Schluss mit dem Wein-Bashing!

Paracelsus hatte Recht: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Ein moderater, maßvoller Konsum ist in vielerlei Hinsicht die Basis eines gesunden Lebensstils. Egal ob es um Zucker, Fett oder Alkohol geht. Dass Ethanol ein Zellgift ist, wird seriös niemand bestreiten wollen. Dass der Alkohol im Wein vom ersten Schluck an unwiederbringliche Schäden anrichtet, aber schon.

Die Winzer kämpfen seit langem gegen einen exzessiven Genuss. Sie haben 2007 die Aufklärungs- und Informationskampagne „Wine in Moderation“ initiiert, die in mehr als 40 Ländern aktiv ist. Dass Alkoholmissbrauch eine ernste Gefahr ist, gehört ebenso zum Kern dieses Schulungs- und Ausbildungsprogramms wie die Botschaft, das Schwangere, Kinder- und Jugendliche sowie Verkehrsteilnehmer tunlichst Verzicht üben sollten.    

Der unerwartete Kurswechsel der Deutschen Gesellschaft für Ernährung hat die Winzer irritiert und die Weintrinker verunsichert. Denn die neue Position, dass es keine risikofreie Menge für einen unbedenklichen Konsum gebe, ist wissenschaftlich hoch umstritten und in ihrer vermeintlichen Eindeutigkeit so nicht haltbar. Seriöse Kardiologen, Internisten und Ernährungswissenschaftler haben gerade erst in Geisenheim nicht nur nachvollziehbare Zweifel an der Datenbasis geäußert, mit der die DGE ihren Positionswechsel begründet hat. Sie können vielmehr auf eine Fülle aktueller Studien mit gegenteiliger Botschaft verweisen.

Demnach sind positive Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System medizinisch eindeutig belegt. Gerade bei Menschen im Alter jenseits der 40 Jahre. Bei moderatem Konsum gebe es zudem keinerlei Anzeichen für ein erhöhtes Risiko für Krebs oder Demenz, versichern die Wissenschaftler und Mediziner. Zumal Krebs als multikausale Erkrankung gilt. Der Ausbruch einer Krebserkrankung somit von vielen Faktoren abhängig ist, die kaum zu isolieren sind. Nicht nachvollziehbar ist für die Weinbranche zudem, dass die DGE keinerlei Unterschiede bei der Bewertung der Art der alkoholischen Getränke macht. Denn solche Unterschiede gibt es durchaus.   

Mit ihrer Verteufelung des Alkohols tut sich die Deutsche Gesellschaft für Ernährung keinen Gefallen. Zweifel an den Empfehlungen wurden schon im vergangenen Jahr laut, als sich die Bürger auf ein Frühstückei pro Woche beschränken sollten. Nicht aus gesundheitlichen, sondern aus umweltpolitischen Gründen. Da liegt der Verdacht nahe, dass auch beim Alkohol-Bashing nicht nur um die Gesundheit der Bürger geht. (mein Kommentar aus der FAZ)

Weintrinker leben doch länger

Die Deutsche Weinakademie fährt wissenschaftliche Expertisen auf, um fragwürdige Daten zum Alkoholkonsum auf den Prüfstand zu stellen. Studien belegen positive Wirkungen für ältere Weintrinker

Die gut gemeinten Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für einen gesunden Lebensstil erfahren in breiten Bevölkerungsschichten meist so wenig Widerhall und Aufmerksamkeit wie die mahnenden Botschaften der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wenn sich aber ein Fernsehdoktor und Entertainer wie Eckart von Hirschhausen vor Millionen Fernsehzuschauern als Lautsprecher der Botschaft zu Verfügung stellt, jeder einzige Tropfen Alkohol sei gesundheitsschädlich, dann sind Schlagzeilen garantiert.

Die deutschen Winzer trifft die öffentliche Kampagne gegen Promille im Blut in einer Phase, in der globale Überproduktion auf rückläufigen Konsum trifft und Weinberge stillgelegt oder gerodet werden müssen. Die Deutsche Weinakademie kanalisiert nicht erst seit der Hirschhausen-Sendung die wissenschaftlichen Zweifel an den Datenerhebungen und Schlussfolgerungen von WHO und DGE, auf die sich Hirschhausen bezieht.

Ein Kritikpunkt lautet: Daten und Empfehlungen aus Kanada seien eins zu eins auf deutsche Verhältnisse übertragen worden. Dabei, so der Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm, habe selbst die kanadische Regierung die Erkenntnisse des kanadischen Instituts für Suchtforschung wegen methodischer Mängel nicht übernommen, sondern ähnliche Empfehlungen wie die nationale Medizin-Akademie der Vereinigten Staaten veröffentlicht: Demnach geht ein moderater Konsum von Alkohol (14 Gramm täglich für Frauen, 28 Gramm täglich für Männer) bei Männern mit einer Risikosenkung der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit um 18 Prozent und der Gesamtsterblichkeit um 16 Prozent einher. Bei 40 Jahre und älteren Menschen entfalte sogar ein noch höherer Alkoholkonsum positive Wirkungen.

Studien zeigten, dass es bei moderatem Konsum „keinerlei Anzeichen für ein erhöhtes Risiko für Krebs, Demenz und Herzerkrankungen“ gebe und die Gesamtsterblichkeit nicht höher sei. Eine Studie aus Großbritannien („UK-Biobank“) mit 350.000 Probanden habe belegt, dass „für Weintrinker sogar mit übermoderaten Tagesdosen kein signifikantes Krebsrisiko erkennbar“ sei.

