sicht des VDP ist es Fünf vor Zwölf für Veränderungen. Der deutsche Weinbau stecke in einer strukturellen Krise. Der Inlandsanteil sei bei Verbrauch unter die 40 Prozent-Marke gesackt, der Export sei massiv eingebrochen. Das sind keine guten Nachrichten für die Branche, die das Deutsche Weininstitut gerade erst um die Botschaft ergänzte, dass der Weinabsatz 2019 über alle Verkaufskanäle um fast ein Prozent zurückging und der Pro-Kopf-Verbrauch auf 20,1 Liter absackte. (angelehnt an meinen Text in der FAZ vom 19.2.)

Südafrika 2020

 … das könnte ein längerer, ausufernder Essay über die Weine vom Kap überschrieben sein. Ein Blog allerdings beschränkt sich auf das Wesentliche, zumindest nach meinem Verständnis. Auch wenn dann die Weine von rund zwei Dutzend besuchten Weingütern nicht in der gebührenden – oder gebotenen – Ausführlichkeit besprochen werden können.

An der grundsätzlichen Misere des südafrikanischen Weinbaus hat sich indes wenig geändert. Es ist für viele Erzeuger schwer, Flaschenweine hoher Qualität zu exportieren, weil die Preise dann Schwellen überschreiten, die den Absatz hindern. Ein frischer Chenin blanc beispielsweise, der ab Weingut etwa sieben Euro (Rand-Kurs rund 1:16) kostet (und im guten Restaurant nur wenig mehr…) wird um 50 bis 100 Prozent teurer, bis er in Deutschland ist. Und dann wird die Luft in einem umkämpften Markt eng. Und wer kauft hier Pinotage zu Flaschenpreisen von 50 Euro und mehr…?!? Doch von Anfang an.

Es ist immer eine gute Idee, am Meer zu starten und das Hemel-en-Aarde-Valley hoch und runter abzugrasen.

Hier gibt es übrigens den vielleicht besten Chardonnay des Landes: Ataraxia. Ein Wein mit Trinkfluss ohne Limit, egal ob 2017 oder 2018. Nicht viel schlechter die Weine bei Bouchard-Finlayson, vor allem der Missionvale und der Kaaimansgat Chardonnay. Die kühle Atlantik-Brise lässt auch außerordentlichen Pinot Noir (2018 Galpin Peak) heranreifen.

Bei Sumaridge überzeugte so richtig nur der 2015 Chardonnay, ansonsten ist noch Luft nach oben, bsp. bei Wayfarer Pinot Noir Sekt. Eine Freude war es diesmal, die Weine von Newton Johnson zu verkosten, sowohl Chardonnay als auch Sauvignon blanc und Pinot Noir. Höhepunkt jeder Tour ist immer der von Wein begleitete Lunch bei Creation. Fast drei Stunden Dauergenuss in wunderschöne Landschaft, dazu ein 2019 Cool-climate Chenin blanc und ein 2018 Reserve Chardonnay. Mit dem „Ficks“ und dem „Wine Glass“ gibt es übrigens zwei neue Restaurants, die neben Harbour Rock und Char’d Grill die kulinarische Landschaft bereichern.

Diesmal hatte ich endlich Zeit, Botrivier zu erkunden und mir Gabrielskloof, Luddite, Beaumont und Benguela Cove für ein Tasting anzusehen. Bei dem 65 Hektar großen Weingut Gabrielskloof gefielen mir vor allen die Syrah on Sandstone und on Shale, bei Luddite der Chenin und bei Benguela Cove der Estate Chardonnay. Eine besondere Freude ist immer der Ausflug nach Stanford, um sich von Susanne Schneider auf Springfontein auf das Allerfeinste bewirten zu lassen und dazu Chenin blanc der Terroir Selection zu trinken. Geht anders, aber nicht besser!

Und sonst? Natürlich die Sauvignon blanc von Southern Right nicht vergessen und die Chenins von Beaumont, wo die Rebsortenvielfalt übrigens ihresgleichen sucht. Ist eine Besuch wert. Weiter nach Franschhoek, dem Place to be!

Ich habe mich mal wieder zu einem Tasting bei Lepards Leap durchgerungen und war angenehm überrascht, dass auch dort die Qualitätskurve nach oben geht (beispielsweise der Chenin blanc aus der Culinaria Collection). Hut ab vor dem 2018 Grand Vin. Natürlich waren wir mal wieder kurz bei Reni Hildenbrand und haben dort der Rheingauer Praktikantin und Es-Weinkönigin Katharina Bausch die Hand geschüttelt, um dabei 2019 Chenin blanc und 2016 Chardonnay zu trinken.

Ein Lunch bei Grande Provence gehört in Franschhoek einfach dazu (grandioses Filetsteak!), ebenso der 2018 Chardonnay. Eindrucksvoll war die Kellertour und VIP-Verkostung bei Anthonij Rupert. Was für ein (Rotwein-) Keller (einer von vier!) ! Muss man gesehen haben.

Mein Lieblings-Lunch-Platz ist und bleibt La Motte. Punkt. Erstmals habe ich es zu Maison um die Ecke geschafft und die Kollektion probiert. „Chefs Warehouse“ habe ich mir für 2021 schon fest vorgenommen. Abends natürlich Reubens und Foliage!

Wer sehen will, wie es aussieht, wenn (ukrainische) Geld keine Rolle spielt, der gehe zu Quoin Rock. Imposant, und trotzdem schwer zu beschreiben. Wow. Wenn irgendwann noch Weinqualität und Architektur eine Einheit bilden, dann wird das kaum auszuhalten sein. Doch noch ist in der Flasche viel Luft nach oben (nicht aber bei den happigen Preisen….) Zum Pflichtprogramm für eine Wahl-Rheingauer gehört natürlich ein Besuch bei Paul Barth und „Kunjani“. Süffiger Chenin und Sauvignon.

Ein Wechsel zur Südseite des Tafelbergs. Erstmals habe ich Cape Point Vineyards besucht und war sehr positiv angetan, weinlich vor allem von der Isliedh-Cuvee, aber natürlich auch von Ausblick und Ambiente.

Fixpunkt im Reiseprogramm ist hingegen immer Dornier nahe Stellenbosch. Obwohl mir das Küchenprogramm jetzt nicht mehr zusagt, ist der Platz dank Wein und Terrasse ein überwältigend schön. Der Chenin „Moordenaarskloof“ war einer meiner Favoriten dieser Rebsorte. Eindrucksvoll auch Lanzerac, wo vom Brand 2017 nichts mehr zu sehen ist. Auferstanden aus Ruinen, und der Mrs. Englisch Chardonnay ist einfach lecker. Wer Pinotage liegt, schaue mal bei Aaldering im Devon Tal vorbei (nebenbei: die beste Unterkunft rund um Stellenbosch!): Hier gibt es gleich vier interessante Variationen: Pinotage weiß gekeltert, Pinotage rosé, Pinotage im Stahl ausgebaut und – mein Favorit – Pinotage Estate aus dem Holzfass.

Zu guter Letzt dieser unvollständigen, willkürlichen und holzschnittartigen Übersicht: Zevenwacht. Besser lassen sich nirgend die letzten Stunden vor am Rückflug verbringen (auch nicht bei Asara, was sonst immer eine sehr gute Idee ist…) Zevenwachts 2018 Tin Mine White Blend ist Spitze. DER Abschiedstrunk. See you 2021.

Ein 1920er! Wirklich!

