Adel verzichtet

Erbacher Marcobrunn. Nur wenige Weinberge in der Welt haben einen ähnlich klangvollen Namen wie der im zwölften Jahrhundert angelegte Wingert. Schon 1726 zierte der Name eine Weinflasche. Thomas Jefferson machte dem Marcobrunn bei einer Europareise im Frühjahr 1788 seine Aufwartung. Johann Wolfgang von Goethe und Theodor Fontane schwärmten von ihm als einem der edelsten deutschen Weine. Kein Wunder, dass der sieben Hektar große Weinberg zwischen Erbach und Hattenheim fast immer im Besitz eines halben Dutzends adeliger Weingüter war. Doch das ist Vergangenheit.

Der Wandel, den der Rheingau als eines der renommiertesten Anbaugebiete der Welt durchlebt, macht nicht einmal vor seinen Ikonen halt. Am Marcobrunn lässt sich diese Facette am deutlichsten ablesen: Der Weinadel dankt ab, teils jahrhundertealte Traditionen gehen zu Ende.

Für das Domänenweingut Schloss Schönborn erklärte Paul Graf von Schönborn zu Beginn dieses Jahres unerwartet den Rückzug aus dem Rheingau. 30 Hektar bester Lagen zwischen Lorch und Hochheim sollten verpachtet werden, darunter ein Drittel des berühmten Marcobrunn. Die Weinbergsparzellen hatte Graf Philipp Erwein von Schönborn 1642 erworben – es sind die Filetstücke der Lage.

Für die Region und ihre Winzer, die immer neidvoll auf das Lagenportfolio von Schloss Schönborn geblickt hatten, war die Ankündigung ein Schock. Nur die Staatsweingüter, die ihre Wurzeln in einer erst nassauischen und dann preußischen Weinbaudomäne haben, sind noch üppiger mit besten Lagen ausgestattet. Entsprechend groß war das Interesse vieler Winzer, Schönborn’sche Flächen zu übernehmen. „Die Geier kreisen schon“, hieß es nach der Ankündigung.

Für die interessierte Öffentlichkeit war die Ankündigung ein Déjà-vu. Nur drei Jahre zuvor hatte Georg-Reinhard Freiherr Langwerth von Simmern einen vergleichbaren Schritt unternommen. Der 554. Jahrgang sollte der letzte sein, der in dem Keller des Gutshauses in Eltville ausgebaut wurde. Ein kleinerer Teil der Weinberge wurde verkauft, der größere verpachtet. Die Familie zog in ihr bei Hannover gelegenes Rittergut Wichtringhausen: Zuckerrüben statt Reben, denn die Pflege historischer Anwesen sei mit Weinbau allein nicht mehr zu finanzieren.

Dabei reicht die Geschichte der Rheingauer Familie bis in das Jahr 1464 zurück. Johann Langwerth von Simmern war für seine Verdienste als Kanzler des Herzogs Ludwig von Pfalz-Zweibrücken mit rund sechs Hektar der Spitzenlage Hattenheimer Mannberg belohnt worden. Dass sein Nachfahre Georg-Reinhard dort schon vor gut zwei Jahrzehnten Wohnungsbau zulassen wollte, war ein frühes Indiz für eine am Ende unausweichliche Entwicklung. Jetzt ist der Langwerther Hof in der Hand von Bauunternehmern aus Schlüchtern.

Noch älter ist die Weinbaugeschichte von Schloss Reinhartshausen, auch wenn das Gut erst 1883 in preußischen Besitz kam, dann aber bis 1987 von der Administration des Prinzen von Preußen bewirtschaftet wurde. Heute ist das Weingut im Besitz der Pfälzer Winzerfamilie Lergenmüller. Auch die Fürsten Metternich auf Schloss Johannisberg und die Grafen Matuschka-Greiffenclau auf Schloss Vollrads, die Ritter zu Groenesteyn in Kiedrich und die Grafen Eltz am Eltviller Rheinufer haben ihre Weingüter nicht halten können oder wollen.

Die Gründe für den Niedergang des adeligen Weinbaus sind vielfältig. Die Kosten für die Mitarbeiter und den Unterhalt lassen sich in einem immer schärferen Wettbewerb nicht mehr mit Wein refinanzieren. Der Markt gesteht alteingesessenen Adelsgütern nicht den notwendigen Mehrertrag je Flasche zu. Junge, innovative und zumeist in Geisenheim bestens ausgebildete Winzer übernahmen im Rheingau in den Achtzigern die Qualitätsführerschaft. Zudem verlangt der Markt zunehmend authentische Persönlichkeiten hinter den Weinen. Ein Weingut nur zu besitzen, das genügte nicht mehr.

Weinbaupräsident Peter Seyffardt sieht als weiteren Grund für die Abdankung des Weinadels das Weingesetz von 1971, das über den Bedeutungsverlust von Einzellagen und die Gleichmacherei der Mostgewichte zu einer „Sozialisierung des Weinbaus“ beigetragen habe. Der Vorteil der großen Adelsgüter, Spezialisten beschäftigen zu können, schwand, je mehr Winzer in Geisenheim studiert hatten.

