Dem Schampus Paroli bieten

Ohne etwas Prickelndes geht es nicht. Kein Weingut, das in seinem Sortiment dem Kunden nicht zumindest eine Sorte Sekt anbietet. Für die meisten Winzer ist dieser meist mittelpreisige Schaumwein aber in erster Linie eine notwendige Ergänzung, nicht ein tragendes Geschäftsfeld. Mark Barth und eine Handvoll Kollegen vom Verband der Prädikatsweingüter (VDP) sehen das ganz anders. Sie wollen dem deutschen Premium-Sekt einen Status verleihen, der dem Champagner in Hinblick auf Prestige und Preis in nichts nachsteht.

Die wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg in diesem Bestreben liegen laut Barth auf der Hand: Besonders gute Weinberge als Herkunft der Trauben und sorgsam ausgewählte Grundweine für die zweite Gärung. Die Veredlung von Wein zu Sekt darf zudem ausschließlich auf traditionelle Weise in der Flasche erfolgen. Möglichst lange soll der Sekt nach der Gärung in Kontakt mit der zugesetzten Hefe bleiben. Denn ein langes Hefelager gilt als Königsweg zu einem feinperligen, aromatischen, komplexem Spitzenprodukt. Sekterzeuger benötigen deutlich größere Lagerflächen als die meisten Weingüter, weil mehrere Schaumwein-Jahrgänge parallel „auf der Hefe liegen“ sollen, um ihrem geschmacklichen Höhepunkt entgegen zu reifen.

Barth hat zusammen mit einem Dutzend deutscher Winzerkollegen für den VDP ein Sektstatut entwickelt. Sie haben dafür aus ihrer Sicht selbstverständliche Kriterien formuliert: 100 Prozent Handlese ist ebenso ein Muss wie die Ganztraubenpressung und eine niedrige Auspressquote, um den besten Teil des Saftes zu gewinnen. Nicht zu zuletzt das lange Hefelager.

Anders als für Wein hat der VDP für Sekt vorerst nur zwei Qualitätsstufen definiert: Das Attribut „VDP.Sekt“ steht für hochwertige Schaumweine ohne Lagenbezeichnung. Als Jahrgangssekte müssen sie aber mindestens 24 Monate Hefelager hinter sich haben, obwohl das Weingesetz nur neun Monate vorschreibt. Mindestens 36 Monate sind es für Spitzensekte, die unter der Bezeichnung „VDP.Prestige“ auf den Markt kommen, sofern sie von einer nationalen Prüfungskommission verkostet und für gut befunden wurden.

Der VDP ist nicht allein in seinem Bestreben, Sekte mit Kultstatus zu erzeugen. Ein neu formierter „Verband traditioneller Sektmacher“ hat als Club der Premiumhersteller die gleiche Stoßrichtung und nimmt nur Mitglieder auf, die sich auf die Erzeugung „handwerklich produzierter Sekten nach traditioneller Methode“ bekennen. Auch eine ambitionierte Sektmanufaktur wie Schloss Vaux in Eltville gehört in diesem Kreis dazu. Die Unterschiede zum Qualitätsanspruch des VDP sind gering.

Das Pendant zum Prestige-Sekt des VDP ist die „Sektmacher Réserve“, für die Kellereien allerdings Trauben zukaufen dürfen. Das ist den VDP-Betrieben streng verboten, weil der Terroir-Gedanke für sie der Wichtigste ist.

Der Qualität tut das aber keinen Abbruch. Kein Wunder, dass Barth und die nicht minder renommierten Sekterzeuger Ralf und Bernd Schönleber nicht nur dem VDP, sondern auch den „Sektmachern“ angehören und sich im Ziel einig sind, die Unterschiede zu Industriesekten noch deutlicher herauszustellen. Vorsitzender der „Sektmacher“ ist mit Volker Raumland einer der engagiertesten Vorreiter für ein „deutsches Sektwunder“.

