Klimakiller Weinflasche

Die deutschen Winzer sind die Gewinner des Klimawandels. Der Rheingau ist durch die Erderwärmung von der nördlichen Grenze des Ertragsweinbaus in eine begünstigte Weinbauzone „gerutscht“. Am 50. Breitengrad könnten jetzt sogar mediterrane Rebsorten wie Chardonnay und Merlot mit Erfolg angebaut werden. Bei ihren kollegialen Hilfsaktionen für die im Ahrtal überschwemmten und teils zerstörten Weingüter haben die Rheingauer Winzer aber die Schattenseiten und existenzbedrohenden Gefahren des Klimawandels auch für ihre Branche aus nächster Nähe kennengelernt.

Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden und hat das Klimaschutzgesetz entsprechend verschärft. Wie aber steht es um den Weinbau? Kann ein Weingut klimaneutral Riesling und Spätburgunder erzeugen? Die – bisher vorliegenden – Antworten sind so überraschend wie ernüchternd: Der CO2-Fußabdruck eines Weinguts hängt maßgeblich vom Verhalten der Weintrinker ab. Und von der Verpackung.

Mit Blick auf den ökologischen Fußabdruck eines Weinguts ist es für einen Frankfurter Weingenießer beispielsweise keine gute Idee, mit dem Auto nach Rüdesheim zu fahren, um dort ein paar Flaschen Spitzenwein eines renommierten Erzeugers zu kaufen. Denn damit verhagelt er dem Winzer die Ökobilanz gründlich. Besser wäre es mit Blick auf die Treibhausgase, der Weinfreund würde in Kalifornien eine Flasche preiswerten Zinfandel-Rotwein bestellen und ihn sich nach Hause oder zum Weinhändler seines Vertrauens um die Ecke liefern lassen.

Das klingt wegen der weiten Transportwege zunächst paradox. Doch Forscher der Universität Gießen und der San Francisco State University haben genau das herausgefunden. Sie haben die Kohlendioxid-Bilanz der Reise einer Flasche Zinfandel vom kalifornischen Weingut bis zu einem Weinhändler analysiert: Mit dem Lastwagen zum Verteilzentrum, mit dem Container zum Hafen, mit dem Frachter eine halbe Weltreise nach Rotterdam, und dann weiter im Container und Lastwagen zum Ziel. Der Zinfandel hat dann zwar rund 18.000 Kilometer zurückgelegt. Der hocheffiziente Massentransport der Flasche sorgte dennoch nur für so viel Treibhausgase wie eine Fahrt mit dem Auto über die geringe Distanz von nicht einmal eineinhalb Kilometern.

Daraus folgt aber nicht die Empfehlung, nur noch Überseeweine zu kaufen und den Rheingauer Wein links liegen zu lassen. Die Konsequenz lautet vielmehr, den Fokus auf das klimafreundliche Einkaufen zu richten. Der Kauf regionaler Produkte ist nur dann unschädlich für das Klima, wenn er nicht mit umweltschädlichem Verkehr verbunden ist.

Rheingauer Weingüter haben allerdings kaum Einfluss darauf, welchen Vertriebsweg die Kunden bevorzugen. Die Winzer müssen sich beim Klimaschutz deshalb auf die Weinerzeugung in Weinberg und Keller konzentrieren. Eine Untersuchung des Heidelberger Instituts für Energie- und Umweltforschung hat ergeben, dass Wein „typischerweise“ mit einem CO2-Fußabdruck von 0,9 Kohlendioxid-Äquivalenten je Liter Wein verbunden ist. Weil es jedoch viele Variablen gibt, reicht die Bandbreite von 0,3 bis 1,3 Äquivalenten.

Stellschrauben, um diesen „Fußabdruck“ kleiner ausfallen zu lassen, gibt es viele. Der Treibhausgas-Ausstoß hängt unter anderem vom Energieverbrauch für Erwärmung oder Kühlung von Most und Wein ab. Die (teurere) Handlese ist deutlich besser für das Klima als die Maschinenlese. Holzpfähle wären im Weinberg zur Stütze der Rebstöcke besser als Stahlpfosten, obwohl sie lange nicht so lange haltbar sind. Ein Wermutstropfen für alle Weingenießer: Premiumweine weisen wegen der meist deutlich geringeren Erntemenge je Hektar einen größeren CO2-Fußabdruck auf als Standardweine. Dagegen hat Ökowein offenbar keine Vorteile beim Klimaschutz wegen der häufigeren Arbeitsgänge beim Pflanzenschutz und dem damit höheren Treibstoffbedarf.