Graf Schönborn will sich nun ganz auf das fränkische Schwesterweingut Schloss Hallburg unweit des Stammsitzes der Familie konzentrieren. Ganz ähnlich waren die Fürsten Löwenstein verfahren. Sie hatten nach der Übernahme von Schloss Vollrads durch die Nassauische Sparkasse 1997 ihre Weinberge rund um Hallgarten, zuvor knapp zwei Jahrzehnte an den Grafen Matuschka-Greiffenclau verpachtet, wieder in eigene Obhut genommen. Ein Erfolg wurde es nie. 2008 entschied der Erbprinz, sich ganz auf den Standort in Franken zu konzentrieren.

„Es sortiert sich alles neu“, sagt der Kiedricher Spitzenwinzer Wilhelm Weil. Nach zwei Jahrzehnten stabiler Verhältnisse sieht er einen beschleunigten Transformationsprozess. Das sei kein Grund zur Klage und auch nicht dem Adel anzulasten. Weil freut sich über „neue Dynamik“ und eine Aufbruchstimmung in der Region. Wie schon bei der Auflösung adeliger Weingüter in früheren Fällen fällt auch durch den Rückzug von Schönborn kein Weinberg brach. Vielmehr ergeben sich Chancen, die in einem bürgerlichen Winzerleben nur einmal kommen. Beispielsweise auf ein Filetstück im Marcobrunn.

Gunter Künstler hat zugegriffen. Zwölf Hektar Rebfläche hat der Hochheimer Winzer vom Grafen Schönborn für die Dauer von 30 Jahren übernommen. Neben dem Marcobrunn auch die fünf Hektar große Monopollage Pfaffenberg. „Weltklasse-Weinberge haben mich immer gereizt“, sagt Künstler: „Ein guter Weinberg macht so viel Arbeit wie ein schlechter.“ Künstler ist bereit, in gute Weinberge viel Leidenschaft und Engagement zu stecken: „Qualität kommt von Qual.“

Für Künstler gilt der Marcobrunn als „der Montrachet des Rheingaus“, auch wenn einige seiner Kollegen dieser tiefgelegenen und warmen Lage wegen des Klimawandels langfristig nicht das beste Potential für Spitzenweine zubilligen. Für Künstler überwältigt der Marcobrunner „mit Saftigkeit, Finesse und barocker Opulenz“. Neben Künstler haben vier weitere Winzer ehemals „adelige“ Flächen in Pacht oder als Eigentum übernommen.

Der Wandel geht aber weit über die Adelsgüter hinaus. Das renommierte Weingut Georg Breuer (Rüdesheim) hat vor wenigen Jahren die Kernlagen des Lorcher Weinguts Altenkirch übernommen. Der Wiesbadener Verleger und Publizist Ralf Frenzel hat in eine Mehrheitsbeteiligung der Weingüter Wegeler mit Standorten im Rheingau und an der Mosel investiert. Das sind nur zwei Beispiele für eine neue Dynamik. Für Wilhelm Weil überwiegen die positiven Seiten dieser Entwicklung: „Das Interesse am Rheingau von innen und außen ist groß.“

Nur für ausländisches Kapital ist der Rheingau bislang weitgehend uninteressant. Dieser Befund geht über die Region hinaus. Deutscher Wein hat zu wenig Reputation und kein klares Profil, und die Nische für Riesling ist im globalen Maßstab verschwindend klein. Von einem Statussymbol ist er weit entfernt. Da werden Investoren selbst wegen des Angebots von 30 Hektar Spitzenlagen im Rheingau nicht hellhörig. Die Branche rechnet dennoch mit der Veräußerung weiterer Weingüter, auch solcher mit großen Namen.

Mit der Corona-Krise hat das unmittelbar wenig zu tun, aber Wilhelm Weil sieht in der Pandemie dennoch einen Katalysator, der Veränderungsprozesse beschleunigt. Nicht nur, aber eben auch in der Weinwirtschaft. Die Schwierigkeiten mancher Adelsgüter seien die Schwierigkeiten der gesamten Branche, sagt er. Es werde neue Mitspieler im Markt geben und weitere Veränderungen selbst bei etablierten Gütern. Für Weil ist das ein Anzeichen für einen „positiven Umbruch“. Wer Erfolg haben wolle, müsse sich der digitalisierten Welt anpassen und sie mit der analogen Weinwelt verzahnen. Das gelinge nicht jedem.

Vermutlich wird sich der Strukturwandel noch beschleunigen. Die Tendenz geht nur in eine Richtung: Immer weniger Weingüter bewirtschaften immer mehr Fläche. Gute Weinberge sind gesucht, die Pachtpreise steigen. Nach einem Befund der Hochschule Geisenheim lässt das betriebswirtschaftliche Knowhow vielerorts aber noch immer zu wünschen übrig. Viele Güter kennten noch nicht einmal ihre Produktionskosten, lautete kürzlich eine niederschmetternde Analyse der Betriebswirtschaftlerin Simone Loose. Vor zehn Jahren registrierte das Eltviller Weinbauamt noch 850 Betriebe in der Region. Heute sind es weniger als 600. Knapp zehn Prozent von ihnen bewirtschaften schon mehr als die Hälfte der 3200 Hektar Rebfläche. (aus der FAZ vom 15.5.2021)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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