Wer um Himmels willen gründet in diesen Zeiten ein Weingut?

Mein Blick schweift ab: von den Rieslingflaschen auf dem Tisch hin zur imposanten Stahleck, die über der „heimlichen Hauptstadt der Rheinromantik“ thront. Da ist Bacharach mit seiner weithin intakten Stadtmauer und den pittoresken Häusern dahinter. Die Perle im Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal ist der Geburtsort eines neuen Weinguts, das unter Kennern ein Geheimtipp ist. Denn trotz manch überzeugender Beurteilung in diversen Weinführern ist die Marktpräsenz der Tropfen aus dem Weingut Bär überschaubar. „Der Verkauf ist unsere größte Baustelle“, gibt Hermann Bär unumwunden zu. Noch ist die Gelassenheit ebenso groß wie der Optimismus, dass sich die immense Arbeit in den Steillagen rund um Bacharach bald auszahlen wird. Schon in diesem Jahr könnte eine „rote Null“ in der Bilanz stehen – sofern nicht abermals bedeutende Investitionen getätigt werden müssen.

Wer kauft in diesem Zeiten ein traditionsreiches Weingut und gründet auf dessen Fundamenten sein eigenes? Wer lässt sich auch von Warnungen wohlmeinender Wegbegleiter und Fachleuten der Branche nicht abschrecken? Hermann Bär hat für sich und seine Familie mit dem Erwerb des renommierten Weinguts Bastian einen lange gehegten Wunsch erfüllt und ein beharrlich verfolgtes Ziel erreicht.

Damit hat die Familie ihren Lebensmittelpunkt in der Bodenseeregion und betreibt in Süd-Württemberg und in Freiburg insgesamt sieben Apotheken. Die Liebe zum Wein kam mit dem Vater und dessen gepflegtem Weinkeller, in dem vor allem lieblicher Riesling aus Rheinhessen lagerte. „Ich bin mit Wein aufgewachsen“, sagt Bär. Wenig überraschend also, dass er neben der Apotheke mit später drei Filialbetrieben auch einen Weinhandel aufzog. Weil die Qualität vieler deutscher Weine zu jener Zeit eher mäßig war, konzentrierte sich Bär auf Bordeaux. Die Leidenschaft für den Riesling allerdings blieb davon unberührt. Sohn Peter begeisterte sich ebenfalls, gründete in Freiburg ein Weinfachgeschäft und ließ dem Studium der Betriebswirtschaft noch „Weinbau und Önologie“ in Geisenheim folgen.

Ein für die Übernahme geeignetes Weingut sollte vor allem drei Kriterien erfüllen: eine Immobilie mit Flair und „Seele“, wie es Gabi Bär formuliert. Fokussiert auf den Anbau der Lieblingsrebsorte Riesling und ausgestattet mit besten Lagen, auf denen sich herausragende Tropfen erzeugen lassen. Im Rheingau fand sich nichts Passendes, auch nicht in der Pfalz. Den Durchbruch brachte dann ein Tipp des früheren Verwalters von Schloss Vollrads im Rheingau, Rowald Hepp. Denn Friedrich Bastian, Winzer in achter Generation, war gewillt, sein VDP-Weingut Bastian zu veräußern. Mitsamt der 1880 als Sektkellerei erbauten Immobilie und der kleinen Rheininsel Heyles’en Werth. Die war vor 50 Jahren Drehort für eine Schlüsselszene des Spielfilms „Im Lauf der Zeit“ des Filmemachers Wim Wenders.

Die rund 800 Meter lange Insel ist mit knapp 1,7 Hektar Rebfläche vor allem ein wichtiger Weinbaustandort, denn hier wird der exklusivste der vier Lagenweine erzeugt. Als sich die Familien Bär und Bastian im Jahr 2021 über den Handel einig waren, hatte gerade die Corona-Pandemie begonnen. Das Stammhaus des Weinguts wurde kernsaniert, weil der Investitionsstau sich als beträchtlich herausgestellt hatte. Gleichzeitig wurde die Rebfläche von zunächst sechs Hektar schnell erweitert, weil kleinere Winzer ihre Flächen bereitwillig anboten. Inzwischen werden 21 Hektar bewirtschaftet, von denen aktuell 15 im Ertrag stehen. Viel mehr soll es absehbar nicht werden, auch wenn die Familie offen für die Arrondierung ihrer Flächen ist.

Entstanden ist ein neues Weingut mit neuer Philosophie. Die verbliebenen Bastian-Kunden wanderten ab. „Wir haben bei null angefangen“, sagt Peter Bär. Sein Fokus liegt ganz auf trockenen Weinen, die Charakter, Eleganz und den Charakter der Weinlagen zeigen sollen. Ihm geht es um langlebige Weine. Dafür nimmt sich das Weingut Zeit und gibt den Weinen eine längere Reifephase im Keller. „Unser Lagen brauchen Zeit“, sagt Peter Bär.

Dass nach überstandener Pandemie der Start des Weinguts in den Weinverkauf von der größten Krise des Weinbaus in den vergangenen Jahrzehnten überschattet würde, war Pech. Bär ist bewusst, dass der Weinmarkt nicht sehnlich auf ein neues Weingut mit hochpreisigen Weinen gewartet. Globale Überproduktion und Konsumschwäche befeuern im Handel einen harten Preiskampf. Der Marktanteil des deutschen Weins ging hierzulande deshalb noch stärker zurück als der ausländischen Konkurrenz.

Familie Bär ist deshalb nicht bange: „Wir müssen auf allen Hochzeiten spielen und Präsenz zeigen“, sagte Peter Bär. Das Interesse auf einer Weinmesse in Paris sei gut gewesen. In diesem Jahr beteiligt sich das Weingut erstmals an der Messe Prowein in Düsseldorf. Auch die Gastronomie ist im Fokus, um Sommeliers als Multiplikatoren zu gewinnen. Die neue Marke „Weingut Bär“, das sich in einer kleinen Weinnische bewegt, muss noch mit Strahlkraft aufgeladen werden. Das Mittelrheintal als Weinregion ist zu klein und unbekannt, um Bär den nötigen Schub zu geben: „Wir werden es allein schaffen müssen“, sagt Gabi Bär, und ihr Mann Hermann gibt sich keinen Illusionen hin: „Das ist ein weiter Weg“. (aus der F.A.Z.)

