Der neue VDP-Chef

Mit Weintourismus aus der Krise: In keiner anderen deutschen Weinregion prägen die Prädikatsweingüter die Branche so stark wie im Rheingau. Ihr neuer Vorsitzender Mark Barth will die Stärken des Verbands sichtbarer machen.

Es war das Ende einer Ära: Seit 1999 hatte der Kiedricher Spitzenwinzer Wilhelm Weil den Rheingauer Verband der Prädikatsweingüter (VDP) durch teils turbulente Zeiten geführt. Nach 27 Jahren an der Spitze wurde Weil vor wenigen Wochen mit der Würdigung als Ehrenvorsitzender und der Verleihung der neu geschaffenen Auszeichnung „Charta Bogen“ in Gold verabschiedet.

Nun steht der Hattenheimer Winzer Mark Barth an der Spitze eines Verbands, der unter den deutschen Weinregionen eine Ausnahmestellung einnimmt. Denn mit rund 30 VDP-Mitgliedswinzern im Rheingau ist ihre Zahl, gemessen an der Rebfläche von gut 3000 Hektar, besonders hoch. Zudem dominieren sie die Rangliste der flächenmäßig größten Betriebe der Region.

Das gibt dem Verband in der Region einen großen Einfluss. Dieser zeigt sich, so Barth, weniger in einem eigenen Sitz im wichtigen Hauptausschuss des Rheingauer Weinbauverbands als in der Präsenz, dem Vorbild und der Anziehungskraft dieser Weingüter, die rund ein Drittel der Gesamtrebfläche bewirtschaften.

Die Leuchtturm-Weingüter der Region wie Schloss Vollrads, Schloss Johannisberg und Kloster Eberbach (Hessische Staatsweingüter) sind VDP-Mitglieder, dazu renommierte Aushängeschilder wie Weil, Leitz und Peter Jakob Kühn. Weinbaupräsident Peter Seyffardt führt das familieneigene VDP-Weingut Diefenhardt, und seine Tochter Julia ist neue Stellvertreterin von Barth im VDP Rheingau.

Gegen die Folgen der globalen Wein-Überproduktion und der Konsumzurückhaltung infolge von Krisen und wirtschaftlicher Unsicherheit sind aber auch die VDP-Weingüter nicht gefeit. Barth spricht zurückhaltend von „veränderten Bedingungen“. Die passende Antwort darauf könne allerdings nicht der Verband geben; sie müssten die Weingüter selbst finden. Krisenszenarien wie in Rheinhessen und Württemberg, wo in großem Stil Überschussweine destilliert werden, um den Markt zu entlasten, fürchtet Barth für den Rheingau nicht. Gerade mit Blick auf die veränderte Nachfrage im internationalen Markt sieht Barth den Rheingau in einer guten Position.

Denn hier werden Weißweine in einer noch vergleichsweise kühlen Weinbauzone erzeugt, die deshalb schlanker, leichter und frischer daherkommen als die Konkurrenz aus südlicheren Regionen. Dass im Rheingau Rieslingweine mit moderatem Alkoholgehalt erzeugt werden können, hält Barth für einen großen Standortvorteil. Selbst beim Rotwein, der gegenwärtig einen schwereren Stand hat, sieht Barth die Lage im Rheingau nicht so dramatisch, weil hier vor allem Spätburgunder angebaut wird, der eher elegant statt „fett“ im Glas daherkommt. Vor allem dann, wenn er leicht gekühlt serviert wird.

Vorteilhaft für den Rheingau ist laut Barth zudem der hohe Anteil der Selbstvermarkter unter den Winzern. Sie seien deutlich seltener als Betriebe etwa in Rheinhessen gezwungen, sogenannte Fassweine zu Dumpingpreisen an große Wein- und Sektkellereien sowie Weinhandelsunternehmen abzugeben. Vielmehr lägen die Durchschnittspreise für Rheingauer Wein höher als in anderen Weinregionen.

Barth blendet die Schwierigkeiten der Region aber nicht aus. Auch im Rheingau mangelt es an Betriebsnachfolgern. Weingüter stehen zum Verkauf. Es werden Rebflächen gerodet und absehbar nicht sofort wieder bepflanzt. Dennoch: Barth verweist auf die Exportstärke vieler Rheingauer Weingüter, die ihre Absatzwege weiter diversifiziert hätten, um sich gegenüber den Auswirkungen der Krise zu wappnen. Dass es schon aus demografischen Gründen absehbar weniger Weintrinker in Deutschland gibt und der Anteil derjenigen, die aus religiösen, kulturellen und gesundheitlichen Gründen gar keinen Alkohol (mehr) trinken, wächst, schreckt Barth nicht. Er gibt zu bedenken, dass der Weinbau schon viele Krisen überstanden hat und dass sich auch neue Kulturen für den Weingenuss öffnen, beispielsweise Indien.

Barth wünscht sich „mehr Leichtigkeit“ beim Thema Wein, statt „zu verkopft und zu kompliziert“ vor dem Glas zu sitzen. Er sieht ein reges Interesse vieler junger Besucher aus dem In- und Ausland. Die Branche müsse sich stärker auf jene konzentrieren, die „offen und neugierig“ seien, als darauf, eine verlorene Klientel zurückzugewinnen. Für selbstvermarktende Betriebe in der Region sei der Weintourismus zudem der Schlüssel zum Erfolg. Dafür brauche es gute Übernachtungsmöglichkeiten, eine attraktive Gastronomie und spannende Veranstaltungen.

An den Veranstaltungen des VDP – der Weinversteigerung im Frühjahr sowie den Glorreichen Rheingau Tagen mit Riesling Gala im Herbst – will Barth festhalten. Ihre „Sichtbarkeit“ will er jedoch erhöhen, um die Faszination Wein stärker nach außen zu tragen. Intern wird er sich mit seinem neuen VDP-Geschäftsführer Dieter Salomon darum kümmern müssen, die Klassifizierung der besten Weinberge der Region zu vollenden. Dass der Winzerberuf Zukunft hat, steht für Barth außer Frage: „Das ist eine wahnsinnig coole, abwechslungsreiche Aufgabe mit großer Gestaltungsfreiheit.“ (aus der FAZ im Juli 2026)