Neue Reben braucht das Land

Am Anfang war die Reblaus. Rebveredler wie Antes in Heppenheim wären ohne die Reblauskatastrophe des 19. Jahrhunderts nicht denkbar. Der aus Amerika eingeschleppte Schädling richtete damals im europäischen Weinbau massive Schäden an. Danach war die bis dahin übliche Vermehrung wurzelechter Reben durch Stecklinge nicht mehr möglich. Die Rebveredlung brachte die biotechnische Lösung: Eine sogenannte Unterlagsrebe, die den Wurzelstamm und das Wurzelsystem ausbildet, wird mit der fruchttragenden Edelrebe, beispielsweise Riesling oder Spätburgunder, kombiniert. Die reblausresistente oder zumindest „reblaustolerante“ Unterlagsrebe sichert den Winzern den Ertrag trotz der Reblaus im Boden. Unterlagsreben haben unspektakuläre Namen wie „Börner“ oder „SO4“, doch sie bestimmen maßgeblich mit, wie gut die jeweilige Sorte am ausgewählten Standort wächst.

Rebveredlungsbetriebe sind die Baumschulen des Weinbaus. „Wir produzieren die Rebpflanzen für den Weinbau“, sagt Anja Antes, die inzwischen die operative Leitung des 1952 gegründeten Familienunternehmens übernommen hat.

Seine Geschäfte reichen weit über die Grenzen des Bundeslandes hinaus. In den 13 deutschen Anbaugebieten beziehen zwischen 2500 und 3000 Winzer ihre Reben zur Neu- und Nachpflanzung aus Heppenheim. Hinzu kommen Winzer aus rund 40 Ländern. Auch in afrikanischen und asiatischen Staaten vertrauen Winzer auf südhessische Reben. Wie ihr Großvater Vincenz, ihr Vater Reinhard und ihre Schwester Heike studierte auch Anja in Geisenheim Weinbau. Die Verbindungen zur Hochschule, insbesondere zur Rebzüchtung, sind eng.

Die Pflanzenproduktion ist weitgehend Handarbeit. Von der Bestellung des Winzers im Herbst bis zur Auslieferung der Jungpflanzen im darauffolgenden Frühjahr vergehen rund eineinhalb Jahre. Gut zwei Euro kostet eine Pflanze. Nach der Übergabe an den Winzer setzen spezialisierte Dienstleister den Setzling mithilfe von Satellitenortung zentimetergenau in den Weinberg. Drei Jahre später liefert sie den ersten Ertrag.

Rebveredler und Winzer achten zunehmend auf die optimale Kombination aus Unterlags- und Edelrebe für den jeweiligen Standort. Dadurch ist das Portfolio bei Antes im Laufe der Jahre immer größer geworden. Der Rheingauer Winzer, der nach Abschluss einer Flurbereinigung wieder einen Hektar Riesling anpflanzen möchte, hat bei Antes die Wahl zwischen 72 Kombinationen aus Unterlagen und Riesling-Klonen. Da die Reben rund 25 Jahre im Weinberg stehen, will die Auswahl der 4500 Jungpflanzen für diese Fläche gut überlegt sein. Rebveredler wie Antes sind dabei wichtige Ratgeber.

Viele Winzer wünschen sich locker- und kleinbeerige Klone bewährter und bei den Kunden beliebter Rebsorten. Auch die hat Antes im Angebot. Doch extrem lockerbeerige Klone werden nach seiner Beobachtung vom Bundessortenamt wegen ihres vom Standard abweichenden Aussehens bisweilen nicht in die Liste anbauwürdiger Rebsorten eingetragen. Dieser Standard wurde vor Jahrzehnten – und damit vor dem Klimawandel – definiert. Zeitgemäß ist er für Antes nicht mehr. Knapp 40 Hektar und damit fast zehn Prozent der Bergsträßer Rebfläche werden von Antes bewirtschaftet, um die Winzer mit Reben zu versorgen.

Eine vorausschauende und wohlüberlegte Auswahl neuer Reben ist nach den Beobachtungen von Antes gerade in Krisenzeiten nicht die Regel. Viele Winzer entscheiden sich sehr kurzfristig für neue Reben. Bisweilen gibt der aktuelle Marktpreis für Fasswein den Ausschlag, eine bestimmte Rebsorte wie beispielsweise Sauvignon Blanc anzubauen. Und das, obwohl sich der Weinmarkt bis zur ersten Ernte und Abfüllung vier Jahre später längst wieder gedreht haben kann und andere Sorten höhere Preise erzielen.

„Manche Winzer sind verzweifelt“, sagt Reinhard Antes zur Erklärung. Er verweist auf ein in diesem Jahr unterbreitetes Seelsorgeangebot ausschließlich für Winzer. „Die Unsicherheit wächst. Es ist dramatisch, was hier passiert.“ Vor allem Fassweinwinzer verabschiedeten sich aus dem Markt, weil die Erlöse die Produktionskosten nicht deckten.

