Saphira statt Riesling?

Eine beachtliche Zahl Rheingauer Weingüter stellt derzeit auf ökologischen Weinbau um. Das ist aus Sicht der Landesregierung eine höchst wünschenswerte Entwicklung. Die ökologisch bewirtschaftete Rebfläche wird bald deutlich nach oben schnellen. Der nach drei unkomplizierten Weinjahren in Folge hinsichtlich des Pflanzenschutzes äußerst schwierige Herbst 2021 hat diesen Winzern aber unmissverständlich vor Augen geführt, welche ökonomischen Risiken mit dem Verzicht auf konventionelle Pflanzenschutzmittel verbunden sind.Wer als Ökowinzer weitgehend auf Kupferpräparate angewiesen ist, um im Weinberg gefährliche Pilzkrankheiten in Schach zu halten, der darf sich beim Pflanzenschutz keine Nachlässigkeiten erlauben. Das Jahr 2021 hat den Ökoweinbau in dieser Hinsicht an seine Grenzen geführt. In einigen Rebzeilen waren sogar komplette Ernteausfälle zu beobachten.Die Geisenheimer Wissenschaftler stimmen die Winzer darauf ein, dass der sich abschwächende Jetstream extreme Wetterlagen begünstigt und dass sich die Weinjahre mit schweren Infektionsverläufen häufen könnten. Der Klimawandel stellt insofern ebenso eine gewaltige Herausforderung dar wie das Ziel des klimaneutralen Wirtschaftens.Ökowinzer haben es in dieser Hinsicht besonders schwer, weil sie je Hektar geringere Erträge erzielen und weil sie – vor allem in Jahren wie 2021 – häufiger als ihre konventionell arbeitenden Kollegen mit Traktor und Spritze in den Weinbergen unterwegs sein müssen, um die Ernte nicht zu gefährden. Der Weg, den ökologischen Weinbau mit einem möglichst klimaneutralen Weinbau zu versöhnen, wird ein steiniger.Eine Möglichkeit für die Winzer wäre, sich näher mit dem Anbau pilzwiderstandsfähiger Sorten zu beschäftigen. Sie müssen deutlich seltener gespritzt werden, was gut für das Klima ist. Bis sich die Weinfreunde aber für Allegro statt für Spätburgunder entscheiden und lieber Saphira statt Riesling trinken, dürfte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen. Im Instrumentenkasten für einen klimaneutralen Weinbau liegen indes nicht allzu viele Instrumente. Mit Spannung wird daher in der Branche beobachtet, wie ernst es das neue Ampelbündnis in Berlin mit seiner Klimaschutzstrategie meint.Nicht ausgeschlossen, dass das Thema Flaschenpfand bald virulent wird, denn die Einweg-Glasflasche ist für den ökologischen Fußabdruck jedes Weinguts eine Hypothek. Wegen der Schwierigkeiten bei der Logistik und der Ästhetik der Flasche trauen sich bislang aber nur vereinzelt Weingüter daran, das Thema Pfandflasche offen zu diskutieren. Wie aber wollen die Winzer erklären, dass bei Wein partout nicht geht, was bei Bier und Mineralwasser selbstverständlich ist? Die Politik wird auf einer überzeugenden Antwort bestehen.  (Mein Kommentar in der FAZ vom 4.1.2022)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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