Roden wir die besten Weinberge?

Die Krise des Weinbaus wird in Deutschland zu Rodungen im großen Maßstab führen. Steht die Hälfte der Winzerfamilien vor dem Aus? Das vertraute Bild saftig-grüner, geschlossener Weinberge könnte bald der Vergangenheit angehören. Der deutsche Weinbau steht vor einer Zäsur mit gravierenden Folgen für die Kulturlandschaft. Es droht ein Flickenteppich aus bewirtschafteten Weingärten, Brachen, wuchernder Wildnis und landwirtschaftlich alternativ bestellten Parzellen. Für einen geordneten Wandel fehlt es an überzeugenden Strategien und Konzepten. Denn der Wandel kommt für die langfristig denkenden Winzer in einem rasanten Tempo.

Die Gründe sind vielfältig. Seit Jahren gibt es eine globale Überproduktion von Wein und daraus folgend einen verschärften Verdrängungswettbewerb. Die Zurückhaltung beim Alkoholkonsum der jüngeren Generation geht einher mit Alkohol-Warnungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und mit dem „Hinauswachsen“ der Boomer aus der Phase intensiven Weinkonsums. Auch die Gastronomie schwächelt. Die hohe Preissensibilität der Verbraucher in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation trifft die deutschen Winzer hart, weil in anderen Länder günstiger produziert werden kann.

Hinzu kommen stark gestiegene Kosten für Energie, Glas, Verpackungsmaterial und Personal. Der stetig erhöhte Mindestlohn verteuert die Bewirtschaftung vor allem in den von Handarbeit geprägten Steillagen. Gerade sie sind das Symbol für deutschen Spitzenwein. Die Hessischen Staatsweingüter, Deutschlands größtes Weingut und Eigentümerin von mehr als 50 Hektar Steillagen, haben in jüngerer Zeit nicht nur Steillagen an andere Winzer abgegeben, sondern prüfen, ob wirklich jede steile Parzelle noch würdig ist, weiter bewirtschaftet zu werden.

Die Aufgabe und Rodung von Weinbergen ist das letzte Mittel verzweifelter Winzer. Bewässerungsanlagen zur Stabilisierung der Erträge, Querterrassen für eine leichte maschinelle Bewirtschaftung, selbständig fliegende Sprühdrohnen für einen effizienten Pflanzenschutz, Neupflanzung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten, die weniger Arbeit machen: das sind einige Optionen zum Erhalt der Steillagen. Aus Sicht des Rheingauer Weinbauverbands wäre zudem ein Label für aufwendig erzeugte „Steillagenweine“ wünschenswert, um höhere Preise am Markt durchsetzen zu können.   

Am Ende entscheidet der Verbraucher. Der allerdings, so die Beobachtung des Rheingauer Weinbaupräsidenten Peter Seyffardt, greift schon bei einem Preisunterschied von wenigen Cent eher zur günstigeren spanischen Alternative als zum heimischen Tropfen. In einem schrumpfenden deutschen Weinmarkt ist der Anteil der deutschen Winzer deshalb auf 42 Prozent gefallen – mit fatalen Folgen. Schon vor zwei Jahren wusste sich Württemberg nur durch die finanziell geförderte Krisendestillation unverkäuflicher Rotweine zu helfen. Doch das bringt nur kurzfristige Entlastung. Die Weinkeller werden immer voller, wie die jüngsten Zahlen des Deutschen Weinbauverbands zu den Lagerbeständen zeigen. Das Weingut Markgraf von Baden hat entschieden, 60 Hektar Rebfläche in der Bodenseeregion zu roden, um sie sie fortan für ökologischen Ackerbau zu nutzen. Statt Reben könnten dort Dinkel, Soja, Weizen und Sonnenblumen wachsen.

Der ebenfalls schwächelnde Weinexport ist nur für wenige Winzer ein Ausweg. Ausfuhren in den wichtigsten Exportmarkt, die Vereinigten Staaten, sind durch höhere Zölle deutlich erschwert worden. „Die Zölle, ein schwacher Dollar, steigende Fracht- und Verbrauchsmaterialkosten, höhere Mindestlöhne und gestiegene Energiekosten in Deutschland lassen den Betrieben wirtschaftlich kaum noch Luft zum Atmen“, sagt der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Weinexporteure und Generalsekretär des Weinbauverbands, Christian Schwörer.

Der Niersteiner Winzer und Wein-Podcaster Dirk Würtz umschreibt die Lage so: „Wir haben seit Jahrzehnten zu viel Rebfläche, produzieren am Markt vorbei, sind nicht selbstkritisch und der wesentliche Punkt ist, dass wir es nicht geschafft haben, ein ordentliches Bewusstsein und eine echte Wertschätzung für den deutschen Wein aufzubauen.“

Die krisenhaften Folgen sind in allen Anbaugebieten erkennbar: Altersschwache Weinberge werden zwar gerodet, aber nicht sofort wieder neu bepflanzt. Nach einer Flurbereinigung bleiben neu geordnete  Weinbergsflächen länger unbestellt als üblich. Wo gerodete Flächen nicht gepflegt werden, sondern verwildern, bilden sich Hotspots für Schädlinge und Krankheitserreger.

Der Deutsche Weinbauverband gibt inzwischen öffentlich eine „tiefgreifende, strukturelle Krise“ zu. Eine Krise, die nicht vorübergehend ist, wie Analysen von Simone Loose, der Leiterin des Geisenheimer Instituts für Wein- und Getränkewirtschaft belegen. Sie wertet in der „Geisenheimer Absatzanalyse“ regelmäßig die anonymisierten betriebswirtschaftlichen Zahlen von mehr als 600 deutschen Erzeugern aus. Die Absatzdelle könnte demnach zum Dauerzustand werden.

