Nüchterner und steriler geht es kaum. Ein schmaler, gut ausgeleuchteter und zum Nachbarn mit Trennwänden abgeschirmter Arbeitsplatz wartete auf mich. Darauf fünf Gläser, ein Tablett-Computer und ein Spuckbecken. Das genügt. Keine Weinromantik, keine Ablenkung, volle Konzentration auf den Wein.
Professor Rainer Jung vom Institut für Önologie lehrt in diesem Sensorik-Raum der Hochschule Geisenheim normalerweise die Weinbaustudenten, wie sie Weine professionell verkosten, erkennen und bewerten. Einmal im Jahr ist Jung Gastgeber für ein Dutzend Juroren aus Politik, Mittrheintal-Management, Weinbauberatung und Fachjournalisten. Ein Kreis, in den ich vor einigen Jahren berufen wurde.
In dieser Verkostung soll ein Wein aus dem Mittelrheintal zum „Welterbe-Wein 2026“ gekürt werden. Anlass für die akribisch vorbereitete Blindprobe, die der Verein Mittelrhein-Wein und der Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal gemeinsam organisieren, ist die Buga 2029. Die Großveranstaltung soll in drei Jahren 1,5 Millionen Besucher in das Tal zwischen Rüdesheim/Bingen und Koblenz locken. Jede Flasche Wein gilt dabei als flüssiger Botschafter einer Region, die sich von der Bundesgartenschau spürbare und nachhaltige Impulse für ihre weitere Entwicklung erhofft. Das gilt für den Tourismus insgesamt, besonders aber für den Weinbau, denn auch die Winzer am Mittelrhein leiden unter der weltweiten Absatzkrise.
Im Krisenmodus ist das Mittelrheintal aber nicht erst seit kurzem. Vor rund 50 Jahren lag die Rebfläche noch deutlich über 1000 Hektar. Heute sind es weniger als 500.
Weinbau im steilen Rheintal ist ein schwieriges Geschäft. Da zählt beim Verkauf jede Flasche. Dabei trug die anmutige Weinlandschaft mit ihren arbeitsintensiven Steilhängen neben den vielen Burgen, dem Rhein und teils pittoresken Dörfern entscheidend mit dazu bei, dass das 67 Kilometer lange Tal 2002 zum UNESCO-Welterbe erhoben wurde.
Der Welterbe-Wein soll helfen, das Renommee das Tal als einem der kleinsten deutschen Anbaugebiete zu wahren. Gesucht wurde diesmal ein trockener Riesling, laut Ausschreibung „mit typischem Säureniveau, der die schroffe Landschaft von Felsen und Gesteinsformationen zum Ausdruck bringt“. Wie aber schmeckt „schroff“ auf der Zunge? Die Jury tat sich mit diesem Attribut nicht immer leicht. Schon eher mit dem Wunsch, dass sich der Siegerwein durch „Mineralität und ein ausgeprägtes Aromaprofil“ auszeichnen sollte. Bewertet wurden ohne Kenntnis des Erzeugers mit jeweils bis zu fünf Punkten der Geruch, der Geschmack und die „Harmonie“ des Weines.
Insgesamt hatten sich knapp 30 Weingüter aus den Anbaugebieten Mittelrhein, Nahe, Rheinhessen und Rheingau, die Weinberge in der Welterberegion bewirtschaften, beteiligt. Die Resonanz bei den Winzern und bei den Kunden auf den Wettbewerb um den Welterbewein sei gut, sagt der verantwortliche Organisator des Zweckverbands, Nico Melchior. Zumal der Siegerwein mit einem Künstleretikett ausgestattet wird, für das diesmal die Designerin Mareike Knevels gewonnen wurde. Der Künstlerin ist als ehemaliger Burgenbloggerin auf Burg Sooneck die Region zudem sehr vertraut. Am Ende einer Haupt- und Finalrunde war sich die Jury einig, wer den Geschmack des Mittelrheintals diesmal am besten in die Flasche gefüllt hatte: Das Weingut Eisenbach-Korn in Oberheimbach mit einem 2025er Gutsriesling. Der, so das einhellige Fazit – es war auch mein Favorit – , bringt die Mineralität der Steilhänge auf die Zunge. Und das Ganze für einen lächerlichen Preis…. (angelehnt an meinen Text in der FAZ vom 29.5.2026)
