• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Back in Paradies - Südafrika 2018

Wer den Überblick über die Zahl seiner Südafrika-Reisen verloren hat und (fast) das ganze Land einschließlich der großen Städte, der Natur- und Tierparks schon erkundet hat, der konzentriert sich mit Freuden auf das Wesentliche: Franschhoek und Hermanus, Paradiese für Weinfreaks und Genießer. Und er nimmt immer wieder neue Ziele in den Fokus, beispielsweise das Swartland, das nicht vinologisches, aber geografische Neuland war. Unter dem Strich bleibt zu sagen, dass vor allem die zunehmende Konzentration auf Chenin blanc und Shiraz dem Weinprofil des Landes gut tut, dass es fantastisch gute Pinotage-Weine und Chardonnays sowie weiße und rote Blends gibt, und dass ich der vielen grasig-grünen Sauvignons etwas müde bin...  

Stellenbosch/ Franschhoek

Daher ging es auch diesmal wieder in Franschhoek los. Der kleine, im 17. Jahrhundert von aus Europa geflüchteten Hugenotten gegründete Ort ist die eigentliche Wein- und Gourmet“hauptstadt“ am Kap. Eine Fülle großartiger Weingüter (meine Lieblinge: La Motte, Moreson, Mullineux & Leeu, Grande Provence, Boschendal sowie Colmant für ausgezeichnete Sekte) und stylisher Top- Restaurants, wobei sich die Szene stetig wandelt. Fest etabliert hat sich inzwischen Foliage an der Main Street unweit des Hugenotten-Denkmals mit einer fordernden und zugleich begeisternden Aromaküche (auch dank des schon früh am Morgen rauchenden Smokers vor dem Haus), großartige Variationen von Forelle und Rind, dazu passte sehr gut der 2015 Chenin Organic von Reyneke).

Stellenbosch ist keine 30 Autominuten entfernt, eine quirlige, lärmende, laute, zunehmend verkehrsgeplagte Uni-Stadt mit einem überschaubar-kleinen Zentrum. Wer das liebt, luncht im Wijnhuis mit seiner großartigen Weinauswahl. Wer nicht, der fährt ins Grüne, bsp. zu Simonsig. Schöne Terrasse, guter Service, nur die Bestuhlung des Gutsrestaurants ist ein Graus. Der 2017er Chardonnay und ein 2016 Chenin en Chevre harmonieren hervorragend mit Kudu-Carpaccio und Filetsteak. Noch besser allerdings gefällt es uns bei Dornier, zumal die Weine immer besser werden. Diese Terrasse ist ein Paradies, und der neue 2017 Chenin blanc Moordenaarskloof hat uns sogar noch besser gefallen als der 2017 Bush Vine Chenin!

Doch zurück nach Franschhoek. „Reubens“ residiert jetzt an neuer Stelle in einem umgebauten, historischen Lagerhaus und ist ein Muss mit seiner feinen Küche. Meinen Springbok begleitete der 2017 Chenin blanc von Holden Manz perfekt.

Für einen Sekt-Frühschoppen empfiehlt sich Haut Cabriere (Pierre Jourdan Belle Rose brut und Weiß brut) schon wegen der phänomenalen Aussicht ins Franschhoek-Tal, allerdings sind die Sekte von Colmant (Brut Reserve) eine Klasse besser und deutlich ausdrucksstärker. Mein Lieblingsplatz ist allerdings der Innenhof von La Motte (2017 Sauvignon blanc und 2016 Chardonnay), wo der Wein noch besser schmeckt, wenn man zuvor die schweißtreibende 6 km-Tour auf dem hauseigenen Wanderweg bewältigt hat!). Wer sich mit solider Küchenleistung begnügen will, ist im French Connection genau richtig. Doch der noch immer günstige Rand-Kurs erlaubt auch zwei außergewöhnliche Gourmet-Erlebnisse: Grand Provence ist ein wunderschön gelegenes Weingut und den besten Wein zu abendlichen 4-Gang-Menü wählt man am besten zuvor bei einer Probe in der stilvollen Vinothek aus: (2017 Sauvignon blanc, 2017 Chenin blanc, 2017 Chardonnay sowie 2015 Viognier-Chenin, 2016 Amphora)