Worm kommt zu dem Fazit: „Leichter bis moderater Weinkonsum zu den Mahlzeiten, vorzugsweise im Rahmen einer mediterranen Ernährung und einer gesunden Lebensweise, reduziert nach bester verfügbarer Evidenz bei den meisten Menschen im mittleren und höheren Alter das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und die Gesamtsterblichkeit und erhöht nicht das Krebsrisiko. Es sollte für die meisten mit hoher Wahrscheinlichkeit als sicher angesehen werden.“

Das bestätigt der österreichische Kardiologe Dirk von Lewinski. Die Diskussion über Alkohol habe „teilweise das stabile wissenschaftliche Fundament verlassen“, lautet seine Kritik. Dazu zählt, dass die kanadischen Empfehlungen zum Alkoholkonsum auf einer Veröffentlichung der von der Gates-Stiftung finanzierten „Global Burden of Disease Study“ von 2018 beruhen, wonach es „keine risikoarme Alkoholdosis und keine gesundheitlichen Nutzen gebe“. Die gleichen Autoren kommen vier Jahre später aber zu ganz anderen Ergebnissen. Darauf wies in Geisenheim der Internist Kristian Rett hin. In der Zweitfassung der Studie von 2022 werde festgehalten, dass bei den über Vierzigjährigen ein moderater Alkoholkonsum mit einem Überlebensvorteil und einem geringen Herzinfarkt-, Schlaganfall- und Diabetesrisiko verbunden sei. Die WHO habe diese Kehrtwende der Autoren ignoriert. Rett verweist zudem auf eine spanische Studie, wonach die Teilnehmer mit einem niedrigem bis moderatem Weinkonsum gegenüber den lebenslang Abstinenten ein um 50 Prozent geringeres Risiko haben, in den nächsten neun Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

Auch nach Lewinskis Daten „erscheint der Nutzen mäßigen Alkoholkonsums für die kardiovaskuläre Gesundheit positiv“, vor allem bei 45 Jahre und älteren Weingenießern. Ähnlich wie Worm kritisiert Lewinski, dass WHO und DGE nicht nach der Art der alkoholischen Getränke differenzieren. Wein habe vermutlich wegen der pflanzlichen Inhaltsstoffe (Polyphenole) zusätzliche positive Effekte. „Wein ist mehr als Wasser und Alkohol“, sagt Worm. Die kanadischen Studien berücksichtigten zudem weder den individuellen Lebensstil noch bedeutende Faktoren wie Bewegungsmangel oder Übergewicht.

Die Weinakademie kritisiert den „offensichtlichen Einfluss“ der Anti-Alkohol-Lobby auf die WHO. Wer bis zu zwei Gläser am Tag trinke, senke sein Risiko für bestimmte Erkrankungen. Und natürlich habe Alkohol nichts in den Händen von Kindern, Schwangeren und Verkehrsteilnehmern zu suchen. Einen Interessenkonflikt verhehlt die Weinakademie nicht. Den hätten auch Autoren der WHO. „Das heißt aber nicht, dass wir Falsches kommunizieren.“ (aus der FAZ)

Warum größte Weinfass der Welt verfaulte

Unter den 58 Äbten von Kloster Eberbach fällt Martin Rifflinck eine Sonderstellung zu. Seine Amtszeit an der Spitze der Zisterziensermönche währte zwar nur acht Jahre. Sie steht aber für den Höhepunkt und zugleich den Abschluss der mittelalterlichen Entwicklung des 1136 von Bernhard von Clairvaux gegründeten Klosters. Dem Historiker Helmut Heinemann gilt Rifflinck als der „letzte große Abt des Mittelalters“. Nicht nur wegen seiner klugen Entscheidungen, sondern vor allem wegen des vielfältigen schriftlichen Nachlasses, der einen tiefen Einblick in den Klosteralltag mit den seinerzeit Mönchen und Laien gewährt.

Die Weinerzeugung und der Weinhandel bis nach Köln war seinerzeit das bedeutendste Geschäftsfeld des klösterlichen Wirtschaftskonzern. Unter Abt Rifflinck wurde vollendet, was unter seinem Vorgänger Johannes Bode im Jahr 1485 geplant und begonnen worden war: der Bau des Großen Fasses. Am 8. August des Jahres 1500 war das kostspielige und bautechnisch komplizierte Projekt vollendet worden. Die erste Füllung ist des als „Weltwunder“ gefeierten größten Fasses in Europa ist für den Dezember jenes Jahres verzeichnet, weitere Füllungen sind in den Jahren 1503 und 1506 dokumentiert.

Das 8,40 Meter lange und 2,70 Meter hohe Fass mit seinen 14 Eisenringen hatte nach nachträglichen Berechnungen ein Fassungsvermögen von rund 71.000 Litern. Nach Darstellung des Historikers Hilmar Tilgner in einer ausführlichen Monografie über das Kloster war das Fass in den Jahren 1502 und 1506 etwa zur Hälfte (36 Fuder) mit vornehmlich hochwertigem Wein gefüllt. Es war der Stolz des Klosters und Ausdruck seiner wirtschaftlichen Stärke. Den anschließenden Niedergang zu begleiten, blieb Rifflinck erspart. Seine Amtszeit gilt als „Zeitenwende“ in der Klostergeschichte.

Denn außerhalb der Klostermauern hatten unruhige Zeiten begonnen: der Bauernkrieg. Darunter fallen in den Jahren 1524/25  zahlreiche Aufstände und Unruhen von Bauern, Arbeitern und Bergleuten aus wirtschaftlichen und religiösen Gründen , sowohl in Süddeutschland und Teilen Thüringens und Sachsens als auch in Franken, in Tirol und der Schweiz.

Im Rheingau erreichte das Unheil im Mai 1525 seinen Höhepunkt. Für die Gesellschaft zur Förderung der Rheingauer Heimatforschung hat der ehemalige Archivdirektor Heino Struck die Geschehnisse akribisch zusammengefasst. Demnach taten sich Ende April 1525 in Eltville rund 200 Bürger zusammen, um gegenüber der Obrigkeit ihre Beschwerden und Forderungen zu formulieren.

Eberbach wurde verpflichtet, die protestierenden Bauern zu versorgen. Das Weinfass wurde zu zwei Dritteln ausgetrunken. Zwischen dem 20. und 31. Mai mussten die Klöster Eberbach, Gottesthal, Johannisberg, Marienthal, Aulhausen und Eibingen urkundliche Ver­pflichtungen eingehen, die ihre Auflösung zur Folge gehabt hätten. Der Aufstand im Rheingau führt auch zu Unruhen auch in Bingen, Kastel, Hochheim und Wiesbaden.

Laut Struck hatte der Aufstand im Rheingau neben den äußeren Einflüssen auch eigene Wurzeln. Zwar war der vom Weinbau und Weinhandel lebende Rheingau vergleichsweise wohlhabend, Doch seien die finanziellen Verpflich­tungen an die Geistlichkeit als drückend empfunden worden. Schon Jahrzehnte vor den Bauernkriegen habe es Proteste gegen „das Unrecht der Zehnten“ und die „verweltlichte hohe Geistlichkeit“ gegeben. Der Einfluss Luthers reichte bis in den Rheingau. Und laut Struck besaßen die Rheingauer einige Selbstverwaltungsrechte, die sie auszudehnen wünschten. Daraus ergaben sich Spannungen mit dem Mainzer Kurfürsten und Erzbischof.