 Gefühlt unendliche Male wurde an mich schon die Frage gerichtet, ob man diesen (alten) Wein denn noch trinken kann. Mit „alt“ meinten die vermeintlichen Weinfreunde dann alles, was länger als fünf Jahrgänge zurückliegt. Sie hatten das Wesen des Rieslings (und Spätburgunders) nicht verstanden. Natürlich sind die Zeiten lange vorbei, als diese Weine in den Rheingauer Gewölben durchschnittlich acht bis zwölf Jahre lagern mussten, ehe ihnen endlich Trinkreife bescheinigt wurde. Den 1811er genoss Goethe immerhin schon im Abstand von nur fünf Jahren bei seinem Besuch im Rheingau, auch wenn er ebenso lustvoll dem 1806er zusprach. Heute lieben wir die edelsüßen Rieslinge von 1953, 1971 oder 1976. Ich habe auch noch eine 1961 Gräfenberg Auslese im Keller. Aber ein 100 Jahre alter Wein? Das kommt auch mir nicht alle Tage auf die Zunge.

Das Verdienst gebührt Kathrin Puff, der seit knapp zwei Jahren verantwortlichen Önologin der Hessischen Staatsweingüter. Puff zwar zuvor lange Jahre in Thailand, aber jetzt lebt sie in Hallgarten. Und ihre Mission ist es, die Qualität der Weine im Steinbergkeller zu heben. Meine ordnungspolitischen Vorbehalte gegenüber staatlichen Weingütern im Allgemeinen sind allgemein bekannt und haben an dieser Stelle nichts verloren. Denn es geht um den Wein. Und der macht Freude. Ich hatte die Gelegenheit zu einem Streifzug durch den Keller, um einen ersten Eindruck von den größtenteils noch unfertigen 2019ern zu gewinnen, und die stimmen hoffnungsfroh. Der erste Jahrgang, den Puff von Anfang bis Ende verantwortet, erfreut mit Klarheit, Finesse und Tiefgang. Vor allem die Weine aus dem Neroberg, dem Steinberg, dem Marcobrunn und dem Roseneck lassen sich im Glas sehr, sehr vielversprechend an. Da kommt vielleicht Großes auf uns zu.

2018 hat sich unterdessen recht gut entwickelt. Im direkten Vergleich der beiden GGs Baikenkopf und Marcobrunn hat letzterer die Nase vorn mit seiner maskulinen Art, seiner Konzentration und Fülle ohne deshalb gleich zu breit zu wirken, und seinem langen Nachhall. Baikenkopf hingegen sehr auf der filigranen, eleganten Seite, aber mit einer für ein GG fast zu prägenden Säure. Die wird den Wein aber sicherlich zu einem Langläufer mit großer Kondition machen. Aktuell aber gefällt mir der würzige Baiken aus VDP. 1. Lage mit seiner zupackenden Würze deutlich besser.

Verkostet habe ich übrigens auch noch 2016 und 2017 Höllenberg Spätburgunder, und 2016 empfand ich als grandioser, typischer Vertreter des Höllenbergs mit feiner Cassis-Note und anderen roten Beerenfrüchten, ein wenig Tabak und Lakritz, dazu Leder im Hintergrund. Wow.

Doch halt, die Leser dieses Blogs interessiert vor allem der 1920er. Ein Spitzenjahrgang in Deutschland mit einer guten Erntemenge von 2,44 Millionen Hektolitern. Die Winzer strahlten über Menge und Güte, während die Bauern über die Maul- und Klauensuche fluchten, an der 12 Millionen Tiere erkrankten. Politisch war es aufregend. Der Kapp-Putsch gegen die Reichsregierung scheiterte am Generalstreik der Gewerkschaften. In Indien machte ein gewisser Mahatma Gandhi erstmals auf sich aufmerksam. Und der Staatliche Domänenweinbau erzeugte in Eltville eine 1920 Rauenthaler Wieshell Trockenbeer-Auslese, die ich verkosten durfte. Farblich übrigens keine dunkelbraune Coca-Cola, sondern mit rubinroten Reflexen und von eher zartem Rot-Braun. Am Gaumen dezent rauchige Noten, deutlich Sternanis und auch Fenchel, aber viel reife Rosinen. Kein unangenehme Firne, sondern sehr zurückhaltende, aber feine Reifenoten. Die Süße nach 100 Jahren nur noch recht verhalten, der Wein wirkt heute sogar eher feinherb denn süß. Im Gegensatz zu vielen älteren Weinen, die man nur der Hochachtung und aus Interesse auf die Zunge lässt, ein echter Genuss und sehr gut trinkbar. Ein Erlebnis. So, und damit der Neid vollkommen ist: Es gab auch noch 1953 Rauenthaler Baiken Riesling Trockenbeerenauslese Naturrein!!! Ein wirklich feiner, präsenter, fast jugendlich wirkender Süßwein von hoher Konzentration mit akzeptabler Säure. Ein Monument, um dessen Zukunft auch bei weiterer Lagerung niemand bange werden muss! Ciao aus dem Steinbergkeller!

Mein Kellerbuch kommt!

Guter Wein und guter Sekt werden im Weinberg, nicht im Keller gemacht. Doch die Weinkeller der Region sind zentrale Stätten der Rheingauer Weinkultur. In ,einem ersten „Kellerbuch“ porträtiere ich mehr als 30 weinbaulich interessante, historisch bedeutsame oder architektonisch bemerkenswerte Weinkeller. Ich beleuchte in prägnanter Kürze die Entstehungsgeschichte der Weingewölbe, schaue mich den Schatzkammern der jeweiligen Kellern nach besonderen Gewächsen um, skizziere die Nutzung über die Jahrhunderte hinweg und beschreibe die aktuelle Bedeutung für das jeweilige Weingut und ihre Ausbaumethoden im Keller. Informationen und Daten sowie Tipps, wann die Keller besichtigt werden können und worauf zu achten ist, runden den repräsentativ ausgestatteten Band ab, den Fotograf Hermann Heibel optisch in Szene setzt. Ein Buch für alle Freunde der „Rheingauer Unterwelten“, das dank des Societätsverlags Frankfurt ab Mai im Buchhandel erhältlich sein wird. Seid gespannt!  

Neues von der Verkostungsfront

Gaja 1999 Barbaresco DOCG – ein kleines Monument, verkostet in Wegelers Popup-Winebar, die ich jedem nur ans Herz legen kann!

St. Antony, Nierstein – Hipping 2014 & 2015 Riesling Großes Gewächs. Sehr schön, wenn sich die Jahrgangsunterschiede zwischen 2014 (graziler, rassiger, mehr Finesse) und 2015 (Opulenz, Cremigkeit, breite Schultern, Fülle, Dichte) so gut herausschmecken lassen. Kleines Lehrstück am Gaumen!

Schwedhelm, Pfalz: 2017 Weißburgunder. Schon lange keine Geheimtipp mehr, was in dieser entlegenen Ecke der Pfalz an herausragenden Weinen produziert wird. Dieser Weißburgunder hat Schmelz und Charakter. Für Fans der Rebsorte ein Pflichtprogramm.

Schloss Westerhaus, Ingelheim: 2018 Ingelheimer Chardonnay Y86 – holzgeprägt, gute Anlagen, cremig, Vanille, langer Nachall… viel zu jung

Genheimer-Kiltz, Gutenberg: 2013 Gutenberger Felseneck „Beste Lagen“ Pinot Noir trocken – sehr lecker, sehr jugendlich, gute Säure, Finesse, Tiefgang

Domdechant Werner, Hochheim: 2016 Domdechaney VDP. 1. Lage Riesling trocken – sehr dick, zäher Trinkfluss, Strunzwein oder zum Essen

Heinrich Spindler, Pfalz: 2017 Elster Riesling trocken – absolute Neuentdeckung für mich gut. Gut. Merken!