Ein kleiner Ausflug führt zu Babylonstoren, dem „Mechthildshausen“ von Südafrika, mit ausgedehnten Gärten, die erkundet werden sollen. Eine weitläufige, top-gepflegte Öko-Farm mit schönem Hofladen und absolut sehenswert. Die Weine allerdings – nun ja – haben noch gaaaaaanz viel Luft nach oben. Die Rotweine sind sämtlich zu süß geraten und ohne Charakter, selbst der Top-Wein 2015 „Nebukandnesar“. Ganz gut ist der knochentrockene Sekt „Sparkel“, allerdings wird er zu einem lächerlich-futuristischen Preis von umgerechnet 40 Euro je Flasche angeboten. Das ist nicht einmal witzig. Ja, man kann im hofeigenen Restaurant Babel gut essen und vielleicht den Chardonnay trinken (auch der zu teuer!), fahre aber besser zum „Nachbarn“ Glen Carlou und genieße zu einem feinen Fisch den drei dort angebotenen Chardonnay im Vergleich… alle gut, vor allem der neue 2015 Curators Collection. Noch stärker aber ist der 2016 Quartz Stone Chardonnay, einer meiner Favoriten. Seit diesem Jahr steht für mich fest, dass man den Abend in Franschhoek, am besten bei Le Coin francais ausklingen lässt, dem neuen Restaurant von Adi Badenhorst, dem früheren Chefkoch von Grande Provence. Das ist Küche auf Sterneniveau ohne zu viel Chichi…. klasse!

Hermanus

Es gibt einen neuen Stern in der Restaurantszene an der Walker Bay: das Heritage Cottage ist ein wirklich gemütliches Restaurant am Marine Drive, guter Service, kleine, aber feine Karte und gute Weinauswahl der Region. Hier den 2012 Maritimus von Sumaridge trinken zu können gab letztlich den Ausschlag, das Weingut mal wieder zu besuchen und dort einen phänomenalen kleinen Lunch auf dem Balkon mit Blick ins Tal und einer begleitenden Weinprobe (Top der 2014 Chardonnay, schwach der Sekt) zu genießen. Das ist nur schwer zu toppen, geht aber am Ende einer Route durch das Hemel-en-Aarde-Valley, meiner Lieblingsweinroute in Südafrika, wo ein Top-Weingut neben dem anderen liegt, von Hamilton Russel über Bouchard-Finlayson bis zu Ataraxia. Fast am Ende lockt Creation, und der Sieben-Gang-Tapas-Lunch mit begleitenden Weinen ist vielleicht das Beste, was sich im Tal anstellen lässt…. (das stimmt natürlich nur für Weinfreaks, denn das Beste an Hermanus ist der 11 km lange, naturnahe Uferpfad zwischen Grotto Beach und dem neuen Hafen…. Neben dem Heritage Cottage gibt es mit der Char´d Grill und Wine Bar im Zentrum noch ein besuchenswertes neues Lokal, hier sind Steaks Trumpf.

Erstmals hatten wir genügend Zeit, mal wieder einen Abstecher nach Stanford und Gansbaai zu machen, beides nicht unbedingt sehenswert. Die idyllisch gelegene Springfontein Wine Estate außerhalb von Stanford mit Gastgeberin Susanne Schneider sollte sich allerdings niemand entgehen lassen. Location sehenswert, Essen superb, Weine sehr gut und endlich mal etwas gereift. Das beste Dinner freilich gibt es nach wie vor im Harbour Rock Restaurant, hier ist der Kingklip eine Offenbarung und die Weinauswahl aus dem Tal sehr gut.

Swartland

Das Markenzeichen des Swartland eine Autostunde nördlich von Kapstadt sind die Bush-Weine... einfach großartig, welche finessenreichen, komplexen und eleganten Weine mit moderatem Alkoholgehalt die besten Winzer hier der Natur unter klimatisch schwierigen Bedingungen ohne Bewässerung abringen... Hut ab, Korkenzieher raus! Hier ist alles ein wenig einfacher, trockener, heißer, gemächlicher, beschaulicher, ursprünglicher, authentischer und touristenärmer… lohnt sich also in jedem Fall, und Riebeek-Kasteel ist genau der richtige Ausgangspunkt! Auch kulinarisch sieht es hier gar nicht so übel aus, auch wenn sich ein Vergleich mit Franschhoek verbietet, empfehlenswert sind unter anderem Old Dalby, Red Tin Roof, Olive Bistro, Eve´s und The Royal Hotel. Allesverloren hätte ein besseres Restaurant verdient..., für den Wein zwischendurch die One Wine Bar und den Alechemist...