Der Triumph der Bauern war von kurzer Dauer. Im Rheingau brach der Aufstand schon im Juni zusammen. Die Aufständischen ergaben sich, die von ihnen erzwungenen Verträge und Zugeständnisse wurden für null und nichtig erklärt. Die Schäden im Kloster aber waren beträchtlich, und sie wurden nicht ausgeglichen. Das verschuldete Eberbach verlor in den folgenden Jahren  einen Teil seiner auswärtigen Besitztümer und die Tochterklöster Schönau und Otterberg. Wälder und Güter wurden verkauft oder verpfändet. Für 30 Jahre wurde nach 1578 sogar der Steinberg, der Lieblingsweinberg der Mönche, an Winzer verpachtet.

Das Große Fass stand nach den Recherchen von Tilgner danach 19 Jahre lang nahezu leer. 1542 wurde es noch einmal repariert, 1543 zu einem kleineren Fass mit 18.000 Litern Fassungsvermögen umgebaut. In einer Aufzeichnung des Mitglieds des Konvents heißt es, das Große Fass habe dem Kloster nichts genützt, sondern nur Schaden gebracht, zwar einen großen Namen, aber eine leere Finanzkasse.

Für die Mainzer Ausstellung „Schrei nach Gerechtigkeit – Leben am Mittelrhein am Vorabend der Reformation“ hat das Bischöfliche Dom- und Diözesanmuseum 2015 eine Rekonstruktion des Eberbacher Riesenfassbodens anfertigen lassen, die danach ihre Heimat im Rheingau fand.

(aus der FAZ)

Seyffardt weiter Weinbaupräsident

Winzer Peter Seyffardt ist für weitere drei Jahre im  Amt des Präsidenten des Rheingauer Weinbauverbands bestätigt worden. Im Hauptausschuss erhielt Seyffardt 38 von 40 Stimmen. Einen Gegenkandidaten hatte nicht gegeben. Ursprünglich hatte Vizepräsident Frank Schönleber aus Winkel das Ehrenamt übernehmen sollen. Doch Winzer Schönleber verzichtete auf eine Bewerbung. Die aktuelle betriebliche Situation seines Weinguts mache es ihm gegenwärtig unmöglich, das zeitintensive Ehrenamt an der Spitze des Verbands zu übernehmen. Laut Seyffardt wurden zahlreiche andere Winzer und Persönlichkeiten nach ihrer Bereitschaft zur Übernahme der Verantwortung gefragt, doch habe es ausschließlich Absagen gegeben. Aus den Ortsvereinen des Weinbauverbands habe es ebenfalls keine Vorschläge gegeben.

„Die Gründe sind nachvollziehbar“, sagte Seyffardt. Es gebe für die Weinbaubetriebe gegenwärtig „Druck von allen Seiten“. Die Wirtschaftlichkeit sei kritisch und die verlangte Arbeitsleistung enorm. Seyffardt, der sein Martinsthaler Weingut gemeinsam mit seiner Tochter Julia leitet, verhehlte indes nicht, dass ihm die ehrenamtliche Arbeit auf einigen Feldern Spaß bereitet. Zudem gebe es spannende Einflussmöglichkeiten auf Bundesebene. Er sei zudem “ein Jahr jünger als der Bundeskanzler.“ Seyffardt kündigte an, potentiellen Kandidaten die Angst vor der Verantwortung nehmen zu wollen. Im „Haus der Region“ gebe es ein schlagkräftiges Team unter Verbandsgeschäftsführer Dominik Russler. Damit sei die Aufgabe „beherrschbar“. Russler sagte, Nachwuchssorgen gebe es bei mehreren deutschen Weinbauverbänden und sei keine Rheingauer Besonderheit.

Der als Vizepräsident wiedergewählte Schönleber ließ allerdings die Frage offen, ob angesichts des „unfassbar aufwendigen Jobs“ das Modell eines ehrenamtlichen Präsidenten auf Dauer haltbar und noch zeitgemäß sei. Sein ebenfalls im Amt bestätigter Co-Vizepräsident Bernhard Gaubatz kündigte an, dies sei in jedem Fall seine letzte Wahlperiode. Auch für die sechs Beisitzerpositionen gab es nur sechs Bewerbungen: Theresa Breuer, Marius Dillmann, Gunter Künstler, Gilbert Laquai, Simon Schreiber und Michael Burgdorf. Dem Vorstand gehören zudem als Vertreterin der Jungwinzer Sophie Egert und als Vertreter der Genossenschaften Manfred Sinz an.

Seyffardt warnet angesichts der Absatzkrise als Folge einer globalen Überproduktion und der Konsumzurückhaltung vor einem überbordenden Pessimismus in der Branche. Er verglich die Lage mit der Mitte der 1980er Jahre. Notwendig sei aber eine „starke Marke Rheingau“ und ein langfristiges „Austrocknen“ des wenig lukrativen Fassweinmarktes, auf dem sich die großen Kellereien zu möglichst niedrigen Preisen bedienen. Im Rheingau könne angesichts der geringen Erntemengen zu auskömmlichen Preisen kein Fasswein produziert werden, ohne in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu geraten.  (aus der FAZ vom 22. Mai)

Stürmische Zeiten

In stürmischen Zeiten verbietet sich ein Wechsel auf der Kommandobrücke. Die im Zuge des Strukturwandels im kleiner werdende Zahl Rheingauer Winzer kann sich insofern glücklich schätzen, dass Peter Seyffardt gewillt ist, weitere drei Jahre die Verantwortung zu schultern. Die in der Vergangenheit zeitweise von einigen Winzern geübte Kritik an Seyffardts Amtsführung ist verstummt. Bei den Winzer scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass in der Krise nur Einigkeit weiterhilft.