Wein-Freuden um den Jahreswechsel

Joh. Jos Prüm: 2009 Wehlener Sonnenuhr Riesling Auslese – unverkennbar Prüm, unverkennbar Mosel, unfassbar gut. Wow-Effekt zum Jahresausklang.

August Kessler, Lorch: 2018 Seligmacher Riesling GG – eines der besten im Rheingau, wenn man ein wenig Restsüße mag…

Chat Sauvage, Johannisberg: 2014 Pinot Noir Rosé – interessant gereift, guter Essensbegleiter

Weedenborn, Rheinhessen: 2018 Terra Rossa Sauvignon blanc – kaum zu glauben, dass das so gut in Deutschland möglich ist

Steilgut Weine, Mosel: 2018 Bremmer Calmont Südwand Riesling – fein, elegant, typisch Mosel

Künstler, Hochheim: 2017 Assmannshäuser Rosé brut nature – Spitzensekt, der zeigt, wie sehr gut „sehr trocken“ schmecken kann…

Allendorf, Winkel: 2016 Charta Riesling „Weihnachten 2018“ Magnum… letztes Jahr blieb diese Magnum versehentlich ungeöffnet, und das Jahr mehr Reife hat ihr wohl gutgetan…

Dornier, Stellenbosch: 2013 Donatus White … fast immer einer meiner favorisierten RSA-Weißwein-Cuvées, und nach 6 Jahren Reife nahezu perfekt

Weil, Kiedrich: 2015 Turmberg Riesling trocken – straff, präzise, cremige Finesse, top; noch besser 2013 Gräfenberg GG aus der Magnum… DER Wein am Silvesterabend….

Van Volxem, Saar: 2016 Scharzhofberger Riesling… markant, eigenständig, komplex, fordernd!

Georg Breuer, Rüdesheim: 2016 Schlossberg Riesling … monumental gut, straff, fein, gute Säure, Trinkfluss, Tiefgang, lecker!

Knipser, Pfalz: 2012 Kirschgarten Spätburgunder GG aus der Magnum… hochelegant, würzig, viel Tabak, Teer, Leder, Cassis… top in Form!

Lageder, Südtirol: 2016 Chardonnay Löwengang – sehr eleganter Chardonnay mit Zug und Grip, präzise auf dem Punkt, Benchmark!

Sohns, Geisenheim: 2014 Kläuserweg Riesling 1. Gewächs Magnum… sehr gut gereift. Ein weiteres Beispiel dafür, dass die 2014er Riesling jetzt aus dem Tal kommen und zu strahlen beginnen…

Altenkirch, Lorch: 1988 Lorcher Kapellenberg Riesling Kabinett Charta… mehr als 30 Jahre alt und leider trotz Magnum-Flasche schon dahingeschieden… ehrwürdig, aber tot.

Kaufmann, Hattenheim: Pinot Noir brut, eleganter Rot-Sekt mit Finesse und Zug, sehr weinig am Gaumen, Rarität und Spezialität für Kenner…

Der feine Club der Rüttler

… so habe ich meinen traditionellen FAZ-Text zum Thema Sekt überschrieben. Den Anlass gab die neu formulierte Abgrenzung zu Industriesekten durch den „Verband traditioneller Sektmacher“. Der Name ist neu. Bislang firmierte die Vereinigung der rund 30 ambitionierten Sekterzeugern als „Verband der traditionellen Flaschengärer“. Ziel ist eine Art Sekt-VDP… und das klingt erstmal gut. Noch besser sind die Sekte, und hier meine Empfehlungen für den angemessenen Jahreswechsel.

Allen Lesern dieses Blogs wünsche ich ein maximal erfolgreiches Jahr 2020!

Meine Rheingauer Sektempfehlungen aus klassischer Flaschengärung: Wein- und Sektgut Barth, Hattenheim: 2013 Schützenhaus Riesling brut nature, 35 Euro Schloss Vaux, Eltville: 2015 Rheingauer Réserve Riesling brut, 21 Euro Sektkellerei Bardong, Geisenheim: 2015 Chardonnay brut, 22 Euro Wein- und Sektgut F.B. Schönleber, Mittelheim: Riesling Prestige brut, 19 Euro

Adventsproben

 AdvENTE

Das Weingut Egert in Hattenheim bietet an den vier Sonntagen vor Weihnachten ein außergewöhnliches kulinarisches Erlebnis: eine im Smoker final zubereitete Ente, natürlich mit Kloß und Rotkraut. Großartig. Nebenbei lässt sich herausfinden, dass die Qualität der Weine weiter im Aufwind ist. Schon die 2018er Spätlese trocken aus dem Wisselbrunnen ist eine Freude. Hochspannend ist der Vergleich der beiden Großen Gewächse: Mittelheimer St. Nikolaus RGG vs. Hattenheim Wisselbrunnen RGG: Der jeweilige Favorit ist eine Frage der Stilistik und persönlicher Vorliebe. Bei mir hat Wisselbrunnen die Nase ob seiner Präzision und Finesse.

Speicher-Schuth, Kiedrich

Auch Ralf Schuth öffnet im Advent vor Weihnachten mehrfach seine Pforten und stellt den aktuellen Jahrgang vor. Nebenbei: Die Schänke ist jetzt mit der Vinothek im Erdgeschoss eine Einheit eingegangen. Lohnt sich! Zudem kann jeder Winzer hier studieren, wie man eine Schänke baut, in der die Geräuschkulisse auch bei voller Hütte höchst erträglich ist. Großes Lob! Auch für die Weine, unter denen für mich diesmal 2018 Wasseros und Gräfenberg trocken hervorstechen. Kleine Einschränkung: Fast alle (trockenen) Weine sind 2018 nahe an der 10g-Restzuckergrenze angelangt. Das ist nicht so mein Ding, weil die Restsüße für mich den feinen Charakter der Schuth-Weine zu sehr maskiert. Zumindest einen Weißen im Sortiment würde ich mit knalltrocken wünschen, denn Substanz und Klarheit würden noch stärker hervortreten. Vielleicht 2019?

Steinmacher & Sohn, Kiedrich

Auch hier gibt es Kiedrich Gräfenberg – zum Preis von 8 Euro! Das hat die Top-Lage nicht verdient. „Wibbes“ hat allen Grund, seine Qualitätspyramide und eine Preisgestaltung zu überdenken, denn die Weine haben es allesamt verdient und zeigen zudem ein sehr gutes Reifepotential. 2016 Gräfenberg ist dafür ein gutes Beispiel, ebenso 2015 Wasseros. Gute Anlagen zeigt auch das 2017 Erste Gewächs aus der Lage Sandgrub. Eigenständig und gut auch 2018 Klosterberg aus der Terroir-Linie.

Barth, Hattenheim

Kleiner Trip für meine jährliche Sektstory in der F.A.Z. zu Mark Barth nach Hattenheim: Diesmal nur „ganz oben“ zugegriffen und 2013 Barth Ultra, 2013 Schützenhaus brut nature (VDP 1. Lage) und 2013 Hassel brut nature (VDP Große Lage) verkostet. Geplättet. Selig wieder nach zurück an den Schreibtisch. Mann, was gibt es für tolle Sekte in Deutschland, Silvester ist gerettet. Weihnachten auch. Also FAZ lesen!