Wir haben uns hier viel Zeit genommen, uns einen Eindruck zu verschaffen und zu ergründen, warum der Ruf der Weine so herausragend ist.

Dazu schaut man sich am besten erstmals die Niederungen, die Basis an: Riebeek Cellars beispielsweise, eine Art Genossenschaftskellerei mit großer Auswahl (Preise ab 2,50 Euro je Flasche, in der Spitze aber immerhin 10 Euro). Unter den Spitzenweinen der Kasteelberg-Range fällt der 2015 Chardonnay als vorzeigbar auf, während der 2015 Pinotage eher süß und plump wirkt. Noch nüchterner fällt die Bilanz bei der Swartland Winery nahe Malmesbury aus. Auch der Spitzen-Weißwein, ein 2015 Chenin Blanc aus der Bush Vine-Range (immerhin 4,50 Euro!) ist eher zu vernachlässigen.

Betrachten wir also den Mittelbau: Klovenburg beispielsweise, ein 84 Hektar-Wein- und Oliven-Gut in Riebeek, dessen Sauvignon blanc durch seine klare, schöne Frucht gut gefällt. Der Chardonnay aus dem Holzfass ist ebenfalls ordentlich gelungen, wenn auch kein Straßenfeger. Sehr schön hingegen der „Eight Feet White“, eine Chenin-getragene Cuvée mit Schmelz und Charakter, die ich später auch nochmal in einem Restaurant bestellt habe. Oder auch Pulpit Rock Wines - ein 500 Hektar-Weingut... seit 2003 von Familie Brink gewissermaßen aus dem Swartland-Boden gestampft... klar, dass nur der kleinste Teil selbst in Flaschen gefüllt wird, die Reserve-Weine (2015 Chardonnay und 2017 Sauvignon blanc) können sich aber schmecken lassen... und auch hier etwas Bemerkenswertes: der 2013er Louisa-Blend aus Pinotage, Shiraz und Cabernet Sauvignon hat den auf die Flasche aufgeklebten Medaillenregen tatsächlich verdient... fein, rund, komplex, strukturiert, top!

Bleiben die Top-Betriebe, die wie überall mit Qualität und Anspruch (und Preisen!) vorangehen und dem Rest den Weg bereiten: Wir haben viel Badenhorst und auch Sadie Familiy Wines getrunken und uns Allesverloren, Mullineux und David und Nadia näher angesehen und ausgiebig verkostet. Dabei hat uns vor allem die Finesse und Komplexität der Weine überzeugt, und das alles bei moderatem Alkoholgehalt!

Bei Allesverloren stachen für mich 2016 Shiraz (!!!), 2015 Tinta Barocca und 2016 Touriga Nacional heraus, aber auch der 2015 Cabernet Sauvignon und der 2017 Chenin blanc (einziger Weißwein des Guts) waren überzeugend. Ein Erlebnis der Besuch auf der Roundstone Farm von Mullineux und Dank an Nicola Tipping für die Probe. Schon die Kloof-Street-Range (2017 Chenin und Rouge) ist absolut überzeugend geraten und wäre in Südafrika wohl mein Brot- und Butter-Wein. Einer der besten Shiraz dieser Reise war der 2015 Syrah, nur getoppt von seinem wirklichen großen Bruder, dem 2015 Schist Syrah, dem wohl besten aller verkosteten Rotweine. Da konnte sogar der Zwilling 2015 Syrah Iron nicht ganz mithalten. Leider waren die beiden Chenins Granite und Quartz nicht auf Roundstone zu verkosten, das heben wir uns für 2019 auf! Nicht minder spannend als bei Mullineux war die Probe bei David und Nadia in Malmesbury: 2016 Chenin blanc, 2016 Aristargos, 2016 Grenache und der absolut ungewöhnlich, außergewöhnliche Pinotage, der eine völlig neue Interpretation dieser Rebsorte darstellt. Das ist in diesem ungemein sympathischen, authentischen Weingut so ganz anders als bsp. Kanonkop und dennoch so außergewöhnlich gut, dass diesem erst wenige Jahre alten Weingut noch eine große Zukunft bevorsteht. Die Erfolgsgeschichte des Swartland als Weinregion scheint noch lange nicht zu Ende geschrieben, und es gibt immer neue Entwicklungen wie bsp. das Weingut Meerhof, das erst im November aus Antebellum und Redelinghuys Familiy Vineyards hervorgegangen ist. Noch ist die Weinauswahl klein und die Qualität ausbaufähig, aber das Potential an diesem Berg ist gewaltig. Das werden wir uns dann in einigen Jahren noch einmal ansehen… zumindest ist diese Absicht mit dem diesjährigen Abschiedstrunk (Asara 2017 Chenin blanc Vineyard Selection) bekräftigt worden.

