Wer erfahren möchte, woran die Wissenschaftler der Hochschule Geisenheim arbeiten, sollte die Wanderschuhe schnüren: Ein Forschungspfad nahe am Campus erklärt, welche Fragen die Weinbau-Uni untersucht.
Geballtes Wissen auf weniger als drei Kilometern Wegstrecke: Das bietet der neue Forschungspfad der Hochschule Geisenheim. Die Route durch die Weinberge oberhalb des Campus offenbart dem Spaziergänger in anmutiger Weinlandschaft, womit sich die Wissenschaftler beschäftigen, um zum Erhalt und zur Weiterentwicklung des Weinbaus in Deutschland und der Welt beizutragen.
Das Mega-Thema Nachhaltigkeit manifestiert sich dabei im scheinbar Nebensächlichen: dem Weinbergstickel. Deshalb untersuchen die Wissenschaftler, ob die Haltepfähle im Rebhang besser aus Kiefern- oder aus Akazienholz, aus verzinktem Stahl oder aus Cortenstahl gefertigt werden, wie sie sich über die Lebenszeit eines Weinbergs bewähren und wie es um die Entsorgung danach steht.
Der Pfad führt auch zu den großen Fragen des Weinbaus: Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Reben aus? Am Weg liegt deshalb die „Zeitmaschine“ der Hochschule: ein Versuchsfeld, auf dem Rebstöcke einer um 20 Prozent erhöhten Kohlenstoffdioxid-Konzentration ausgesetzt werden, wie sie für das Jahr 2050 erwartet wird.
Aufschlussreich dürfte in diesem sonnigen und heißen Jahr werden, wie sich die Rebstöcke unter der stationären und unter der mobilen Photovoltaikanlage schlagen und welche Qualität dort geerntet werden kann. Der Forschungspfad führt an beiden Anlagen vorbei: Die mobile Solar-Anlage schützt ein empfindliches Jungfeld vor Hitze, Hagel und Starkregen und kann leicht an einen neuen Standort verlegt werden. Die stationären Module „ernten“ hingegen deutlich mehr Strom und bringen den Weinbau dem Ziel einer doppelten Landnutzung – am Boden Riesling, darüber Strom – näher. Als Ergebnis lässt sich schon jetzt absehen, dass unter den Modulen die Reife der Trauben langsamer voranschreitet, das Mostgewicht etwas geringer ausfällt, aber die Säure des Rieslings erhalten bleibt. „Wir drehen den Klimawandel ein wenig zurück“, sagt dazu Forschungsleiterin Claudia Kammann.
Insgesamt sind es zwölf Stationen, die in der Weinbergslage Geisenheimer Fuchsberg die aktuellen Forschungsfelder der Hochschule erlebbar machen. An jedem Standort kann über einen QR-Code ein Erklärvideo mit einem der beteiligten Forscher abgerufen werden. So auch über die Umveredlung eines Weinbergs: Die Wissenschaftler wollen herausfinden, ob die historische Technik, bei der eine neue Rebsorte auf altes Rebholz aufgepfropft wird, Zukunft hat. Der Vorteil: Der Winzer spart sich Rodung und Neuanlage eines Weinbergs mit nicht mehr nachgefragten Rebsorten. Das Wurzelsystem der Rebe bleibt jedoch intakt, sodass sie weiterwachsen kann. Ein paar Schritte weiter geht es den Forschern um die Vor- und Nachteile der integrierten, der ökologischen und der biodynamischen Wirtschaftsweise im Hinblick auf Ertrag, Qualität und Bodengesundheit.
Auch das Wassermanagement in Zeiten häufigerer Dürrephasen ist ein Thema. Exemplarisch kann besichtigt werden, wie eine Betonkastenrinne in ein naturnahes Gerinne umgewandelt werden kann, sodass Starkregen nicht ins Tal gen Rhein schießt, sondern fast vollständig im Boden versickert und den Pflanzen verbleibt. Eindrucksvoll ist zudem der Museumsweinberg mit seinen 23 Rebzeilen, der die unterschiedlichen Erziehungssysteme für Rebstöcke präsentiert, von der Einzelpfahlerziehung bis hin zur Pergola-Variante.
Die Hochschule will den Spaziergängern so ihre Forschungsanstrengungen zu nachhaltigem Weinbau, Biodiversität, Wassermanagement und klimaangepassten Kulturlandschaften nahebringen. Der Pfad kann nach Lust und Laune ohne Voranmeldung begangen werden. Es gibt zudem geführte Touren, beispielsweise anlässlich der „Nacht der Wissenschaft“ am 25. September.
Für die Hochschule ist der Forschungspfad ein Element ihrer Transferstrategie, um Forschungsergebnisse in die Gesellschaft, die Praxis und die Region zu tragen. Schließlich geht es um Antworten auf zentrale Zukunftsfragen wie die nachhaltige Landnutzung, die Klimaanpassung und die Artenvielfalt.
Der Pfad ist ein Ergebnis des Wissenstransferprogramms „GeisTreich“, das die Hochschule Geisenheim gemeinsam mit dem Institut für sozial-ökologische Forschung realisiert, um den Austausch zwischen Forschung, Praxis und Öffentlichkeit zu fördern. Wer den Weg nach Geisenheim und die knapp drei Kilometer scheut, kann sich die Informationen zum Forschungspfad, den einzelnen Stationen sowie den begleitenden Erklärvideos auch im Internet ansehen auf dem Hochschulkanal www.youtube.com/@campusgeisenheim (aus der FAZ=