1983 Chatau Maucaillou Moulis

Manchmal muss es einfach ein Bordeaux sein. Und wenn die „Ente“ im Nassauer Hof in Wiesbaden zu einem fantastischen Vorweihnachtsmenü einen bezahlbaren im Angebot hat, dann heißt es zugreifen… mein ein guter Freund tat es und orderte! Perfekt, fleischig, gut gereift ohne müde zu wirken, ein echtes Erlebnis. Daneben Stieglers 2016 Fohrenberg Chardonnay, auch gut! Vorweg ein Roederer Premier brut… viel Zitrus, erfrischend, alles andere als brotig und oxydativ, so darf und muss Schampus schmecken… immer nach dem nächsten Glas!

Künstler, Hochheim 2009 Domdechaney Riesling trocken

… ein Pfundskerl von einem Wein! Wie der Winzer! Da kommt am Gaumen wirklich Freude auf, wenn man solch gut gereiften Weine trinken darauf. Hochlecker, Trinkfluss, Danke Gunter!

Aus dem Verkostungstagebuch

Reifer Riesling

Gute Freunde im Haus zu haben, bietet immer den Anlass, ein paar Schätzchen zu entkorken, um dem Reifepotential des Rieslings nachzuspüren. Der 1999er Rüdesheim Berg Schlossberg Riesling von Georg Breuer zeigt exemplarisch, wie großartig die Weine kurz vor der Jahrtausendwende geraten konnte. Ehrlich gesagt war ich noch immer auf einen 1999er, der besser ist als dieser ! Gefunden habe ich ihn noch nicht. Dass auch vor dem Klimawandel – der im Rheingau 1988 den Schalter umgelegt hat – in den 80ern gute Weine machbar waren, zeigt Diefenhardts 1986er Martinsthaler Wildsau Riesling Spätlese. Da waren die Spätlese noch nicht übersüßt, sondern von einer Strahlkraft und Finesse, die richtig Spass macht. Trinkspass. Vielleicht noch zu jung der 2007er Schloss Johannisberger Riesling Erstes Gewächs. Solo ein wenig sperrig, aber ein feiner Essensbegleiter, sogar zum Filet.

Heger, Ihringen 2016 Winklerberg Chardonnay – so ein Mist, KORK !!!!!!!!

Weil, Kiedrich 2006 Gräfenberg Riesling Auslese – kein einfacher Jahrgang, aber glänzend gelöst. Edle Reife, aber anders als andere Auslese…. fällt in jeder Vertikalprobe deutlich auf.

Weedenborn, Rheinhessen 2016 Chardonnay Réserve – klasse Chardonnay von der Sauvignon blanc Königin Rheinhessen! Gesine Roll hat es einfach drauf, Kompliment.

Jurtschitsch, Kamptal 2016 Ried Schenkenbichl Grüner Veltliner so was geht in Deutschland nicht… Paradebeispiel für die Rebsorte, exzellent!

Graf Adelmann, Kleinbottwar 2011 Lemberger „Der Schwarze Loewe“ GG – der beste Lemberger, den ich in jüngerer Zeit getrunken habe! Großes Kino! Benchmark für die Rebsorte in Deutschland.

August Kesseler, Assmannshausen 2015 & 2016 Höllenberg Pinot Noir GG – gigantisch gut, großes Pinot-Kino… geht das besser? Dazu 2012 Schlossberg Riesling GG. Groß.

Luce…. 2012…. Als Vittorio Frescobaldi Anfang der 90er Jahre Robert Mondavi trifft, nimmt ein neues Kapitel in der Geschichte der großartigen toskanischen Weine und in der Geschichte der Qualitätsweine seinen Anfang. Aus der Begegnung der beiden Partner entstand Luce… so die Eigenwerbung für einen Super-Toskaner, von dem ich eine einzige Flasche im Keller hatte und jetzt nicht länger widerstehen konnte: Es hat sich gelohnt: Ein dichter, komplexer, voller Roter mit viel Tannin, Tabak, Lakritz und Würze, großer Nachhall, perfekt zum Filet… und ein Sonnenstrahl an diesem trüben Dezembertag…

Legras & Haas, Chouilly Intuition brut – Champagner-Neuentdeckung. Trinkfluss, typisch, klassisch, gut, lohnt sich.

Neues aus dem Verkostungstagebuch

Groebe, Westhofen

Fritz Groebe ist eine Seele von Winzer. Ein super Typ! Und ein Rheinhessischer Spitzenerzeuger dazu. Mit Wittmann und Keller in der Nachbarschaft bildet er das rheinhessische Dreigestirn, das der Rheinfront um Nierstein mehr als nur Paroli bietet. Groebe hat seine eigene, authentische Linie gefunden und ist mit sich im reinen, wenn es die Philosophie des nur knapp neun Hektar großen Weinguts und das Streben nach Qualität geht. Das macht jede Verkostung im Weingut zur reinen Freude. Der 2018er Riesling trocken strahlt jene saftige Trinkfreude aus, die jeder Weinfreund in dieser Kategorie erwartet. Mein Lieblingswein aber ist der Westhofener Ortswein aus VDP.Erster Lage…. Genannt ist die Lage aber nicht. Ein „Krücke“ des VDP Rheinhessen, weil die Dreistufigkeit (Gutswein-Ortswein-Große Lage) doch nicht jedem genügt… Nun also eine Vierstufigkeit durch die Hintertür. Sei´s drum, der Wein vereint Trinkfluss und Komplexität auf das Feinste und landete sofort auf meiner Einkaufsliste. Noch recht verschlossen sind die beiden GGs aus Aulerde und Kirchspiel. Ich tendierte zur Aulerde mit ihrer straffen Würze und zog sie dem verspielteren, durchaus noch eleganteren Kirchspiel vor. Welches Potential die Weine haben, zeigte die 2013 Kirchspiel Grande Réserve, die völlig zu Recht als Auktionswein reüssierte. Und sonst: Süffig und mit hohem Trinkspaß der „Riesling 1763“ als VDP-Gutswein, viel Wein für moderates Geld. Und die Edelsüßen sind eine Wucht für sich.

Chat Sauvage, Johannisberg

Jahrgangsverkostung bei der Johannisberger „Katze“ mit Hamburger Ursprung. Das ist aller Ehren wert, was Verena Schöttle auf den Verkostungstisch gestellt hatte, angefangen beim „einfachen“ 2018er Chardonnay, der sich schon recht zugänglich zeigt, ganz im Gegensatz zum langlebigen „Brett“ „Clos de Schulz“, der ganz viel Zeit und ganz viel Luft benötigt. Überraschung am Rande: ein Restposten 2014er (!) Rosé, der jetzt schon fast wie ein Provence-Rosé daherkam, mit viel Grip und Zug bar schmeichelnder Fruchtnoten. Bei den Gutsweinen und Ortsweinen überzeugten vor allem die 2015 (Schmelz) und die 2016 (Finesse, Säure). Den 2015 Pinot Noir Selection Schulz fand ich sensationell gut und auf Augenhöhe mit 2015 Assmannshäuser, 2016er Lorcher und 2017er Rüdesheimer Ortswein. Letzter ein Maul voller Schiefer! Die Lagenweine waren und sind wieder (auch preislich, ab 45 Euro) eine Klasse für sich. Zu jeder der fünf Lagen plus „Rouge de Schulz“ standen jeweils mindestens drei Jahrgänge parat, was einen herrlichen Überblick ermöglichte und die Konsequenz und Stilistik des Weinguts verdeutlichte. Meine Favoriten: 2015 Höllenberg und Johannisberger Hölle, 2016 Drachenstein und 2015 Lorcher Schlossberg.

Trenz, Johannisberg

Das Gewölbe unter dem Wein ist für sich schon einen Besuch von Trenz wert, doch wenn zudem die Jahrgangsverkostung stattfindet, dann führt mein Weg fast immer nach Johannisberg. Mit dem 2018er hat Trenz eine klasse Kollektion vorgelegt. Besonders begeistert war ich vom 2018 Steinhaus trocken, dessen Preis-Leistungs-Verhältnis geradezu sensationell gut ist. Und die 2018 „Alten Reben“ trocken sind weiter eine Bank! Hammergut.

