Wenn die Reben dürsten…

Die Bewässerung von Weinbergen wäre eine Antwort auf den Klimawandel. Die Kosten aber sind so hoch wie die bürokratischen Hürden. Als vielversprechender gilt, den Regen gar nicht erst in den Rhein fließen zu lassen. Ende Juni erreichen die Tageshöchsttemperaturen im Rheingau die Schwelle von 40 Grad. Nach Angaben des Eltviller Weinbauamtes liegen diese Temperaturen im Juni zehn Grad über dem langjährigen Mittel für diesen Monat. Den teils schon erbsengroßen Beeren droht Sonnenbrand mit der Folge von Ernteverlusten im Herbst. Nach den nassen Frühjahrsmonaten bis in den Mai hinein ist die Bodenfeuchte in einem Meter Tiefe aber noch gut. Das kann sich jedoch schnell ändern, wenn Trockenphasen wie diese länger andauern. Eine Bewässerung der Reben, wie sie beispielsweise in Israel oder Südafrika die Regel ist, ist im Rheingau bislang die Ausnahme. Und nicht nur dort: In Europa spielt die Bewässerung mit rund zehn Prozent bewässerter Rebfläche bislang eine untergeordnete Rolle, während außerhalb Europas mehr als 80 Prozent der Rebfläche bewässert werden.

Zu teuer, zu aufwendig, zu bürokratisch, so die Erfahrung der Winzer. Zudem gilt: Woher das Wasser während einer Dürrephase nehmen, wenn in der Regel auch der Pegel des Rheins sehr niedrig ist?

Bei einer Veranstaltung in Geisenheim wurden vor wenigen Wochen die enormen Kosten einer flächendeckenden Bewässerung transparent. Knapp zehn Millionen Euro würde es demnach kosten, um in der Gemarkung der Lindenstadt ein Bewässerungssystem zu installieren. Ein Betrag, der sich nach Einschätzung der Winzer unmöglich über den Flaschenpreis refinanzieren lässt.

Zumindest für die Bewässerung frisch gepflanzter Weinberge, deren Reben noch nicht tief wurzeln, zapft mancher Winzer Wasser an den kommunalen Brauchwasserstellen und versucht so, den Pflanzen eine Chance zu geben.

Die Stadt stellt allerdings klar: Die drei Brauchwasseranlagen reichen für Tierhalter und Kleingärtner aus. Für eine großflächige Bewässerung der Weinberge reicht das aber nicht. Und das Wasser mit zahlreichen Tankfahrzeugen in die Weinberge zu fahren, sei weder logistisch möglich noch wirtschaftlich vertretbar. Das war der Ausgangspunkt für die Studie zur Weinbergbewässerung, deren Ergebnisse allerdings ernüchternd waren.

Einfacher und effizienter wäre es, die 550 Millimeter Regen zu nutzen, die in einem durchschnittlichen Jahr über den Rheingau niedergehen. Weinregionen brauchen nicht viel Wasser, aber sie brauchen es zum richtigen Zeitpunkt. Niederschläge sollen deshalb auch dann, wenn sie als Starkregen fallen, nicht schnell in Richtung Rhein abgeleitet, sondern aufgehalten und so verlangsamt werden, dass sie versickern und zur Grundwasserneubildung beitragen. Schwammregion heißt dieses Konzept, das im Rheingau von den Eltviller Förstern schon vor 30 Jahren praktiziert wurde: Mit Baggern wurden neben Wegen und Böschungen kleine Mulden ausgehoben, in denen sich das Wasser sammelte, statt schnell zu Tal zu fließen.

