Rheingau Update: Kometen & Sterne

Für alle die, die mein beliebtes Update in der RMF-Beilage der FAZ-Sonntagszeitung verpasst haben, hier nochmal die Tipps: Gastronomisch liegt hinter dem Rheingau wieder ein aufregendes Jahr. In Kiedrich ging sogar ein Stern nieder. Neue Weinbars erschienen wie Kometen am vinologischen Firmament der Weinregion und erwiesen sich doch nur als kurzlebige Sternschnuppen. Beliebte Weinschänken wurden geschlossen, andernorts wurden sie grundlegend renoviert und mit erfreulichem Elan neu eröffnet Für die Festivalbesucher gibt es wieder vielfältige Chancen, Neues zu entdeckten oder Bewährtem zu vertrauen.

Weinbar im Draiser Hof Zugegeben, mancher Gast fremdelt ein wenig mit der modernen Architektur der neuen Vinothek auf dem Draiser Hof des Traditionsweinguts Baron Knyphausen. Doch dass der Vinothek eine Weinbar angegliedert wurde, ist eine Bereicherung und tröstet ein wenig über den Verlust des mit großen Hoffnungen eröffneten und allzu früh wieder geschlossenen „Heinrichs“ in Eltville hinweg. Die Weinbar 1818 hat zudem den Vorteil eines großzügigen Parkplatzangebots und nicht den Nachteil allzu ruhebedürftiger Nachbarn. Die Küche offeriert kleine Köstlichkeiten im Tapas-Stil, dazu eine reiche Auswahl aus dem Sortiment des VDP-Weingutes. Darunter seien der Erbach Ortswein und der „„Gemischte Satz“ als vinologische Besonderheit empfohlen. „Weinbar 1818“ im Weingut Knyphausen, Erbacher Straße 28 in Eltville-Erbach, www.baron-knyphausen.de, geöffnet am Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag ab 17 Uhr, samstags und sonntags ab 12.30 Uhr

Alles neu bei Keßler Jede Generation verwirklicht ihre eigenen Ideen und findet ihren eigenen Stil. Im Martinsthaler Familienweingut Keßler geben jetzt Tina und Stefan Keßler den Ton an. Sie haben die traditionelle Schänke behutsam, aber grundlegend und sehr ansprechend modernisiert. Die kulinarische Linie wurde gewandelten Ansprüchen angepasst und paart sich bestens mit den fruchtigen Riesling und den tiefgründigen Spätburgundern. Zudem zeigt die Qualitätskurve bei der Güte der Weine deutlich nach oben. Die trockene Riesling Spätlese und der neue Sauvignon blanc aus dem herausragenden Jahrgang 2018 sind dafür zwei sehr gute Beispiele. Der große Publikumszuspruch bestätigt das Konzept. Eine Reservierung vorab ist dringend zu empfehlen, denn Martinsthal hat einen neuen Anziehungspunkt. „Keßler Wein & Genuss“, Heimatstraße 18 in Martinsthal, geöffnet dienstags bis samstags ab 16 Uhr, www.weingut-kessler.de

Burger im Zehntenhof Manchmal muss es einfach herzhaft sein. Der schöne Zehntenhof in Winkel gehört zu den imposanten Winzerhäusern entlang der engen Hauptstraße. Hier liegt das Weingut Johannes Ohlig, das für seine geradlinigen und fruchtbetonten Rieslinge bekannt ist. Winzer Johannes Ohlig sieht sich nicht in der Rolle des Gastronomen, weshalb die schöne Gaststube nebst dem urigen, windgeschützten Innenhof verpachtet ist. Hier führt seit gut einem Jahr Filippo Contino Regie, Spross einer italienischen Gastronomiefamilie, die Rheingau-Kennern aus dem „Oetinger“ in Erbach schon bekannt ist. Der Geheimtipp in Winkel sind Burger, die von Erzeugnissen amerikanischer Fast-food-Ketten genauso weit entfernt sind wie Ohligs feiner Riesling von einem Pinot Grigio von der Resterampe. Filis´s im Zehntenhof, Hauptstraße 68 in Oestrich-Winkel, geöffnet Montag bis Freitag von 12 bis 14.30 und von 17.30 bis 23 Uhr, samstags von 17.30 bis 23 Uhr, sonntags von 12 bis 22 Uhr, www.filis-restaurant.de