F.B. Schönleber, Mittelheim

Der November ist zu den Verkaufstagen immer eine gute Gelegenheit, das Urteil über den 2018er Jahrgang bei F.B. Schönleber nochmal nachzuprüfen. Und was soll ich sagen? Die Weine entwickeln sich prächtig, allen voran das 2018 „Beste Fass“ aus dem Steinmorgen. Würde ich in diesem Blog einen „Ortswein des Jahres“ ausrufen, käme der 2018er „Franz Bernhard“ aus Mittelheimer Lagen in die engste Auswahl. Neu entdeckt habe ich für mich die 2018 „Alten Reben“ aus dem Klosterberg von Oestrich. Doch den „Steinmorgen“ können sie nicht übertrumpfen.

Weingüter Wegeler, Oestrich

Zweite Auflage der Pop up Winebar von Tom Drieseberg. Und abermals eine Freude. Klasse Publikum, tolle Atmosphäre, gute Gespräche, feine Weine. 2008 Gräfenberg GG aus der Magnum beispielsweise… wann und wo soll ich den sonst glasweine trinken???? Nicht minder gut: 2018 Doctor GG und 1998 Berg Rottland, beides von Wegeler, und natürlich 2013 Geheimrat J. Allesamt Weine mit Wow-Effekt, ebenso 2008 Höllenberg vom Weingut Krone. Die Krönung war aber Groebes 2003 Kirchenstück Spätlese…

Schweinebauch im Schlafsaal

30. Riesling Gala zum Finale der 33. Glorreichen Rheingau Tage, fast 700 Fein- und Weinschmecker, und ich habe nur zufriedene Gesichter gesehen. Für mich gab es als Begleiter eines fulminanten Sechs-Gang-Menüs Topweine von Robert Weil und Dr. Loosen. Das ist es schwierig etwas herausgreifen, doch Loosens 2015er Erden Treppchen GG und vor allem die 2012 Ürzig Würtzgarten GG Reserve haben mir zusammen mit Weils 2015 Gräfenberg GG aus der Salmanzar und dem 2017er GG am besten gefallen.

Und hier mein kleiner Jubiläumstext (in Auszügen leicht abgewandelt) aus der F.A.Z.: Dem Rheingauer Riesling eine herausgehobene Rolle als Begleiter feiner Speisen zu geben, das war vor mehr als 30 Jahren die Mission von Bernhard Breuer, Egbert Engelhardt und Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau. Breuer war damals Sprecher und Antreiber einer Gruppe qualitätsorientierter Winzer, die mit ihrem eigens kreierten „Charta“-Wein ein festen Platz am deutschen Speisetisch erobern wollten. Engelhardt hatte seinerzeit das „Graue Haus“ im Rheingau in die erste Reihe der in den achtziger Jahren noch dünn gesäten deutschen Spitzengastronomie geführt und ein Faible für Weine der Region. Und Matuschka-Greiffenclau war als Präsident des Verbands der Prädikatsweingüter und Winzer in der 27. Generation auf Schloss Vollrads ein Streiter für die Harmonie von Essen und Wein.

Unterstützt von Hans Ambrosi, dem damaligen Leiter der Staatsweingüter und somit Hausherren im Kloster Eberbach wurden nach dem Vorbild der burgundischen Weinfesttage „Trois Glorieuses“ im Jahr 1987 an einem langen Wochenende die ersten „Glorreichen Rheingau Tage“ gefeiert. Der November war bewusst als günstiger Zeitpunkt nach der Weinlese gewählt worden, zumal dann die Touristenströme in den Rheingau deutlich. Heute sind es 30 Veranstaltungen innerhalb von zehn Tagen, Höhepunkt aber ist die Riesling Gala am Abschluss-Sonntag. Fast 700 Gäste, vornehmlich aus der Rhein-Main-Region, wurden diesmal sechs Stunden lang im Dormitorium von Kloster Eberbach bewirtet.

Es war die 30. Gala, denn drei Mal musste sie seit 1987 pausieren, unter anderem wegen der Generalsanierung des Klosters. Nun ist das Ende der Fahnenstange erreicht, denn mehr Gäste dürfen schon aus Gründen des Brandschutzes nicht in den ehemaligen Schlafsaal der Laienbrüder. Er ist mit 83 Metern Länge der größte, mittelalterliche, nicht sakral genutzte Raum in Deutschland. Kulinarisch war Regionalität auf höchstem Niveau angesagt: Julian Stowasser vom Frankfurter Weinsinn stimmte die Gäste mit „schottischem Lachs mit Passionsfrucht und Miso“ ein. Es folgten „Carabinero mit Vadouvan“ von Alexander Hohlwein aus Limburg und der Mainzer Genusswerkstatt-Koch Carl Grüne mit einem Schweinebauch vom „Bunten Bentheimer“ (mein Favorit, genial aromatisch). Nach einer Entenbrust mit Gewürzhaut seines Mainzer Kollegen Philipp Stein zeigt der Wiesbadener Matthias Schmidt, dass ein „Handkäs mit Musik“ galatauglich aufgepeppt werden kann. Bei der karamelisierten weißen Schokolade von Tatsuya Shimizu aus Deidesheim war dann aber mancher Feinschmecker schon an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit gelangt. Danach half eine „Reparaturbier“ vor dem Mönchsrefektorium!

Rheingau Open

Open… stimmt, denn der Rheingau öffnet sich anlässlich der Glorreichen Rheingau Tage auch den Winzern und ihren Weinen anderer Regionen. Das spricht für die „Weinoffenheit“ der Region und den Respekt untereinander für das Bemühen, dem Weinberg beste Tropfen abzuringen.

Fast 70 Winzer waren es diesmal, die auf Schloss Johannisberg eine Auswahl – und fast immer ihren Top-Trockenen – vorstellten. Und hier – ganz unrepräsentativ – eine Auswahl derjenigen, die mir besonders aufgefallen sind….

Laquai 2018 Schlossberg RGG – straff, würzig, kraftvoll

Mohr 2018 Bodental-Steinberg RGG – das beste RGG des Jahrgangs

Sohns 2018 Kläuserweg RGG – strahlend, saftig, klar wie Quellwasser

Wurm 2018 Pfaffenwies – noch so ein Strahlemann aus Lorch…

Allendorf 2017 Hasensprung GG – würzig, mineralisch, elegant

Barth 2017 Hassel GG – das Beste, was ich aus 2017 verkostet habe

Battenfeld-Spanier 2018 Hipping GG – zeigt, wozu der Rote Hang fähig ist!

Dr. Wehrheim 2018 Kastanienbusch GG – das Gute liegt so Nahe…

Fendel 2018 Unterer Bischofsberg GG – lange nicht mehr Fendel getrunken, auf das Positivste überrascht

Jung 2018 Hohenrain GG – immer eine Bank!

Wittmann 2018 Morstein GG – Drei Ausrufezeichen für diesen Rheinhessen!

Kesseler 2018 Seligmacher GG – süffig, läuft, Trinkfluss ohne Ende…

PJ Kühn 2017 Doosberg GG – auf dem Weg zum Giganten Tement 2013 und 2017 Zieregg Sauvignon blanc GSTK, mit Wow-Effekt

Weil 2018 Gräfenberg GG – mindestens einer der allerbesten des Rheingaus!