Weinbaupräsident Klaus Schneider verweist in einem Brief an Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) darauf, dass Wissenschaftler einen Flächenrückgang von bis zu 30.000 Hektar „in naher Zukunft“ erwarten. Das wäre knapp ein Drittel der deutschen Rebfläche – oder das Aus für rund die Hälfte aller Winzerfamilien in Deutschland.

Letzteres ist die Befürchtung der in diesem Jahr gegründeten „Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau“. Dieser Verein und seine 160 Mitglieder – vornehmlich aus der Pfalz, Rheinhessen und Baden – haben von ihrer Interessenvertretung eine „schonungslose Offenheit“ vermisst. Anders als der Deutsche Weinbauverband wendet sich die Initiative unter ihrem Vorsitzenden, dem Pfälzer Biowinzer Thomas Schaurer, nicht an die Politik, sondern an die Bürger. Die simple Forderung: mehr Weinpatriotismus.

Schon eine zusätzliche Flasche deutscher Wein pro Kopf und Jahr anstelle einer importierten Flasche Wein sichere die Zukunft der deutschen Winzerfamilie, heißt es. Die Initiative hat den 30. August zum „Tag des Deutschen Weins“ aufgerufen. Dass die heimischen Verbraucher deutschen Wein nicht so zu schätzen wissen, wie es in anderen Ländern für die heimischen Tropfen der Fall ist, „müssen wir Winzer uns selbst ankreiden lassen“, sagt Schaurer. In der aktuellen Lage seien die deutschen Weinberge nichts mehr wert. Die Pacht- und Verkaufspreise seien im Keller, sagt Schaurer, der in der Südpfalz 44 Hektar bewirtschaftet. Die Flächennachfrage sei völlig zum Erliegen gekommen. Wenn sich die Lage nicht schnell bessert, werde es viele Insolvenzen geben. Sein Appell geht an die Einsicht der Weintrinker: Wer die Weinlandschaften zu schätzen wisse, solle zum Tropfen aus deutscher Herkunft greifen. Oder er müsse die Folgen für das Landschaftsbild hinnehmen. Es gehe nicht um Mitleid, sondern um die Frage, „ob der Weinbau und mit ihm die Wertschöpfung in Deutschland erhalten bleiben soll“.

Der Weinbauverband hingegen setzt seine Hoffnungen eher in die Politik als in einen wachsenden Weinpatriotismus der Weintrinker. Der Verband wünscht sich staatliche Zuschüsse  für die Pflege vorübergehend nicht mehr bewirtschafteter Weinberge. Die rheinland-pfälzische Weinbauministerin Daniela Schmitt (FDP) hat in dieser Woche ein „Weinbaupaket 2025+“ vorgelegt und sich mit der Forderung nach einem „klaren Bekenntnis zum Kulturgut Wein“ hinter die Forderungen des Deutschen Weinbauverbands gestellt. Für Schmitt liegt auf der Hand: „Ohne Weinbau wäre Rheinland-Pfalz nicht Rheinland-Pfalz.“ Den Winzern empfiehlt sie „weniger Masse, dafür mehr Profil und internationale Wettbewerbsfähigkeit.“ Auch Schmitt zieht die patriotische Karte und ruft Kellereien und Handel ebenso wie die Verbraucher auf, auf regionale Herkunft und Qualität zu achten, damit die Weinwirtschaft wieder in Schwung komme.

Zur Entlastung der Winzer und des Marktes gestattet Rheinland-Pfalz, mit der kostspieligen Neupflanzung von Brachflächen bis zu acht Jahre warten zu dürfen, ehe Pflanzrechte verlorengehen. Das Budget des Landes zur Absatzförderung wurde auf drei Millionen Euro erhöht, um den Verkauf anzukurbeln. Schmitt hat zudem mit ihrem hessischen Kollegen Ingmar Jung (CDU) die Initiative zu einem Treffen aller weinbautreibenden Bundesländer gegeben. Das soll helfen, die notwendigen Veränderungen voranzutreiben, damit das Landschaftsbild keinen Schaden nimmt und die Winzer eine Perspektive haben. (mein Bericht aus der FAZ vom 30. August 2025)

Auf der Spur des Spätlesereiters

Die „Entdeckung“ der Spätlese wegen eines verspäteten Traubenkuriers im Herbst des Jahres 1775 nimmt der Geschäftsführer von Schloss Johannisberg Stefan Doktor, zum Anlass für eine „Spätlesereiter-Tour 2.0“. Statt auf ein Pferd schwingt sich Doktor auf einen Drahtesel. Mit dem Rennrad startet er am 4. September auf die 180 Kilometer lange Route nach Fulda, die er in drei Etappen bewältigen will. In „Vertretung“ des Fürstbischofs wird Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld den Radler aus dem Rheingau im Schlosshof während des Fuldaer Weinfestes empfangen und ihm – nach der Prüfung der mitgebrachten Weintrauben – die Leseerlaubnis erteilen.