Essay: Hat Riesling Zukunft?

Die Winzer sprechen gern von der wertvollsten Rebsorte der Welt. Doch der Weinmarkt sendet andere Signale. Riesling ist ein allenfalls stagnierendes Nischenprodukt. Auf den Rebflächen der drei größten Weinbaunationen der Welt, Spanien, Frankreich und Italien, spielt Riesling keine Rolle. Mit einer weltweiten Anbaufläche von 50.000 Hektar liegt Riesling - gemessen an globalen Rebfläche von 5,6 Millionen Hektar – auf dem bescheidenen 18. Rang. Riesling ist vor allem eine deutsche Rebsorte. Hierzulande steht knapp die Hälfte aller Riesling-Rebstöcke weltweit, dahinter folgen das Elsass, Australien, die Ukraine und die Vereinigten Staaten. Während der „Rheingauer Weinbauwoche“ warfen die Veranstalter deshalb die Frage auf: „Welche Chancen hat der Riesling?“ Für den Rheingau stellt sich diese Frage umso drängender, als der Riesling allenfalls noch an der Mosel eine derart dominante Rolle spielt. Knapp 80 Prozent der 3200 Hektar Rebfläche sind zwischen Lorch und Hochheim mit dieser Rebsorte bestockt, dahinter ist nur Spätburgunder mit gut zwölf Prozent erwähnenswert. Dem Rest, auch dem in Deutschland derzeit stark nachgefragten Grau- und Weißburgunder, fällt die bescheidene Rolle einer Ergänzung des Sortiments zu.

Das gibt Anlass zum Selbstzweifel und zur Risikoabschätzung: „Treffen wir Erwartungen und Geschmack der Kunden? Sind unsere Weinprofile richtig? Und wo müssen wir nachjustieren?“ Fragen, die Weinbaupräsident Peter Seyffardt formulierte, und die auch nach langer Diskussion nicht eindeutig beantwortet waren. Im Lebensmitteleinzelhandel und im Discount kommt Riesling jedenfalls auch in Deutschland nicht über die Nische hinaus. Das bestätigte Mathias Müller vom Unternehmen „Quality Wein Select“, das zur Langguth-Gruppe gehört und bekannte Weinmarken wie die „Erben Spätlese“ im Portfolio hat. In den Supermärkten läuft Riesling laut Müller vor allem dann, wenn er halbtrocken oder feinherb schmeckt und die Süße im Wein die markante Säure des Rieslings „abdeckt“.