Aus dem Verkostungstagebuch

Weingut Kaufmann, Hattenheim

Eva Raps & Urban Kaufmann hatten wieder mal zur Herbstpräsentation bei leckerem Raclette eingeladen, und das ist immer eine schöne Gelegenheit, die Weine zu einem Zeitpunkt zu verkosten, an dem sie langsam Stärke und Tiefgang zeigen. Insgesamt eine gelungene 2018er Kollektion, das zeigt sich am Hattenheimer Ortswein: 14 Euro sind zwar kein Schnapper mehr, aber das ist ein sehr präziser, geschliffener Charakterwein. Der „Tell“-Riesling hat sich zwischenzeitlich zu einem meiner Lieblingsweine entwickelt, und 2018 ist ein Volltreffer in jeder Hinsicht: Länge, Finesse, Komplexität und Grandezza in guter Kombination. Eine gute Idee war es, eine Vertikale der GGs aus dem Wisselbrunnen anzubieten, zumal sie für mich wieder bestätigt: Zwischen dem Charme der Jugend (2018), dem Schmelz der älteren Herren (2015) und der Größe von 2016 gut sich 2017 einfach sehr schwer…. zumindest momentan… Und sonst: Uno! Nicht das Kartenspiel, sondern die Cuvée aus Weißburgunder und Chardonnay… Gefällt mir gut, auch wenn ich den Chardonnay-Anteil noch etwas anheben würde… Außergewöhnlich: Der „Orange“ Silvaner… gut für Orange, aber nicht meine Weinkategorie… passt sicher vorzüglich zur Ente aus dem Rohr… Entdeckung nebenbei: 2015 Chenin blanc vom israelischen Partnerweingut Sea Horse, aber 30 Euro ?!? Da beziehe ich liebe feine Chenins aus Südafrika…

Spreitzer, Oestrich

Endlich mal wieder bei Spreitzer und genügend Zeit für eine kleine Tour durch die trockenen 2018er und einige gereifte GGs. Wie erwartet durchweg ein hohes Maß an Präzision und Finesse, gepaart mit dem typischen Spreitzer-Stil. Schon die beiden 2018er Ortsweine Buntschiefer und Muschelkalk mit hohem Trinkspass, wobei ich dem Muschelkalk am Gaumen den Vorzug gebe. Mehr davon! Bei den beiden 2018er GGs aus dem Rosengarten (Monopollage) und dem Wisselbrunnen fiel meine Wahl auf den Wisselbrunnen mit seinem ausgeprägt hohem Maß an Komplexität, Finesse und Trinkfluss. Eine Freude ebenfalls der 2018er Charta! Gut, dass hier diese Tradition hochgehalten und mit einem Künstleretikett gewürdigt wird. Wie gut die Spreitzer-Weine reifen zeigt 2016 St. Nikolaus. Steht wie eine „Eins plus“ im Glas, mehr Riesling braucht kein Mensch.

 Querbach, Oestrich

Querbach ist für mich ein Phantom-Weingut. Ich sehe die Weine so gut wie nirgends und treffe sie auch kaum auf privaten oder öffentlichen Proben. Im Weingut war ich so gut wie nie. Und nur durch den zarten Hinweis eines Bekannten habe ich unerwartet eine Einladung von Peter Querbach zur Jahrgangsverkostung ergattert. Falsch, keine Jahrgangsverkostung, sondern ein ausgedehnter Blick in den Keller! Eine Auswahl aus der Sortimentsliste mit fast 80 ! (in Worten achtzig!) Weinen, beginnend mit dem Jahrgang 2001. Ein Festspielhaus für Liebhaber gereifter Weine. Mir haben die Weine aus 2004 (No. 1 Lenchen) und 2008 (Edition und Hallgarten) am besten gefallen, aber auch die 2013er durch die Bank und einige Spezialitäten anderer Jahrgänge (2014 sur lie Riesling). Und das alles auch heute noch zu mehr als vernünftigen Preisen! Got and taste!

Rubinrote Symphonie

Ein Muss für die Freunde Spätburgunders. Der Alte Bahnhof in Rüdesheim eine sehr gut geeignete Location. 17 Top-Erzeuger aus dem Rheingau und sechs Ahr-Winzer bester Reputation. Leider nur fünf Stunden Zeit, aber die nutzten rund 250 Gäste und hatten allesamt ein gutes Rotwein-Erlebnis. Es ist schon fast unfair, einige Weine herauszugreifen, aber weil es hier von mir erwartet wird, einige meiner Favoriten: Bischöfliches Weingut 2016 Assmannshäuser S., Georg Breuer 2016 „B“, Chat Sauvage 2016 Lorcher Kapellenberg, Corvers-Kauter 2016 Höllenberg, Diefenhardt 2016 Schlenzenberg, Staatsweingüter 2016 Schlossberg, Krone 2013 „Juwel“, Meyer-Näkel 2017 Grauwacke und Laquai 2015 Bodental-Steinberg. Tusch!

Weinernte geringer als vorhergesagt

Die Weinernte im Rheingau und in Rheinhessen ist noch geringer ausgefallen, als es das in Mainz beheimatete Deutsche Weininstitut zu Beginn der Lese prognostiziert hatte. Für den Rheingau werden jetzt 205.000 Hektoliter erwartet, das sind 27 Prozent weniger als im Vorjahr (279.000 Hektoliter). Die Menge liegt damit noch leicht unter dem Durchschnitt der zurückliegenden zehn Weinernten (210.000 Hektoliter). In Rheinhessen wurden 2,4 Millionen Hektoliter (Vorjahr 2,9 Millionen Hektoliter) geerntet, das langjährige Mittel liegt bei knapp 2,5 Millionen Hektoliter. Die neueste Ernteschätzung für die bundesweite Weinmosternte lautet jetzt 8,4 Millionen Hektoliter. Das sind 19 Prozent weniger als im ertragsstarken Vorjahr und rund vier Prozent weniger als das zehnjährige Mittel von 8,8 Millionen Hektolitern. Die geringere Ernte war wegen der Trockenheit und der Hitze im Vegetationsverlauf, aber auch wegen verbreiteter Sonnenbrandschäden an den Trauben sowie regionaler Frostschäden und lokaler Hagelschläge absehbar. Mit einem Rückgang von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr fielen die Ertragsrückgänge in Franken am höchsten aus. Als einziges Anbaugebiet verbuchte Sachsen ein Plus von sechs Prozent. Die Qualität wird laut Weininstitut von den Erzeugern in den Anbaugebieten „mehrheitlich sehr gut“ beurteilt. Na, warten wir mal ab….

Pinot Noir 2009 – 40 Meisterwerke

Merke: Der Bessere ist stets der Feind des Guten. Manchmal sogar der Feind des Herausragenden. Das ist das Schicksal vieler Weine in fast jeder Blindprobe vergleichbarer Tropfen. Mag der Wein auch noch so gut sein und als Individuum auf dem Tisch Begeisterungsstürme auslösen. Im „Flight“, also dem direkten und verdeckten Vergleich mit anderen, gibt es fast immer noch einen besseren. Ungerecht, aber schön. Und spannend. Obwohl das Blamage-Risiko gewaltig ist.

Das war bei einer fulminanten Probe im privaten Kreis nicht anders, zu der der Eltviller Weinenthusiast Michael Felzer tief in seinen Keller gegriffen hatte und das Ergebnis wunderbarer Sammelleidenschaft präsentierte: 40 x Pinot Noir aus dem für Rotwein bemerkenswert guten Jahrgang 2009. Ten years after, sozusagen… Eine wenig überraschende Erkenntnis vorweg: Wohl dem, der es sich leisten kann in Magnum- oder gar Doppelmagnumflaschen zu investieren, deren Inhalt über die Jahre einfach deutlich charmanter reift.

