Debakel für Frankreich

Es war ein Schlag ins Gesicht der Grande Nation. Eine Demütigung der führenden Weinbaunation der Welt. Ausgerechnet im Herzen Frankreichs, in Paris, fand im Frühjahr 1976 jene denkwürdige Blindverkostung statt, bei der eine fast ausschließlich mit französischen Weinkennern besetzte Jury zu einem sensationellen Ergebnis kam: Die besten Chardonnay- und Cabernet Sauvignon-Weine kommen nicht aus Frankreich, sondern aus den Vereinigten Staaten. Alle elf Juroren hatten die Höchstpunkte entweder dem Wein des Weingutes Chalone oder dem Chateau Montelena in Kalifornien gegeben.

Verantwortlich für das „Waterloo“ des französischen Weinbaus war ausgerechnet ein Engländer, der Weinhändler Steven Spurrier. Er hatte die Probe jeweils zehn weißer und roter Spitzenweine beider Nationen anlässlich 200 Jahren Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten organisiert. Interessiert hatte sich damals dafür seinerzeit nur ein einziger Journalist, doch dessen kurze Notiz im Time Magazin löst in der Weinwelt ein wahres Erdbeben aus. Spurrier war fortan in den französischen Anbaugebieten ein unerwünschter Gast, doch die Wirkungen der Weinprobe waren enorm. Der Mythos des überlegenen französischen Weines war erschüttert, und die Neue Weinwelt gewann an Prestige und erhielt einen Schub, der dazu beitrug, Anbauflächen auszuweiten und weiter in hohe Qualitäten zu investieren.

Von der Probe wurde später nicht nur überliefert, dass einige peinlich berührte Juroren nachträglich versuchten, ihre Bewertungen zu korrigieren. Vielmehr hatten sich die meisten bei der Zuordnung der Weine gründlich geirrt und sich teils abfällig über vermeintlich amerikanische Weine geäußert, die dann aber tatsächlich französischen Ursprungs waren, und sie hatten kalifornische Rotweine als „die Größe Frankreichs“ gelobt. Noch Jahre später verweigerten Jurymitglieder Interviews zu jener Probe.

Die französischen Medien schwiegen sie zunächst tot, danach spielten sie ihr Ergebnis herunter, weil es nicht die Langlebigkeit der französischen Gewächse berücksichtige. Doch Nachproben in späteren Jahren bestätigten mehrfach im Wesentlichen die Ergebnisse von Paris. Die Bedeutung jener Probe zeigte sich auch daran, dass sie Hollywood im Jahr 2008 zu der amüsanten Spielfilm-Ode („Bottle Shock“) auf den kalifornischen Chardonnay und das Aufeinandertreffen zweier Weinkulturen inspirierte.

Vier Jahrzehnten danach erging es den Franzosen im Rheingau nicht anders. „Ein Debakel für Frankreich“, fasste der Leiter des Rheingau Gourmet und Wein Festivals, Hans-Burkhardt Ullrich, das Ergebnis der Blindprobe im Hattenheimer Kronenschlösschen zusammen.

Die Jury waren diesmal 40 weinerfahrene Gäste des Festivals, die Weine stammten fast ausschließlich aus den damals vertretenen Gütern, allerdings nicht mehr aus den seinerzeit verkosteten Jahrgängen. Das Ergebnis war dennoch überraschend: Bei den zehn Chardonnay der Jahrgänge 2005 und 2011 setzten sich gleich drei Amerikaner an die Spitze – Sieger war das Weingut El Molino -, während drei französische, teils sehr teure Burgunder die Schlusslichter bildeten. Unter den zehn Cabernet Sauvignon-Weinen aus dem Jahrgang 1995 belegten die Kalifornier sogar die ersten vier Plätze, angeführt von Bacio Divino. Das berühmte  Chateau Haut-Brion kam hingegen als bester Franzose nur auf Rang fünf, Chateau Mouton-Rothschild landete gar abgeschlagen auf dem vorletzten Platz. Das war deutlich schlechter als vor 40 Jahren, als das Prestige-Weingut nur einen Wimpernschlag hinter dem kalifornischen Sieger Stag´s Leap Wine Cellars immerhin Rang zwei gewann. Für Moderator Jan Paulson ein höchst erstaunliches Ergebnis. Auch dieser erfahrendste Weinexperte der Probe hatte sich bei Zuordnung einige Male geirrt, ganz wie seine Kollegen vor 40 Jahren. Ich selbst, das gebe ich freimütig zu, habe mich an der Länderzuordnung erst gar nicht beteiligt… aber ausnahmsweise waren meine Favoriten diesmal tatsächlich auch die Gewinner !  

Das Ergebnis

Cabernet Sauvignon (alle Jahrgang 1995)

  1. Platz Bacio Divino vor Ridge Monte Bello und Josef Phelps Backus Vineyard sowie Chateau Montelena.
  2. Platz Haut Brion vor Caymus Special Selection und Lynch Bages, danach Leoville-Las-Cases, Mouton Rothschild und am Ende Chateau Montrose.

Chardonnay (alle 2005 oder 2011)

  1. Platz El Molino Winery vor Ramey Wine Hudson Vineyards und Ridge Montelbello
  2. Platz Domaine de Comtes Lafon “Clos de la Barre” vor Michel Bouzereau “Perrieres” und Chateau Montelena, dem Sieger von 1976
  3. Platz Newton mit Chardonnay unfiltered vor Francois Mikulski „Les Genevrieres 1er Cru“, Henri Darnat „Les Champs Gains 1er Cru“ und dem Schlusslicht (!) Georges de Vogüe „Domaine Comte“

 

(Text entspricht weitgehend meinem FAZ-Artikel vom 29. Februar)