Um die Kunden nicht zu sehr zu verwirren, hat Barth zwar bislang keinen „Sektmacher Réserve“ im Angebot, wohl aber Schaumweine aus der „Ersten Lage“ Hattenheimer Schützenhaus (Jahrgang 2015) und einen „2014er Hattenheimer Hassel“ aus Großer Lage. Letzterer ist das spritzige Gegenstück zum „Großen Gewächs“ beim Wein.

Auch das Wein- und Sektgut Schönleber hat mit einem besonders aromatischen 2014er Doosberg einen Prestige-Sekt im Angebot, der nicht weniger als sechs Jahre Hefelager hinter sich hat. „Das Statut ermöglicht, dass sich unsere Weingüter kontinuierlich fortentwickeln. Uns geht es darum mit dem Sektsiegel Leuchtturmsekte auszuzeichnen, die zu den großen Schaumweinen der Welt zählen“, meint VDP-Präsident Steffen Christmann zur deutschen Sektoffensive.

„Wir sollen Sekt einen höheren Stellenwert geben“, sagt Barth und hat dabei das Renommee und das Preisniveau von Champagner im Blick. Ist das realistisch? Barth bietet seinen „Hassel“ selbstbewusst zum Flaschenpreis von 65 Euro an und damit preislich über dem Einstiegsniveau der meisten großen Marken-Champagner. Barth sieht eine wachsende Nachfrage nach hochwertigem Sekt bei gleichzeitig fallendem Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland. Davon berichtet auch Ralf Schönleber, dem das Herausstellen der Handwerkskunst für Spitzensekt ein besonderes Anliegen ist. Die Nische für derartige Spitzensekte ist noch klein obwohl Deutschland für knapp ein Viertel des weltweiten Schaumweinkonsums steht. Doch der Durchschnittspreis für weißen Sekt beträgt aktuell 3,74 Euro. Knapp die Hälfte des Sektes wird im Einzelhandel und beim Discounter marktschreierisch zu Aktionspreisen verkauft. Die im VDP und bei den Sektmachern engagierten Winzer überlassen deshalb dieses Feld den großen Erzeugern Rotkäppchen-Mumm, Henkell-Freixenet und Schloss Wachenheim.

Dass Winzer überhaupt Sekt herstellen dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit. Das staatliche Sektmonopol, das lange Zeit die großen Kellereien begünstige, fiel nach einem jahrelangen Rechtsstreit erst vor knapp 50 Jahren. Das führte dazu, dass sich sukzessive immer mehr Genossenschaften und Weingüter an eine eigene Sektproduktion wagen. Die meisten Winzer überlassen das Geschäft wegen des Aufwands und der notwendigen Investitionen bis heute spezialisierten Lohn-Versektern wie beispielsweise Reuter & Sturm in Walluf oder Bardong in Geisenheim.

Barth hingegen entschied sich schon vor 30 Jahren dafür, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Winzer Norbert Barth startete 1991 mit zwölf Rüttelpulten im Keller. Heute rüttelt Nachfolger und Schwiegersohn Mark Barth die dreifache Menge. Insgesamt 4320 Flaschen werden über einen Zeitraum von zwei Wochen zweimal täglich jeweils ein kleines Stück gedreht und dabei ganz allmählich auf den Kopf gestellt, damit die Kohlensäure produzierende Hefe in den Flaschenhals absinkt und vor dem Verkauf der Flaschen auf einfache Weise entfernt werden kann. Insgesamt hat das Wein- und Sektgut seine Schaumwein Produktion von zunächst  rund zehn Prozent der seinerzeitigen Anbaufläche von fünf Hektar auf mittlerweile sechs von 20 Hektar erweitert. Tendenz steigend. Barth sieht darin die Zukunft. Das neue deutsche Sektwunder hat eben erst begonnen. (aus der F.A.Z.)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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