Gourmet Festival … ich bin bereit!

Die Weine sind gekühlt, die Kühlschränke gefüllt. Das Rheingau Gourmet und Wein Festival steht vor seiner 25. Jubiläumssaison.  Kann Deutschland eigentlich auch Rotwein? Vor allem ausländische Weingenießer sind bisweilen regelrecht überrascht von der unerwarteten Qualität des Spätburgunders. Unter den heimischen Weinkennern gibt es diese Zweifel schon lange nicht mehr. Der Lunch mit dem Titel „Die besten deutschen Spätburgunder“ zählt regelmäßig zu den am schnellsten ausgebuchten Veranstaltungen des Rheingau Gourmet und Wein Festivals. Im aktuellen Programmheft war das Rendezvous der deutschen Rotweinpäpste deshalb schon gar nicht mehr verzeichnet.

Es ist ein in mehrfacher Hinsicht besonderes Festival, das mit der Welcome Party eröffnet wird. Denn 2021 hatte das Jubiläum „25 Jahre Gourmet Festival“ wegen der Corona-Pandemie erstmals seit der Premiere 1997 abgesagt werden müssen. Nun kann es stattfinden, wenn auch unter den besonderen Bedingungen einer auslaufenden Pandemie. Zwei publikumsstarke Veranstaltungen wurden vorsorglich in den Sommer verschoben. Für die Willkommens- und Abschiedsparty wurden diesmal weniger Tickets verkauft, um jedem Gast einen Sitzplatz anbieten zu können. Und von jedem Besucher wird, neben dem in der Gastronomie notwendigen Geimpft- oder Genesenennachweis ein tagesaktueller Schnelltest verlangt. Denn ein Corona-Ausbruch unter dem Küchen- oder Service-Personal mit zwingender Quarantäne hätte fatale Folgen für das Festival, dessen Dauer zum Jubiläum erstmals auf drei Wochen verlängert wurde. Am „Kronenschlösschen“ wird eigens eine Schnellteststation aufgebaut.  Die Weinliebhaber und Feinschmecker schreckt das aber nicht. Die Buchungslage sei außerordentlich gut, sagt Festival-Co-Chefin Johanna Ullrich, und viele Kartenbestellungen kamen sogar früher als üblich. Das Angebot, bis Anfang Januar kostenfrei stornieren zu können, sei nur vereinzelt angenommen worden. All das sind für Ullrich klare Indizien, dass es einen Nachholbedarf beim Genuss und eine große Lust auf gemeinsame Wein-Erlebnisse gebe.

Besonders gefragt sind einmal mehr die Raritätenproben mit Kultweinen renommierter Erzeuger. Da schrecken auch Ticketpreise um 1500 Euro nicht, wenn es beispielsweise darum geht, die weltweit teuersten Burgunder Domaine Romanée Conti zu trinken, die nach 2006 erst zum zweiten Mal auf dem Festival ausgeschenkt werden. Oder Bordeauxweine der renommiertesten Spitzengüter aus dem phänomenalen Jahrgang 1961.

„Das sind einmalige Gelegenheiten“, sagt Ullrich, und mancher Weinfreunde gönne sich das nur einmal im Leben. Es gebe aber auch Sammler, die solche Weine im Keller hätten und bei dieser Gelegenheit probieren wollten, in welcher Verfassung der Wein aktuell ist.

Ein Nachteil dieser teuren Raritätenverkostungen ist, dass das Festival seit seiner Gründung den Ruf einer elitären und snobistischen Veranstaltung nicht ganz ablegen kann, obwohl einige Weinverkostungen auch schon unter 40 Euro angeboten werden. Ullrich gibt die Hoffnung nicht auf, dass mehr und mehr Besucher erkennen, dass sich zum Festival im Rheingau „ein lustiger Haufen“ trifft, weil es eine entspannte Plattform für gleichgesinnte Weinfreunde und Genießer geworden sei. Die vielen und langjährigen Stammgäste, die bisweilen dem Programm Impulse und Inspiration geben, müssen ohnehin nicht überzeugt werden.

Das war 1997 noch eine andere Situation, als Hans-Burkhardt Ullrich gemeinsam mit dem Rüdesheimer Winzer Bernhard Breuer und Musikfestival-Chef Michael Hermann das Festival aus der Taufe hob. Vorbild war das „Masters of Food and Wine“ im kalifornischen Carmel. Mit zehn Veranstaltungstagen und 34 Gala-Dinners und Weinproben ging es los, und unter dem Strich blieb zunächst ein Defizit. 