Und ein noch Wort zu unserer charmanten und bunt zusammengewürfelten Verkostungsgesellschaft: Wer geschmacklich im Rheingau sozialisiert wurde, bei dem haben Rheingauer Gewächse immer einen kleinen Vorsprung am Gaumen, das zeigte die Abstimmung für die jeweiligen Favoriten …. Aber das ist kein Nachteil, sondern Heimatliebe. Gut so.

Aber legen wir los (immer Pinot Noir, Jahrgang 2009, natürlich trocken):

Flight 1: Meyer-Näkel (Pfarrwingert), Deutzerhof (Melchior C), Fürst (Centgrafenberg), Shea Wine Cellars Oregon (Wilmettette Valley), Urmathum, Burgenland (Unter den Terrassen zu Jois), August Kesseler (Cuvée Max)

Der Oregon-Pinot stach am Gaumen sofort heraus und offenbarte sich als leicht zu identifizierenden Vertreter der Neuen Welt, viel Veilchen mit Liebstöckl, ungewohnte Würz-Aromen, recht viel Alkoholsüße, aber durchaus sehr gut. Ein Wein der polarisierte, aber mir sehr gut gefiel, wäre da nicht der „Max“ vom Assmannshäuser Großmeister August Kesseler gewesen…intensive rote Beerenaromen, viel Kräuter, dezenter Tabak, ein wenig Lakritz, sogar Leder, gute Säure, jugendlich frisch… Kein Wunder also, dass diese Flaschen zuerst restlos leer waren, was immer bezeichnend bei jeder Probe ist. Er war, auch mein Favorit, und die ganz dezente Süße (schätze mal 2g RZ) gab dem Wein charmanten Schmelz. Die beiden Ahrweine und der Franke unverkennbar deutsch, gute Säure, viel Cassis, viel Alkohol, deutlicher Schiefereinfluss an Ahr, aber auch ein wenig streng und astringierend… wie viele der Deutschen übrigens, manche auch ein wenig phenolisch. Das ist natürlich Kritk auf allerhöchstem Niveau… Der Burgenländer spielte in der Diskussion keine Rolle… im Restaurant sicherlich ein Knaller auf dem Tisch!

Flight 2: Später-Velt („P“), Horst Sauer (Spätlese trocken), Schlumberger Baden (Altenberg Wingerte), Carl Erhard (Berg Roseneck), Jakob Jung (Alexander Johannes)

Toll, was an der Mosel geht! Klar, präzise, geschliffen. Die klare Mehrheit im Panel votierte aber für den unfiltrierten Alexander Johannes von J.  Jung, mir gefiel der Schlumberger noch besser ob seiner feinen Cassis-Noten, seiner dezenten Würze, guten Struktur und Finesse… Das Roseneck von Erhard polarisierte, was nie für einen guten Platz bei der Abstimmung gut ist… Sehr, sehr gut gefiel mir auch Horst Sauer, Franken auf seine feine, harmonische Art… ging aber irgendwie unter… völlig unverdient…

Flight 3: Meyer-Näkel (Kräuterberg), Fürst (Hundsrück), Keller (Bürgel), Kuhn (Steinbuckel), Marquis d´Angerville (Pommard Combes Dessus), Jurtschitsch (Langenlois)

Wir steigern uns deutlich. Eine Probe ohne Rheingauer Pinot, und schon verteilten sich die Stimmen fast gleichmäßig auf die Probanden… ich war dennoch mit meinem Votum für Jurtschitsch alleine auf weiter Flur, obwohl der Wein ungemein Trinkfluss, Schmelz und Eleganz hat, die ich im Pinot immer suche. Doch gegen die 14-Prozenter haben es diese Weine immer schwer…

Flight 4: Knipser (Kirschgarten), Kuhn (Kirschgarten), F. Becker (Sonnenberg „Kammerberg), Franz Haas (Schweizer), Jakob Jung (Alexander Johannes „R“), Leitz & Becker (Rothenberg)

Jetzt wird es himmlisch. Aber noch so ein Fall von Power gegen Eleganz. Sieg am Tisch für Alexander Johannes R., ich hingegen war mit Knipsers Kirschgarten wegen seiner wahnsinnig tollen Frucht, seiner Eleganz und Finesse überaus glücklich. Mehr braucht kein Pinot-Freund im Glas. Eine Enttäuschung für mich hingegen Franz Haas (obwohl ich hier eigentlich nur die Überragenden loben und über die anderen Guten schweigen wollte, sorry), da hätte ich mehr erwartet. Fantastisch dagegen Kuhn und Friedrich Becker…

Flight 5: Knipser (Réserve), Knipser (Réserve du Patron), Freiherr vom Gleichenstein (Baron Philipp Oberrotweil Eichberg), Bürklin-Wolf („S“), Ziereisen (Aspis Alte Reben), Ziereisen (Rhini)

Was für ein Flight! Hammer! Knipser überzeugte gleich zwei Mal mit Tiefe und Komplexität, fein verwobenen Tanninen, feinster Beerenfrucht und Finesse sowie viel Länge am Gaumen. Top und für mich (fast) noch einen Tick besser als Ziereisens „Aspis“, der aber die Mehrheit am Tisch von sich überzeugte…Das kann ich durchaus verstehen…

Flight 6: Markus Molitor (Klostergarten***), Huber (Bienenberg), Keller (Frauenberg), Louis Jadot (Vonse Romanée Les Beaux Monts), J.B. Becker (Walkenberg Spätlese), Chat Sauvage (Höllenberg EG)

Hut ab, Markus Molitor, für so einen Kracher. Das hätte ich von der Mosel nicht erwartet. Sehr gute Eleganz, kühler Zug, feinfruchtig, Trinkfluss, der nach der zweiten Flasche ruft. Ganz ungewöhnlich der Wein von J.B.Becker, der ein wenig an Amarone erinnerte und den Exoten im Flight gab. Für mich unverständlich, denn das kenne ich so nicht, wenn ich mich beispielsweise an eine 1993er Spätlese denke… aber so what. Zwei Weine stachen klar hervor, und es war nicht der Keller: Nein, der Höllenberg von Chat Sauvage hat für mich das Zeug zum Jahrhundertwein, und davon hätte ich gerne den Keller voll. Beim Trinkspass war allerdings Hubers Bienenberg für mich der Knaller… Zartes Holz, feinste Kirsche, üppige Länge, leichte Cremigkeit, Trinkfluss vom Feinsten! Und der „echte“ Burgunder? No chance!

Flight 7: Knipser (Mandelpfad), Huber (Schlossberg), Méo-Camuzet (Chambolle-Musigny Les Feussselottes), Gantenbein (Pinot Noir), Krone (Juwel), Kloster Eberbach (Höllenberg)

Finale. Wow. Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Höllenberg von Eberbach den Sieg davontrug dank Kraft in Kombination mit Fülle, Frucht und Schmelz in fantastischem Zusammenspiel und Länge im Abgang. Trinkfluss auf höchstem Niveau. Hätte er nicht in dieser Reihe gestanden, hätte ich mich für Knipsers Mandelpfad erwärmt, oder vielleicht doch für das Juwel der „Krone“. Jedenfalls nicht für den hochgeschätzten Gantenbein, der bei einer offenen Probe mit sichtbaren Etiketten vermutlich mit Méo-Camuzet (das liebe ich eigentlich total!) um den Sieg gestritten hätten. So war es ein Triumph des Rheingau! Heimat, o Heimat… !Darauf eine 2009 Kiedrich Gräfenberg Riesling Auslese! Vorhang!