Müller leitet Staatsweingüter

Die neue Geschäftsführerin der Hessischen Staatsweingüter, Christine Müller, hat zum Amtsantritt ambitionierte Ziele verkündet. Sie wolle die 2003 in eine GmbH ungewandelten Staatsweingüter in die „Familie der prägendsten Weingüter der Welt“ führen. Eine stringente Marken- und Sortimentsstrategie, der von den Gutsweinen über die Tropfen aus Spitzenlagen bis zu den Schatzkammerweinen reiche, solle Profil und Orientierung schaffen, sagte Müller anlässlich eines Empfangs im Kloster.

Zentral für die neue Strategie sei die Einheit von Kloster und Weingut. Beide gehörten untrennbar zusammen. Die Verzahnung von Kultur, Geschichte und Spitzenwein solle gestärkt werden. Das Weingut solle wieder eine Vorreiterrolle im Weinbau übernehmen: „Wir wollen wieder als Leuchtturm des hessischen Weinbaus wahrgenommen werden.“

Der Fokus liege auf einer konsequenten Konzentration auf Qualität und Herkunft. Der Lagenschatz der Staatsweingüter müsse erlebbar werden. Das Kloster solle Strahlkraft für die Region und darüber hinaus entfalten. „Jede Flasche Wein aus Kloster Eberbach soll ein flüssiger Botschafter für Hessen sein“, so Müller. Sie kündigte eine Verringerung der bewirtschafteten Rebfläche an, allerdings ohne Verkauf oder Verpachtung von Weinbergen. Für die nicht mehr benötigten Weinberge solle es eine „nachhaltige und verantwortbare Nachverwendung“ geben. Das Sortiment werde gestrafft, der Vertrieb auf Auslandsmärkte und Direktkunden neu ausgerichtet. Ein Element dazu sei schon die Wiedereröffnung der KIosterschänke in Eigenregie, die einen guten Start gehabt habe.

In Weinberg und Weinkeller seien neue Impulse gesetzt worden, sagte Müller, ohne allerdings ins Detail zu gehen. Mit den Banken sei tragfähiges Finanzierungskonzept entwickelt worden. In den kommenden fünf Jahren gehe es um wirtschaftliche Stabilität, nachweislich ausgezeichnete Spitzenweine und eine Profilierung der Domänen des Staatsweingutes. Müller kündigte zudem einen „konsequenten Markenrelaunch mit deutlicher Hessenidentität“ an.

Weinbauminister Ingmar Jung (CDU) lobte die neue Intensität der Zusammenarbeit von Weingut und der 1998 gegründeten Klosterstiftung. Die neue Positionierung des Weingut sei vor dem Hintergrund der Herausforderungen auf dem Weinmarkt „alternativlos“. Das Weingut solle sich zudem weiter der Ausbildung von Nachwuchs- und Fachkräften widmen. (aus der F.A.Z.)

Warum der Weinbau weiblicher wird (3)

Die Krise trifft den Weinbau mit Wucht. Globale Überproduktion und Absatzschwäche treffen auf Nachwuchsmangel. So manches Traditionsweingut steht zum Verkauf. Die Hoffnung ist weiblich. Immer mehr – in Geisenheim bestens ausgebildete – Önologinnen übernehmen die von den Vätern aufgebauten Familienbetriebe und führen sie in die Zukunft. Ihr Optimismus ist so groß wie ihre Leidenschaft für herausragend guten Riesling und Spätburgunder. Zu Besuch in drei Weingütern, um deren Entwicklung keinem Weinfreund bange sein muss.

Folge 3: Carolin Weiler, Weingut Weiler, Lorch

Der Weg zur Winzerin verläuft für junge Frauen im Rheingau meist nicht so geradlinig wie für Jungen. Doch auch Umwege führen ans Ziel. Als Carolin Weiler sich mit 16 für das Amt der Lorcher Weinkönigin begeisterte und ihren Eltern eröffnete, einmal in das mehr als 100 Jahre Weingut einsteigen zu wollen, erntete sie keine Begeisterung, sondern Warnungen. Sie solle „lieber was Anständiges“ lernen, wurde ihr beschieden. Weiler ließ sich zwei Jahr zur Sozialassistentin ausbilden und schloss die dreijährige Lehre zur Erzieherin an. Einige Jahre arbeitete sie in Kindertagesstätten, doch sei alles andere als erfüllend gewesen, sagt sie. Und zog die Konsequenzen.

Sie erwarb die allgemeine Hochschulreife, und 2018 begann sie das Studium der Internationalen Weinwirtschaft in Geisenheim. Der Vater habe mit einer Art „Schockstarre“ reagiert, erinnert sich Weiler, und dann doch den Wunsch der Tochter akzeptiert, das arbeitsaufwendige Steillagenweingut zu führen.

Weil es ihr nicht nur um Vertrieb und Marketing ging, sondern um das Handwerk selbst, wechselte sie nach kurzer Zeit in den Studiengang Weinbau und Önologie. Vermutlich hätte den formalen Abschluss längst in der Tasche, wäre ihr nicht der Glücksfall eines außergewöhnlichen, dokumentarischen Filmprojekts dazwischengekommen. „Wein weiblich“ mit Weinkritiker Stuart Pigott begleitete über einen Zeitraum von zwei Jahren die Winzerinnen Theresa Breuer, Eva Vollmer, Silke Wolf – und Carolin Weiler. Heraus kam eine Dokumentation in Spielfilmlänge. Weiler schwärmt noch heute von der Resonanz auf den Film. Das kleine Weingut wurde zudem vom Weinführer Vinum als „Entdeckung des Jahres“ geehrt.