Damit es Doktor nicht wie dem namentlich unbekannten Boten vor 250 Jahren ergeht und die Lese-Erlaubnis erst mit zwei Wochen Verspätung eintrifft, während die Trauben zu faulen beginnen, soll die Freigabe zum Start der diesjährigen Weinernte dem Außenbetriebsleiter und Önologen von Schloss Johannisberg, Michel Städter, via Smartphone übermittelt werden. Mit seiner symbolischen Traubenreise von Johannisberg nach Fulda will das Schlossweingut die Geschichte lebendig werden lassen. Die Route mit ihren rund 1000  Höhenmetern führt durch das Rhein-Main-Gebiet und weiter in den hessischen Spessart. Vor dort geht es über das Kinzigtal  bis nach Fulda. Ein Stopp ist in Gründau-Lieblos geplant – in Anlehnung an die Darstellung im Comic „Karl, der Spätlesereiter“, wonach der Traubenbote dort überfallen wurde.

Guter Wein, miese Stimmung

Während sich die Winzer auf die heranrückende Lese vorbereiten – und mit der Traubenernte für Federweißen und Sektgrundweine schon begonnen haben-, habenWeinjournalisten, Sommeliers und Fachhändler in Wiesbaden ihr finales Urteil über den deutschen Weinjahrgang 2024 gefällt. Rund 260 Weinexperten waren auf Einladung der 200 deutschen  Prädikatsweingüter (VDP) im Kurhaus zusammengekommen, um an drei Tagen fast 500 Weine aus allen 13 deutschen Anbaugebieten zu verkosten.

Das sind zwar längst nicht alle deutschen Spitzenweine, denn nicht jeder qualitätsorientierte Erzeuger ist Mitglied der Prädikatsweingüter. Doch auf den Verkostungstischen in den Kurhaus-Kolonnaden landet alljährlich ein repräsentativer Querschnitt von Weinen aus den anerkannt besten deutschen Weinbergslagen. Die Güte der Weinberge ist das Qualitätsmerkmal im deutschen Weinbau, nachdem der Klimawandel das Erreichen hoher Mostgewichte nahezu mühelos ermöglicht. Auch der Deutsche Weinbauverband hat sich vor vier Jahren von einer Hierarchie verabschiedet, in der die besten trockenen Weine maßgeblich durch Öchslegrade bestimmt werden. Ausgewiesene Lagenweine von hoher Qualität sind seit 2021 das höchste Ziel im Weinbau.

Für den VDP ist die Spitze der Herkunftspyramide, die trockenen „Großen Gewächse“, nicht nur für das Renommee von großer Bedeutung, sondern auch in ökonomischer Hinsicht. Laut VDP liegt der Durchschnittspreis für deutschen Wein bei 4,47 Euro je Liter, während die Einstiegsqualität der VDP-Gutsweine für 11,60 Euro über die Theke geht. Sie stehen für zwei Drittel des Absatzes der VDP-Güter. Dagegen nehmen sich die sieben Prozent „Große Gewächse“ bescheiden aus, doch liegt ihr Durchschnittspreis inzwischen bei 40 Euro je Liter. Im internationalen Maßstab gilt das für Spitzenweine immer noch als günstig.

Es war in Wiesbaden eine Weinverkostung in schwierigen Zeiten. Die Branche diskutiert besorgt die Folgen von Inflation, Kostensteigerungen, Konsumzurückhaltung, Zöllen sowie von höheren Mindestlöhnen und befürchtet einen absehbaren Rückgang der Rebfläche von bis zu 30.000 Hektar – bei rund 100.000 Hektar Gesamtrebfläche in Deutschland – mit dramatischen Folgen für die Kulturlandschaft.

Erst kürzlich hatte der Deutsche Weinbauverband eine „tiefgreifende strukturelle Krise“ der europäischen Weinwirtschaft durch Preisverfall, Überproduktion, Klimawandel und wirtschaftlichen Druck beklagt und die Unterstützung der Politik durch eine „entschlossene nationale Antwort“ gefordert. „Der weinbaupolitische Stillstand in Berlin muss jetzt ein Ende haben“, sagte der deutsche Weinbaupräsident Klaus Schneider und verlangte ein klares Bekenntnis der Politik zu den deutschen Winzern.

Vor diesem Hintergrund ist der Jahrgang 2024 mit seinen aus VDP-Sicht „außergewöhnlich kleinen Erträgen“ ein passender, denn viele Lager sind noch gut gefüllt. Die Qualität ist sehr gut, wie eine VDP Rheingau organisierte Verkostung der Großen Gewächse aus der Region zwischen Lorch und Hochheim zeigte. Für den Rheingauer  VDP-Vorsitzenden Wilhelm Weil ist der Weinjahrgang 2024 für eine lange Lagerung und hohes Trinkvergnügen prädestiniert. Aber auch unter den Rheingauer Winzer war die schwierige wirtschaftliche Lage ein Dauerthema.

Die Menge der sehr guten 2024er ist zudem imitiert. Laut VDP war 2010 das letzte Jahr, in dem vergleichbar wenig geerntet wurde. 2024 werde als Jahrgang „mit geringen Erträgen, aber hohe Ausdruckskraft“ in die Annalen eingehen. Als Auswege aus der Weinkrise gelten unter den VDP-Weingütern eine weitere Diversifizierung der Absatzwege und eine Stärkung des Exportes. Bislang hat der – zunehmend schwierigere – Heimatmarkt mit einem Umsatzanteil von 75 Prozent die bestimmende Rolle. Im vergangenen Jahr mussten die VDP-Weingüter einen Absatzrückgang um zehn Prozent auf 35,7 Millionen Flaschen verkraften. Getroffen hat es vor allem jene Weingüter, die auch im Lebensmitteleinzelhandel vertreten sind. Die Discounter, die den  größten Marktanteil beim Weinverkauf haben spielen für die VDP-Weingüter hingegen kaum eine Rolle. Die wichtigsten Exportmärkte sind neben den skandinavischen Ländern vor allem die Niederlande, Großbritannien, die Vereinigten Staaten, Belgien und die Schweiz. Weil die deutschen Winzer angesichts der hohen Produktionskosten keine Billigware erzeugen können, gilt die Konzentration auf Qualität bei niedrigen Erträgen als einzig gangbarer Ausweg.