Feiner Pinot in der Mühle Eine malerische alte Mühle, umgeben von Wiesen und Weiden, an einem plätschernden Bach. Es ist ein kleines Rheingauer Paradies, das vor zwei Jahren Werner und Peter Reck übernommen haben. Zwei Seiteneinsteiger, die viel Leidenschaft für Riesling und Spätburgunder mitbringen. Die gute Stube nimmt den Gast auf eine Zeitreise einige Jahrzehnte in die Vergangenheit mit. Besonders schön sitzt es sich allerdings im idyllischen Garten, um die Seele baumeln zu lassen. Schamari-Mühle, Grund 65 in Geisenheim, www.schamari.de, geöffnet am Donnerstag, Freitag und Montag ab 17 Uhr, samstags und sonntags schon ab 15 Uhr

Slow Food in Mittelheim Nicht mehr nur Edelmann und Doosberg, sondern jetzt auch Baiken und Nussbrunnen. Im vergangenen Jahr hat das Mittelheimer Weingut Corvers-Kauter den größten Teil der Weinberge des Weinguts Langwerth von Simmern gepachtet, dessen adelige Eigentümer den Weinbau nach 554 Jahren in Familienhand zum Jahresende aufgeben haben. Das Weingut ist verkauft und wird bald grundlegend umgestaltet. Corvers-Kauter zählt jetzt mit mehr als 30 Hektar Rebfläche zu den großen Familienbetrieben der Region. Die neue Weinkollektion ist überzeugend. Am beste verkosten sie sich in der Schänke von Brigitte Corvers mit ihrer abwechslungsreiche saisonale, regionalen und der Slow Food-Philosophie folgenden Küche. Weingut Corvers-Kauter, Rheingaustraße 129 in Mittelheim, geöffnet Mittwoch bis Freitag von 17 Uhr, Samstag und Sonntag ab 15 Uhr, www.corvers-kauter.de

Groenesteyn mit einem Stern Das ging kometenhaft schnell. Mancher ehemalige Stammgast der viel zu lange geschlossenen Weinschänke Schloss Groenesteyn hatte nach der Wiedereröffnung noch gar keine Gelegenheit zu einem ersten Besuch, da waren die anspruchsvollen Tester des Guide Michelin schon wieder weg und hatten einen Stern vergeben. Es ist eine schnelle, aber verdiente Ehrung für Amila Begic und vor allem für Küchenchef Dirk Schröer, der nach dem Engagement auf Burg Schwarzenstein und nach einer Stippvisite in der Schlossschänke Johannisberg nun in Kiedrich heimisch geworden ist. Die Kombination aus qualitätsbewusster, ungekünstelter, regionaler, gehobener Küche überzeugt, zumal die Gerichte von besten Weinen aus dem Rheingau begleitet werden können. Weinschänke Schloss Groenesteyn, Esskultur + Wein. Oberstraße 36/37 in Kiedrich, Telefon 06123/ 1533, www.weinschaenke-schlossgroenesteyn.de

Von der Weinbar zur Weinschänke Das „Y“ steht bei Deutschlands einzigem türkischen Weinmacher und Sommelier für guten Wein. Ahmet Yildirim, lange Jahre Sommelier im Johannisberger Weingut Trenz, ist mit seiner Weinmarke auf Erfolgskurs. Der provisorische, aber reizvolle Y-Store wurde in diesem Jahr grundlegend saniert. Aus der kleinen Vinothek mit Weinbar wurde ein schickes kleines Restaurant mit feiner, anspruchsvoller Küche. Nur gut, das es auch Klassiker wie die Schinkenplatte und den Käseteller gibt, um die Y-Weine und die der mit Yildirim kooperierenden Winzer zu verkosten. Oder man verlasse sich ganz auf die Empfehlungen von Gastgeberin Simone Schiller. „Y Wine & Kitchen“, Rheingauer Straße 22 in Eltville, geöffnet Dienstag bis Samstag von 17.30 bis 24 Uhr, www.y-sommelier.de

