Die Krise trifft den Weinbau mit Wucht. Globale Überproduktion und Absatzschwäche treffen auf Nachwuchsmangel. So manches Traditionsweingut steht zum Verkauf. Die Hoffnung ist weiblich. Immer mehr – in Geisenheim bestens ausgebildete – Önologinnen übernehmen die von den Vätern aufgebauten Familienbetriebe und führen sie in die Zukunft. Ihr Optimismus ist so groß wie ihre Leidenschaft für herausragend guten Riesling und Spätburgunder. Zu Besuch in drei Weingütern, um deren Entwicklung keinem Weinfreund bange sein muss.
Folge 3: Carolin Weiler, Weingut Weiler, Lorch
Der Weg zur Winzerin verläuft für junge Frauen im Rheingau meist nicht so geradlinig wie für Jungen. Doch auch Umwege führen ans Ziel. Als Carolin Weiler sich mit 16 für das Amt der Lorcher Weinkönigin begeisterte und ihren Eltern eröffnete, einmal in das mehr als 100 Jahre Weingut einsteigen zu wollen, erntete sie keine Begeisterung, sondern Warnungen. Sie solle „lieber was Anständiges“ lernen, wurde ihr beschieden. Weiler ließ sich zwei Jahr zur Sozialassistentin ausbilden und schloss die dreijährige Lehre zur Erzieherin an. Einige Jahre arbeitete sie in Kindertagesstätten, doch sei alles andere als erfüllend gewesen, sagt sie. Und zog die Konsequenzen.
Sie erwarb die allgemeine Hochschulreife, und 2018 begann sie das Studium der Internationalen Weinwirtschaft in Geisenheim. Der Vater habe mit einer Art „Schockstarre“ reagiert, erinnert sich Weiler, und dann doch den Wunsch der Tochter akzeptiert, das arbeitsaufwendige Steillagenweingut zu führen.
Weil es ihr nicht nur um Vertrieb und Marketing ging, sondern um das Handwerk selbst, wechselte sie nach kurzer Zeit in den Studiengang Weinbau und Önologie. Vermutlich hätte den formalen Abschluss längst in der Tasche, wäre ihr nicht der Glücksfall eines außergewöhnlichen, dokumentarischen Filmprojekts dazwischengekommen. „Wein weiblich“ mit Weinkritiker Stuart Pigott begleitete über einen Zeitraum von zwei Jahren die Winzerinnen Theresa Breuer, Eva Vollmer, Silke Wolf – und Carolin Weiler. Heraus kam eine Dokumentation in Spielfilmlänge. Weiler schwärmt noch heute von der Resonanz auf den Film. Das kleine Weingut wurde zudem vom Weinführer Vinum als „Entdeckung des Jahres“ geehrt.
Das alles gab dem Weingut einen bemerkenswerten Schub. In der sicheren Erwartung, dass Tochter Carolin den Betrieb in vierter Generation weiterführen wird, erweiterte Vater Richard den Steillagenbetrieb von drei auf 4,5 Hektar. Und er gab seiner Tochter immer größere Spielräume, auch wenn es ein langer Prozess war, sich aufeinander einzustellen: Hier der bodenständige Praktiker mit jahrzehntelanger Erfahrung, dort die dynamische und vor neuen Ideen sprühende Tochter. Im Sommer 2025 war dann die Betriebsübergabe der nächste logische Schritt.
Ein Schritt, dem laut Weiler „viele familieninterne Gespräche“ vorausgingen. „Ich wollte den Weg gehen, egal wie lange und steinig er wird“, sagt die heute 36 Jahre alte Winzerin. Am Tag nach der Betriebsübernahme habe sie sich erleichtert gefühlt, sei sich aber auch den Pflichten und Risiken bewusst. Auf die Mithilfe ihres Vater sei sie weiter angewiesen. Gerade erst hat Weiler ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Sie solle das Weingut gut weiterführen, um es in 30 Jahren an die nächste Generation weitergeben zu können.
Damit das gelingt, müssen die Zahlen stimmen. Nach der Betriebsübernahme hat sie die Weinpreise neu kalkuliert. Ihr geht es vor allem darum, den Kunden den Wert der von Schiefer und Quarzit durchsetzten Steillagen nahezubringen. Der Arbeitsaufwand dort liegt um ein Vielfaches höher als in den maschinell bequem zu bewirtschaftenden Flachlagen. Rund 4,5 Hektar bedeuten in solchen Lagen viel Arbeit, doch kann sich Weiler ein organisches, langsames Wachstum auf bis zu zehn Hektar durchaus vorstellen. Sie will langlebige Weine erzeugen, die ihre Herkunft aus den kargen Mittelrhein-Böden wiederspiegeln. Im europäischen Ausland gibt es inzwischen schon einige Importeure, die diese Wein besonders zu schätzen wissen.
Wäre alles nicht viel einfacher, wenn sie in Walluf statt in Lorch wirtschaften würde? Vielleicht, aber die Lorcherin steht zu ihrer Heimat und sieht eher deren Charme und landschaftlichen Reize, denn die Nachteile durch die größere Entfernung zu den großen Städten. Lorch sei ein Rohdiamant, der noch zu wenig bekannt sei. Mit ihren Weinen will sie beitragen, das zu ändern. Bange ist ihr vor dem Weg, der vor ihr liegt, aber nicht: „Ich schaffe das.“