Rettet die Steillagen – aber wie?

Die Technik ist längst soweit: Sprühdrohnen könnten schon heute am Weingut mit Pflanzenschutzmitteln befüllt werden, selbständig starten, per Satellitennavigation die für den Pflanzenschutz ausgewählte Weinbergsparzelle ansteuern, automatisiert das Schutzmittel ausbringen und zum Auftanken und Aufladen wieder zurückfliegen. Für die aufwendige und teure Bewirtschaftung der Steillagen wäre das ein Fortschritt. Gerade in Zeiten der Weinkrise, in denen die Aufgabe nennenswerter Rebflächen droht, weil sie nicht mehr bewirtschaftet werden können, wäre das eine Hilfe. Doch die Regularien verhindern moderne Strategien im Pflanzenschutz. Denn ein Drohnenpilot muss immer in Sichtweite der Drohne sein, auch wenn sie ihre Aufgabe selbständig erfüllt. Und er muss obendrein von einem weiteren Aufpasser unterstützt werden.

Derart praxisferne Regeln müssen fallen. Der Erhalt der landschaftsprägenden Steillagen in einer Phase, in der die Weinbranche mit einer ernsten Absatz- und Konsumkrise von nicht absehbarer Dauer kämpft, ist ein Anliegen des Weinbauverbandes. Wie das gelingen kann, darüber gehen die Meinungen innerhalb der Winzerschaft aber deutlich auseinander.

Für die Hessischen Staatsweingüter schließt Anke Haupt die Aufgabe der Bewirtschaftung einzelner Weinberge nicht mehr aus. Die Staatsweingüter haben mehr als 50 Hektar Steillagen und entsprechend hohe Kosten. „Wir wissen um den historischen Wert der Steillagen“, sagt Haupt mit Blick auf den Wiesbadener Neroberg, dessen 500. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wurde. „Aber muss es jede steile Parzelle sein?“

Bewässerung und „Piwis“ kein Allheilmittel

Nach dem Abgang von Geschäftsführer Dieter Greiner sieht Haupt die Staatsweingüter im Umbruch: „Wir stellen vieles auf den Kopf.“ Dazu gehöre auch, das Portfolio der Weinberge genau unter die Lupe zu nehmen. Eine Bewässerung der Weinberge sei dabei nicht die alleinige Lösung. Denn sie habe keinen Einfluss auf den Ertrag, sondern nur auf die Vitalität der Reben.

Im Weingut der Hochschule Geisenheim lautet eine Antwort auf die Frage nach dem Schicksal der Steillagen: „Piwis“. Die Abkürzung steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten, die deutlich weniger Aufwand im Pflanzenschutz verursachen und damit auch geringere Kosten. An der Hochschule selbst wird auch für den Einsatz der Drohnentechnik geworben. Diese hätten gegenüber dem Hubschrauber viele Vorteile. Die Flughöhe sei niedriger, der Lärm geringer, der Einsatz flexibler und automatisiert möglich, wenn erst einmal die rechtlichen Hürden gesenkt würden.

Hubschrauber haben beim Pflanzenschutz Vorteile

Davon sind aber nicht alle Winzer überzeugt. Die Lorcher Winzerbrüder Laquai sehen Vorteile beim Hubschrauber-Sprüheinsatz durch die bessere Verwirbelung und Abdeckung der Rebstöcke. Wenn die Laubwand im Hochsommer erst einmal dicht und hoch ist, halten sie autonom fahrende Sprühroboter für geeigneter zur Benetzung der Traubenzone mit Pflanzenschutzmitteln. In Lorch, so ihre Beobachtung, seien bislang kaum Drohnen für den Pflanzenschutz im Einsatz, zumal die Kosten nicht viel niedriger als für den Hubschrauber seien. Aus ihrer Sicht ist eine Ausweitung der Querterrassierung von steilen Weinbergen ein Instrument für den Erhalt der Steillagen. Die Brüder haben inzwischen die Hälfte der 23 Hektar Rebfläche quer zum Hang angelegt, was die maschinelle Bearbeitung stark erleichtert. Dass damit etwa ein Drittel weniger je Hektar geerntet wird, ist in Zeiten nachrangig, in denen genügend Weinberge verfügbar sind. Dann kommt es ihrer Ansicht nach vor allem auf die Produktionskosten je Flasche und nicht auf den Ertrag je Hektar an. Zumal die Querterrassen ein Gewinn für die Artenvielfalt seien.

Aber auch diese Methode ist nicht unumstritten. Der Hochheimer Winzer Gunter Künstler sieht auch Nachteile durch den radikalen Eingriff in die Bodenstruktur eines Weinbergs. Unstrittig ist, dass Verbraucher kaum bereit sind, für Steillagenweine mehr Geld auszugeben. Für Seyffardt eine ungute Folge des Weingesetzes von 1971 und der „Egalisierung“ herausragend guter Weinbergslagen. Seyffardt plädiert dafür, die Wertigkeit der Steillagen bei der Vermarktung stärker hervorzuheben.

