Der Rausch bleibt aus

m Wein liegt die Wahrheit“, heißt es, aber es ist bekanntlich der Alkohol, der sie zutage fördert, indem er die Zunge löst. Was also ist der Sinn alkoholfreien Rebensaftes? Es ist eine „hochwertige Alternative“, meint der Rheingauer Weinbauverband und beginnt ein ungewöhnliches Gemeinschaftsprojekt der Rheingauer Winzer. Dazu hat der Verband eine bestehende Erzeugergemeinschaft reaktiviert und im Rheingau 10 000 Liter Riesling zur Entalkoholisierung aufgekauft.

Weinbaupräsident Peter Seyffardt legt Wert auf die Feststellung, dass es sich um Riesling-Cuvée „von höchster Qualität“ handele, auch wenn der Grundwein von verschiedenen Parzellen verschiedener Erzeuger stamme. Wie ernst es dem Verband ist, auch bei einer alkoholfreien Variante auf die Güte zu achten, unterstreicht Seyffardt mit der Äußerung, der Verband habe den Winzern je Liter 50 Cent mehr als den aktuellen Fassweinpreis überwiesen. Entalkoholisiert wurde der Wein in der hochmodernen Anlage der Weinkellerei Trautwein in Rheinhessen.

Seyffardt hält „ein wachsendes Interesse an alkoholfreien Weinen für unverkennbar“, auch wenn der Marktanteil noch gering sei. Das liege aber daran, dass das Angebot sehr überschaubar sei. Der Weinbauverband will das mit einem „Riesling alkoholfrei aus 100 Prozent Rheingauer Trauben“ ändern. Allerdings darf aus rechtlichen Gründen nicht „Rheingau“ auf der Flasche stehen, denn für dieses Getränk gilt das Lebensmittelrecht und nicht das Weinrecht.

Seyffardt sieht dennoch die Chance, mittelfristig für den Rheingau in den Lebensmittelmärkten Platz in den Weinregalen zu erobern. Im ersten Schritt allerdings sind es die Rheingauer Winzer selbst, die das Produkt vermarkten. Knapp zwei Dutzend Betriebe machen mit. Darunter Uwe Rußler, der in Rauenthal ein Weingut nebst Gutsausschank betreibt. 600 Liter hat er sich gesichert, und wenn der alkoholfreie Wein in Kürze etikettiert ist, dann soll er auf die Getränkekarte seiner Schenke.

Laut Rußler bedienen sich die Autofahrer in einer Gruppe von Weingutsbesuchern bislang mit alkoholfreiem Weizenbier oder mit einer Traubensaftschorle. Doch das Bier fremdelt auf dem Tisch der Weingenießer, und die Schorle ist vergleichsweise süß. Rußler ist daher zuversichtlich, dass Kunden zugreifen werden, wenn das alkoholfreie Produkt erst einmal verfügbar ist. Auch der Weinbauverband zielt auf die Zielgruppe der Weinfreunde, die aus unterschiedlichen Gründen auf Alkohol im Glas verzichten müssen oder wollen. Aus Sicht des Verbands spielen aber wie bei „richtigem“ Wein Herkunft, Regionalität und Qualität eine bedeutsame Rolle.Mit 41 Gramm Restzucker bei 6,8 Promille Säure je Liter scheint der Wein vergleichsweise süß, doch ändert sich das Geschmacksbild durch den Mangel des Geschmacksträgers Alkohol deutlich, und er wirkt trockener am Gaumen. Für Seyffardt ist das Premierenprodukt jedenfalls „sehr gelungen“. Es rage unter vergleichbaren Produkten „qualitativ heraus“. Ob die Kunden das auch so sehen, muss sich erst noch weisen.Beim Bier hat sich der Marktanteil alkoholfreier Varianten auf inzwischen sieben Prozent gesteigert – gut 50 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Kann das auch beim Wein gelingen? „Auf jeden Fall“, meint der Rüdesheimer Winzer Johannes Leitz, der von einem norwegischen Spitzenkoch um eine alkoholfreie Variante gebeten worden war und diese seit 2016 im Angebot hat. Leitz hat von Anfang an die Strategie verfolgt, nur hochwertige Weine auf modernsten Anlagen entalkoholisieren zu lassen. Auch er schwört auf die Kellerei Trautwein.

Leitz spricht von einer „unfassbaren Entwicklung“ in den zurückliegenden drei Jahren. Er hat inzwischen sieben alkoholfreie Still- und Schaumweine im Angebot und verkauft sie auch in der Ukraine, auf Island, in Skandinavien, Großbritannien, den Niederlanden und in Amerika. „Der Markt ist riesengroß“, schwärmt der exportorientierte Leitz. Die Entwicklung sei nicht aufzuhalten, trotz beißender Kommentare von Weinfreaks in den sozialen Netzwerken zum Thema alkoholfreier Wein.

Der regelmäßige Shitstorm ärgert Leitz, aber er bringt ihn nicht vom Kurs ab: „Viele Leute wollen gesünder leben“, und es gebe Menschen, die dem Alkohol abgeschworen hätten. „Knochentrockene“ Alkoholfreie seien aber nicht möglich, gibt Leitz zu.

Alkoholfreie Weine gibt es im Rheingau inzwischen von mehreren Erzeugern. Beispielsweise von Bibo Runge („Deserteur“) in Hallgarten und Allendorf in Winkel („Save Water. Drink Riesling free“). Und natürlich von der Rüdesheimer Weinkellerei Carl Jung, die schon vor mehr als 100 Jahren als Vorreiterin ein später patentiertes Vakuum-Extraktionsverfahren zur Entalkoholisierung von Wein entwickelte und es seither immer wieder verbessert hat. Die „Carl Jung alkoholfrei Cuvée trocken“ gibt es heute für sechs Euro zu kaufen. Der Weinbauverband wünscht sich, dass die Winzer – so wie Allendorf – mindestens sieben Euro verlangen. Knapp acht Euro kostet der „Eins-Zwei-Zero Riesling alkoholfrei“ bei Leitz, und Bibo Runge verlangt sogar 9,50 Euro.Nicht alle Erzeuger wollen auf den gesamten Alkohol verzichten. Die Eltviller Sektkellerei Schloss Vaux hat gerade erst einen „Nouvaux“ vorgestellt. Ein „sensorisch trockener“ Sekt, hergestellt aus ausgewählten Pfälzer Grundweinen und im klassischen Verfahren der Flaschengärung hergestellt. Aber mit nur zwei Prozent Alkohol. „Weniger ist mehr“, heißt es dazu aus der Schloss-Vaux-Zentrale, die im besten Marketing-Deutsch verspricht, „ein Genuss-Erlebnis zu schaffen, das es bisher nicht gab“ und das deshalb 16 Euro kosten soll.Dabei kaufen die Sektfreunde aber die Katze im Sack, denn Geschäftsführer und Vertriebsleiter Christoph Graf verrät die Rebsorten des bei Jung in Rüdesheim entalkoholisierten Grundweins nicht.

Das sei „quasi ein Betriebsgeheimnis“, weil es ein Faktor sei, um die Auswirkungen der Entalkoholisierung auszugleichen. Graf deutet an, dass es sich um eine „Cuvée aus eher aromatischen“, aber nicht säurestarken Rebsorten handelt, weil die Wirkung der Säure durch die Entalkoholisierung verstärkt werde. In jedem Fall dürfte es mehrere Flaschen brauchen, bis auch in diesem „Sekt“ die Wahrheit liegt.  (aus der FAZ vom 9.10.2021)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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