Den größten Einfluss auf die Bilanz hat die Verpackung: Die Standard-Glasflasche mit einer Füllmenge von 0,75 Litern ist gewissermaßen ein Klimakiller. Sie hat einen Anteil von 48 Prozent an den gesamten Treibhausgas-Emissionen, die bei Produktion und Vertrieb von einem Liter Wein entstehen. Viel besser wäre es, den Wein in sogenannte Bag-in-Kartonboxen zu füllen – oder stattdessen gleich Mehrweg- und Pfandflaschen zu verwenden.   

Markus Bonsels hält letzteres für sein Weingut Bibo-Runge den richtigen Weg. „Ich will klimaneutral werden“, sagt der Hallgartener Winzer. Bonsels ist ein Quereinsteiger im Rheingau. Das Hallgartener Weingut erwarb er mit seiner Frau erst 2017. Bonsels ist studierter Chemie- und Wirtschaftsingenieur, der auf eine bemerkenswerte berufliche Karriere zurückblickt. Er war zuletzt als Personalchef für Amazon in Europa tätig und ist es gewohnt, „alles vom Kunden her zu denken“. Bonsels hat sich bewusst gegen eine Zertifizierung als Öko-Weingut ausgesprochen und sich stattdessen dem Verein Fair´n Green angeschlossen, der den Fokus auf Nachhaltigkeit und Klimaneutralität legt. Bonsels hält die Sorge um den ökologischen Fußabdruck für wichtiger als die Frage, ob Kupfer gegen Pilzkrankheiten im Weinbau wirklich besser als systemische Pflanzenschutzmittel ist.

Mit Blick auf den Klimaschutz hat sein Weingut auf den Prüfstand stellen lassen. Das Ergebnis: Die CO2-Emissionen von 132 Gramm je Liter Wein liegen rund 80 Prozent unter dem Durchschnitt der anderen Fair & Green-Weingüter von 562 Gramm, während der Durchschnitt aller deutschen Weingüter sogar auf 900 Gramm taxiert wird. Dabei sind allerdings Vertrieb und Verpackung noch nicht berücksichtigt.

Um diese guten Werte zu erreichen fährt Bonsels den Weinmost in den kühlen Herbstnächten ins Freie, statt ihn elektrisch zu kühlen. Er setzt ausschließlich auf Handlese, verzichtet weitgehend auf Hilfsmittel im Keller, heizt sein Weingut im Winter nicht, bezieht Ökostrom und teilt sich wichtige Maschinen mit Kollegen. Das fällt ihm vergleichsweise leicht. Schwierig wird es etwa beim ökologisch wünschenswerten Verzicht auf Glyphosat. Dieser Verzicht erfordert eine intensivere mechanische Bodenbearbeitung in den Rebzeilen. Gut für den Boden, schlecht für das Klima. Ein ähnliches Dilemma stellt sich bei der zunehmend notwendigen Bewässerung von Weinbergen.

Das größte Hindernis zur Klimaneutralität aber ist die Glasflasche. „Warum gibt es keine Pfandflaschen, und „warum ist bei Wein nicht möglich, was bei Wasser und Bier selbstverständlich ist?“, fragt sich Bonsels. Es brächte eine immense Verringerung der Treibhausgase, und ohne diese wird klimaneutraler Weinbau kaum möglich sein. Seine Rechnung: „Stellt man die circa 750 Millionen Einwegweinflaschen, die in Deutschland getrunken wurden, auf Mehrweg um, reduziert man den CO2-Ausstoss für Deutschland um bis zu 0,4 Prozent: „Oder einfacher gesagt, man spart 1000 Fußballfelder Photovoltaik.“

Bonsels hat deshalb viel Energie in Gespräche über ein deutschlandweites Pfandsystem für Weinflaschen gesteckt und seine Fühler bis hinein in die neue Berliner Ampelkoalition gesteckt. Er hofft darauf, mit Partnern ein Pilotprojekt starten zu können, auch wenn er weiß, dass wohl am Ende der Bund den gesetzlichen Rahmen setzen müsste. Enttäuscht ist Bonsels von den bisherigen Reaktionen der Verbände und Interessenvertretungen der Winzer. Tatsächlich gab es kürzlich sogar einen parlamentarischen Abend des Deutschen Weinbauverbandes zum Klimaschutz, bei dem es aber vor allem um neue, pilzwiderstandsfähige Sorten als „Schlüssel bei der Anpassung des Weinbaus an den Klimawandel“ ging.