Henkell-Freixenet mit Winzerzekt

Der globale Sektmarktführer Henkell-Freixenet mit Sitz in Wiesbaden erweitert das Portfolio seiner Premium-Marke „Fürst von Metternich“ um drei Winzersekte, für deren Grundweine das zum Konzern gehörende Schloss Johannisberg im Rheingau verantwortlich zeichnet. Anders als die Standardvarianten Fürst von Metternich, die zum empfohlenen Verkaufspreis von 9,99 Euro in den Regalen der Einkaufs- und Supermärkte stehen – und bei Aktionen sehr häufig deutlich preiswerter zu haben sind-, werden diese drei Sekte wegen der limitierten Verfügbarkeit nahezu ausschließlich im hauseigenen Online-Shop und im Verkaufsladen am Stammsitz in Wiesbaden angeboten.

Abgefüllt in einer besonderen Flasche mit neuem Etikett werden ein Rieslingsekt, ein Rosé-Sekt aus der Rebsorte Spätburgunder und ein Chardonnay-Sekt für jeweils 19,99 Euro angeboten. Nach Angaben von Stephan Doktor, dem Geschäftsführer auf Schloss Johannisberg, stammen die Chardonnay-Trauben aus der Lage Geisenheimer Mönchspfad und die Spätburgunder-Trauben aus Parzellen in Rüdesheim, Geisenheim und Johannisberg, die ehedem vom Weingut Mumm bewirtschaftet worden waren.

Für die Verwendung des Begriffs Winzersekt müssen gemäß hessischer Weinverordnung zahlreiche Kriterien erfüllt werden. Winzersekte sind demnach immer aus deutschem Qualitätsschaumwein hergestellt unter Verwendung von Trauben aus eigener Produktion nach der Methode der klassischen Flaschengärung. Mit zwölf Gramm Restzucker je Liter sind die drei Henkell-Winzersekte geschmacklich an der Grenze zwischen „brut“ und „extra trocken“ angesiedelt. Dass sie nicht noch trockener ausgebaut wurden, wird mit der erwünschten geschmacklichen Nähe zur Basis-Linie Fürst von Metternich begründet. „Wir zeigen aber damit, was wir können“, hieß es zur Vorstellung der Premium-Sekte. Angaben zur Produktionsmenge gab es nicht.

In jedem Fall in deutlich höherer Auflage wird eine weitere Neuheit der Fürst-von-Metternich-Linie produziert werden: Erstmals gibt es einen Grauburgunder-Sekt der Geschmacksrichtung „trocken“, abgefüllt mit 17 Gramm Restzucker je Liter in einer grau lackierten Standardflasche, die für 9,99 Euro im Handel angeboten werden soll. Die Trauben stammen zum größten Teil aus der Pfalz und Rheinhessen, eine kleine Partie aber auch aus dem Rüdesheimer Bischofsberg.

Ein neues Weingut: Woii

Wer die „Rheingauer Weinwoche“ in Wiesbaden auf der Suche nach Neuheiten unter den fast 100 Weinständen durchstreift hat, der stieß auf Woii. Eine außergewöhnliche Neugründung, denn ihr liegt nicht das Motiv zugrunde, mit ordentlichem Wein gutes Geld zu verdienen. Zur Philosophie des Weinguts gehört es in erster Linie, jungen Studenten und angehenden Weinmachern der Hochschule Geisenheim die Chance zu geben, parallel zum Studium den ersten eigenen Wein nach eigenen Vorstellungen zu produzieren, abzufüllen, zu etikettieren und zu vermarkten.

Woii bietet eine Art Spielwiese, ein Reallabor vorwiegend für jene Studenten, die nicht aus einem Familienweingut stammen und deshalb regelmäßig mit der weinbaulichen Praxis konfrontiert sind. Sie sollen wertvolle Erfahrungen sammeln, um vielleicht selbst einmal ein Weingut übernehmen zu können.

Die Idee eines „studentisches Weinguts“ wurde an der Hochschule immer wieder diskutiert, um die praktische Ausbildung weiter zu stärken. Realisiert hat sie der promovierte Agrarwissenschaftler Maximilian Tafel mit einigen Mitstreitern. Weil die Übernahme eines bestehenden Weinguts mitsamt Technik und Ausstattung als die realistischere Option erschien als eine Neugründung auf der grünen Wiese, wandte sich das Team um Tafel an den Rüdesheimer Berater Erhard Heitlinger. Der vermittelt seit vielen Jahren Weingüter an Seiteneinsteiger und Investoren. Aktuell hat Heitlinger etliche Weingüter im Angebot, auch im Rheingau. Meist fehlt es in den Familienweingütern an Nachfolgern, die den Betrieb übernehmen wollen.

Ende 2023 hatte Heitlinger genau das im Angebot, was das Tafel als ideal erachtete: das Weingut Daniel. Unmittelbar am Geisenheimer Ortsrand und an einem Teil der gutseigenen 5,5 Hektar Weinberge gelegen. Ein nicht zu großes Weingut in großer Nähe zur Hochschule und ihren Studenten. Weingutsmakler Heitlinger fand nicht nur die Idee charmant. Über ihn kam auch ein Kontakt mit dem deutsch-amerikanischen Investor Klaus Lubbe zustande, der in ein junges Weingut investierten wollte, um diesem neue Perspektiven zu geben. „Der fand unsere Idee gut“, erinnert sich Tafel.