Dass die Branche in der Krise steckt, ist unbestritten. Diese Krise hat den Rheingau längst erreicht, obwohl hier die Weinbaustruktur günstiger ist als beispielsweise in Rheinhessen. Der angeschlagene Fassweinmarkt mit seinen unter den Produktionskosten liegenden Preisen spielt im Rheingau eine eher untergeordnete Rolle für den Absatz. Dennoch sind die Krisensymptome eindeutig. Der Flächenhunger größerer Betriebe ist gestillt. Es gibt Verpächter, die ihre Weinberge sogar pachtfrei zur Bewirtschaftung anbieten, um der Pflicht zur aufwendigen Pflege zu entgehen. Winzer verschieben die teure Neupflanzung schon gerodeter Weinberge in eine ungewisse, hoffentlich bessere Zukunft. Andere lassen – sehr zum Ärger ihrer Kollegen – vorhandene Rebflächen unbewirtschaftet und von Brombeerhecken zuwuchern. Diese „Drieschen“ werden zu Ausgangspunkten von Schädlingsplagen und Pflanzenkrankheiten. In mehr als 100 Fällen hat das Weinbauamt deshalb schon den jeweiligen Bewirtschaftern Mahnbriefe geschickt.

Dieses unsolidarische Verhalten einiger Winzer zeigt symptomatisch, wie schwer es ist, die Branche hinter eine Marke „Rheingau“ zu versammeln. Zwar gehen die Blicke aus dem Rheingau nicht selten neidisch in Richtung Südtirol oder Wachau, doch die Kraft zu einschneidenden Veränderungen fehlt allzu oft. Eine Profilierung geht fast immer mit einem Verzicht einher. Schon der quälende lange Weg hin zur Streichung der den Verbraucher täuschenden Großlagen belegte, wie schwer sich die Winzer tun, um sich hinter einer gemeinsame Strategie zu versammeln. Die Stärke einer Marke liegt unter anderem ihrer Authentizität, in einer klaren, möglichst unverwechselbaren Positionierung im Markt und einer überzeugenden Kommunikation, die Vertrauen schafft. Davon ist der Rheingau noch weit entfernt. (aus meinem FAZ-Kommentar vor 22. Mai)

Newsflash: Neue Gastronomie auf Schloss Johannisberg

Die Eigentümerin und Betreiberin des Favorite Park Hotels in Mainz, Familie Barth, hat zum 1. Mai die Verantwortung für die Gastronomie und die Veranstaltungsbetreuung auf Schloss Johannisberg im Rheingau übernommen. Dazu gehören das Restaurant Schlossschänke, der Weingarten, der Veranstaltungsraum „Fürst von Metternich Saal“ sowie der Ausschank am „Goethe-Blick“ über den Weinberg. Nach dem Rückzug der Münchner Gastronomie-Familie Kuffler hatte das Schloss die Gastronomie zunächst in eigener Verantwortung betrieben. Nun teilt Schloss Geschäftsführer Stefan Doktor mit, die Entscheidung sei gefallen, „einen starken Partner für die Gastronomie und Standortaktivitäten an unserer Seite zu wissen“, der langjährige Erfahrung und viel Professionalität einbringe. „Wir möchten die Tradition des Hauses mit neuer Energie und herzlicher Gastfreundschaft verbinden“, sagt Christian Barth, Geschäftsführender Gesellschafter des Favorite Parkhotels. Anspruch sei es, „das gastronomische Erlebnis auf Schloss Johannisberg weiterzuentwickeln – mit höchster Qualität, Liebe zum Detail und echter Leidenschaft für die Region.“

Mainzer Weinbörse 2025

In einem für die Weinbranche schwierigen Umfeld haben die Prädikatsweingüter (VDP) die traditionsreiche Mainzer Weinbörse veranstaltet. In der Rheingoldhalle erwarteten die deutschen Spitzenweingüter an beiden Messetagen insgesamt mehr als 4000 Fachbesucher aus Handel, Gastronomie und Medien. Ihnen stellten 190 der insgesamt 202 VDP-Winzer den aktuellen Jahrgang und ausgewählte Spitzenweine vor. Die Messe ist nicht nur Branchentreffen, sondern auch als Gradmesser für Lage im Weinmarkt.

Die VDP-Weingüter stehen für einen Umsatz von knapp 450 Millionen Euro (2024) bei einem Gesamtabsatz von 35,7 Millionen Flaschen. Das sind zehn Prozent weniger als im Vorjahr (39,7 Millionen Euro Flaschen). Beim Umsatz lag das Minus aber nur bei drei Prozent.

Sie bewirtschaften mit 5800 Hektar rund 5,6 Prozent der deutschen Rebfläche. Der Export hat mit – stabil gebliebenen – 25 Prozent unverändert einen hohen Stellenwert, wobei die skandinavischen Länder, die Niederlande und die Vereinigten Staaten die wichtigsten Exportmärkte sind. Wegen der Zoll- und Handelskonflikte, aber auch wegen der globalen Überproduktion von Wein, deutlich gestiegenen Produktionskosten und veränderten Trinkgewohnheiten sieht sich die Weinbranche unter Druck. Nach Angaben von VDP-Geschäftsführerin Theresa Olkus spüren auch die Mitglieder des Verbands Absatzrückgänge „auf allen Kanälen“. Auf die Weinbörse wirke sich die angespannte Lage aber weder im Hinblick auf die Zahl der teilnehmenden Winzer noch der angemeldeten Fachbesucher aus. „Die Stimmung ist gut“, sagt Olkus, die mit ihrem Organisationsteam trotz der neuen Zollschranken auch etliche Fachbesucher aus den Vereinigten Staaten willkommen hieß.  

Angesichts der Konsumschwäche können einige VDP-Betriebe es eher verschmerzen, dass mit 2024 ein mengenmäßig kleiner Weinjahrgang zu vermarkten ist. Mit einem Ertrag von nur 46 Hektolitern je Hektar fiel der Ertrag im zurückliegenden Herbst deutlich niedriger aus als in den vier Vorjahren. Zuletzt war nur im Jahr 2010 mit 41 Hektolitern weniger Wein geerntet worden. Ursache sind die Spätfröste im Frühjahr und Pflanzenkrankheiten durch Pilzbefall im Spätsommer, die je nach Weinregion jedoch unterschiedlich dramatische Auswirkungen hatten. Frostbedingte Missernten gab es unter anderem an Saale und Unstrut, Saar, Ruwer und Aar. Weil einzelne Winzer im Extremfall sogar nur sechs Prozent ihrer üblichen Durchschnittsmenge geerntet haben, ließ der Verband es ausnahmsweise zu, dass VDP-Winzer von VDP-Kollegen Weine zukaufen und sie mit dem VDP-Adler als Gütesiegel auszeichnen und verkaufen dürfen. Statt Adler trägt der Wein den Zusatz: „Ein Wein der Solidaritätsgemeinschaft VDP“. Weitere Hilfen für die besonders gebeutelten Weingüter sind angedacht.

