Der Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes, Peter Seyffardt, sieht die Lage der Weinbranche unverändert kritisch. Zum Auftakt der Winterfachtagung des Verbands in Geisenheim sagte Seyffardt, die „ökonomische Zurückhaltung“ der Konsumenten dauere an, und es gebe ein weltweites Überangebot an Wein bei einem gleichzeitigen Trend hin zu alkoholfreien Getränken. Zudem schwächele in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage die Gastronomie als wichtiger Absatzkanal der Weingüter. Weil die Weinerzeugung die Nachfrage übersteige, gebe es zudem einen ruinösen Preiswettbewerb. Die Fassweinpreise lägen inzwischen unter den Produktionskosten.
Laut Seyffardt legte die deutsche Weinbaufläche seit 1990 um 8,7 Prozent auf 103.000 Hektar zu, während der Pro-Kopf-Verbrauch stetig zurückging. Der Marktanteil der deutschen Winzer ist nach den jüngsten Marktforschungszahlen wegen eines schärferen Wettbewerbs auf unter 42 Prozent gefallen. 2013 lag er noch bei 48 Prozent.
Das zwinge dazu, alle bisherigen Konzepte zu überdenken, so Seyffardt. Der „Königsweg“ im „größten Weinimportmarkt der Welt“ sei nach Ansicht aller deutschen Weinbauverbände die Steigerung des Marktanteils auf 50 Prozent. Die Krise müsse als Chance verstanden werden. Der Rheingau müsse an Profil gewinnen und mit einem klaren „Markenversprechen“ verknüpft werden.
Laut Seyffardt muss die Fehlentwicklung in der Folge des Weingesetzes von 1971 korrigiert werden. Damals sei der Fokus nicht mehr auf die Herkunft der Weine aus renommierten Lagen, sondern auf Mostgewicht und Rebsorten gelegt worden. Die „Entkopplung von Weinlage und Weinqualität“ habe eine Industrialisierung der Branche begünstigt. Im Export sei es vor allem um Masse und Süße gegangen. „Deutschland erzeugt heute Weltklassewein, aber verkauft ihn mit einem System, das niemand liebt“, so die Analyse von Seyffardt.
Wie aber geht es besser? Seyffardt sieht Südtirol, die Wachau, die Toskana und das Douro-Tal als erfolgreiche Vorbilder. Dort liege der Fokus seit Jahrzehnten auf der Herkunft der Weine und nicht dem Mostgewicht als Qualitätsmerkmal. Die Qualitätspyramiden in diesen erfolgreichen Regionen seien verständlich, stellten die Weinorte und Lagen in den Mittelpunkt und seien „emotional aufgeladen“.
Diese Regionen „verkaufen Herkunft, Gefühl & Emotionen“, so Seyffardt, während in Deutschland zu viel „erklärt, differenziert und relativiert“ werde nach dem Motto: Von allem ein bisschen. Alles soll und muss möglich sein.“ Wir haben die Herkunft lange verwaltet – und beginnen erst jetzt, sie zu erzählen.“
Seyffart verlangt mehr Mut zur Vereinfachung, regionale Selbstdisziplin, einheitliche Stilbilder beim Wein und „Emotion vor Klassifikation“. Die Trinkfreude müsse „rehabilitiert“ werden. Die Marke Rheingau müsse gestärkt, die Lage am Rande der Rhein-Main-Region besser genutzt werden. Die Voraussetzungen für mehr Erfolg im Weinmarkt seien gegeben. Die Marktforscherin Simone Loose zeichnete allerdings ein düsteres Bild. Im laufenden Jahr verlor der Rheingau beim Umsatz fast sieben Prozent. Die Aussichten stimmten auch in den kommenden Jahren nicht optimistisch.
Hessens Weinbauminister Ingmar Jung (CDU) rief die Winzer auf, selbstbewusster mit Krise umzugehen. Dazu gehöre auch, sich „nicht ständig dafür zu entschuldigen, dass im Wein Alkohol ist.“ Die Steigerung des Marktanteils der deutschen Winzer im Inland sei der Landesregierung ein wichtiges Anliegen. Die neue Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts, Melanie Broyé-Engelkes kündigte dazu eine Kampagne an, die eine höhere Wertschätzung für deutschen Wein in den Mittelpunkt stelle und sich vor allem an die Generation der 18 bis 38 Jahre alten „Gen Z & Y“-Mitglieder richte: „Denn die erreichen wir aktuell nicht.“ Minister Jung forderte die Winzer auf, bei der Erzeugung das Augenmerk auf einen klar erkennbaren Typus und die Herkunft zu richten und nicht auf das Mostgewicht. Er riet, bei trockenen Weinen endgültig auf die Nutzung der traditionellen Prädikate wie Kabinett und Spätlese zu verzichten. Der Präsident der Hochschule Geisenheim, Reiner Schulz, sagte den Winzer die Unterstützung der Wissenschaft bei der Überwindung der Krise zu. Millionensummen für die Rodung von Weinbergen in Frankreich und ein erschreckender Preisverfall in Australien zeigen, „was gerade global los ist.“ (aus der FAZ vom 14. Januar 2026)
