100 Jahre Mumm

„Deutschland braucht Mumm“ lautete die doppeldeutige Kampagne, mit der Rotkäppchen-Mumm vor 20 Jahren die Bundesbürger optimistisch stimmen und sich selbst bekannter machen wollte. Es war das Jahr, in dem der Freyburger Sekterzeuger Rotkäppchen mit der Übernahme von Mumm, Jules Mumm und „MM Extra“ samt ihrer Standorte in Eltville am Rhein und Hochheim am Main die bis dahin wichtigste Akquisition seiner Firmengeschichte abschloss.

Aus einem ostdeutschen Sekthaus war Deutschlands Marktführer in Sachen Schaumwein geworden, und der langen Markengeschichte von Mumm und „MM“ wurde ein neues Kapitel hinzugefügt. Während die Marke „MM“, deren Initialen für den Gründer Matheus Müller stehen, schon im Jahr 2011 seinen 200. Geburtstag feierte, steht der 100. von Mumm an diesem Montag auf dem Kalender.

Rotkäppchen-Mumm ist glücklich, dass die Erfolgsmarke Mumm einen Bekanntheitsgrad von mehr als 80 Prozent und damit einen der besten Werte in der Branche hat. Der Claim aus der Fernsehwerbung, „Manchmal muss es eben Mumm sein“, geriet schon in den 1980er Jahren zum Ohrwurm einer ganzen Generation. Ein Erfolg, den Godefroy H. von Mumm kaum vor Augen gehabt haben dürfte, als er am 2. Mai 1922 das unter seinem Namen firmierende Sekt- und Weinhandelshaus gründete.

Die verzweigte Mumm-Geschichte reicht allerdings weiter in die Vergangenheit zurück. Schon 1827 hatten die Brüder Gottlieb, Jacobus und Philipp Mumm in Reims die Champagnerkellerei P. A. Mumm gegründet. Sie erinnerten mit dem Firmennamen an ihren Vater Peter Arnold Mumm, der als Bankier und Weinhändler seine Geschäfte zeitweise von Frankfurt aus führte. Er war es, der mit einer kühnen Spekulation auf den Schloss Johannisberger Kometenjahrgang 1811 einen sagenhaften Gewinn einfuhr und daraufhin ein eigenes, später nach ihm benanntes Weingut gründete. Die Nachfahren erwarben 1873 Burg Schwarzenstein im Johannisberg. 

Mumms Unternehmen wurde nach seinem Tod 1852 aufgespalten in die G. H. Mumm & Co. und die Jules Mumm & Co. Von Jules Mumm blieben nach 1910 nur die Namensrechte bestehen. Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs war der in Reims lebende Stamm der Familie Mumm enteignet worden und kehrte nach Deutschland zurück. In Reims wurde 1920 die Société G. H. Mumm in Reims neu gegründet, die bis heute klassischen Champagner herstellt. In Deutschland wurde zur Unterscheidung und Abgrenzung 1922 in Frankfurt das Sekthaus Mumm & Co. gegründet, das dann seit 1933 als Sektkellerei G. H. von Mumm & Co. firmierte.

Verwechslungsgefahr beim Kunden besteht trotz des gemeinsamen Namens „Mumm“ aber kaum: französischer Mumm-Champagner wird zu Einstiegspreisen jenseits der 30 Euro Marke vermarktet. Mumm-Jahrgangssekt aus Eltville geht hingegeben bisweilen auch für 3,79 Euro über die Ladentheke, obwohl Rotkäppchen-Mumm dem Handel 5,99 Euro je Flasche empfiehlt. Die aggressiven Aktionen des Handels sind der Preis, den Mumm für seinen zweiten Platz im Marken-Ranking der Sekte zu zahlen hat. Nur deshalb rangiert er hinter Rotkäppchen, aber vor Freixenet, MM Extra, Söhnlein und Fürst von Metternich.

Seinen Nimbus als klassische trockene Sektmarke mit Anspruch verdankt Mumm dem Engagement von Seagram nach Übernahme der Marke in den 1970er Jahren. Damals hob die Marke zunächst mit großem Erfolg ab: „Mumm Selection“ flog exklusiv für die Lufthansa in einer Zeit, als Flugzeuge noch kein billiges Massentransportmittel waren. Bis Ende der 1980er Jahren wurden fast 50 Millionen Flaschen verkauft.

Mit der Exklusivität war es schnell vorbei, als „Mumm“ zunehmend in den Regalen der Supermärkte landete. 1998 kam „Jules Mumm“ als Markenerweiterung hinzu und zielte mit ungewöhnlichem Design, eher süßem Geschmack und poppiger Werbung auf die Erwartungen einer jungen Zielgruppe.

Inzwischen gibt es Mumm in vielen Varianten, darunter Dry und Extra Dry, Rosé sowie – weiß und rosafarben – jeweils auch alkoholfrei. Anfänglich wurden die Sekte in Rüdesheim entalkoholisiert, aber wegen des wachsenden Markts investierte der Konzern vor einigen Jahren in eine eigene Entalkoholisierungsanlage in Eltville. Mumm selbst setzte schon in den 1990er Jahren auf einen eher puristischen Auftritt im Regal. Seit zwei Jahren gibt es unter dem Namen Mumm auch Weine aus den Rebsorten Riesling, Spätburgunder und Chardonnay. Der Riesling stammt dabei von rheinhessischen Erzeugern, der Spätburgunder aus Württemberg und der Chardonnay aus der Pfalz. Markendirektorin Cathrin Duppel ist um „Mumm“ auch in der Zukunft nicht bange, auch wenn die Entwicklung immer weitergehe: „Mit einer Marke ist man niemals fertig.“ (Mein Bericht aus der FAZ vom 28.02.2022)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

Schreib einen Kommentar