Gute Fortschritte sieht der Verband beim Thema Nachhaltigkeit: Bis zur nächsten VDP-Mitgliederversammlung im Sommer im Rheingau sollen alle VDP-Betriebe nachhaltig zertifiziert sein. Schon jetzt wirtschaften 82 Weingüter ökologisch, 19 davon sogar biodynamisch. Damit wird nur noch knapp 60 Prozent der VDP-Rebfläche nach konventionellen Regeln bewirtschaftet.  Qualitativ erwartet VDP-Präsident Steffen Christmann einen guten Jahrgang, „geprägt von einer kühlen Aromatik, präzisen Struktur und einer lebendigen, gut eingebundenen Säure. Die Weine besitzen Spannung“, sagt Christmann und zieht Parallelen zu den Jahrgängen 2008 und 2016. Parallel zur Weinbörse zeigten 70 Ökowinzer aus sechs Ländern im Alten Postlager Mainz auf der „Biodynamic Wine Fair“ ihre Kollektionen. Ebenfalls im „Postlager“ fand die Vinvin Fachmesse für Herkunftsweine mit 100 Erzeugern aus Rheinhessen und Nahe statt.

Flurbereinigung im Weinbau

Die Zukunft des Weinbaus in den Steilhängen hängt von den Erschwernissen der Bewirtschaftung ab. Flurbereinigungsverfahren können helfen, doch ihre Dauer bedeutet für alle Grundeigentümer eine Nervenprobe

Die Neuordnung eines Flickenteppichs kleiner und kleinster Weinbergsparzellen hin zu größeren, zusammenhängenden Flächen, die maschinell und effizient bewirtschaftet werden können, trägt zum Erhalt der Kulturlandschaft bei. Doch die Flurbereinigung ist eine Generationenaufgabe und Geduldsprobe. Den Lorcher Winzer Gilbert Laquai hat sie fast sein gesamtes Berufsleben begleitet. Die ersten Begehungen der Weinberge fanden schon 1985 statt. Erst jetzt ist das Ende erreicht-

Was macht die Flurbereinigung einer auf etwa 30 Jahre angelegten Dauerkultur wie dem Weinbau so langwierig? Die Gründe sind vielfältig: Eigentümerwechsel durch Verkauf oder Erbschaft, mitunter schwierige Erbengemeinschaften, wechselnde Ansprechpartner in den Behörden sowie sich wandelnde Anforderungen und Wünsche von Winzern und Verwaltung.

Das Flurbereinigungsverfahren in Lorch steht beispielhaft für die Mühsal eines Verfahrens, das vielen Winzern vieles leichter machen soll. Der formelle Beschluss zur Neuordnung fiel im Jahr 1990, und damals hieß die Behörde noch Landesamt für Ernährung, Landwirtschaft und Landentwicklung. Für Lorch war das keine neue Erfahrung, denn nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es schon   Flurbereinigungsverfahren gegeben. Doch deren Ergebnisse waren nicht zukunftsfähig. „Die Voruntersuchungen haben aufgezeigt, dass aufgrund erheblicher Mängel ein rentabler Weinbau im Verfahrensgebiet nicht möglich ist“, hieß es zu den Gründen im Flurbereinigungsbeschluss zum Verfahren unter der Kennzeichnung „F964“.

Für die Winzer sollte in einem zweiten Anlauf der hohe Zeit- und Kostenaufwand der Bewirtschaftung verringert werden, um Betriebsaufgaben und Brachen zu vermeiden. Die mit einer Neigung von bis zu 40 Prozent steilen Lorcher Weinberge sollen besser für den Einsatz von Maschinen erschlossen, die Wegeführung optimiert, die Wasserführung verbessert und Wildschäden vorgebeugt werden.

„Nebenbei“ sollte zudem der Naturschutz durch die Anlage von Obstbaumwiesen und den Erhalt von Trockenmauern profitieren. Der historische, landschaftlich reizvolle Kaufmannsweg wurde als Wanderweg wiederhergestellt.

Insgesamt wurde für das Verfahren zunächst ein Gebiet von 232 Hektar in den Blick genommen, das in fünf Teilgebiete gegliedert wurde. Es wurde schließlich auf rund 116 Hektar verkleinert. Die Neuordnung dieser Flächen basierte auf einem im Jahr 1995 genehmigten Wege- und Gewässerplanes, der zwischen 1997 und 2014 insgesamt vier Mal abgeändert wurde.

Rund 450 Grundstückseigentümer waren an dem Verfahren beteiligt, in dessen Verlauf 1164 Flurstücke neu geordnet wurden. Dazu mussten bis zum Jahr 2002 die Grundstückswerte aufwendig neu ermittelt werden. Es wurden rund 770 neue Flurstücke ausgewiesen und ihren neuen Eigentümern im Jahr 2023 endgültig zugewiesen. Ende vergangenen Jahres wurde mit den Grundbucheinträgen das Verfahren abgeschlossen. Auf ihren neu zugeteilten Parzellen dürfen die Winzer schon seit 2011 wirtschaften.

Das Verfahren hat mehr als vier Millionen Euro gekostet. Die Stadt Lorch und die Teilnehmergemeinschaft der Grundstückseigentümer, angeführt von Laquai, übernahmen 660.000 Euro. Den Löwenanteil inklusive der Personalkosten finanzierten die Europäische Union, der Bund und das Land Hessen.

