Gewohnt vorbildlich organisiert hat der VDP die dreitägige Vorprobe „Großes Gewächs“ in den Kurhaus-Kolonnaden Wiesbaden. Weil mir diesmal nur ein Halbtages-Slot am letzten Tag zur Verfügung stand, habe ich mich auf die rund 60 weißen Burgunderweine und Silvaner konzentriert – und diese Wahl nicht bereut. In Baden und Württemberg wird außerordentliches Gutes produziert. Ich verzichte hier mal ganz auf die blumige Wein-Ansprache und den Abgleich mit Aromen, sondern schreibe einfach nieder, was am Besten war. Ganz simpel. Wo notwendig, vergebe ich meine Weinschmecker-Punkte (WP).
Chardonnay: Tatsächlich waren nur zehn Chardonnay aus Baden zur Probe angestellt worden, aber die hatten es in sich. Wöhrle erweist sich mit seinem 2204 Kronenbühl Gottesacker einmal mehr als verlässlicher Top-Erzeuger (92WP). Mit gleicher Punktzahl bewerte ich den Winklerberg Hinter Winklen von Dr. Heger, ein Wein voller Schmelz und Finesse. Mein persönlicher Favorit aber war ohne Zweifel der am besten strukturierte Salwey 2023 Henkenberg Steingrubenberg (93WP). Klar ist: Baden kann Chardonnay, und wie!
Grauburgunder: eigentlich nicht meine Rebsorte! „Wenn, dann allenfalls Kaiserstuhl“, lautet meine persönliche Regel, die wenige Ausnahmen in Deutschland allenfalls bestätigen können. Tatsächlich hat mir auch Schnaitmanns „Lämmler“ aus dem Jahrgang 2024 sehr gut gefallen. An der Spitze allerdings steht Heger mit seinem Vorderer Winklerberg (93WP) vor Kellers Schlossberg, zusammen mit Salweys Henkenberg und Brechers Feuerberg Haslen (92 WP).
Weißburgunder: Hier warf neben Baden und Württemberg auch die Pfalz ihren Hut in den Verkostungs-Ring. Gut so, denn der 2025 Langenmorgen von Bassermann-Jordan begeisterte (93WP) noch mehr als der Kirschgarten von Knipser (92WP). Knapp dahinter rangierten der Mandelberg von Rebholz und – vielleicht noch einen Tick besser – der Sonnenberg von Siegrist. Das waren die 2025er, doch es gab auch 2024 aus der Pfalz, und da hatte Jülg für mich unerwartet einen knappen Vorsprung vor Kuhns Kirchgarten. Odinsthal ist geschmacklich wie gewohnt ein eigener Kosmos. Muss man mögen, oder auch nicht.
Unter den drei Württemberger Weißburgundern (Neipperg, Wöhrwag, Aldinger) war es die Qual der Wahl, denn alle drei waren sehr, sehr gut. Graf Neipperg ein finessenhafter Charmeur, Aldinger mit viel Tiefgang und Komplexität, der muss ein paar Jahre liegen. Die Badener mit einer blitzsauberen Reihe, aus der ich Berchers Feuerberg Haslen (93WP) positiv hervorheben muss. Ihren Feinsinn für Weißburgunder zeigten einmal mehr Dr. Heger für den Winklerberg Winkel und Salwey für seinen Kirchberg (beide 93WP). Klare Kaufempfehlung!
Silvaner: Hinter Riesling und Chardonnay, gemeinsam mit Chenin blanc meine dritt-liebste weiße Rebsorte, noch vor Grünem Veltliner und dem Sauvignon blanc. Aus Franken waren 14 Silvaner von der Creme de la Creme angestellt worden, teils im Bocksbeutel gefüllt, teils nicht. Unabhängig davon ein reines Vergnügen am Gaumen. Bei den noch von saftigen Primäraromen geprägten 2025ern war es schwer, überhaupt eine aussagekräftige Rangliste aufzustellen. Der 2025 Stein-Harfe Silvaner aus dem Bürgerspital ist in jedem Fall ein Silvaner, der in den Keller gehört! Luckert unterstreicht mit seinem Maustal (94WP) einmal mehr seine aktuelle Spitzenstellung, die er sich mit Horst Sauer teilt. Charmant und eigenes erwähnenswert auch Max Müller I., den ich erst kürzlich besucht habe und der meine äußerst positiven Eindrücke mit dem Am Lumpen 1655 bestätigte (92 WP). Aus dem Jahrgang 2024 wurden vier Silvaner offeriert. Auch die machten Laune auf mehr, vor allem der Julius-Echter-Berg von Wirsching und der Stein von Ludwig Knoll (je 92 WP). Besonders schön, dass die Fürstlich Castell´sche Domäne mit dem Schloss einen 2021er zeigte! Eine Wonne, wie gut dieser Silvaner gereift ist und zeigt, welch herausragenden Genuss diese Rebsorte bietet. Leute, trinkt mehr Silvaner !