Lubbe erwarb das Weingut im Frühjahr vergangenen Jahres und verpachtete es an eine Betreibergesellschaft, deren Geschäftsführer Tafel ist. Seine Mitstreiterin Lara Pschorn ist als Außenbetriebsleiterin für die Pflege der Weinberg verantwortlich. Produziert wird der Wein in von vom Weingut Daniel angemieteten Räumen des ehemaligen Weinguts Heinrich Jung. Die Villa Daniel am Ortsrand wird für Woii-Veranstaltungen genutzt, die ehemaligen Wohnräume der Winzerfamilie werden als Ferienwohnungen mit schönem Blick auf Johannisberg vermietet.

Schon im ersten Jahr hatten sieben Studenten und kleine Teams die Chance, bei Woii ihren eigenen Wein herzustellen. Das Weingut stellt ihnen dazu die nötige Technik, vor allem Fässer und Tanks in Größen zwischen 225 und 1000 Liter zur Verfügung. Das Gros der Ernte nutzt Woii allerdings für eigene Produktion. Die Premierenauf der Rheingauer Weinwoche nutzt Tafel mit seinem Team, um den gerade erst bei einem Dienstleister in Winkel abgefüllt ersten Jahrgang vorzustellen: Einen fruchtigen Rosé, einen straffen Sauvignon blanc, zwei gehaltvolle Rieslinge aus den Lagen Kläuserweg, Mönchspfad und Rothenberg und einen cremigen Weißburgunder. Allesamt trocken. Ein Lagenwein „Geisenheimer Schlossgarten“ reift noch in der Flasche, ebenso ein Sekt. Die Umstellung auf ökologischen Weinbau ist im Gange, ein Wachstum auf bis zu 15 Hektar die Perspektive.

Vermarktet wird online, aber auch über die neue Vinothek in der Geisenheimer Ortsmitte, wo Woii auch seine Büros bezogen hat. Denn Woii wächst mit inzwischen zehn Mitarbeitern, und hat inzwischen zudem Veranstaltungssparte: Gepachtet wurde auch Schloss Schönborn in der Winkeler Straße in Geisenheim, das für Hochzeiten, Tagungen und Veranstaltungen aller Art gemietet werden kann.

Tafel beschreibt Woii als „Community-Weingut“, das charaktervolle Weine mit Ecken und Kanten erzeugen wolle und dabei auch ungewöhnliche Wege geht. Davon konnten sich auch die Besucher der Weinwoche überzeugen: Der eigens kreierte „Festwein“ kam aus der Zapfanlage.   

(aus der FAZ vom 2. August 2025)

Würzen wie der Bundespräsident

Anfang August geht es wieder los, und das mitten in der Nacht: Mit dem Vollernter wird Ferdinand Koegler seine Rebstöcke in der Weinlage Eltviller Taubenberg abfahren. Den Weinberg hat Koegler eigens für diese Produktion vorbereitet, und in der kühlen Nacht wird geerntet, um nur ja keine Gärung des Mostes auf dem Transportweg zu riskieren. Um Wein geht es bei dieser Ernte nicht, denn das Mostgewicht wird um diese Jahreszeit noch nicht einmal 40 Grad Oechsle erreicht haben, während die Säurewerte mit bis zu 25 Promille weit entfernt von einem Trinkgenuss sind.

Doch dieser säuerliche, alkoholfreie Saft unreifer Trauben wird immer gefragter. Nicht unter Weinliebhabern und Sommeliers, sondern von Küchenchefs und Barkeepern. Sie schätzen den veganen und histaminfreien Saft aus Riesling als elegante, milde, sehr aromatische Alternative zu frisch gepresstem Zitronensagt oder Essig und setzen ihn zum Würzen von Speisen ebenso ein wie zur Kreation von Drinks hinter dem Tresen.

Verjus ist ein Naturprodukt, dem außer Vitamin C – zum Schutz gegen Oxydation – keine Stoffe zugesetzt werden. Schonend filtriert und kalt-steril abgefüllt liegt die Haltbarkeit in der Flasche bei mindestens drei Jahren. Verjus, auch Agrest genannt, soll schon zu Hippokrates´ Zeiten als Würz- und Säuerungsmittel beliebt gewesen sein. Koegler nahm vor mehr als 20 Jahren einen Walliser Winzerkollegen zum Vorbild, der sich an Agrest aus der Rebsorte Muskateller versucht hatte. Der säurestarke Rheingauer Riesling schien Koegler noch besser für dieses ungewöhnliche Produkt geeignet. Als Koegler im Jahr 2004 mit den ersten 1000 Flaschen auf den Markt ging, waren seine Söhne Ludwig und Leopold noch nicht geboren.

Inzwischen sind es mehr als 30.000 Flaschen, die das Eltviller Weingut jährlich abfüllt, und Ludwig und Leopold, 21 und 20 Jahre alt, wollen der Erfolgsgeschichte neue Impulse und einen Schub geben. Im kommenden Jahr sollen es schon 50.000 Flaschen Verjus sein, die vorwiegend über Großhändler an die Gastronomie gehen. Auch die Küche des Bundespräsidialamtes bestellt im Weingut jährlich drei große Kisten.