Das alles gab dem Weingut einen bemerkenswerten Schub. In der sicheren Erwartung, dass Tochter Carolin den Betrieb in vierter Generation weiterführen wird, erweiterte Vater Richard den Steillagenbetrieb von drei auf 4,5 Hektar. Und er gab seiner Tochter immer größere Spielräume, auch wenn es ein langer Prozess war, sich aufeinander einzustellen: Hier der bodenständige Praktiker mit jahrzehntelanger Erfahrung, dort die dynamische und vor neuen Ideen sprühende Tochter. Im Sommer 2025 war dann die Betriebsübergabe der nächste logische Schritt.

Ein Schritt, dem laut Weiler „viele familieninterne Gespräche“ vorausgingen. „Ich wollte den Weg gehen, egal wie lange und steinig er wird“, sagt die heute 36 Jahre alte Winzerin. Am Tag nach der Betriebsübernahme habe sie sich erleichtert gefühlt, sei sich aber auch den Pflichten und Risiken bewusst. Auf die Mithilfe ihres Vater sei sie weiter angewiesen. Gerade erst hat Weiler ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Sie solle das Weingut gut weiterführen, um es in 30 Jahren an die nächste Generation weitergeben zu können.

Damit das gelingt, müssen die Zahlen stimmen. Nach der Betriebsübernahme hat sie die Weinpreise neu kalkuliert. Ihr geht es vor allem darum, den Kunden den Wert der von Schiefer und Quarzit durchsetzten Steillagen nahezubringen. Der Arbeitsaufwand dort liegt um ein Vielfaches höher als in den maschinell bequem zu bewirtschaftenden Flachlagen. Rund 4,5 Hektar bedeuten in solchen Lagen viel Arbeit, doch kann sich Weiler ein organisches, langsames Wachstum auf bis zu zehn Hektar durchaus vorstellen. Sie will langlebige Weine erzeugen, die ihre Herkunft aus den kargen Mittelrhein-Böden wiederspiegeln. Im europäischen Ausland gibt es inzwischen schon einige Importeure, die diese Wein besonders zu schätzen wissen.

Wäre alles nicht viel einfacher, wenn sie in Walluf statt in Lorch wirtschaften würde? Vielleicht, aber die Lorcherin steht zu ihrer Heimat und sieht eher deren Charme und landschaftlichen Reize, denn die  Nachteile durch die größere Entfernung zu den großen Städten. Lorch sei ein Rohdiamant, der noch zu wenig bekannt sei. Mit ihren Weinen will sie beitragen, das zu ändern. Bange ist ihr vor dem Weg, der vor ihr liegt, aber nicht: „Ich schaffe das.“

Warum der Weinbau weiblicher wird (2)

Die Krise trifft den Weinbau mit Wucht. Globale Überproduktion und Absatzschwäche treffen auf Nachwuchsmangel. So manches Traditionsweingut steht zum Verkauf. Die Hoffnung ist weiblich. Immer mehr – in Geisenheim bestens ausgebildete – Önologinnen übernehmen die von den Vätern aufgebauten Familienbetriebe und führen sie in die Zukunft. Ihr Optimismus ist so groß wie ihre Leidenschaft für herausragend guten Riesling und Spätburgunder. Zu Besuch in drei Weingütern, um der Entwicklung keinem Weinfreund bange sein muss.

Folge 2: Julia Seyffardt – Weingut Diefenhardt, Martinsthal

Weinkrise? Welche Weinkrise? Die Zuversicht von Julia Seyffardt, dass das Weingut Diefenhardt nach der Pandemie auch die gegenwärtige Phase globaler Überproduktion und gedämpfter Konsumlaune gut überstehen wird, manifestiert sich in einem imposanten Neubau. Am Ortsrand von Martinsthal wurde neben einer bestehenden Außenbetriebshalle des Weinguts in kleiner Weinberg gerodet, um Platz für eine neue Kellerei zu schaffen. Hier wurde schon der Weinjahrgang 2023 verarbeitet und eingelagert, aber erst in diesem Jahr sollen die Innenausstattung des Baus vollendet und die Eröffnung gefeiert werden.

Dass Julia Seyffardt den Betrieb in fünfter Generation einmal übernehmen würde, zeichnete sich früh ab. Nur kurz liebäugelte sie auf dem Weg zum Abitur mit einer Karriere als Architektin. Doch das eigene Weingut an alten Hauptstraße von Martinsthal schätzte sie schon in ihrer Jugend als geschützten Raum, der Geborgenheit und Sicherheit bot mit einem dichten Familiennetz. Schließlich bewirtschaftete die Tante die beliebte Gutsschänke des Weinguts. „Ich hatte eine schöne Kindheit auf dem Weingut“, sagt Seyffardt.

Dass ihr Vater Peter Seyffardt, der seit vielen Jahren Rheingauer Weinbaupräsident ist, das Weingut auf wirtschaftlich stabile Füße gestellt hatte, bestärkte ihren Willen, die Familientradition fortzuführen. Im Jahr 1917 hatte mit Jakob Diefenhardt die erste Generation das Weingut vom  Baron von Reichenau erworben.

Seyffardt schnupperte bei den Hessischen Staatsweingüter und im südafrikanischen Weingut Louiesenhof Praxisluft, ehe sie in Geisenheim Weingut und Önologie studierte. Ein Semester in Burgund rundete die akademische Ausbildung ab, ehe sie in das Familienweingut eintrat. Große Meinungsverschiedenheiten zwischen den Generationen habe es nicht gegeben, sagt Seyffardt. Dass es die richtige Entscheidung war, steht für sie außer Zweifel: „Ich bin mehr der praktische Typ“. Sie liebt die Vielfalt des Berufs, die Arbeit in der Natur, den Kontakt mit den Kunden und die unmittelbare Resonanz für das eigene Produkt. Dass ein Winzer alles in der eigenen Hand behält und steuert, von der Pflanzung der Reben über die Ernte bis zum Ausbau im Keller, dem Marketing und dem Vertrieb der Weine, hält die 36 Jahre alte Seyffardt für außergewöhnlich und attraktiv: Welcher Beruf biete das schon?