Hat es sich gelohnt? Die Winzer sind zufrieden, auch wenn in Lorch selbst jetzt nur noch ein halbes Dutzend aktiv sind. Vor 40 Jahren waren es rund 30. Noch dabei ist Richard Weiler, der das Ergebnis lobt. Aus acht kleinteiligen Parzellen wurde für ihn eine einzige von 5000 Quadratmeter Größe, die sich gut maschinell bewirtschaften lässt. Auch sein Kollege Jochen Neher hebt die das Ergebnis als Gewinn für die Winzerschaft hervor. Die Lorcher Lagen genießen auch bei den übrigen Winzern im Rheingau hohe Wertschätzung. Winzerinnen wie Theresa Breuer aus Rüdesheim und Verena Schöttle aus Johannisberg bewirtschaften schon seit vielen Jahren auch Lorcher Weinberge. Hessen Landwirtschaftsminister Ingmar Jung (CDU) lobte bei einer Feierstunde in den Weinbergen das Engagement von Laquai und Neher. Mit „formal nur 34 Jahren“ sei das Flurbereinigungsverfahren sogar „relativ kurz“ gewesen.

Weinbaupräsident Peter Seyffardt würde sich dennoch mehr Tempo wünschen, denn noch an mehreren Ecken im Rheingau laufen seit Jahrzehnten die Flurbereinigungsverfahren. Sie seien jedoch alternativlos, wenn es um den Erhalt des Weinbaus vor allem in den Steillagen gehe. Flurbereinigungsverfahren seien heute eine Symbiose zwischen Weinbauförderung und Naturschutz. Seyffart lobte die Winzerbrüder Laquai zudem für ihre Pionierarbeit bei der Anlage von Querterrassen in Steillagen. Unverzichtbar sei zudem die Steillagenförderung des Landes, die inzwischen erhöht worden ist. Im vergangenen Jahr profitieren in beiden hessischen Anbaugebieten 134 Weingüter, die 313 Hektar Steillagen zur Förderung angemeldet hatten und 522.000 Euro erhielten. In diesem Jahr will Hessen eine Million Euro bereitstellen je nach Hangneigung zwischen 1500 Euro und 4600 Euro pro Hektar auszahlen. (aus der FAZ im Mai 2025)

Staatsweingüter in der Krise

Wenn die hessischen Staatsweingüter absehbar weder pleitegehen noch privatisiert werden müssen, dann bedarf es einer grundlegend neuen Strategie. Darüber gibt es nach Informationen der FAZ im neu besetzen Aufsichtsrat der als GmbH organisierten Staatsweingüter breite Zustimmung. Die Perspektiven einer Neuordnung des Staatsbetriebs sind gegeben, seit das zuletzt wieder defizitäre Unternehmen und die Klosterstiftung Eberbach unter einem Dach, dem des Landwirtschaftsministeriums, geführt werden. Minister Ingmar Jung (CDU), dessen Bruder das Erbacher Familienweingut Jakob Jung führt, kennt die „Baustellen“ des Landesweinguts. Und er scheint gewillt, einen radikalen Schnitt zu machen.

Offiziell…..

Tatsächlich hat es das Land Hessen als Eigentümerin versäumt, dem seit 25 Jahren amtierenden Geschäftsführer Dieter Greiner klare Vorgaben an die Hand zu geben, was die langfristig angelegte Strategie des landeseigenen Weinguts ist. Mit mehr als 200 Hektar Rebfläche zwischen Lorch und Hochheim sowie an der Bergstraße zählen die Staatsweingüter zu größten Erzeugern Deutschlands.

Ein klares Konzept allerdings ist nicht zu erkennen. Das Weingut versorgt über eine eigene Kellerei Supermärkte und Großhändler mit Billigwein, der teils aus Rheinhessen stammt und auch dort abgefüllt wird. Es will aber gleichzeitig mit seinen Lagenweinen und den Großen Gewächsen als starker Qualitätserzeuger im Kreis der Prädikatsweingüter VDP wahrgenommen werden. Einem klaren Image ist dieser staatliche Gemischtwarenladen für Wein nicht eben zuträglich.

Dabei hat das Weingut nicht nur Besitz in den meisten der bedeutendsten und besten Weinberge des Rheingaus, sondern seit dem Jahr 2008 überdies – und noch immer – einen der modernsten Weinkeller der Region nebst einer weltweit einzigartigen Schatzkammer. Dennoch wird das Weingut nicht  als Flaggschiff und Qualitätsprimus der Region wahrgenommen. Dabei bestreitet kein Weinkritiker, dass die Staatsweingüter das Potential hätten, zu den führenden Erzeugern zu zählen.  

In den gängigen Weinführern schneidet das Weingut aber meist nur im grauen Mittelfeld ab. Wer seinen Gästen einen Rheingauer Spitzenwein kredenzen und dafür Anerkennung ernten will, greift kaum zu einem Wein der Staatsweingüter, deren Gesamtsortiment nur schwer überschaubar ist. Das Renommee unter Kennern ist mäßig.

Hinzu kommt, dass die Stiftung Kloster Eberbach und das Staatsweingut, das offiziell als Weingut Kloster Eberbach firmiert, innerhalb der mittelalterlichen Mauern alles andere als wirklich gut zusammenarbeiten. Wegen unterschiedlicher Interessen gibt es Reibungsverluste, die inzwischen auch im Aufsichtsrat als hinderlich für eine gedeihliche Entwicklung wahrgenommen werden.  

Was kann und muss ein Staatsweingut leisten, und warum leistet sich ein Bundesland ein Staatsweingut? Trotz immer wieder vorgetragener  ordnungspolitischer Bedenken gab und gibt es dem Vernehmen nach im Aufsichtsrat keine Stimmen, die sich für eine Privatisierung des Landesweinguts stark machten. Zumal der beste Zeitpunkt angesichts der gegenwärtigen Krise des globalen Weinbaus um einige Jahre verpasst worden ist. Wenn Minister Jung eine Überzeugung mit seinen für das Weingut verantwortlichen Vorgängern teilt, dann die, dass das Land verpflichtet ist, das Erbe der Zisterzienser, Nassauer und Preußen fortzuführen und nicht abzuwickeln.

Wie aber soll die Rettung gelingen? Bis Mitte Juni soll mit Hilfe externer Berater ein schlüssiges Konzept erarbeitet werden, das in einem überschaubaren Zeitraum verwirklicht werden soll. Vor allem zu zwei wichtigen Punkten scheint es im Vorfeld eine Einigung zu geben: Die Rebfläche soll deutlich kleiner und damit die Produktionsmenge spürbar  verringert werden. Wie das gelingen soll, ist offen. Es könnte bei einem drastischen Schnitt dazu führen, dass ganze Weinbaustandorte der Staatsweingüter wie die Bergstraße oder Hochheim in Frage gestellt werden. Zudem sollen die 1998 gegründete Stiftung und das Weingut wieder unter einer Führung vereint werden. Ein überfälliger Schritt, den schon der langjährige Geschäftsführer der Klosterstiftung, Martin Blach, befürwortet hatte.