Im Zuge des Klimawandels haben die Themen Wasserrückhalt und Landschaftswasserhaushalt an Bedeutung zugelegt. An der Hochschule Geisenheim wird dazu geforscht, und im Rheingau leisten sich mehrere Kommunen gemeinsam eine Klimaanpassungsmanagerin. Der Weg zur Schwammregion gilt nicht mehr als unbekanntes Terrain, doch sind die Hürden groß. Das wurde bei einem „Praxisaustausch“ von Winzern, Wissenschaftlern, Politikern, Bürgern und Verwaltungsexperten im Martinsthaler Weingut Diefenhardt deutlich.

Der Instrumentenkasten, um den Regen bestmöglich zu speichern und zu nutzen, ist in einem Praxisleitfaden zum naturnahen Wasserrückhalt ausführlich beschrieben. Dazu gehört die Begrünung der Weinbergzeilen, um schnelle Verdunstung und Austrocknung der Böden zu bremsen, aber auch die kostspielige Anlage von Querterrassen, wie sie die Staatsweingüter und das Weingut Laquai in Lorch und Assmannshausen schon vorexerziert haben. Auch das Konzept Vitiforst, also das Pflanzen von Bäumen in den Weinbergen, gilt als probates, unter den Winzern aber noch hochumstrittenes Mittel. Allerdings gibt es unter den Winzern auch die Einsicht, dass das Prinzip früherer Flurbereinigungsverfahren, Wasser schnell aus den Weinbergen wegzuleiten, ein Irrweg war. „Antiquiertes Denken“, nennt das heute Weinbaupräsident Peter Seyffardt.

Für Eckhard Jedicke von der Hochschule Geisenheim wirtschaftet die Region im Hinblick auf das Wassermanagement schon jetzt auf Kosten der nachfolgenden Generation. Es müsse mehr getan werden, um Niederschläge aufzufangen, zu speichern und langsam zu versickern. Wassermanagement gilt als Gemeinschaftsaufgabe ganzer Regionen.

Ermutigende Beispiele gibt es einige. Schon kleine Eingriffe könnten große Wirkung entfalten, damit das Regenwasser nicht ins Tal rauscht, sagte Christian Bolte vom Forstamt Rüdesheim. Das Forstamt hat deshalb an mehreren Stellen im Wald oberhalb der Reben kleinere Teiche und Wasserbecken angelegt, die auch zur Artenvielfalt beitragen. Der technische Betriebsleiter der Stadtwerke Geisenheim, Jochen Quasten, zeigt Beispiele, wie alte Betonrinnen umgebaut, Entwässerungsgräben entsiegelt und Versickerungsmulden in Weinbergen angelegt wurden. Allerdings bedürften die Flächen in den Folgejahren regelmäßiger Pflege, wenn sie ihre Funktionsfähigkeit für den Wasserhaushalt erhalten sollen. Mit einem Loch im Waldboden ist es nicht getan. Einigkeit besteht darin, in der Landschaft möglichst frühzeitig anzusetzen, ehe aus einem Rinnsal ein Sturzbach wird. Der Regen, sagte Andreas Wennemann vom Naturpark Rhein-Taunus, soll möglichst dort bleiben, wo er gefallen ist. Problematisch könnten deshalb auch größere Freiflächen-Solaranlagen werden.

Schwierig ist es für die Kommunen, die Eigentümer der an öffentliche Wege angrenzenden Flächen zu finden und von der Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen zu überzeugen. Die Nachbarstadt Oestrich-Winkel hat sich deshalb bislang ganz auf kommunale Flächen konzentriert, wo sie das Heft des Handelns in der Hand hat und lediglich übergeordnete Behörden überzeugen musste, dass auf Basis der Starkregen-Gefahrenkarte Handlungsbedarf besteht. Überzeugt werden müssen auch noch die Bürger. Praktiker berichten von ernüchternder Resonanz, wenn Bürger aufgefordert waren, bei der Umgestaltung der Landschaft hin zu einer Schwammregion mitzutun. Mehr als eine Handvoll Mitstreiter waren es nicht, die den Aufrufen gefolgt waren. (aus meinem Text für die FAZ vom 25. Juni 2026)