Nach einem sukzessiven Wachstum beim Absatz brachte das Jahr 2019 den Durchbruch. Bei einem Barkeeper-Wettbewerb in Berlin bestand der Siegercocktail „El Rey“ eines bekannte Barkeepers lediglich aus fünf Anteilen Bacardi, zwei Anteilen  Zuckersirup und drei Anteilen Verjus. Und im vergangenen Jahr distanzierte ein Münchner Bartender bei einem internationalen Wettbewerb mit seiner Kreation aus Kräuterlikör, Gelbem Muskateller, Gebirgsenzian und Verjus die Konkurrenz. Bei einer Blindverkostung von 14 Verjus hatte das Produkt mit 469 von 500 möglichen Punkten die Nase vorn. Und beim diesjährigen Festival „Cocktail X“ in München war Koeglers Verjus „Produkt des Jahres.“

„Das spricht sich in der Szene rum“, weiß Ludwig Koegler, der mit seinem Bruder regelmäßig bekannte Bars abklappert und renommierte Barkeeper besucht, um das Produkt vorzustellen. Diese schätzen Verjus laut Leopold Koegler den Verjus vor allem wegen der Klarheit, die neben dem Aroma ein weiterer Vorteil gegenüber dem frisch gepressten und dann trüben Zitronensaft sei.     

Ludwig und Leopold wollen zum Jahresende eine eigene Vertriebsfirma gründen, um das Momentum beim Verjus zu nutzen. Ihre  Exportfühler reichen inzwischen nach Spanien und in die Niederlande. Ferdinand Koegler kann sich vorstellen, dass Verjus auch in Mix-Automaten eingesetzt werden könnte, die auf Knopfdruck Cocktails herstellen und schon wegen der Personalkosten und des Fachkräftemangels künftig zu erwarten seien.

Gut eingeschlagen auch ein erster, „weicher“ schmeckender Verjus-Rosé aus der Zweigelt-Traube, die Koegler ebenfalls schon lange anbaut. Der langfristige wirtschaftliche Erfolg hängt aber auch davon ab, ob es den beiden Brüdern Koegler gelingt, Verjus nicht nur als Basis für neue Kreationen mit Erfolg zu bewerben, sondern den Traubensaft für gängige Drinks einzusetzen. Wenn erst einmal einem Klassiker wie „Whisky Sour“ in den Hotelbars dieser Welt neben Whisky und Zucker auch Verjus statt Zitronensaft beigemixt würde, wären die Marktchancen immens. Mit zwei Drittel Wasser versetzt ist der Verjus ein alkoholfreier und erfrischender Drink für jeden Tag.

Verkauft wird Verjus zum Preis von aktuell zwölf Euro je (Wein-)Flasche,  der sich schon aus der geringen Erntemenge in den Weinbergen zu diesem frühen Stadium ergibt. „Wir wollen das Thema Verjus jetzt hochziehen“, sagen die Koegler-Brüder, und nebenbei das Thema Wein nicht vernachlässigen: Zwei alkoholfreie Varianten für ein gesundheitsbewusstes Publikum sind inzwischen als Durstlöscher schon im Koegler-Sortiment.

(aus der FAZ vom 30. Juli 2025)

Der Wein zum Bauernkrieg

Wie der Wein geschmeckt hat, denn die Bauern im Mai 1525 im Zuge der Plünderung von Kloster Eberbach aus dem Großen Fass getrunken haben, ist nicht überliefert. Dass sie das als Weltwunder gefeierte, 72.000 Liter fassende Weinfass beinahe zur Neige geleert und damit nachfolgend dem Verfall preisgegeben haben, ist in den Archiv allerdings akribisch festgehalten. Geschmacklich weitaus besser ist ohne Zweifel der Riesling, mit dem in Kloster Eberbach der kurzen, aber heftigen Episode des Bauernkrieg gedacht wird. Kurz, weil schon Mitte Juli der Aufstand niedergeworfen und die den Bauern gemachten Zugeständnisse widerrufen wurden.

Der Vorsitzende der Stiftung Kloster Eberbach, Julius Wagner, hat die Staatsweingüter ermuntert, zum Jubiläum „500 Jahre Bauernkrieg“ einen besonderen Wein in einer besonderen Flasche abzufüllen. Den hat die Chefönologin und stellvertretender Geschäftsführerin des Weingut, Kathrin Puff, in der Fraternei des Kloster vorgestellt. Ein stoffiger und dennoch eleganter Riesling, den Puff als „eigenständig und charaktervoll“ sowie ein wenig „eigensinnig“ beschrieb. Schließlich soll diese Cuvée aus besten Lagen des Klosters, zum Teil im Holzfass ausgebaut, der den damaligen Zeitgeist widerspiegeln. Geschmacklich dominieren Aromen von Steinobst, Pfirsich und Mango.

Der Nachteil: es gibt nur 500 Flaschen davon. Die Besonderheit: Sie tragen ein eigenwilliges Künstleretikett, für dessen Gestaltung der Rheingauer Künstler Michael Apitz gewonnen worden war. Apitz hat mit einer Rohrfeder und Sepia-Tusche im Erscheinungsbild eines Holzschnitts einen Bauern gemalt, der in der Fahne seine Forderung nach „Fryheit“ erhebt. Auch Eberbach, das Große Fass und ein Weinstock sind zu sehen. Basis war ein Motiv des Franziskaners Thomas Murner, das Apitz für seine Zeichnung aufgegriffen hat.

Müller folgt auf Greiner

Mit der Neuausrichtung der hessischen Staatsweingüter verbindet die Landesregierung ambitionierte Ziele. Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) formuliert den Anspruch, zu den Spitzenweingütern Europas zu zählen!!! Oha! Die Staatsweingüter sollten die Rolle eines Flaggschiffs und eines Leuchtturms ausfüllen. Als Marke „mit Strahlkraft“ solle sie dem gesamten Rheingau Impulse geben.