Wisperforelle zum Riesling Lorch ist manchem Weinfreund aus Taunus, Wiesbaden und Frankfurt einfach zu weit, obwohl die Bahn einen stündlichen Service bietet. Dabei hat Lorch eine hohe Dichte herausragend guter Weingüter zu bieten. Und obwohl die Schänke des Weinguts Altenkirch nach der Übernahme durch das Rüdesheimer Weingut Breuer jetzt geschlossen ist, gibt es weiterhin einen besonders lohnenswerten Anlaufpunkt: Die „Weinwirtschaft“ der Winzerbrüder Laquai. Ein anmutiges Fachwerkhaus und ein kleiner lauschiger Garten bilden eine perfekte Riesling-Tankstelle im westlichsten Zipfel Hessens. Besonders empfehlenswert: Die Forellen aus dem Wisperbach und Variationen von Wild, erlegt in den umliegenden Wäldern. Die mineralischen Rieslinge spiegeln die herausragende Güte der Lorcher Lagen wider, und der Spätburgunder zählt zu den Besten der Region. Weinwirtschaft Laquai, Schwalbacher Straße 20-22 in Lorch, www.weingut-laquai.de, geöffnet Mittwoch bis Freitag ab 17 Uhr, Samstag ab 15 Uhr

Bronzelack am Goetheblick Auf Schloss Johannisberg hat sich viel getan in jüngerer Vergangenheit. Unter neuer Leitung wurden die Rebfläche arrondiert, das lange zugehörige Weingut G.H. von Mumm quasi abgewickelt, ein neuer Keller unter dem Schloss und eine neue Kelterhalle am Cuvéehof gebaut. Das Weinsortiment wurde gestrafft und um einen „Bronzelack“-Riesling bereichert, der zwischen Gelb- und Silberlack das Potential des Schlosses zeigt. Etabliert hat sich im zweiten Jahr der Goetheblick als Treffpunkt der Rieslingfreunde. Der Ausschank wurde auf die andere Seite des Weges verlegt, was eine gute Idee war und den Charme eines der schönsten Aussichtspunkte noch einmal erhöht hat. Mit einem „Bronzelack“ in der Hand den atemberaubenden Blick ins Tal genießen, mehr Glückseligkeit ist an einem schönen Tag nur schwer vorstellbar. Ausschank „Goetheblick“ am Schloss Johannisberg in Geisenheim-Johannisberg, geöffnet bei gutem Wetter nur am Wochenende, www.schloss-johannisberg.de

Sauvignon beim „Wibbes“ Es gibt sie noch, die urigen Gaststuben mit traditionellem Ambiente, die das Bild der Rheingauer Schänken über Jahrzehnte geprägt haben. Doch auch an ihnen geht die Zeit nicht spurlos vorüber. „Wibbes“ ist der Spitzname des Kiedricher Bürgermeister Winfried Steinmacher, und in seiner Freizeit führt er ein typisches Rheingauer Familienweingut. Die Schänke „Zum Wibbes“ ist bei Einheimischen wie Gästen gleichermaßen beliebt, was im Rheingau immer ein gutes Zeichen ist. Die Küche ist regional, eher deftig und gut auf die Weine von Steinmacher abgestimmt, deren Güte in den zurückliegenden Jahr schmeckbar zugelegt hat. Der Riesling aus „Alten Reben“ ist immer eine Bank, und der neu gepflanzte Sauvignon blanc ist der Stolz des Winzers. Gutsschänke „Zum Wibbes“ im Weingut Jakob Steinmacher & Sohn, Eltviller Straße 39 in Kiedrich, Telefon 06123-9829398, www.www.gutsausschank-zum-wibbes.de, geöffnet dienstags bis samstags ab 16 Uhr, sonntags ab 12 Uhr

Mit historischem Flair und Ambiente In einem besonders schönen Fachwerk in Eltville-Erbach residiert seit einigen Jahren das Weingut Crass. Hier herrscht Rheingauer Gemütlichkeit mit Stil und Flair. Wer liebevoll hergerichtete, historische Gemäuer mag, ist hier richtig. Jeder Balken und jeder Stein vermittelt ein Stück Rheingauer Geschichte. Die gehobene Schänke bietet eine schöne Auswahl aus dem Sortiment von Crass, dessen Weine perfekt zur regional und saisonal ausgerichteten Küche mit Anspruch passen. Hier wird frisch gekocht, weshalb der Gast der Küche auch die nötige Zeit zugestehen sollte. Eine Erstes Gewächs aus dem Erbacher Siegelsberg wäre der perfekt Zeitvertreiber. Weingut Crass, Taunusstraße 2 in Eltville-Erbach, Telefon 06123-9348960, www.weingut-crass.de, geöffnet Montag und Donnerstag bis Samstag ab 17 Uhr, am Sonntag ab 11.30 Uhr

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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