Für Rheingauer Erzeuger wie Wilhelm Weil, der auf 100 Hektar Rebfläche 100 Prozent Riesling erntet, ist das allerdings keine Option. Bei Weil beginnen die Flaschenpreise mit 15 Euro da, wo sie bei Müller schon lange enden. Nach Ansicht von Weil muss der Riesling im Rheingau die Leitrebsorte für Weißwein bleiben, weil die Winzer für diese Rebsorte eine „Kernkompetenz“ erarbeitet hätten, von denen andere Anbaugebiete weit entfernt seien. Weil nannte beispielhaft Rheinhessen, wo Riesling preislich inzwischen hinter die Burgundersorten zurückgefallen sei. Auch der Hochheimer Winzer Gunter Künstler warnte seine Winzerkollegen davor, mit Abstrichen beim Riesling „Profil und Gesicht zu verlieren“. „Die Zukunft unserer Leitrebsorte Riesling ist wichtig für die ganze Region“, seine vielen Facetten müssen den Kunden noch deutlicher präsentiert werden,“ meint Andrea Engelmann, die Geschäftsführerin der Rheingauer Weinwerbung. „Was wir nicht können, das ist billig“, sagt Theresa Breuer vom Rüdesheimer Weingut Breuer. Sie exportiert zwei Drittel ihrer Produktion und bestätigt, dass im Ausland deutlich höhere Flaschenpreise akzeptiert werden als im Inland. In diesem hochpreisigen Segment hat auch der Riesling als Rebsorte ein hohes Ansehen, so dass Breuer ihren bislang ebenfalls sehr hochpreisigen Grauburgunder nun als preiswerten „Türöffner“ anbietet. Seither werde ihr diese Rebsorte aus dem Händen gerissen.

Die Vorlieben und Gewohnheiten der Freunde des Rheingauer Weins und der Riesling-Trinker haben im Auftrag des Deutschen Weininstituts die Marktforscher von „Wine Intelligence“ erkundet. Grundlage sind Online-Befragungen von 145.000 Weinkonsumenten allein im vergangenen Jahr. Evelyn Pabst stellte dazu Sonderauswertungen für den Rheingau und die Rebsorte Riesling vor. Demnach gibt es in Deutschland immerhin 27,5 Millionen regelmäßige (mindestens 1x Monat) Weintrinker, von denen drei Viertel sogar  wöchentlich zum Glas greifen. Sie tun das in einem „robusten und gesättigten Weinmarkt“, dem größten Weinimportmarkt der Welt, in dem Wachstum nur noch durch Verdrängung der Konkurrenz möglich ist. Die Rebsorte ist nach ihren Analysen das wichtigste Kriterium bei der Kaufentscheidung, und Riesling ist für sie die bedeutendste Rebsorte mit der größten Reichweite unter den Kunden.

Riesling-Freunde sind demnach anspruchsvoller, wählerischer und experimentier- und trinkfreudiger als andere Weinkonsumenten, und sie halten sich tendenziell für kenntnisreicher. Pabst rät den Winzern, ältere Genießer und nachwachsende jüngere Weinfreunde mit unterschiedlichen Weinen und Strategien anzusprechen, weil diese beiden Gruppen unterschiedliche Vorlieben haben und auch nach unterschiedlichen Kriterien einkaufen. Dass der Riesling aus seiner Nische kommt, ist nach Meinung aller Experten nicht zu erwarten. Dass er in dieser Nische weiterhin Erfolg haben kann, ist ebenso unbestritten. Einen Nachteil in dieser Rolle sieht auch Britta Wiegelmann, die neue Chefredakteurin des Weinführers Gault Millau, nicht: „Die ganze Welt muss nicht Riesling trinken.“ (angelehnt an meinen Text in der FAZ vom 19.01.2018)

Weinbergsreise am Bildschirm

Den Anstoß gab eine Anfrage aus den Vereinigten Staaten. Ein Weinmagazin suchte zur Illustration eines Porträts über den Rheingau eine Karte, in der die herausragenden deutschen Weinberge verzeichnet sind. Eine solche gab es zwar. Allerdings als gedruckte Variante, mehr als 20 Jahre alt und daher nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Das war vor drei Jahren, und der VDP nahm den Wunsch aus Amerika zum Anlass, eine interaktive digitale Karte mit umfassenden Informationen einschließlich Fotografien in Auftrag zu geben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wer in diesem Frühjahr einen Spaziergang durch die Weinberge unternimmt, der kann seine genaue Position in der jeweiligen Lage mit der App VDP.Weinberg.Mobil bestimmen, sich orientieren und das Terroir des Weinbergs erkunden. Diese App soll zur Düsseldorfer Weinmesse Prowein Ende März zur Installation auf dem Smartphone bereit stehen. Schon von heute (Montag) an ist hingegen „VDP.Weinberg.Online“ als Internetseite ansteuerbar.