Das anfängliche Konzept, jährlich ein Partnerland auszuwählen, wurde nach einigen Jahren zugunsten einer internationalen Mischung mit Schwerpunkt Europa aufgegeben. Von der „Assmannshäuser Krone“ zog der Festival im Jahr 2004 in das Hattenheimer Kronenschlösschen. Die Zahl der Tickets legte mit der Zahl der Veranstaltungen von anfänglich 3000 auf 6500 stetig zu. Zum Jubiläum werden es wegen der Corona-Einschränkungen nur rund 5000 sein, aber auch mit dieser Zahl bringt das Festival Belebung in die weintouristische Rheingauer Vorsaison. Im Roten Salon stapeln sich schon seit Tagen die Weinkisten für die Verkostungen und Dinners.

Die allermeisten der bedeutenden Köche und der renommiertesten Winzer haben sich den Festivalgästen seit 1997 schon vorgestellt. Die anfänglichen Vorbehalte, ob es klug sei, ausgerechnet im Rheingau ausländischen Winzern eine Plattform zu geben, sind schon seit vielen Jahren nicht mehr zu hören. Dass unter den Sterne-Köchen und Spitzenwinzern viele eitle Diven zu finden sind, hat Ullrich stets zurückgewiesen. Seine Erfahrungen waren andere: Je berühmter ein Winzer, desto unkomplizierter und desto einfacher der Umgang mit ihm, sagte Ullrich dieser Zeitung schon anlässlich des 20. Festivals im Jahr 2016.

Seit 2017 ist seine Tochter Johanna verantwortlich mit im Boot. Sie kann sich an den faszinierenden Festivalstart 20 Jahre zuvor erinnern, auch wenn sie damals erst acht Jahre alt war. Inzwischen ist die Festivalgeschichte auch reich an Anekdoten. Beispielsweise als die vermeintlich beste Köchin Chinas eingeladen war, diese aber allenfalls durchschnittliche Kost zu zelebrieren vermochte. Aus einer geplanten Kochdemonstration wurde schließlich eine Tee-Zeremonie.

Ullrich hat bei 24 Festivals ganze „Köche-Generationen“ mit sehr unterschiedlichen Kochstilen erlebt. „Stand am Anfang noch der klassische, traditionelle Stil im Vordergrund, gab es später Fortentwicklungen, die man mit Begriffen wie mediterran, molekular, nordisch und regional bezeichnen kann“, erinnert er sich und ist fasziniert, welche Geschmacksunterschiede trotz gleicher Grundprodukte schmeckbar wurden. Für besonders bemerkenswert hält er zudem, dass jene Küchenchefs, die kein eigenes Restaurant mehr betreiben, qualitativ mit ihren täglich aktiven Kollegen nicht mithalten können, „gleichgültig, wie berühmt sie vorher waren.“

Seine Tochter Johanna ist zudem überrascht, welche Modewellen bisweilen durch die Spitzenküchen schwappen, „als hätten sich alle Meisterköche abgesprochen“. Vor zwei Jahren war es beispielsweise die Taube, die bei kaum einem Menü fehlte, egal von welchem Koch. Zuvor war es die Rote Beete, die viele Rezepte wie ein roter Faden durchzog.

Mit ihrem Vater ist sie sich einig, dass die Weinqualität in Deutschland seit den neunziger Jahren eine höchst erfreuliche Entwicklung genommen hat. Hans-Burkhardt Ullrich spricht sogar von „Quantensprüngen“ insbesondere beim Spätburgunder. Seien von den Spitzenwinzern aus allen deutschen Anbaugebieten vor mehr als zwei Jahrzehnten noch häufig helle, relativ dünne Rotweine vorgestellt worden, hätten sie Jahr für Jahr an Komplexität und Format, aber auch an Finesse gewonnen. „Heute haben die deutschen Spätburgunder eine überragende Qualität, die jedem internationalem Vergleich standhält“, sagt er Nachdruck. Und beim trockenen Weißwein sei Dank der Klassifizierung „Großer Gewächse“ ein Durchbruch gelungen. Mit speziellen Qualitäten wie „Liquid Earth“ (Weingut Battenfeld-Spanier) oder „Monte Vacano“ (Weingut Robert Weil) gebe es inzwischen deutsche Kultweine im internationalen Maßstab. (mein Bericht aus der FAZ vom 21.02.2022)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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