Der Assmannshäuser Losberg

Vor 20 Jahre rettete ein Rotwein-verrückter Winzer einen kleinen und steilen Weinberg, um dort großen Pinot Noir erzeugen. Was ist aus dem Projekt geworden? Ein zweiter Besuch in Aulhausen: Wer hinter Rüdesheim in das enge Mittelrheintal eintritt, der erhält eine gute  Vorstellung, wie sich die heute von der Unesco geschützte Weinkulturlandschaft gravierend ändern kann, wenn sich der Weinbau aus den Steillagen zurückzieht. An vielen Stellen zeugen noch erkennbare Mauerreste davon, wo einst Rebstöcke standen. In Lorchhausen beispielweise waren vor 100 Jahren noch gut 70 Hektar Rebfläche bewirtschaftet worden. Heute sind es trotz des anerkannt guten Terroirs nur noch neun. Bisweilen allerdings raffen sich engagierte Winzer auf, ein Zeichen gegen diese Entwicklung zusetzen.

Einer von ihnen ist der Aulhauser Weinbautechniker Henning Brömser. Der Winzer leitet für das Weingut Fürst von Löwenstein den Außenbetrieb und pflegt die fürstlichen Weinberge rund um Hallgarten. Die Trauben von fünf der gut 20 Hektar werden zur Weiterverarbeitung im Herbst nach Franken gefahren, denn von seinen Rheingauer Immobilien hat sich das Weingut schon vor Jahren getrennt.

20 Jahre ist es her, dass Brömser in seiner Freizeit in die Hände spuckte, um eine aufgegebenen und schon von Brombeeren überwucherten Weinbergsparzelle vor dem Vergessen zu retten. Von den damals drei Eigentümerinnen pachtete er den nur 1000 Quadratmeter großen, von Naturschutzflächen umgebenen Weinberg. Hunderte von Arbeitsstunden später hatte Brömser 700 Spätburgunder-Rebstöcke gesetzt in der festen Überzeugung, dass in der zum Rotweindorf Assmannshausen zählenden Parzelle der Lage Frankenthal ein herausragend guter Spätburgunder zu erzeugen ist.  Er pflanzte den Geisenheimer Klon 20-13, der sich auf dem harten Schieferboden wohl fühlt und kleine, lockerbeerige Trauben hervorbringt.

Heute ist die kleine Lage als „Museumsweinberg“ klassifiziert und als kleinster eigenständiger Weinberg des Rheingau unter dem Namen „Losberg“ in die Weinbaukartei eingetragen. Wenn es darauf ankommt, ist die Ernte nach zwei Stunden Handlese beendet. Im Jahr 2008 gab es mit 50 Litern Spätburgunder den ersten Ertrag, und schon der war nach Ansicht von Brömser „genial“ gut.

Seither reicht die Menge von jährlich durchschnittlich 250 Litern aus, um dein Barriquefass aus französischer Eiche zu füllen. Rund 18 Monate darf der Wein darin reifen, ehe die rund 300 Flaschen gefüllt werden. Brömsers Philosophie ist simpel: einen Pinot Noir von maximaler Qualität zu erzeugen: „Ich produziere nur, was ich will.“  Er schwärmt eher filigrane, geschmeidige Spätburgunder mit Balance und Harmonie. Damit die Frucht des Spätburgunder zu Geltung kommt und nicht von den Holzaromen des Barriques dominiert wird, nutzt Brömer nur gebrauchte Fässer, die aromatisch weniger stark auf ihren Inhalt Einfluss nehmen.

Lange Zeit wurde der Hobbywein ausschließlich unter Freunden und Bekannten vertrieben, in fröhlichen Runden getrunken. Doch die Mund-zu-Mund-Propaganda überzeugter Weinkenner zeigte Wirkung. Die Nachfrage nach einem Wein, bei dem jeder Rebstock vom Chef persönlich gehegt und gepflegt wurde, wuchs. Damit in Waldnähe  überhaupt geerntet werden kann, muss der Losberg mit einem Elektrozaun gegen Wildschweine gesichert werden.

Seit fünf Jahren hat Brömser das Hobby mit seiner Lebensgefährtin Birgit Block, ebenfalls vom Fach, und der Gründung eines Mini-Weinguts professionalisiert. Die winzige Monopollage Losberg ist inzwischen zum größten Teil in seinem Besitz. Zwei Weinberge in Rüdesheim, Klosterberg und Drachenstein, kamen zwischenzeitlich hinzu, so dass jetzt von „Block & Brömser“ rund 4000 Quadratmeter bewirtschaftet werden. Erzeugt wird weiter ausschließlich Rotwein, für den sich Brömser in all seinen Facetten begeistern kann.  „Ich habe mir meinen Traum erfüllt“, sagt Brömser. Würde er es wieder tun? Auf jeden Fall. (mein Text in der FAZ vom 9. Januar 2026)