Schafft die Spätlese ab!

Profilierung bedeutet Verzicht, und mit dieser These ist schon ein Teil der Misere des deutschen Weinbaus beschrieben. Zwar ist es weitgehend Konsens in der Branche, dass das deutsche Weinbezeichnungsrecht zu kompliziert ist und dass gegenüber dem Verbraucher mehr Klarheit und Wahrheit nötig wäre. Doch in der Praxis folgen daraus nach der Novellierung des Weingesetzes keine nachvollziehbaren Konsequenzen. Verzichten fällt eben schwer. Die dem neuen Weingesetz zugrundeliegende Absicht, der Herkunft des Weines mehr Bedeutung zu geben als dem Mostgewicht, ist allerdings richtig und nach drei Jahrzehnten Weinbau unter den spürbaren Auswirkungen des Klimawandels längst überfällig.

Wer neben dem Winzer den Weinberg als Produktionsort der Trauben und nicht die Öchslegrade als entscheidend für die Weinqualität hält, der muss das Weingesetz entsprechend umgestalten. Dass in den seit alters her bekannten besten Weinbergen, den Großen Lagen, geerntete trockene Weine nun bundesweit „Große Gewächse“ genannt werden dürfen und dass solche aus kaum wenig von der Natur begünstigten Ersten Lagen bald „Erste Gewächse“ heißen, ist folgerichtig. Auch wenn der Kampf um die Details erst noch entbrennen dürfte. Gleichzeitig hätte der Gesetzgeber jedoch für trockene Weine die alte Qualitätspyramide aus Kabinett, Spätlese und Auslese abschaffen müsse. Nun tritt das neue System für trockene Spitzenweine neben das alte und schafft noch mehr Verwirrung.

Nicht minder ärgerlich ist, dass die Verbrauchertäuschung namens Großlage nicht gänzlich aus dem Bezeichnungsrecht getilgt, sondern allenfalls abgeschwächt wurde. Künftig wird aus dem „Rauenthaler Steinmächer“ auf dem Etikett die „Region Steinmächer“. Für den so bezeichneten Tropfen dürfen unverändert Weinpartien aus bis zu 27 verschiedenen Einzellagen im gesamten vorderen Rheingau zusammengemixt werden. Zudem gilt für die Erzeuger eine großzügige Übergangsfrist bis 2025. Ein großer Wurf ist das novellierte Weingesetz trotz einiger Verbesserungen also nicht. Dabei war im Gesetzentwurf die Ausgangslage in erfreulicher Klarheit beschrieben worden: „Deutscher Wein verliert im internationalen Vergleich seit Jahren kontinuierlich Marktanteile.“

Gefragt waren daher „Maßnahmen zur Marktstabilisierung sowie Möglichkeiten zur Absatzsteigerung und Wertschöpfung“. Daran gemessen, geht der Gesetzgeber nur sehr kleine Schritte und nimmt dabei zu viel Rücksicht auf Genossenschaften und Kellereien. Der Rheingau immerhin hat sich in die Weinbaugeschichte eingetragen: Er hat dem deutschen Weinbau das „Erste Gewächs“ geschenkt.  (aus der FAZ vom 15. April 2021)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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