Das ist nun die Mission von Christine Müller. Am 1. Januar 2026 folgt sie als Geschäftsführerin auf Dieter Greiner, der die Staatsweingüter seit 2000 geführt hatte. Müller ist in der Region gut bekannt. Sie war lange Jahre in verschiedenen Funktionen für Schloss Vollrads tätig, ehe sie 2019 zur Rheingauer Volksbank wechselte und dort bis zur Prokuristin und Bereichsleiterin für gewerbliche Immobilienfinanzierung aufstieg. Parallel ließ sie sich an EBS Universität für Wirtschaft und Recht zur Immobilienökonomin mit Master-Abschluss ausbilden.

Müller ist auf dem ehemaligen Staatsweingut Hoflößnitz in Sachsen aufgewachsen, schloss eine Winzerausbildung in Weinsberg ab und studierte Weinbau in Geisenheim. „Wein ist meine Identität“, sagte Müller bei ihrer Vorstellung. Sie nehme ihre neue „Lebensaufgabe“ mit Vorfreude, Respekt und Demut an. Die Voraussetzungen, das vom Ministerpräsidenten formulierte Ziel zu erreichen, hält sie angesichts der herausragenden Weinlagen, der modernen Kellerei, dem motivierten Team und der Rebsortenstruktur für gegeben. Bis zur Weltspitze werde es allerdings zehn Jahre dauern.

Rhein und Weinbauminister Ingmar Jung (CDU) nannten Müller eine „Idealbesetzung“. Sie verbinde ein handwerkliches Fundament mit einem akademischen Überbau und strategischem Gespür, sagte Rhein. Der Ministerpräsident gab zu, dass hinter dem Staatsweingut keine leichten Jahre liegen: „Wir wollen das nicht allzu schön reden.“ Der Kostendruck sei enorm, die Zurückhaltung der Konsumenten und der Klimawandel hinterließen Spuren.

Müller könne sich aber auf seine Rückendeckung verlassen, sagte Rhein als Antwort auf Frage nach der Bereitschaft zur Auflösung von Investitionsstaus im Weingut und zur Senkung der Personalkostenquote. Entscheidungen würden nach einer sehr sorgfältigen Bestandsaufnahme fallen. Rhein sagte, er empfinde eine „starke Verantwortung“ für das Schicksal des Staatsweingutes. Die Landesregierung lässt sich von einem Beirat aus sechs Mitgliedern beraten, dem der rheinhessische Winzer und Weingutsbesitzer Dirk Würtz vorsteht. In das Gremium, dem bislang auch Müller angehört, wurden zudem die Nahe-Winzerin Caroline Diehl und ihre Rheingauer Berufskollegin Theresa Breuer berufen. Teil der der Neuausrichtung ist ein engeres Zusammenrücken zwischen Staatsweingut und Kloster Eberbach. Rhein sagte, man wolle unter einer gemeinsamen Dachmarke zu einer „historischen Einheit“ zurückkehren. Rhein dankte zudem dem bisherigen Geschäftsführer Greiner, der in 25 Jahren die Staatsweingüter „auf besondere Weise geprägt“ habe. Dem Vernehmen nach muss über die Auflösung des bis 2027 laufenden Vertrags für Greiner noch Einigung erzielt werden.

Paukenschlag: Greiner geht

Mit diesem schnellen Abgang war nicht zu rechnen: Dass Dieter Greiner nach 25 Jahren an der Spitze der Staatsweingüter von heute auf morgen sein Büro im Kloster Eberbach geräumt hat, ist eine faustdicke Überraschung. Allerdings war nach den jüngsten Ankündigungen von Weinbauminister Ingmar Jung (CDU) mit Blick auf notwendige einschneidende Maßnahmen beim Staatsweingut nicht mehr damit zu rechnen, dass Greiner noch weitere 18 Monate auf seinem Posten würde bleiben können. Greiner hat erkannt, dass ein schneller Schlussstrich das Gebot der Stunde ist.

Die dringend notwendige Neuordnung der im vergangenen Jahr abermals stark defizitären Staatsweingüter bedarf eines neuen Geschäftsführers, weil nur er den Aufbruch glaubwürdig vertreten kann. Nun blickt der Rheingau mit Spannung auf die Personalfindung des Ministeriums. Dass ein Beirat aus Fachleuten gebildet wurde, um das Ministerium auch dabei zu beraten ist sinnvoll. Denn dem Aufsichtsrat gehören bis auf wenige Ausnahmen Laien an. Wäre das Kontrollgremium mit Fachleuten besetzt gewesen, dann wäre die Notbremse vielleicht schon viel früher gezogen worden. Allerdings darf sich niemand der Illusion hingeben, dass das landeseigene Weingut frei von politischer Einflussnahme sein wird. Politische Rücksichtnahmen wird es auch weiterhin geben. Ob das von Jung ausgegebene Ziel erreichbar ist, das Staatsweingut zu einem Qualitätsführer und Flaggschiff zu entwickeln, darf durchaus bezweifelt werden. Ein neuer Geschäftsführer wird zeigen müssen, dass er aus allerbesten Weinbergslagen und einer modernen Kellerei auch in der Breite Spitzenweine zu erzeugen vermag, die entsprechende Anerkennung finden. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage könnte dies der letzte Versuch des Landes sein, das Erbe der Zisterzienser, Nassauer und Preußen überzeugend fortzuführen. Wenn eines staatliches Weingut nicht mit hoher Qualität am Markt zu bestehen vermag, dann verliert es auch seine Berechtigung. Billig können andere besser !

(Mein Kommentar aus der FAZ vom 12. Juni 2025)