Was kommt nach der Rodung?

Globale Überproduktion und rückläufiger Weinkonsum führen dazu, dass immer mehr Rebflächen aufgegeben werden. Wie der Ausstieg aus dem Weinbau ohne Schaden für die Kulturlandschaft gelingen könnte, wird in Geisenheim diskutiert und erprobt.

Denn die Destillation unverkäuflichen Weins ist der Vorbote der Rodung von Rebflächen. In Württemberg waren schon vor drei Jahren rund acht Millionen Liter Trollinger und Lemberger zu Alkohol destilliert worden. In Rheinland-Pfalz können die Winzer wegen der amtlich festgestellten „Marktstörungen im Weinsektor“ bis zu 17,5 Millionen Liter vom Markt nehmen. Dafür stehen mehr als zehn Millionen Euro aus der EU-Agrarreserve zur Verfügung – 59 Cent je Liter.

Doch das ist nur der Anfang einer krisenhaften Entwicklung, die nicht ohne Folgen für die Kulturlandschaft in den 13 deutschen Weinregionen bleiben wird. Sechs dieser Regionen liegen in Rheinland-Pfalz. Dort können die Winzer ab November Anträge auf eine „dauerhafte Rodung von produktiven Rebflächen“ stellen, sofern es sich nicht um Steillagen handelt. Dafür gibt es einen Zuschuss von 5000 Euro je Hektar. Allerdings werden diese Flächen nie wieder zu Weinbergen: Alle Genehmigungen für Neuanpflanzungen des jeweiligen Weinguts werden gelöscht. In den folgenden zehn Jahren können keine Anträge auf Neuanpflanzungen gestellt werden.

Hessen geht einen anderen Weg. Das Land gestattet die sogenannte Rotationsbrache. Werden alle Fristen ausgeschöpft, kann nach der Rodung bis zu elf Jahre lang auf die Neupflanzung von Reben verzichtet werden, ohne das Recht darauf zu verlieren. Manfred Stoll hält das aus weinbaulicher Sicht für den besseren Weg. Gemeinsam mit Ilona Leyer untersucht er an der Hochschule Geisenheim University, wie vorübergehend oder dauerhaft aufgegebene Weinbergsflächen sinnvoll gepflegt und bewirtschaftet werden können. Stoll leitet das Institut für allgemeinen und ökologischen Weinbau, Leyer das Institut für angewandte Ökologie.

„FlurWin“ heißt das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt, an dessen Ende ein Leitfaden für die Praxis stehen soll. Entwickelt und erprobt werden praxistaugliche und nachhaltige Nutzungsalternativen für einzelne Weinbergsparzellen. Ein Königsweg, der möglichst lukrativ ist, der Artenvielfalt dient und die weiterhin Weinbau betreibenden Nachbarn nicht stört, ist bislang nicht gefunden.

Zwar gibt es schon Winzer, die auf aufgegebenen Rebflächen Oliven- oder Mandelbäume gepflanzt haben oder über die Produktion von Weihnachtsbäumen, Lavendel und Haselnüssen nachdenken. Auf breiter Front werden sich solche Alternativen jedoch wohl nicht durchsetzen. Stoll erwartet auch nicht, dass vermehrt klassische Agrarkulturen wie Weizen oder Gerste angebaut werden. Für einen effizienten Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen seien die aufgegebenen Weinberge in der Regel zu klein, so Stoll.

Zu Beginn kommt es für Stoll vor allem auf eine „sachgerechte Rodung“ der Weinberge an, bei der alle Wurzelreste beseitigt werden. Es reiche nicht aus, die Flächen lediglich mit einem Mulcher abzufahren. Sonst könnten sich Schädlinge wie die Reblaus leichter verbreiten. Stoll will Strategien für verschiedene Szenarien entwickeln. Gehe es beispielsweise nur darum, die Weinproduktion zu verringern, könnten einzelne Rebzeilen gerodet und an ihrer Stelle sogenannte Maxigassen angelegt werden. Der Weinberg bliebe erhalten, während die breiten Gassen Raum für Blühstreifen, Stauden oder Hecken böten.

Bleiben die Flächen nach der Rodung bis zu elf Jahre unbestockt, erweitern sich die Möglichkeiten der Bepflanzung und vorübergehenden Begrünung. Dennoch gebe es noch „extrem viele Fragen“ zu beantworten, so Stoll. Werde der Weinbau dauerhaft aufgegeben, müsse sich der Grundeigentümer sorgfältig überlegen, welche Art der alternativen Bewirtschaftung vielversprechend sei. Dabei müssten die Absatzchancen alternativer Produkte sorgsam bedacht werden. Zwar sei der Produktionsaufwand abschätzbar, nicht aber die Entwicklung von Märkten, Nachfrage und Preisen.

Eine Herausforderung stellt die Lage auch für die Kommunen dar. Oestrich-Winkel beispielsweise besitzt in der Gemarkung mehrere Dutzend kleinere und größere Rebflächen mit einer Gesamtfläche von 70 Hektar. Wenn die bisherigen Pächter diese Flächen nicht mehr bewirtschaften wollen oder können, ist die Kommune gefordert. Die Stadt will deshalb ein Konzept für den künftigen Umgang mit diesen Flurstücken erarbeiten.

Für die Wissenschaftler stehen neben wirtschaftlichen Gesichtspunkten auch Klimaanpassung, Biodiversität und die langfristige Entwicklung der Kulturlandschaft im Mittelpunkt. Die daraus abgeleiteten Optionen sollen modellhaft erprobt werden. Ilona Leyer hofft auf „Chancen für die Landschaft von morgen“. Diese Landschaft sollte nach Ansicht des früheren Hochschulpräsidenten Hans Schultz wegen des Klimawandels künftig „mehr Wasser aufnehmen, höhere Temperaturen besser verkraften und gleichzeitig ihre vielfältigen Funktionen erhalten“ können.

Zu klären ist auch, wer alternative Nutzungen finanziert, wie die Flächen gepflegt werden und welche rechtlichen Vorgaben gelten. „Tragfähige Lösungen können nur entstehen, wenn wir die vielen ökologischen, wirtschaftlichen, praktischen und rechtlichen Fragen gemeinsam betrachten“, so Stoll. Gefördert wird „FlurWin“ von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Nach deren Ansicht ist entscheidend, dass „die entwickelten Ansätze in der Praxis tragfähig sind und sich perspektivisch auf andere Weinbauregionen übertragen lassen“.

Beim Start des Projekts gab die Rüdesheimer Winzerin Theresa Breuer zu bedenken, dass die Winzer entscheiden müssten, welche Flächen sich langfristig wirtschaftlich sinnvoll bewirtschaften ließen. Für alternative Nutzungen fehle ihnen bislang das Wissen. Zugleich präge der Weinbau weit über die Produktion hinaus Landschaft, Tourismus und Identität des Rheingaus. Wie dringlich die Suche nach Alternativen ist, zeigt der Projektantrag für „FlurWin“: Darin gehen die Autoren davon aus, dass im Rheingau perspektivisch bis zu 20 Prozent der Rebfläche temporär oder dauerhaft aufgegeben werden könnten. (aus der FAZ)