Dabei hat der Fränkische Weinbauverband schon vor mehr als zehn Jahren den CO2-Fußabdruck des Weinbaus erstellen lassen. Schon damals wurden die Metallpfähle in den Weinbergen und vor allem die Glasflasche als ursächlich für die Treibhausgas-Emissionen identifiziert. Bonsels beklagt, dass aus diesen Erkenntnissen aber kaum konkrete Schritte gefolgt seien.

Dabei kommt auch das Institut für Energie- und Umweltforschung zu dem Schluss, dass Mehrwegflaschen nur ein Viertel der Treibhausgase einer Einwegflasche ausstoßen. Bonsels verweist darauf, dass es früher durchaus üblich war, dass Winzer die leergetrunkenen Weinflaschen ihrer Privatkunden zurücknahmen und dafür eine Vergütung zahlten. Doch das ist Vergangenheit. Dabei gibt es im Rheingau eine Einrichtung, die Weinflaschen für eine mehrfache Verwendung reinigt. Die Flaschenspülung ist ein Geschäftszweig der Werkstätten für Behinderten in Oestrich. Laut Werkstattleiter Andreas Waesch spült die Anlage jährlich 800.000 Flaschen, davon den Großteil Weinflaschen von rund 70 Weingüter aus dem Rheingau und auch darüber hinaus. Ausgelastet ist die Anlage nicht, denn jährlich wären bis zu zwei Millionen Flaschen möglich. Obwohl die Reinigung mit zehn bis 15 Cent je Flasche etwa ein Drittel einer neuen Flasche kostet, die drei bis fünf Mal gespült werden kann, sind viele Weingüter zurückhaltend.

Waesch beobachtet zwei gegenläufige Entwicklungen. Der Konzentrationsprozess im Weinbau führt zu größeren Weingütern mit mehr Fläche, die aber eher auf neue als auf wiederverwendbare Flaschen setzen. Aber es gibt auch junge, innovative Weingüter, die sehr auf die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz bedacht sind und Weinflaschen spülen lassen. Waesch sieht einen Trend zu vermeintlich klimafreundlicheren Leichtflaschen eher kritisch, weil sich diese empfindlichen Glaskörper nicht spülen lassen. Ideal wären aus seiner Sicht einheitliche, schwerere, wertige Weinflaschen, die mehrere Spüldurchgänge überstehen. Die Winzer müssten sich fragen, ob die gegenwärtige Flaschen-Vielfalt nicht ein Luxus sein, „den wir uns nicht mehr leisten können“.

Noch ist offen, ob Winzer Bonsels ein Pilotversuch gelingt und wie sich die neue Bundesregierung zum Thema Pfandflasche für Wein stellen wird. Doch Bonsels denkt schon darüber hinaus. Er berichtet von einem Pilotprojekt der Hochschule Geisenheim, den Rebschnitt nach der Ernte nicht einfach im Weinberg verrotten, sondern zu Holzkohle verarbeiten zu lassen. Sie würde dann wie ein Speicher für Kohlendioxid wirken. Am Ende würde die Holzkohle zerkleinert und wieder im Weinberg verstreut, um Mineralien an die Pflanze abzugeben. In Zusammenspiel mit allen anderen Maßnahmen in Weinberg, Keller und beim Verkauf könnte der Weinbau vielleicht sogar zu einer Senke für Kohlendioxid werden. Dann wäre jeder, der eine Flasche Wein trinkt, ein Kämpfer gegen den Klimawandel. (aus der F.A.Z.)

Kleiner Nachtrag/ Netzfund aus Wein+Markt:

Der spanische Weinerzeuger Torres mit Sitz in Vilafranca del Penèdes hat ein System zum Auffangen und Wiederverwenden von CO2 entwickelt, das bei der Gärung entsteht. Das System wurde bei der Weinlese 2021 in Pacs del Penedès eingesetzt. Dabei wird das während der Gärung freigesetzte CO2 in aufblasbaren Ballons gesammelt, die sich über den Tanks befinden. Anschließend wird das Gas mittels Kompressor in einen Vorrats-Drucktank geleitet und dort gelagert. Bei Bedarf wird es als Oxidation verhinderndes Schutzgas wiederverwendet, beispielsweise beim Umziehen und Befüllen der Weintanks. Mit dieser Lösung kann das Unternehmen Familia Torres schätzungsweise 20 Tonnen emissionsneutrales Kohlendioxid pro Jahr wiederverwenden, was einem Drittel des von der Weinkellerei benötigten Gases entspricht.

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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