Seelen retten und Reben streicheln

Auch die Rheingauer Pfarrer sind „Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Für sie hatte dieses Gleichnis aus dem Neuen Testament aber immer eine besondere Bewandtnis. Denn über Jahrhunderte hinweg waren viele Pfarrer zugleich Winzer und tatsächlich rege im Weinberg aktiv. Die Geschichte des ehemaligen Pfarrweinguts Rüdesheim beispielsweise reicht bis ins elfte Jahrhundert zurück. Nachgewiesen ist, dass es im zwölften Jahrhundert durch die Schenkung eines Adeligen deutlich erweitert wurde. Mitte der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts bildet es den Kern des neu gegründeten Bischöflichen Weinguts, in das noch kleinere Pfarrweingüter und ihre Weinberge eingegliedert wurden. Zur Entlastung der Pfarrer, wie damals die Begründung lautete.

Im Rheingau heißt es bis heute, das Bistum Limburg habe nicht ganz ohne Grund geargwöhnt, mancher Pfarrer sorge sich vielleicht mehr um die Gesundheit seiner Rebstöcke als um das Heil der ihm anvertrauten Seelen. Während im Zuge der Säkularisation nach 1803 die Bistümer und Klöster ihre Besitzungen verloren hatten, war er vielen Kirchengemeinden erhalten geblieben. Auch in Kiedrich, wo die Natur dem Pfarrweingut zum Abschluss im Jahr 1971 noch einmal einen Paradejahrgang bescherte. Im Jahr darauf übernahm kurzzeitig das Pfarrweingut Rüdesheim die Verantwortung für die Kiedricher Kirchenlagen, die zum Jahresbeginn 1973 dann vom Kiedricher Weingut Robert Weil übernommen wurden, das in direkter Nachbarschaft zur prachtvollen Kirche residiert.

Daran erinnert eine bemerkenswerte Weinchronik, die integraler Teil der Kiedricher Pfarrchronik ist. Darin haben die Kiedricher Pfarrer handschriftlich in Sütterlin die Besonderheiten der jeweiligen Weinjahrgänge zwischen 1900 und 1972 notiert. Die Kiedricherin Irene Hirschmann hat diese Schlaglichter auf die örtliche Weinbaugeschichte akribisch in lesbare deutsche Hochschrift übersetzt und gemeinsam mit Wilma Scholl vom Kirchenbau-Verein auch als Broschüre herausgegeben.

Eine Lektüre, die das Auf und Ab in den Weinbergen, die Enttäuschungen und Euphorie vermittelt. Vor allem Schädlinge wie Heu- und Sauerwurm machten den Pfarrern wie allen Winzern schwer zu schaffen und minderten die Ernte: „Gerade in den besten Berglagen wurde die Ernte zum größten Teil vernichtet“, heißt es in der Chronik zum Weinjahr 1901. Damit nicht genug: „In manchen Lagen waren die Trauben stark vom Oidium befallen, wodurch der Wein einen unangenehmen Beigeschmack erhielt. Daher wenig Kauflust. Weinhandel liegt darnieder und Preise gedrückt.“

Die Pfarrer berichten akribisch von Missernten wie im schlimmen Weinjahr 1907, als außer den Schäden durch Pilzkrankheiten und Schädlinge auch noch das Wetter im Herbst so schlecht war, dass die Trauben nicht ausreiften und „der Wein ziemlichen Prozentsatz Säure hatte“. 1910 wurde zu einem weiteren „Fehljahr“, ebenso 1913 und auch 1914, als durch Heu- und Sauerwurm „die Trauben fast vollständig vernichtet wurden“.

Aber es gab auch erfreuliche Jahre wie 1915, das der Pfarrer sogar für besser als das Spitzenweinjahr 1911 hält. Aber einen Dämpfer gab es 1915 dennoch: „Wegen des Krieges ist leider keine Kauflust vorhanden. Die Weine werden deshalb länger lagern müssen.“

Dass „Mißjahre“ wie 1923 bisweilen dicht auf Jahrhundertjahre wie 1921 folgten, war in jener Zeit normal. Auch, dass die Pfarrer immer unter Beobachtung ihrer Bürger standen: „Die Kiedricher wollten es mir verübeln, dass ich in der ersten Woche des Herbstes Kartoffeln ausmachte, anstatt Trauben zu lesen. Spätlese!“, heißt es 1949 in der Pfarrchronik. Und im Jahr darauf: „Es ging das Gerücht, der Pfarrer lässt seine Trauben kaputtgehen. Ich wollte aber keine vollkommenen grasgrünen Luftballons, sondern edelfaule Trauben. Das habe ich durchaus erreicht.“

Die Kiedricher Weinchronik setzt aus lokaler Sicht die „Rheingauer Wein- und Geschichts-Chronik“ fort, die in ihrer ersten Fassung schon 1854 erschienen ist und die Weinjahre zwischen 1626 und 1848 beschreibt. Manche sehr ausführlich wie 1762 („außerordentlich viel, sehr gut und delikat“), manche kurz und knapp wie 1763: „außerordentlich schlecht sauer“.

Es waren die Zeiten, als die Jahrgänge zur Weinbeurteilung von großer Bedeutung waren. „Gibt acht auf den Jahrgang!“, heißt folgerichtig eine Jubiläumsschrift der Binger Weinetiketten-Druckerei Gewa, die sich den deutschen Weinjahrgängen 1880 bis 1983 widmet. Auf wenige Daten zu Witterung, Krankheiten, Schädlingen, Rebentwicklung und Erntemenge beschränkt sich der Bund Rheingauer Fachschulabsolventen mit seinem Buch über die Rheingauer Jahrgänge 1955 bis 2006.

Es ist zugleich ein Dokument des Klimawandels. Seit 1988 gibt es demnach keine „geringen“ Weinjahre mehr, aber ausnehmend viele „gute“ und „sehr gute“. Das bestätigt, dass die Rheingauer Winzer Gewinner des Klimawandels sind. Die dörflichen Winzer-Pfarrer hätten ihre Freude daran.

Die „Weinchronik 1900 bis 1972“ kann beim Kirchenbau-Verein Kiedrich, Suttonstraße 2 in 65399 Kiedrich zum Preis von zehn Euro bestellt oder im Rathaus abgeholt werden.  (aus der FAZ vom 8. Juni 2021)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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