In den Betrieb wuchs sie langsam hinein. Ihr Vater ließ ihr früh große Freiheiten. Nach wenigen Jahren übernahm sie die Aufgabe der Kellermeisterin. Schon vor zehn Jahren nahm sie ihr Vater mit der Gründung einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts in die unternehmerische Verantwortung.

Den vom Vater gesteuerten Neubau der Kellerei sieht Seyffardt, die im Frühjahr ihr erstes Kind erwartet, als Zeichen der Stärke und des  Aufbruchs. Der Anteil der Privatkunden am Absatz von gegenwärtig rund zwei Drittel soll durch die neue, ansprechende Vinothek, eine gelegentliche Straußwirtschaft und Veranstaltung noch gestärkt werden. Am alten Standort in der Hauptstraße verbleibt nur die Schatzkammer des Weinguts und die – gerade erst neu verpachtete – Gutsschänke. Seyffardt ist zuversichtlich, dass der Neubau das als nachhaltig zertifiziertes Weingut noch flexibler, schlagkräftiger macht. Mit 18 Hektar sei der Weinbergsbesitz auskömmlich, doch zeigt sich Seyffardt offen für eine Erweiterung um drei bis vier Hektar. Dass die Lagen in Martinsthal, Rauenthal und Eltville  vom Betrieb aus gut zu erreichen sind, sieht Seyffardt logistisch als großen Vorteil.

Ihr Ziel sind elegante, filigrane, trinkfreudige Weine, die eine gute Balance auszeichnen: „Wir machen eine gute Qualität für einen guten Preis“, sagt die selbstbewusste Winzerin. Die Meinung der Kunden ist ihr dabei wichtiger als die der professionellen Weinkritiker. Denn was jene Experten in den Himmel loben, verkauft sich bisweilen unerwartet zäh. Punkte hin, Sterne her.       

Warum der Weinbau weiblicher wird (1)

Die Krise trifft den Weinbau mit Wucht. Globale Überproduktion und Absatzschwäche treffen auf Nachwuchsmangel. So manches Traditionsweingut steht zum Verkauf. Die Hoffnung ist weiblich. Immer mehr – in Geisenheim bestens ausgebildete – Önologinnen übernehmen die von den Vätern aufgebauten Familienbetriebe und führen sie in die Zukunft. Ihr Optimismus ist so groß wie ihre Leidenschaft für herausragend guten Riesling und Spätburgunder. Zu Besuch in drei Weingütern, um der Entwicklung keinem Weinfreund bange sein muss.

Folge 1: Katharina Flick, Weingut Joachim Flick (Wicker)

Wer schon als Kind von morgens bis abends im Weinberg herumtollt, mit einer niedlichen Kinderbütt während der Lese die Trauben einsammelt und nach der Schule alle Produktionsschritte im elterlichen Weingut fasziniert verfolgt, dem ist der Beruf in die Wiege gelegt worden. Und wer Katharina Flick zuhört, wenn sie von der Arbeit in Weinberg und Keller spricht, der hört mehr von Berufung denn von Beruf.

Dass für sie bei der Berufswahl „nur was Handwerkliches“ in Frage kam, stand für Flick außer Frage. Wäre sie nicht im elterlichen Weingut in der Wickerer Straßenmühle aufgewachsen, hätte vielleicht eine Floristin aus ihr werden können. Doch das Zuhause war ein Weingut. Flick verfolgte ihre Ausbildung zur Winzerin mit großer Hartnäckigkeit. Ein Praktikum im Hochheimer Weingut Künstler bestätigte sie, eine Winzerlehre in drei renommierten deutschen Weingütern in der Pfalz, in Rheinhessen und im Rheingau zu beginnen. Ihren Wissensdrang stillte das aber nicht: „Ich wollte mehr“. Sie holte ihr Fachabitur nach und begann das Studium von Weinbau und Önologie in Geisenheim.

Kaum hatte sie den Bachelor in der Tasche, war ihre Fachkenntnis zuhause als Kellermeisterin gefragt, um eine unerwartete Vakanz auszufüllen und den Jahrgang 2023 zu ernten. Gewissermaßen als Feuerwehrfrau im Weinkeller vinifizierte sie ihren ersten Jahrgang. Für eine  kurze, aber spannende Zeit mit vielen Einblicken arbeitete sie in der Zentrale der Prädikatsweingüter in Mainz, ehe sie ganz in das Familienweingut eintrat.

Bis heute ist sie angestellte Kellermeisterin, aber im Sommer 2026 bindet sie Vater Reiner Flick mit der Gründung einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts in die unternehmerische Verantwortung ein. „Ich werde es wohl gar nicht merken“, sagt Katharina Flick, weil sie schon heute gut mit ihrem Vater harmoniere und immer mehr Aufgaben übernommen habe. Der Weinkeller ist ihre Domäne, auch wenn im Weingut ihre Aufgaben vielfältig sind. Im Familienbetrieb muss jeder dort angepackt werden, wo Not ist.

Es wird auch keinen Bruch bei der Weinstilistik von Flick geben, mit der sich die Winzerin „voll identifiziert.“ Das Weingut, dessen Historie bis in die Mittel des 17. Jahrhunderts zurückreicht, ist für seine klaren, saften, finessenreichen und eleganten  Weine bekannt. Gute Noten der Weinführer gibt es regelmäßig. Unterschiede zwischen Vater und Tochter gibt es eher in der Herangehensweise als im Grundsätzlichen: „Ich bin manchmal entspannter als mein Vater im Weinkeller“, sagt Katharina Flick, die auch dann nicht ungeduldig wird, wenn ein Wein mal wieder länger gärt. In jedem Fall müsse die Qualität des Weins für sich sprechen.

Vor der gegenwärtigen Lage im Weinbau habe sie „großen Respekt“, gibt sie zu. Furcht aber nicht. Denn sie sieht das Weingut Flick als Marke gut aufgestellt für Herausforderungen wie diese. Das Weingut sei schon immer sehr innovativ gewesen und investiert in die Kundenbindung. Flick erwartet nicht, dass die Weinkrise von Dauer sein wird. Und jene Weingüter, die sie überstehen, werden noch stärker daraus hervorkommen.

