Wie schmeckt ein 1882er Pinot?

Die Spätburgunder mit den Nummern 68 bis 76 funkeln in unterschiedlicher Intensität in den Gläsern. Jetzt nähert sich die „Weltraritäten-Probe“ in der stimmungsvollen Rotunde des Biebricher Schlosses dem Höhepunkt, auch wenn dieser „Flight“ aus insgesamt neun Rotweinen dem Dutzend Verkoster „blind“ – also ohne jede nähere Information zum Jahrgang – serviert wird. Die Nase erschnuppert Anklänge von roten Früchten, die sich am Gaumen als intensive Kirsche und ein wenig Brombeere entpuppen. Die Zunge kostet sich durch zarte Aromen von Cassis und Dörrobst und die typischen Reifenoten eines gut gelagerten Spätburgunders. Nummer 76 sticht durch seinen seidigen, filigranen Charakter und seine zurückhaltenden, feinen Gerbstoffe heraus.

Und tatsächlich: Genau das ist der älteste Wein der Probe. Ein 1882er Assmannshäuser, der die kaum weniger phänomenalen Weine aus Spitzenjahrgängen wie 1920 und 1921 aussticht. Diese beiden tragen im Gegensatz zu dem 1882er auch schon den Namen Höllenberg auf dem Etikett. Bei 1882er hatte man aus unbekannten Gründen darauf verzichtet. Dabei ist Höllenberg mehr eine Herkunftsbezeichnung. Es ist ein Gütesiegel, wenn Erzeuger Weine unter diesem Namen abfüllen. Eine derartige Phalanx dieses Spätburgunders aber kann nur ein Erzeuger bieten: die Hessischen Staatsweingüter.

Deren Schatzkammer ist für ganz Deutschland außergewöhnlich reicht bestückt. Auf Initiative des Wiesbadener Verlegers Ralf Frenzel hatte der Chef der Staatsweingüter, Dieter Greiner, die eisernen Kammertore weit aufgemacht. Eine kleine Schar von Weinexperten und Fachjournalisten erhielt im Biebricher Schloss die Gelegenheit, insgesamt 103 Rotweine aus dem für seinen Spätburgunder gerühmten Assmannshäuser Höllenberg zu verkosten. Die Palette der Weine reichte über 140 Jahre und somit bis zum Jahrgang 1882 zurück. Zwei Tage nahmen sich die Weinenthusiasten für diese außergewöhnliche „Weltraritätenprobe“ Zeit. Aus Sicht von Frenzel „eine Sensation für die Weinwelt“ und zugleich ein „kultureller Schatz“.

Der „Assmannshäuser“ ist ein legendärer deutscher Rotwein, den nicht erst Goethe schätzte. „Hölle“ verweist dabei nicht auf Teufelswerk, sondern hat ihren Ursprung in einer alten Bezeichnung für steile Hänge. Im Höllenberg ist es eine Hangneigung von immerhin bis zu 65 Prozent. Der wärmespeichernde Schiefer im Boden gilt als ideal für den Rotweinanbau. Gut 50 Hektar groß ist der nach Süden und Südwesten ausgerichtete Höllenberg, und viele seiner allerbesten Parzellen werden von den Staatsweingütern bewirtschaftet.

Der Rotweinanbau hat in Assmannshausen eine lange Tradition, wie  eine Chronik des Klosters Marienthals von 1507 bestätigt. 1740 wird der Anbau von Rotwein erstmals urkundlich bestätigt. Im Handbuch für Reisende am Rhein wird 1812 Assmannshausen als der Ort beschrieben, „wo auf dem Hellenberg ein trefflicher roter Wein wächst.“ Der badische Weinfachmann Johann Philipp Bronner rühmte den Höllenberg zu Beginn des 19. Jahrhunderts als einen der besten in Deutschland. Von Goethe sind enthusiastische Zeilen über den „sehr beliebten Assmannshäuser Roten“ bekannt, und Bismarck stellte ihn 1871 über den in der Rhone gewachsenen Vin du Pape. Wenig überraschend also, dass der Wein im 19. Jahrhundert zum exklusiven Kreis der „Hochgewächse“ gezählt wurde.

Und jetzt also ein 1882er in Glas. Das Jahr, in dem es Bismarck gelang, den Dreibund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien zu formen. Die Erwartungen der Verkoster und sogar jene von Greiner wurde übertroffen. Schließlich gilt 1882 aus weinbaulicher Sicht als nasses Katastrophenjahr. Nach der geringen Ernte klagen die Winzer zudem über die geringe Haltbarkeit ihre Weine Klage.

Greiner hatte den Wein zuletzt vor 20 Jahren bei der Neuverkorkung der Flaschen verkostet und zeigte sich selbst überrascht, in welch herausragender Form sich der Wein aus dem vermeintlichen Katastrophenjahrgang präsentierte. Auch die „nur“ rund 100 Jahre alten Weine aus den 1920ern zeigten sich in bestechender Güte, allen voran die Jahrgänge 1920 und 1921, aber auch 1926 und 1929 beeindruckte die Verkostungsrunde.

Für Frenzel ist das eine Bestätigung der Erkenntnis früherer Proben, dass vor allem der vor 1960 erzeugte Höllenberg-Spätburgunder der Staatsweingüter der einzig ernsthafte Konkurrent der besten Pinot Noir-Weine burgundischer Spitzengüter wie Romanée-Conti waren und sind. Heute sei man wieder auf dem besten Weg zu dieser Größe, meint Frenzel. Die Schwächephase nach 1964, als Rotweine einer deutschen Geschmacksverirrung folgend vielfach halbtrocken oder gar süß ausgebaut wurden, ist mehr als zwei Jahrzehnte wieder vorbei. „Heute spielen die Süßweine aus dem Höllenberg keine Rolle mehr“, sagt Greiner. Für seine Kellermeisterin Kathrin Puff war die voller Inspiration für ihre Arbeit. Ihr Ziel sei es, den Höllenberg „so pur wie möglich“ in die Flasche zu bringen und im Glas sein außergewöhnliches Terroir sprechen zu lassen: „Ich habe viel Respekt vor diesem Weinberg“. (Mein Bericht aus der FAZ vom 28.04.2022)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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