Die kurzfristigen Rebsortenentscheidungen mancher Winzer kollidieren mit dem notwendigen Planungsvorlauf der Rebveredler. Antes hat bislang einen Teil der Produktion auf der Basis langjähriger Erfahrung, guter Kundenbeziehungen und genauer Marktkenntnis geplant und dabei vorweggenommen, welche kurzfristigen Bestellungen noch zu erwarten waren. Doch wenn Bestellungen mitunter kurzfristig storniert werden, muss Antes vorsichtiger kalkulieren. Sonst müssen nicht abgenommene Rebpflanzen entsorgt, in Kühlhäusern gelagert oder rückgeschult werden.

Wie dramatisch die Lage ist, belegt Antes mit der Statistik des Verbands Deutscher Rebenpflanzguterzeuger. Demnach ging die Fläche der Neu- und Wiederbepflanzungen in Deutschland zwischen 2015 und 2025 von mehr als 2500 Hektar auf weniger als 1500 Hektar zurück. Da ein Weinberg für rund 25 Jahre angelegt wird, müssen jährlich etwa vier Prozent der weiterhin rund 100.000 Hektar großen Rebfläche neu bepflanzt werden. Diese Zahl wird nicht erreicht. Antes hält es für realistisch, dass in Deutschland bis zu 30 Prozent der Rebfläche aufgegeben werden. Das entspräche einem Rückgang um rund 30.000 Hektar. Der Deutsche Weinbauverband hält diese Annahme auf Basis der Konsum- und Absatzzahlen sowie der demografischen Entwicklung für fundiert.

Nicht nur Winzer und Genossenschaften geben gegenwärtig den Weinbau auf. Auch in der eigenen Branche beobachtet Antes den Rückzug von Betrieben. Das schränkt die kurzfristige Verfügbarkeit von Rebpflanzen weiter ein. Bei speziellen Wünschen der Winzer können sich die Veredler daher immer seltener gegenseitig aushelfen. Insgesamt erlebt der erfahrene Branchenkenner Antes „die schlimmste Krise seit 100 Jahren“.

Die Aufgabe von Rebflächen geht gegenwärtig zulasten klassischer Rebsorten. Anders ist die Entwicklung bei Neuzüchtungen, insbesondere bei den pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (Piwis). Nach einer  Verbandsstatistik ging die Zahl der Rebenveredlungen in Deutschland von 27,4 Millionen im Jahr 2017 auf 12,9 Millionen im vergangenen Jahr zurück. Der Anteil der Piwis stieg in diesem Zeitraum jedoch von weniger als zehn auf mehr als 30 Prozent.

Obwohl Piwis aus weinbaulicher Sicht nachhaltiger sind und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringern, haben sie es am Markt schwer. Das gilt vor allem für Deutschland, sagt Anja Antes, weil die Deutschen „gelernt“ hätten, bestimmte Rebsorten zu mögen. In Ländern wie Frankreich hingegen seien Cuvées aus verschiedenen Rebsorten an der Tagesordnung. Piwis seien erklärungsbedürftig, sagt Vater Reinhard, und es fehle an attraktiven Namen und Bezeichnungen.

Eine Ausnahme ist die Neuzüchtung Souvignier Gris, die gegenwärtig die mit Abstand bedeutendste Piwi-Sorte ist – klar vor Solaris, Calardis Blanc, Sauvignac oder Sauvitage. Nach Antes’ Erfahrung lassen sich Piwis in einer Vinothek gut verkaufen, wenn sie an der Verkaufstheke erläutert werden. Im Supermarktregal ist das hingegen deutlich schwieriger. Antes hat 75 Piwis im Angebot, weil die Nachfrage beispielsweise in Nord- und Osteuropa hoch ist. „Die Winzer sind bereit, aber der Markt muss es noch lernen“, meint Anja Antes.

Vater Reinhard erwartet auch wegen einer aus seiner Sicht revolutionären Entscheidung ein Umdenken: Die Champagne ließ 2022 die Piwi-Sorte Voltis für die Erzeugung von Champagner – unter Auflagen – zu. Zudem bietet der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bei klassischen Rebsorten weiterhin Angriffsfläche. Dennoch weiß Antes um die Skepsis vieler Kunden und die Zurückhaltung der Winzer gegenüber den neuen Sorten.

Vor allem mit der Namensgebung vieler Neuzüchtungen ist Antes alles andere als zufrieden. Er selbst ist der offizielle Taufpate der Rotweinsorte Calardis Royal, die 2004 vom Julius-Kühn-Institut am Geilweilerhof gezüchtet wurde und seit drei Jahren in Heppenheim veredelt wird.

Es sei unbestritten, dass aus Piwis gute Weine gekeltert werden könnten, so Antes. In traditionsreichen Weinanbaugebieten wie dem Rheingau ist die Zurückhaltung allerdings besonders groß. Während der Piwi-Anteil in Deutschland inzwischen vier Prozent erreicht hat, beträgt er laut Antes im Rheingau gerade einmal 0,6 Prozent. (aus der FAS)