Heute bewirtschaftet das Weingut rund 25 Hektar Rebfläche. Gerade wird in eine neue Halle investiert. Die Zahl der Veranstaltungen auf dem Hof ist groß. Das Weingut verkauft neben Riesling und Spätburgunder viele Erlebnisse für die Kunden. Selbst am Weihnachtstag war das Weingut geöffnet und kredenzte Austern und Sekt. Das stärkt die Nähe zum Endverbraucher, die im regionalen Einzelhandel gern zu Flick-Wein greifen. Das Weingut spielt zudem seinen Standortvorteil aus: Warum soll ein Frankfurter bis nach Lorch fahren, wenn er in Flörsheim-Wicker herausragend gute Weine kaufen kann? Reiner Flick ist glücklich über das Engagement seiner Tochter. Zwar gebe es hin und wieder auch Meinungsverschiedenheiten, doch „wir tragen uns nichts nach“. Am Ende sichere Einigkeit den Erfolg: „Zwischen uns darf kein Blatt Papier passen“.

Ein außergewöhnliches Weinjahr

Hinter den Winzern liegt abermals ein außergewöhnliches Jahr in Weinberg und Keller. Nach den Aufzeichnungen des Eltviller Weinbauamtes ging 2025 als das Jahr mit dem frühesten Lesebeginn seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1955 in die Annalen ein. Der Austrieb war fünf Tage vor dem dreißigjährigem Mittel (1991 bis 2020) am 17. April verzeichnet worden, die Blüte des Rieslings sogar sechs Tage früher.

Der von warmen Wochen begünstigte Reifebeginn (Referenzwert 25 Grad Oechsle) erreichte mit dem Datum 5. August nach den Jahren 2011, 2018 und 2007 Rang vier auf der Liste der frühesten Termine. Im Vergleich zum Vorjahr war die Pflanzenschutzsaison 2025 für die Winzer weniger schwierig. Der Klimawandel führt dazu, dass bei den Pflanzenkrankheiten nun Oidium häufiger vorkommt als Peronospora.

Die Hauptlese beim Riesling begann im Rheingau am 10. September und war bei den meisten Betrieben noch vor dem Monatesende beendet. Damit, so die Bilanz des Weinbauamtes, war „die Lese des Jahrgangs 2025 schon beendet, bevor sie üblicherweise anfängt.“ Wegen des vielen Regen und der schnellen Ausbreitung von Fäulnis gab es eine rasante Lese. Die Qualität habe die Erwartungen „meist erfüllt“, heißt es. Die Erntemengen blieben jedoch unter den Erwartungen.

„Der Klimawandel zeigt deutliche Auswirkungen auf den Weinbau“, lautet die Bilanz. Die Bekämpfung von Schaderregern erfordert neue Strategien. Die phänologische Entwicklung der Rebe startete im Jahreslauf immer früher und werde in ihrem Verlauf beschleunigt, heißt es. Der Zeitraum vom Ende der Blüte bis zum Lesebeginn werde immer kürzer. Im Jahr 2025 waren das nur „kurze“ 91 Tage. Der Mittelwert seit 1955 liegt bei 108 Tagen. Der Rekord von 1961 liegt bei 128 Tagen.

Die Trauben reifen nicht mehr in einer vornehmlich in der kühleren Jahreszeit. Dadurch steigt nach starken Regenfällen die Gefahr von Fäulnis. Für eine entspannte Lese gesunder Trauben bleibt den Winzern immer weniger Zeit. Aus Sicht der Meteorologen war im Jahr 2025 – mit Ausnahme des Februar –  jeder Monat wärmer als das dreißigjährige Mittel. Markant „zu warm“ war mit einer Abweichung von 2,6 Kelvin aber nur der Juni. Die dadurch beschleunigte  Rebenentwicklung habe „ein neues Niveau“ erreicht. Im Winter reichten die frostigen Nächte für eine Eisweinlese meist nicht aus. Am kältesten war es am 14. Januar mit minus 6 Grad.

Danach kam wenig Regen. In der langen Geisenheimer Messreihe war es das viert-trockenste Frühjahr seit 1885 und der dritt-sonnigste März seit 1890. „Insgesamt verlief der Frühling viel zu trocken“, so die Bilanz. Die Frühlingstemperaturen lagen 1,1 Kelvin über dem Mittelwert von 1991 bis 2020. Gleichzeitig gab es einen Sonnenscheinbonus von 192 Stunden. Damit war es einer der sonnigsten Frühlinge im Rheingau. Und ein nasser September, der in Geisenheim mit 109 Litern je Quadratmeter Rang vier der seit 1884 geführten Bestenliste erreichte. Dank durchfeuchteter Böden kam der Wein im Weinbaujahr 2025 gut durch den ungewöhnlich trockenen Frühling. Die niederschlagsreichen Phasen verbesserten die Wasserversorgung, erhöhten allerdings den Krankheitsdruck. Größere Schäden durch Spätfrost und Hagel blieben aus. „Letztendlich war die Witterung wieder einmal eine Überraschungskiste“, so die Bilanz.

Bei der Ernte hatten Betriebe mit einer hohen Schlagkraft daher einen deutlichen Vorteil. „Wer rechtzeitig auf die Weinlese vorbereitet war und zügig ernten sowie eine rasche Traubenverarbeitung und Weinbereitung gewährleisten konnte, kann mit sehr guten Ergebnissen rechnen.“

Pessimismus auf der Weinwoche

Der Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes, Peter Seyffardt, sieht die Lage der Weinbranche unverändert kritisch. Zum Auftakt der Winterfachtagung des Verbands in Geisenheim sagte Seyffardt, die „ökonomische Zurückhaltung“ der Konsumenten dauere an, und es gebe ein weltweites Überangebot an Wein bei einem gleichzeitigen Trend hin zu alkoholfreien Getränken. Zudem schwächele in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage die Gastronomie als wichtiger Absatzkanal der Weingüter. Weil die Weinerzeugung die Nachfrage übersteige, gebe es zudem einen ruinösen Preiswettbewerb. Die Fassweinpreise lägen inzwischen unter den Produktionskosten.