Riesling als Geisel

Rheingauer Riesling als eine Geisel im globalen Handelskonflikt zwischen Europa und den Vereinigten Staaten? Diese bedeutsame Rolle hätte dem international auf eine Nische beschränktem Weinen heimatlicher Provenienz kaum jemand zugetraut. Doch Donald Trump schreckt trotz seiner Pfälzer Wurzeln bekanntlich vor nichts zurück. Auch nicht davor, den Durst seiner Landleute auf Riesling und Burgunder von Rheingau, Pfalz, Mosel und den übrigen deutschen Weinregionen über Strafzölle gehörig zu dämpfen. Das fällt dem bekennenden Abstinenzler und seiner rigiden Administration vermutlich schon deshalb besonders leicht, weil sich über die höheren Weinpreise die vornehmlich demokratisch wählenden Eliten in den noblen Restaurants der großen Städte an der West- und der Ostküste sehr viel mehr ärgern werden als der biertrinkende Arbeiter im mittleren Westen.

Die Auswahl der mit Wirkung vom 18. Oktober an von Strafzöllen betroffenen Güter und Herkunftsländer ist aus europäischer Sicht so unlogisch wie inkonsequent. Dass in Amerika französische und deutsche Weine deutlich teurer werden sollen, österreichische und italienische aber nicht, lässt sich nur mit der üblichen Willkür erklären, die in vielen Fällen Trumps die bestimmende politische Leitlinie scheint. Trump zielt offenbar auf die Regierungen, die maßgeblich hinter den Subventionen für den Flugzeughersteller Airbus stehen, an denen die Welthandelsorganisation WTO Anstoß genommen hat. Nun darf Trump Strafzölle mit dem Segen der WTO auf Importe im Volumen von 7,5 Milliarden Dollar erheben. Sinnvoll ist das nicht. Auch Airbus-Konkurrent Boeing erhält aus Sicht der WTO illegale finanzielle Unterstützung. Über diese Praktiken wird erst 2020 entschieden. Dass danach womöglich der Import von Chardonnay aus Kalifornien und von Pinot Noir aus Oregon verteuert wird, kann ebenfalls niemand wollen.

Jammern hilft freilich wenig, und der Ruf einiger Winzer nach dem Staat sollte ungehört bleiben. Wer seine „Werkstatt“ in der launischen Natur hat und beim Export ohnehin mit Währungsrisiken zu kämpfen hat, der sollte immer auch politische Unwägbarkeiten ins Kalkül ziehen. Schließlich sind Handelskonflikte, Strafzölle und Boykotte keine neue Erfahrung. Statt in fruchtlose Proteste sollten die deutschen Winzer noch mehr Energie in den Heimatmarkt stecken. Wäre der Wein-Patriotismus der Deutschen nur so ausgeprägt wie jener der Franzosen, dann würde im globalen Weinimportland Nummer eins die Erntemenge nicht reichen, den Weindurst zwischen Flensburg und Berchtesgaden zu stillen. Und Trump mit seiner Vorliebe für Cola light könnte den Winzern gestohlen bleiben. OLIVER BOCK (mein Kommentar in der F.A.Z. vom 17.10.2019)

Von O bis O…

Von O bis O…. also von Oktober bis Ostern, da legt der heimische Rotweinkonsum deutlich zu. Natürlich geht es vorrangig um Spätburgunder, der wie keine andere rote Sorte das Terroir der Weinberge im Glas widerspiegeln kann. Das lässt sich außerordentlich gut in Aulhausen und Assmannshausen verkosten….

Robert König, Assmannshausen

Endlich hat sich das gerade mal sieben Hektar große Rotweingut unter Philipp König als Leiter eine zeitgemäße Qualitätspyramide gegeben und ist von den überkommenden Bezeichnungen Kabinett und Spätlese für durchgegorene Rotweine abgegangen. Nun heißt es aufsteigend PUR, EMPOR oder ZENIT, und das wird an den drei Lagen DRACHENSTEIN, FRANKENTHAL und HÖLLENBERG durchdekliniert. Gutes Konzept. Neun Weine, von denen jeder auf seine Art Freude bereitet. Während Frankenthal und Höllenberg vor allem in den Kategorien Zenit und Empor noch recht verschlossen wirken, zeigt sich Drachenstein als eleganter und schon sehr zugänglicher Pinot mit Würze, harmonisch eingebundenen Tanninen, feiner Beerenfrucht, en wenig Zimt und Vanille, aber sehr gut miteinander harmonierend. Meine Favoriten waren der Frankenthal Empor und der Höllenberg Zenit.

Weingut Strieth

Ein paar Meter weiter, bei Thilo Strieth in Aulhausen, ist ebenfalls alles im Lot. Die qualitative Abstufung geht vom Assmannshäuser Frankenthal als Basiswein über den feinfruchtigen und eleganzten Höllenberg zum majestätischen Rüdesheimer Schlossberg (immer mein Favorit!) bis zum unfiltrierten Superstar Pinot Noir SF. Die Weine spiegeln hervorragend die Philosophie bei Strieth wider, der Trinkfluss ist enorm. Wer einen genialen Spätburgunder sucht, ist hier richtig, und meine Empfehlung ist der Schlossberg mit seiner vom Schiefer im Boden so schön beeinflussten, nachhaltigen Finesse, Rauchigkeit und Würze.

Weingut Schön

Bei Klaus Schön sind die Traditionalisten richtig. Auch wenn wir eher die elegante Seite des Späbu mögen, so „ziehen“ wir uns bisweilen auch gerne mal eine fette trockene Spätlese (2018 Drachenstein und Höllenberg!) oder Auslese rein… üppig, vollmundig, breitschuldrig, dick, Kracher, die mit dem angebratenem Rindermett als Spezialität des Hauses bestens harmonieren.

Erste Ernteprognose

 Noch läuft die Weinernte im Rheingau auf Hochtouren, aber das Deutsche Weininstitut in Mainz prognostiziert schon jetzt eine leicht unterdurchschnittliche Erntemenge. Die bisherigen Schätzungen für den Rheingau liegen bei 205.000 Hektoliter, das wären rund zwei Prozent weniger als im langjährigen Durchschnitt (210.000 Hektoliter). Für die Hessische Bergstraße hingegen wird ein Plus von 14 Prozent auf 34.000 Hektoliter vorhergesagt, für Rheinhessen ein Plus von einem Prozent auf 2,5 Millionen Hektoliter. Bundesweit wird die Weinmosternte 2019 mit voraussichtlich 8,6 Millionen Hektolitern rund 17 Prozent unter der Vorjahresmenge und zwei Prozent unter dem zehnjährigen Mittel von 8,8 Millionen Hektolitern liegen. Nach Angaben des Weininstituts neigt sich Weinlese in diesem Jahr wegen der guten Traubenreife und der feuchten Herbstwitterung früher als erwartet dem Ende zu. Zu den Gründen der Ertragsminderung verweist das Weininstitut auf das zweite trockene Jahr in Folge, auf Sonnenbrandschäden an den Trauben sowie regional begrenzte Hagelschläge. Unter den dreizehn Anbaugebieten sowie auch innerhalb der einzelnen Regionen gebe es aber sehr große Ertragsunterschiede. In diesem Jahr werde die Weinmosternte aber nicht nur in Deutschland, sondern europaweit etwas kleiner ausfallen. Nach einer ersten Ernteschätzung der EU-Kommission werde sich die diesjährige Erntemenge auf 161,3 Millionen Hektoliter belaufen. Das bedeute ein Minus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein Minus von vier Prozent im Vergleich zum fünfjährigen Mittelwert, heißt es aus Mainz vom Weininstitut.