Mit Spannung wird erwartet, ob Weinguts-Geschäftsführer Dieter Greiner den neuen Weg mitgehen wird oder mitgehen darf. Der seinerzeit erst 30 Jahre alte Agrarwissenschaftler war im Mai 2000 als Nachfolger von Karl-Heinz Zerbe an der Spitze der Staatsweingüter vorgestellt worden. Unter Greiner wurde der Landesbetrieb 2003 in einen GmbH umgewandelt. Der Standort Eltville wurde aufgegeben, der Weingutssitz ins Kloster verlegt und 2008 die vom Land gegen viele Widerstände durchgesetzte Steinbergkellerei eröffnet. Nicht alle Entscheidungen Greiners blieben unumstritten. Als er – kaum im Amt – die Bereitschaft erklärte, die Lage Hattenheimer Mannberg für eine Bebauung preiszugeben, wurde er vom Ministerium gestoppt. Im Alleingang schrumpfte er den markanten Adler auf dem Etikett auf Taubengröße, um ihn im Jahr 2009 ganz von der Vorderseite der Flaschen zu verbannen. Eine Zäsur nach 143 Jahren. Nun steht die nächste bevor.   

(aus meinem Bericht in der FAZ)  

Wenn Fäulnis zum Segen wird

250 Jahre Spätlese Weil auf Schloss Johannisberg die Genehmigung zur Weinernte vor 250 Jahren nicht rechtzeitig eintraf, breitete sich ein Schimmelpilz aus. Das Ergebnis änderte die Weinwelt

Die strapazierten Nerven von Johann Michael Engert lassen allenfalls erahnen, denn überliefert ist seine Reaktion auf eine sich vermeintlich anbahnende Missernte nicht. Als der Verwalter, der sogenannten Kellner, von Schloss Johannisberg im Herbst 1775 den Traubenboten nach Fulda entsandte, um vom Fürstbischof die Genehmigung zur Weinlese zu erbitten, rechnete er zweifellos – wie in den Vorjahren – mit einer schnellen Antwort. Doch die ließ auf sich warten.

Während die bäuerlichen Winzer rund um dem Johannisberg nach einem warmen und feuchten Spätsommer die Lese der Trauben zügig vorantrieben, um die Ernte traditionsgemäß vor dem Gallustag am 16. Oktober im Keller zu haben, breitete sich in den fürstbischöflichen Weingärten ein Schimmelpilz aus und färbte die Beeren grau. Erst als der Traubenbote mit zweiwöchiger Verspätung doch noch im Rheingau eintraf, rückte die Lesemannschaft aus Vermutlich ohne große Erwartungen in die Güte des Weins.

Doch am 26. Februar 1776 schreibt Engert nach den ersten Verkostungen im Weinkeller über den Jahrgang: „Der neue Wein ist meistens noch trüb, und haltet immer noch mit einer gewissen Süßigkeit an; man behauptet und hofft, an selbigem etwas außerordentliches der güte halber“. Das klang schon hoffnungsvoll. Am 10. April des Jahres notiert er, dass frühere Jahrgänge im Preis fallen, weil die 1775er vom Johannisberg so gut sind. Zum Tropfen aus dem herrschaftlichen Keller bemerkt er: „solche Weine habe ich noch nicht in Mund gebracht.“ Ein Superlativ.

Der übrige Rheingau urteilt verhaltener über den Jahrgang: In der Rheingauer „Wein- und Geschichtschronik heißt es, zum 1775er: „viel und gut. Dieser Wein hatte anfänglich einen guten Preis, je älter er wurde, um so mehr fiel er im Preis. Viele Kaufleute, besonders die Holländer, wollten seinen Namen nicht mehr hören. Der starke Hagelschlag, den wir Ende August hatten, und die nachfolgenden guten Jahren von 1770 an waren die Ursachen des Abschlagens“.

Dem Schlossweingut kam wohl zugute, dass es frühzeitiger und umfassender auf die Rebsorte Riesling gesetzt hatte als die umliegend wirtschaftenden Winzer. Das ist ein Ergebnis der „fuldischen Ära“ auf dem Johannisberg, die von 1716 bis 1803 währen sollte.

Im Jahr 1716 war der Fuldaer Fürstabt Konstantin von Buttlar mit dem Mainzer Erzbischof Lothar Franz von Schönborn einig über den Kauf des ehedem ältesten Rheingauer Klosters einig geworden. Buttler ließ baufällige Klostergebäude abreißen und leitete den Bau der Schlossanlage ein. Er erweiterte nicht die Rebfläche, sondern ließ auf dem Quarzitboden rund 300.000 Reben pflanzen, vornehmlich Riesling. Ein außergewöhnlicher Schritt für die damalige Zeit, und Schloss Johannisberg nennt sich deshalb „Das erste Riesling-Weingut der Welt“.

Der heutige Chef auf Schloss Johannisberg, Stefan Doctor, geht davon aus, dass der vermehrte Riesling-Anbau eine Reaktion auf ein sich damals abkühlendes Klima war. Dem Riesling sei am 50. Breitengrad und damit der ehemals nördlichen Grenze für den Anbau von Qualitätswein eine höhere Widerstandsfähigkeit zugetraut worden. Butlar sei „ein risikofreudiger Unternehmer“ gewesen.

Die Rolle der Traubenboten ist historisch belegt. Nicht nur im Rheingau. Aber nur wenige dieser Boten sind namentlich bekannt. Auf dem Johannisberg hat der frühere Domänenrat Josef Staab versucht, die Wissenslücken um diese Tradition zu schließen. Herausgefunden hat er unter anderem, dass im Archiv für das Jahr 1718 Rechnungen über einen „Botenlohn“ ausdrücklich vermerkt sind. Allerdings sind viele Unterlagen der damaligen Zeit verlorengegangen. Als gesichert gilt, dass noch im Jahr 1803 Johannisberger Trauen nach Fulda gebracht wurden, um die Leseerlaubnis zu erhalten.