Laut Seyffardt legte die deutsche Weinbaufläche seit 1990 um 8,7 Prozent auf 103.000 Hektar zu, während der Pro-Kopf-Verbrauch stetig zurückging. Der Marktanteil der deutschen Winzer ist nach den jüngsten Marktforschungszahlen wegen eines schärferen Wettbewerbs auf unter 42 Prozent gefallen. 2013 lag er noch bei 48 Prozent.

Das zwinge dazu, alle bisherigen Konzepte zu überdenken, so Seyffardt. Der „Königsweg“ im „größten Weinimportmarkt der Welt“ sei nach Ansicht aller deutschen Weinbauverbände die Steigerung des Marktanteils auf 50 Prozent. Die Krise müsse als Chance verstanden werden. Der Rheingau müsse an Profil gewinnen und mit einem klaren  „Markenversprechen“ verknüpft werden.

Laut Seyffardt muss die Fehlentwicklung in der Folge des Weingesetzes von 1971 korrigiert werden. Damals sei der Fokus nicht mehr auf die Herkunft der Weine aus renommierten Lagen, sondern auf Mostgewicht und Rebsorten gelegt worden. Die „Entkopplung von Weinlage und Weinqualität“ habe eine Industrialisierung der Branche begünstigt. Im Export sei es vor allem um Masse und Süße gegangen. „Deutschland erzeugt heute Weltklassewein, aber verkauft ihn mit einem System, das niemand liebt“, so die Analyse von Seyffardt.

Wie aber geht es besser? Seyffardt sieht Südtirol, die Wachau, die Toskana und das Douro-Tal als erfolgreiche Vorbilder. Dort liege der Fokus seit Jahrzehnten auf der Herkunft der Weine und nicht dem Mostgewicht als Qualitätsmerkmal. Die Qualitätspyramiden in diesen erfolgreichen Regionen seien verständlich, stellten die Weinorte und Lagen in den Mittelpunkt und seien „emotional aufgeladen“.

Diese Regionen „verkaufen Herkunft, Gefühl & Emotionen“, so Seyffardt, während in Deutschland zu viel „erklärt, differenziert und relativiert“ werde nach dem Motto: Von allem ein bisschen. Alles soll  und muss möglich sein.“ Wir haben die Herkunft lange verwaltet – und beginnen erst jetzt, sie zu erzählen.“

Seyffart verlangt mehr Mut zur Vereinfachung, regionale Selbstdisziplin, einheitliche Stilbilder beim Wein und „Emotion vor Klassifikation“. Die Trinkfreude müsse „rehabilitiert“ werden. Die Marke Rheingau müsse gestärkt, die Lage am Rande der Rhein-Main-Region besser genutzt werden. Die Voraussetzungen für mehr Erfolg im Weinmarkt seien gegeben. Die Marktforscherin Simone Loose zeichnete allerdings ein düsteres Bild. Im laufenden Jahr verlor der Rheingau beim Umsatz fast sieben Prozent. Die Aussichten stimmten auch in den kommenden Jahren nicht optimistisch.

Hessens Weinbauminister Ingmar Jung (CDU) rief die Winzer auf, selbstbewusster mit Krise umzugehen. Dazu gehöre auch, sich „nicht ständig dafür zu entschuldigen, dass im Wein Alkohol ist.“ Die Steigerung des Marktanteils der deutschen Winzer im Inland sei der Landesregierung ein wichtiges Anliegen. Die neue Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts, Melanie Broyé-Engelkes kündigte dazu eine Kampagne an, die eine höhere Wertschätzung für deutschen Wein in den Mittelpunkt stelle und sich vor allem an die Generation der 18 bis 38 Jahre alten „Gen Z & Y“-Mitglieder richte: „Denn die erreichen wir aktuell nicht.“ Minister Jung forderte die Winzer auf, bei der Erzeugung das Augenmerk auf einen klar erkennbaren Typus und die Herkunft zu richten und nicht auf das Mostgewicht. Er riet, bei trockenen Weinen endgültig auf die Nutzung der traditionellen Prädikate wie Kabinett und Spätlese zu verzichten. Der Präsident der Hochschule Geisenheim, Reiner Schulz, sagte den Winzer die Unterstützung der Wissenschaft bei der Überwindung der Krise zu. Millionensummen für die Rodung von Weinbergen in Frankreich und ein erschreckender Preisverfall in Australien zeigen, „was gerade global los ist.“ (aus der FAZ vom 14. Januar 2026)

Wo sind die Weinpatrioten?

Die Weinabsatzkrise ist global und kein deutsches Phänomen. Eine Marktbereinigung ist überfällig, um die Weinproduktion der stetig rückläufigen Nachfrage anzupassen. Schon längst hätten Strategien entwickelt werden müssen, wie die Rebfläche ohne Schaden für die Kulturlandschaft und den Tourismus deutlich verringert werden kann. Zudem fehlt noch immer die Einsicht, dass es aktuell nicht um eine Delle geht, die in einigen Jahren Besserung und womöglich Rückkehr zu den gewohnten Verhältnissen verspricht.

Die Erwartungen der Marktforscher sind eindeutig: Die Umsatz- und Absatzkurven gehen weiter nach unten.  Den deutschen Winzern muss zudem zu denken geben, dass sie im nationalen Verdrängungswettbewerb überproportional Marktanteile an die ausländische Konkurrenz abgeben.

Diese Misere nahm schon vor der aktuellen Krise ihren Anfang. Seit 2013 haben die deutschen Winzer auf ihrem Heimatmarkt mehr als sechs Prozent eingebüßt, während die italienischen Erzeuger zulegten. Von einem Weinpatriotismus, wie ihn unter anderem die Österreicher an den Tag legen, sind die deutschen Weintrinker weit entfernt. Warum eigentlich?