Dort findet sich eine interaktive Landkarte aller Weinberge, in denen nach Ansicht des VDP die besten deutschen Weine geerntet werden. Die Internetseite ermöglicht eine digitale Weinbergsreise. Über die Suchfunktion können einzelne Weinberge, Regionen, Weindörfer und Weingüter entdeckt werden. Wer einen Weinberg anklickt, erhält Informationen über die dort produzierenden VDP-Winzer, Fakten über Hangneigung, Höhe, Ausrichtung, Boden und Klima sowie einen beschreibenden Text zur Geschichte, den Eigenheiten und Besonderheiten des Weinbergs. Die Klimadaten lieferte der Deutsche Wetterdienst. Über den Rüdesheimer Schlossberg beispielsweise erfährt der Leser, dass rund 25 Hektar in einer Höhenlage zwischen 120 und 160 Metern für die Erzeugung Großer Gewächse klassifiziert wurden, dass die Hangneigung 45 Prozent beträgt und der Boden von Taunusquarzit und Phyllitschiefer geprägt ist. Zudem werden die Winzer benannt, die in diesem Weinberg mit Reben begütert sind.

Ergänzt wird das in Abstimmung mit dem Deutschen Weininstitut erstellte Angebot durch Texte über die 13 deutschen Weinregionen sowie zahlreiche Zahlen, Daten und Fakten zum Thema Wein. Dazu wurden und werden insgesamt 771 deutsche Weinbergslagen abgegrenzt und digitalisiert. Bei den knapp 200 VDP-Betrieben wurden 4600 einzelne Daten abgefragt. Wenn erst einmal alle Lagen online einsehbar sind, sollen rund 2800 Fotos zu sehen sein. Alle Texte sollen noch ins Englische übersetzt werden – damit bei der nächsten Anfrage aus Amerika nach den besten Weinbergen des Rheingaus ein Link genügt. (aus der FAZ vom 20.01.2018)

Essay: Das Winzersterben

Immer weniger Winzer bewirtschaften immer mehr Fläche. Der Konzentrationsprozess im Rheingau schreitet voran, ohne dass bislang ein Ende absehbar ist. Vor allem Winzer im Nebenerwerb, mit geringer Rebfläche und solche, die ihre Trauben an die verbliebenen Genossenschaften abliefern, geben zunehmend auf. Ein Anstoß ist nicht selten die Flurbereinigung, die wegen der unvermeidbaren Ertragsausfälle über mehrere Jahre, den Umlageverpflichtungen und den hohen Investitionen in die Neuanlage von Weinbergen mancher Winzer nicht stemmen kann oder will. In manch kleinem Betrieb fehlt es auch am Nachfolger. Das führt in der Konsequenz dazu, dass die Zahl der beim Weinbauamt in Eltville registrierten Weingüter seit Jahren stetig zurückgeht. Nach der jüngsten Aufstellung des Weinbauamtes wirtschaften auf den knapp 3200 Hektar Rebfläche im Rheingau derzeit nur noch 600 Betriebe. Vor sechs Jahren waren es noch 800. Ein Rückgang um 25 Prozent seit 2011. Damit hat sich der Konzentrationsprozess nahezu unvermindert fortgesetzt. Vor 20 Jahren waren es sogar noch rund 1500 Winzer in der Region, vor zehn Jahren knapp 1000. Brachflächen allerdings sucht der Besucher vergebens. Flächenhunger und Wachstumsstrategien haben vielmehr dazu geführt, dass die Preise für Rebflächen in den zurückliegenden Jahren deutlich angezogen haben, egal ob es um Pacht oder um Kauf geht. Dazu haben auch einige auswärtige Investoren und Seiteneinsteiger beigetragen, die im Rheingau Weingüter gekauft (Ottes, Hans Lang) oder gegründet (Chat Sauvage, Meine Freiheit) haben und mit ihrer Finanzkraft Rebflächen zugekauft haben. Für die eingesessenen Winzer hat das Vor- und Nachteile: die eigenen Rebflächen werden immer wertvoller, aber eine Expansion ist kaum mehr bezahlbar.