Aus dem Jahr 1775 ist aber weder die Identität des säumigen Boten noch der Grund für sein Fernbleiben überliefert. „Wir wissen es nicht, sagte der Weinhistoriker Oliver Mathias kürzlich bei einer Tagung der Gesellschaft zur Geschichte des Weins an der Hochschule Geisenheim. Das bietet Raum für fantasievolle Geschichten und Legenden. Der Rheingauer Künstler Michael Apitz und Patrick Kunkel haben dies 1988 in einem ersten Comic über „Karl, den Spätlesereiter“ aufgegriffen. Anlässlich des Jubiläums „250 Jahre Spätlese“ ist eine Neuauflage erschienen, in der auch die Wissenslücken über den Ritt des Traubenboten aktualisiert wurden.

Dem unbekannten Traubenboten hat das Schloss schon 1960 ein Denkmal gesetzt, das ein beliebtes Fotomotiv bei den Besuchern auf dem Johannisberg ist. Am Ortseingang – von Winkel kommend – grüßt seit 25 Jahren eine Spätlesereiter-Silhouette alle Johannisberg-Besucher. Und im Fuldaer Schlosshof steht eine schön gestaltete Bronzeskulptur und dokumentiert die Verbindung zwischen Fulda und dem Johannisberg.

„Entdeckt“ wurde die Spätlese gleichwohl nicht in jenem Jahr. Denn dass  eine späte Weinlese bisweilen wohltuend auf die Weinqualität wirkt – wenn auch bei reduzierter  Erntemenge –, war schon viele Jahre bekannt. Rheingauer Heimathistoriker wie Leo Gros verweisen auf die Tradition der Süßweine in Tokaj und Sauternes. Auch am Steinberg im Rheingau soll es schon vor 1775 das Aha-Erlebnis einer außerordentlichen Weingüte nach Botrytis-Befall der Trauben gegeben haben.

Doch wurde aus Einzelfällen bis 1775 keine Regel, die fortan den Weinbau bestimmte. Auf dem Johannisberg sollte die späte Lese fortan zur Routine werden, und sie sollte nur wenige Jahre später Aufnahme in die amtlichen Reformvorschläge und Empfehlungen für den Rheingauer Weinbau finden, um die Qualität auf breiter Basis zu heben. Historiker Mathias spricht deshalb von einem „Meilenstein der Weingeschichte“.

Die Weinbauern blieben gleichwohl vorsichtig und misstrauisch. Ihnen war das Risiko zu hoch, womöglich die Ernte zu verlieren, wenn die Lese zu spät beginnt.

Goethe schreibt dazu im September 1814 bei einem Besuch in Bingen, „die Güte des Weins hängt von der Lage ab, aber auch der spätern Lese. Hierüber liegen die Armen und Reichen beständig im Streite; jene wollen viel, diese guten Wein.“ Ein Zwiespalt, dem die Winzer bis heute nicht entrinnen können. Das Pokern im Herbst um den Beginn der Ernte ist unverändert eine Nervenprobe. Vor allem dann, wenn hohe Qualität das Ziel ist.

Wie der legendäre 1775er aus heutiger Sicht tatsächlich geschmeckt hat, ist nur zu vermuten. Unbestritten ist, dass seinerzeit sein besonderer Geschmack dem Schimmelpilz Botrytis cinerea zu verdanken war. Wenn dieser sich bei feuchtwarmem Herbstwetter und Temperaturen von 15 bis 25 Grad auf vollreifen Trauben ausbreitet, dann perforiert er die Beerenhaut mit der Folge der Verdunstung von Wasser. Das hat eine Konzentration von Zucker und weiteren Geschmacks- und Aromastoffen in den Beeren zur Konsequenz. Weil der Wein dadurch „besser“ wird, sprechen die Winzer von Edelfäule. Sie machen sich dies bis heute zur Erzeugung von edelsüßen Weine bis hin zur Trockenbeerenauslese zunutze.

Ähnlich wie der auf Schloss Vollrads etablierte Cabinet-Wein wurde auch die Spätlese durch das Weingesetz von 1971 entwertet. Nicht die Lage, sondern der Zuckergehalt bestimmten fortan die Güte des Weins. Schloss Johannisberg hatte indes mit seinen Lackfarben eine traditionsreiche Qualitätseinstufung. Hinzu kam nach 1830, dass jeder Verwalter mit seiner Unterschrift auf jeder Flasche für die Qualität des Weines bürgte.

Weil Schloss Johannisberg den Prädikatsweingüter angehört und sich deren Regeln unterwirft, gibt es keine „trockene“ Spätlese mehr, wohl aber eine süße als „Grünlack“. Dieser Wein ist auch wegen der Tradition „nach wie vor der wichtigste im Portfolio“, sagt Stephan Doctor. Er sieht seit einigen Jahren die Phase der Stagnation bei der Nachfrage nach diesen – alkoholärmeren – Weinen wieder wachsen und eine „Renaissance“ bevorstehen. Gerade als Begleiter zur Speisen aus der asiatischen und der modernen Fusion-Küche seien solche ausdrucksstarke Weine gefragt, sagt Doctor, der die Spätlese nicht für einen Dessertwein hält. Für seine 2019er Spätlese hat das Schlossweingut von Weinkritiker Stuart Pigott 100 Punkte für den perfekten Wein erhalten. Mehr geht nicht.

Zum Jubiläum Doctor einen Ausnahmewein kreiert: Eine „Cuvée 100“ Spätlese „Ex Bibliotheca“, also aus der außergewöhnlichen Schatzkammer des Schlosses. Dazu wurden Weine aus den besten Jahrgängen des Schlosses zurück bis zum Jahrgang 1915 zu einer Cuvée zusammengeführt und abgefüllt. Doctor spricht von einer „Multi-Vintage“ Spätlese. Ein Wein der opulent und konzentriert im Glas daherkommt, aber eine außergewöhnliche Frische und Extravaganz zeigt. Das bestätigen Grünlack-Verkostungen ausgewählter Jahrgang bis zurück ins Jahr 1945.

Ganz ähnlich muss es Wilhelm Grimm vorgekommen sein, als er 1883 das Schloss besuchte, dort einen schönen Nachmittag verbrachte und von einem Wein schwärmte, der „der zwar mit Gold bezahlt werden muss, gegen den aber auch aller andere Wein nur eine Art gutartiger Essig ist.“

(mein Bericht aus der FAZ)