Jene deutschen Winzer, die offen für Selbstkritik sind, geben freimütig zu, dass es nicht gelungen ist, hierzulande eine Wertschätzung für die regional erzeugten Produkte zu wecken. Das hehre Ziel der deutschen Weinbauverbände, dass absehbar wieder jede zweite Flasche hierzulande gekauften Wein aus den 13 deutschen Anbaugebieten stammt, wird sich kaum verwirklichen lassen. Dazu fehlt es an überzeugenden Konzepten und Strategien. Dass es gelingt, in der laufenden Krise aus dem Rheingau eine überzeugende Weinmarke zu formen, ist kaum vorstellbar. In einem massiven, nicht mehr nachlassenden Verdrängungswettbewerb ist sich jeder selbst der nächste. Gestärkt überstehen werden ihn jene vertriebsstarken Güter, die auf kreative Kundengewinnung und Kundenpflege auf Basis einer hochmodernen Warenwirtschaft setzen, und in denen die Winzer vor allem eines sind: innovative Unternehmer. (veröffentlicht in der FAZ am 14. Januar 2026)

Der Assmannshäuser Losberg

Vor 20 Jahre rettete ein Rotwein-verrückter Winzer einen kleinen und steilen Weinberg, um dort großen Pinot Noir erzeugen. Was ist aus dem Projekt geworden? Ein zweiter Besuch in Aulhausen: Wer hinter Rüdesheim in das enge Mittelrheintal eintritt, der erhält eine gute  Vorstellung, wie sich die heute von der Unesco geschützte Weinkulturlandschaft gravierend ändern kann, wenn sich der Weinbau aus den Steillagen zurückzieht. An vielen Stellen zeugen noch erkennbare Mauerreste davon, wo einst Rebstöcke standen. In Lorchhausen beispielweise waren vor 100 Jahren noch gut 70 Hektar Rebfläche bewirtschaftet worden. Heute sind es trotz des anerkannt guten Terroirs nur noch neun. Bisweilen allerdings raffen sich engagierte Winzer auf, ein Zeichen gegen diese Entwicklung zusetzen.

Einer von ihnen ist der Aulhauser Weinbautechniker Henning Brömser. Der Winzer leitet für das Weingut Fürst von Löwenstein den Außenbetrieb und pflegt die fürstlichen Weinberge rund um Hallgarten. Die Trauben von fünf der gut 20 Hektar werden zur Weiterverarbeitung im Herbst nach Franken gefahren, denn von seinen Rheingauer Immobilien hat sich das Weingut schon vor Jahren getrennt.

20 Jahre ist es her, dass Brömser in seiner Freizeit in die Hände spuckte, um eine aufgegebenen und schon von Brombeeren überwucherten Weinbergsparzelle vor dem Vergessen zu retten. Von den damals drei Eigentümerinnen pachtete er den nur 1000 Quadratmeter großen, von Naturschutzflächen umgebenen Weinberg. Hunderte von Arbeitsstunden später hatte Brömser 700 Spätburgunder-Rebstöcke gesetzt in der festen Überzeugung, dass in der zum Rotweindorf Assmannshausen zählenden Parzelle der Lage Frankenthal ein herausragend guter Spätburgunder zu erzeugen ist.  Er pflanzte den Geisenheimer Klon 20-13, der sich auf dem harten Schieferboden wohl fühlt und kleine, lockerbeerige Trauben hervorbringt.

Heute ist die kleine Lage als „Museumsweinberg“ klassifiziert und als kleinster eigenständiger Weinberg des Rheingau unter dem Namen „Losberg“ in die Weinbaukartei eingetragen. Wenn es darauf ankommt, ist die Ernte nach zwei Stunden Handlese beendet. Im Jahr 2008 gab es mit 50 Litern Spätburgunder den ersten Ertrag, und schon der war nach Ansicht von Brömser „genial“ gut.

Seither reicht die Menge von jährlich durchschnittlich 250 Litern aus, um dein Barriquefass aus französischer Eiche zu füllen. Rund 18 Monate darf der Wein darin reifen, ehe die rund 300 Flaschen gefüllt werden. Brömsers Philosophie ist simpel: einen Pinot Noir von maximaler Qualität zu erzeugen: „Ich produziere nur, was ich will.“  Er schwärmt eher filigrane, geschmeidige Spätburgunder mit Balance und Harmonie. Damit die Frucht des Spätburgunder zu Geltung kommt und nicht von den Holzaromen des Barriques dominiert wird, nutzt Brömer nur gebrauchte Fässer, die aromatisch weniger stark auf ihren Inhalt Einfluss nehmen.

Lange Zeit wurde der Hobbywein ausschließlich unter Freunden und Bekannten vertrieben, in fröhlichen Runden getrunken. Doch die Mund-zu-Mund-Propaganda überzeugter Weinkenner zeigte Wirkung. Die Nachfrage nach einem Wein, bei dem jeder Rebstock vom Chef persönlich gehegt und gepflegt wurde, wuchs. Damit in Waldnähe  überhaupt geerntet werden kann, muss der Losberg mit einem Elektrozaun gegen Wildschweine gesichert werden.

Seit fünf Jahren hat Brömser das Hobby mit seiner Lebensgefährtin Birgit Block, ebenfalls vom Fach, und der Gründung eines Mini-Weinguts professionalisiert. Die winzige Monopollage Losberg ist inzwischen zum größten Teil in seinem Besitz. Zwei Weinberge in Rüdesheim, Klosterberg und Drachenstein, kamen zwischenzeitlich hinzu, so dass jetzt von „Block & Brömser“ rund 4000 Quadratmeter bewirtschaftet werden. Erzeugt wird weiter ausschließlich Rotwein, für den sich Brömser in all seinen Facetten begeistern kann.  „Ich habe mir meinen Traum erfüllt“, sagt Brömser. Würde er es wieder tun? Auf jeden Fall. (mein Text in der FAZ vom 9. Januar 2026)

Knochentrocken immer beliebter

Lange überlegen muss Winzer Ralf Schönleber nicht. Er empfiehlt seine „Creation“ für die besonders festlichen Momente an den Feiertagen und um den Jahreswechsel. Ein Schaumwein, der im Sortiment des Sekt- und Weinguts F.B. Schönleber in Oestrich-Winkel eine Sonderstellung einnimmt. Denn während sieben seiner acht Sekte reinsortig sind, ist die „Creation“ eine Cuvée aus Riesling und Spätburgunder. Ein Sekt, der für Schönleber mehr ist als die Summe der beiden „Einzelteile“ und mit seiner Frische und Vielschichtigkeit überzeugt: Im Duett „tanzen Riesling und Spätburgunder auf der Zunge“, schwärmt er.

