Die Krise trifft den Weinbau mit Wucht. Globale Überproduktion und Absatzschwäche treffen auf Nachwuchsmangel. So manches Traditionsweingut steht zum Verkauf. Die Hoffnung ist weiblich. Immer mehr – in Geisenheim bestens ausgebildete – Önologinnen übernehmen die von den Vätern aufgebauten Familienbetriebe und führen sie in die Zukunft. Ihr Optimismus ist so groß wie ihre Leidenschaft für herausragend guten Riesling und Spätburgunder. Zu Besuch in drei Weingütern, um der Entwicklung keinem Weinfreund bange sein muss.
Folge 1: Katharina Flick, Weingut Joachim Flick (Wicker)
Wer schon als Kind von morgens bis abends im Weinberg herumtollt, mit einer niedlichen Kinderbütt während der Lese die Trauben einsammelt und nach der Schule alle Produktionsschritte im elterlichen Weingut fasziniert verfolgt, dem ist der Beruf in die Wiege gelegt worden. Und wer Katharina Flick zuhört, wenn sie von der Arbeit in Weinberg und Keller spricht, der hört mehr von Berufung denn von Beruf.
Dass für sie bei der Berufswahl „nur was Handwerkliches“ in Frage kam, stand für Flick außer Frage. Wäre sie nicht im elterlichen Weingut in der Wickerer Straßenmühle aufgewachsen, hätte vielleicht eine Floristin aus ihr werden können. Doch das Zuhause war ein Weingut. Flick verfolgte ihre Ausbildung zur Winzerin mit großer Hartnäckigkeit. Ein Praktikum im Hochheimer Weingut Künstler bestätigte sie, eine Winzerlehre in drei renommierten deutschen Weingütern in der Pfalz, in Rheinhessen und im Rheingau zu beginnen. Ihren Wissensdrang stillte das aber nicht: „Ich wollte mehr“. Sie holte ihr Fachabitur nach und begann das Studium von Weinbau und Önologie in Geisenheim.
Kaum hatte sie den Bachelor in der Tasche, war ihre Fachkenntnis zuhause als Kellermeisterin gefragt, um eine unerwartete Vakanz auszufüllen und den Jahrgang 2023 zu ernten. Gewissermaßen als Feuerwehrfrau im Weinkeller vinifizierte sie ihren ersten Jahrgang. Für eine kurze, aber spannende Zeit mit vielen Einblicken arbeitete sie in der Zentrale der Prädikatsweingüter in Mainz, ehe sie ganz in das Familienweingut eintrat.
Bis heute ist sie angestellte Kellermeisterin, aber im Sommer 2026 bindet sie Vater Reiner Flick mit der Gründung einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts in die unternehmerische Verantwortung ein. „Ich werde es wohl gar nicht merken“, sagt Katharina Flick, weil sie schon heute gut mit ihrem Vater harmoniere und immer mehr Aufgaben übernommen habe. Der Weinkeller ist ihre Domäne, auch wenn im Weingut ihre Aufgaben vielfältig sind. Im Familienbetrieb muss jeder dort angepackt werden, wo Not ist.
Es wird auch keinen Bruch bei der Weinstilistik von Flick geben, mit der sich die Winzerin „voll identifiziert.“ Das Weingut, dessen Historie bis in die Mittel des 17. Jahrhunderts zurückreicht, ist für seine klaren, saften, finessenreichen und eleganten Weine bekannt. Gute Noten der Weinführer gibt es regelmäßig. Unterschiede zwischen Vater und Tochter gibt es eher in der Herangehensweise als im Grundsätzlichen: „Ich bin manchmal entspannter als mein Vater im Weinkeller“, sagt Katharina Flick, die auch dann nicht ungeduldig wird, wenn ein Wein mal wieder länger gärt. In jedem Fall müsse die Qualität des Weins für sich sprechen.
Vor der gegenwärtigen Lage im Weinbau habe sie „großen Respekt“, gibt sie zu. Furcht aber nicht. Denn sie sieht das Weingut Flick als Marke gut aufgestellt für Herausforderungen wie diese. Das Weingut sei schon immer sehr innovativ gewesen und investiert in die Kundenbindung. Flick erwartet nicht, dass die Weinkrise von Dauer sein wird. Und jene Weingüter, die sie überstehen, werden noch stärker daraus hervorkommen.
Heute bewirtschaftet das Weingut rund 25 Hektar Rebfläche. Gerade wird in eine neue Halle investiert. Die Zahl der Veranstaltungen auf dem Hof ist groß. Das Weingut verkauft neben Riesling und Spätburgunder viele Erlebnisse für die Kunden. Selbst am Weihnachtstag war das Weingut geöffnet und kredenzte Austern und Sekt. Das stärkt die Nähe zum Endverbraucher, die im regionalen Einzelhandel gern zu Flick-Wein greifen. Das Weingut spielt zudem seinen Standortvorteil aus: Warum soll ein Frankfurter bis nach Lorch fahren, wenn er in Flörsheim-Wicker herausragend gute Weine kaufen kann? Reiner Flick ist glücklich über das Engagement seiner Tochter. Zwar gebe es hin und wieder auch Meinungsverschiedenheiten, doch „wir tragen uns nichts nach“. Am Ende sichere Einigkeit den Erfolg: „Zwischen uns darf kein Blatt Papier passen“.
