Es brodelt im Rheingau

Nach dem Abgang von Geschäftsführerin Andrea Engelmann lädt die Basis ihren aufgestauten Unmut auf dem Weinbaupräsidenten Peter Seyffardt ab. Dabei will der Verband im stimmungsvollen Ambiente des Wiesbadener Kurhauses bald seinen 75. Geburtstags nach der Wiederbegründung 1947 feiern. Doch den Winzern ist derzeit nicht nach Feiern zumute. Der Verband mit seinen rund 500 Mitgliedern steckt vielmehr in der Krise, seit Engelmann bei Backhaus Dries angeheuert hat.

Der Absprung der allseits geschätzten Geschäftsführerin, von dem viele Winzer nicht von ihrem Präsidenten, sondern aus der Zeitung erfahren haben, ist der Auslöser eines offenbar verbreiteten Unmuts über den Führungsstil und den weinbaupolitischen Kurs von Seyffardt. Der Martinsthaler Winzer, ehedem langjähriger Eltviller Kommunalpolitiker und überdies vier Jahre lang Rheingauer Landtagsabgeordneter, führt den Verband seit neun Jahren als Nachfolger von Stefan Ress.

Damals wie heute gilt, dass sich der Verband schwertut, überhaupt einen Winzer zu finden, der die Zeit und die Bereitschaft aufbringt, sich für den Verband einzusetzen. Das gilt umso mehr, als die Zahl der Winzer im Zuge eines fortdauernden Konzentrationsprozesses zwar immer kleiner wird. Doch die Interessen liegen oft weit auseinander, und das große Ganze haben nur wenige vor Augen. Bis auf Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau engagierten sich vor allem jene Winzer führend in der Verbandarbeit, deren familiärer Nachfolger im eigenen Weinbaubetrieb schon das Heft in die Hand genommen hat. Denn der zeitliche Aufwand ist enorm.

Seyffardt müsste daher bei der anstehenden Wahl Ende eigentlich nicht um eine vierte, dreijährige Amtszeit fürchten, denn ein Mitbewerber ist bislang nicht in Sicht. Und für eine einschneidende Veränderung der Verbandsstruktur, die intern immer wieder – aber ohne jedes greifbare Ergebnis – diskutiert wird, fehlen konkrete Vorschläge einer Satzungsänderung.

Dennoch ist der Unmut über Seyffardt offenbar groß. Fast drei Dutzend Winzer haben ihm im Januar einen Brandbrief geschrieben, der Seyffardt indirekt den Verzicht auf eine weitere Amtszeit nahelegt. Ihm wird vorgeworfen, wichtige weinbauliche Themen einfach auszusitzen, die Interessen der Basis nicht zu vertreten und diese mangelhaft zu informieren. Selbst traditionsreiche Familienweingüter dächten deshalb über einen Austritt nach. Der Weinbauverband müsse daher neu aufgestellt, die Geschäftsführung gestärkt, das Präsidentenamt auf Repräsentationspflichten beschnitten werden.

Der Brandbrief, der Seyffardt überrascht und hart getroffen hat, war das wichtigste Thema der jüngsten Sitzung des Hauptausschusses, dem Entscheidungsgremium des Verbands. In einer langen, teil hitzig-emotionalen Diskussion wurde deutlich, dass etliche Winzer Seyffardt unterstellen, durch seinen Führungsstil am Abgang von Geschäftsführerin Engelmann nicht unschuldig zu sein. Ein Vorwurf, den Seyffardt vehement bestreitet. Zudem wurde einmal mehr Unbehagen gegenüber dem vermeintlich zu großen Einfluss der Prädikatsweingüter (VDP) auf den Rheingauer Weinbauverband spürbar.

Seyffardts eigenes Weingut Diefenhardt in Eltville-Martinsthal gehört dem VDP an. Ein Verband, der im Hinblick auf die Qualitätspyramide deutscher Weine, die Klassifizierung der besten Weinlagen und das Bezeichnungsrecht andere Positionen vertritt als viele der traditionsverhafteten Familienbetriebe im Rheingau. Dass Seyffardt an der Verbandsspitze eine VDP-Politik verfolgt hat, kann ihm aber nicht vorgeworfen werden. Vielmehr hat sich in den Reihen des VDP selbst einiger Unmut aufgestaut über Seyffardts Einflussnahme auf die jüngsten Weingesetzänderungen.

Im Rheingau wiederum heißt es, Seyffardt sei „geimpft vom VDP“, und was der Linie des Präsidenten zuwiderlaufe, werde einfach „platt gemacht“. Seyffardt, der beteuert, dass es ihm um die Sache und um die Zukunft der Region gehe, war schon versucht, das Amt aufzugeben. Ob er nochmal antritt, ist das den jüngsten Eruptionen im Verband keineswegs ausgemacht. Eine Phase der Führungslosigkeit wird sich der Rheingau aber weder leisten wollen noch können.

Auf den Brief der Winzer hat Vorstand ebenfalls schriftlich geantwortet und die Vorwürfe zu entkräften versucht. Diese Antwort war in den Augen einiger Winzer jedoch „nicht das Papier wert, auf dem sie steht“. Umstritten ist unter den Winzern auch, ob der neue Verbandsgeschäftsführer ebenso wie Engelmann das „Haus der Region“ in Oestrich-Winkel und damit in Personalunion die Geschäfte der Rheingauer Tourismuswerbung und des Zweckverbands Rheingau führen soll. Das bringt zwar bedeutende Synergieeffekte und eine für den Verband vorteilhafte Aufteilung der Personalkosten. Doch gestehen auch Vorstandsmitglieder des Verbands zu, dass sich Engelmann damit vielleicht zu viel aufgeladen hatte und daran gescheitert war. Obwohl sie der Verband nicht in diese Rolle gedrängt habe.

Dass der von Seyffardt geführte Vorstand mit dem 42 Jahre alten Weinbautechniker Dominik Rußler zum 1. Mai schon einen Engelmann-Nachfolger berufen hat, zementiert allerdings die Strukturen, die mancher Winzer gerne zu Lasten des Präsidentenamtes verändert sähe. „Wenn Ihr einen Grüßaugust als Präsidenten wollt, dann braucht Ihr einen entsprechenden Geschäftsführer“, hielt Seyffardt seinen Kritikern entgegen in dem sicheren Wissen, dass ein Fachmann von solchem Kaliber nur schwer zu finden und vom Verband überdies kaum zu bezahlen ist. Nach einer Klausurtagung verspricht der Vorstand mehr Transparenz, mehr Mitgliederbeteiligung und mehr Professionalisierung sowie die klare Zuordnung, dass der Vorstand für die Strategie, die Geschäftsführung für den operativen Alltag zuständig ist. Ob sich die Wogen damit glätten lassen, wird sich erst im Mai zeigen.

(aus der FAZ vom 31.3.2022)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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