Bemerkenswert findet Schönleber, der das elf Hektar große Weingut mit seinem Bruder Bernd führt, einen neuen Trend zum knochentrockenem Sekt, dem „brut nature“. Diese Nachfrage wächst, die Zurückhaltung der Konsumenten gegenüber Schaumweinen ganz ohne Zucker ist einer Neugier und Aufgeschlossenheit gewichen. So beobachtet es Schönleber. Das Geheimnis dahinter: Ein Hefelager von mindestens drei, besser fünf Jahren – statt der gesetzlich verlangten neun Monate – um den Grundwein zu veredeln. Vor allem als Essensbegleiter sei ein „brut nature“ dann sehr gut geeignet, meint Schönleber. Das hatte sogar den Deutschen Fußballbund überzeugt, der den Sekt für seine VIP-Lounge ausgewählt hatte.

Den „knockentrocken“-Trend bei immer mehr Konsumenten bestätigt auch Mark Barth in Hattenheim, der ebenfalls auf ein langes Hefelager setzt, um dem Sekt Charakter, Finesse und Komplexität zu geben. Während bei Schönleber rund 20 Prozent der Produktion auf Sekt entfallen, sind es bei Barth sogar 40 Prozent. Bei beiden Betrieben mit steigender Tendenz. Barth investiert 2026 in eine neue Degogieranlage. Und er hat gerade erst seinen ersten Chardonnay-Sekt vorgestellt. Allerdings in einer schon vergriffenen kleinen Premierenauflage.  

Schönleber und Barth gehören zu den Vorreitern der gehobenen Winzersekte im Rheingau und zu der Handvoll Rheingauer Betrieben, die sich dem Verband traditioneller Sektmacher angeschlossen haben und sich dem Sektstatut der Deutschen Prädikatsweingüter unterwerfen

Die gegenwärtige Weinabsatzkrise spürt Schönleber mit seinem hohen Privatkundenanteil nur am Rande. Im Handel gebe es aber einen Verdrängungswettbewerb, weiß Schönleber. Verluste kompensiert er mit dem Absatz an treue und neue Privatkunden, von denen derzeit wieder mehr die Vinothek ansteuern und bereit sind, für eine gute Flasche Wein oder Sekt auch einen angemessenen Preis zu zahlen.

Barth beobachtet, dass die Bestellzyklen teuer Kunden länger werden, weil die Lager nicht mehr so schnell wie früher umgeschlagen werden. Aus seiner Sicht bestätigt Barth die Sicht des Sektverbandes, wonach sich in der gegenwärtigen Konsum- und Absatzkrise der Schaumwein etwas besser schlägt als der Stillwein. Für seinen Betrieb sieht Schönleber die Talsohle der gegenwärtigen Weinkrise womöglich schon durchschnitten.

Nach Angaben des Verbandes Deutscher Sektkellereien hat sich der deutsche Sektmarkt im abgelaufenen Jahr „trotz zurückhaltender Konjunkturaussicht mit kleinen Abschwächungen weiterhin widerstandsfähig“ gezeigt. Das bestätige einmal mehr „seine grundlegende Robustheit“. Nach aktuellen Branchenzahlen ging der Schaumweinkonsum in Deutschland im Jahr 2024 auf 3,1 Liter je Kopf zurück. Damit fiel das Minus geringer aus als beim Wein. Im vergangenen Jahr wurden rund 250 Millionen Flaschen Sekt in Deutschland getrunken. Im ersten Halbjahr 2025 haben die Mitglieder des Verbandes in Deutschland 103,2 Millionen Flaschen Sekt verkauft. Das entspricht einem leichten Absatzrückgang von 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Kleinere und mittelständische Mitgliedsbetriebe, die jährlich weniger als vier Millionen Flaschen herstellen, waren demnach stärker von den wirtschaftlichen Herausforderungen getroffen und verzeichneten in der ersten Jahreshälfte ein Minus von rund 7,6 Prozent. Eingeschränkt wurden die Prognosen der vergangenen Wochen durch die unveränderte Bedeutung des Absatzes im Hinblick auf Weihnachten und Silvester. Die meisten Schaumweine sind Getränke für besondere Anlässe und weniger für den Alltag. Der Dezember steht daher für einige Erzeuger für bis zu 20 Prozent des Absatzes und ist somit für die Jahresbilanz entscheidend.

Bei Barth und Schönleber ist das Dezemberfieber der Sektkäufer nicht ganz so ausgeprägt. Zudem entscheiden sich viele Privatkunden noch kurzfristig, wie sie sich für Weihnachten und den Jahreswechsel wappnen. Einstellen müssen sich Barth und Schönleber auf einen Wandel im Kaufverhalten, den die jüngsten „Genussstudie“ von Rotkäppchen-Mumm thematisiert. Demnach informieren sich 44 Prozent der Befragten vor dem Kauf über die Google-Suche, 42 Prozent nutzen Online-Rezensionen und schon jeder Vierte nutze KI-Tools wie ChatGPT. Das seien 15 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Bei den jungen Befragten habe sogar fast jeder Dritte angegeben, ChatGPT für personalisierte Produktempfehlungen oder die Beratung zum Food-Pairing zu nutzen. So erfahren wie Barth ist die künstliche Intelligenz aber nicht: Barth empfiehlt zu Silvester, den besonders hochwertigen Schaumwein wie seine Lagensekte aus Hassel und Schützenhaus schon zum Essen. Denn um Mitternacht richte sich die Aufmerksamkeit auf andere Dinge als die Güte im Glas. (aus der FAZ vom 23.12.2025)