Inzwischen gibt es nur noch rund 200 Betriebe mit weniger als einem Hektar Rebfläche. Vor sechs Jahren waren es noch fast 300. Hingegen ist die Zahl der Betriebe, die mehr als zehn Hektar Rebfläche bewirtschaften, um zehn Prozent auf 72 gestiegen. Diese 72 Weingüter bewirtschaften inzwischen fast 2000 Hektar und damit knapp zwei Drittel der Rheingauer Rebfläche. Eine Entwicklung, die sich fortsetzen dürfte. Dramatisch ist das nicht: Im weltweiten Maßstab sind die Rheingauer Betriebe nach wie vor sehr klein. Dass auch kleinere Betriebe Zukunft haben können, zeigt zudem das Beispiel der Hessischen Bergstraße, wo auf 460 Rebflächen nur sechs Betriebe mit mehr als zehn Hektar wirtschaften, aber 140 mit weniger als einem Hektar und 255 Ablieferer von Winzergenossenschaften. Im Rheingau hingegen hat sich die Zahl der Ablieferer in den vergangenen sechs Jahren von 200 auf 100 halbiert.

Ob auch kleine Betriebe mit fünf oder weniger Hektar langfristig auskömmlich wirtschaften können, hängt allein von der Wertschöpfung ab. Wer Fasswein an Kellereien zu geringen Beträgen verkauft, der benötigt deutlich mehr Fläche zum Überleben als jener Betrieb, der ausschließlich an Privatkunden Flaschenweine verkauft und nebenbei eine Gutsschänke oder Straußwirtschaft betreibt. Sehr zu Freude des Weinschmeckers!

(angelehnt an meinen Text in der FAZ vom 13. Januar 2018)

Aus dem Verkostungstagebuch

Robert Weil, Kiedrich

2009 Gräfenberg Erstes Gewächs Magnum

2013 Gräfenberg Großes Gewächs Magnum

Ich liebe diese große Flaschen. Und ich liebe natürlich auch Weil-Weine. Wenn beides zusammenkommt, ist der Himmel nah. So wie mit diesen beiden Spitzenweinen, die wunderbar die Jahrgangstypizität von 2009 und 2013 ausstrahlen und zugleich unverkennbar Gräfenberg und Weil repräsentierten. Ein Genuß…. (und wenn ich mich entscheiden müsste, votiere ich für 2013…)

Sohns, Geisenheim

Auch Sohns hat jetzt sein Lagenportfolio aufgefächert und ein spannendes Trio im Angebot:

2016 Fuchsberg Riesling trocken

2016 Hasensprung Riesling trocken

2016 Seligmacher Riesling trocken

alle drei auf ihre Weise erfreulich unterschiedlich und zugleich sehr spannend. Der Hasensprung ist jetzt das erste Mal im Angebot und gefällt durch schlanke Präzision und Druck am Gaumen ohne lästiges Zuckerschwänzchen. Dennoch tendiere ich am Ende für den Seligmacher und seinen mineralisch-würzigeren Charakter, der mit auch auf lange Sicht mehr Komplexität und mehr Tiefgang verspricht

Große trockene Lagenweine

Künstler 2015 Hochheimer Kirchenstück GG

Allendorf 2016 Winkeler Jesuitengarten GG

Corvers-Kauter 2016 Berg Schlossberg

… das war ein feines Trio, das ich aus privatem Anlass geöffnet habe… und es offenbarte auf wunderbare Weise die Stärken der Winzer und der jeweiligen Lagen. Mit dem Schlossberg ist Matthias Corvers ein großer Wurf gelungen, Kompliment. Allendorf belegt, warum die Kritiken immer besser werden, und Künstlers Kirchenstück ist ein Monument mit Kraft und Eleganz in Harmonie

Cristom, Orgeon

2010 Willamette Pinot Noir Sommers Reserve – ein ganz feiner Pinot im Stil der Oregon-Winzer, würzig, elegant, kühler Zug, gute Säure, Finesse, Nachhall

Weingut am Stein, Würzburg

2015 Würzburger Innere Leiste Riesling trocken – für mich einer der großen fränkischen Erzeuger. Auch wenn ich die Silvaner aus den Würzburger Spitzenlagen meist den Rieslingen vorziehe, so hat dieser doch wunderbaren Charme, fast cremige Fülle, Finesse und feine Frucht. top!

Allendorf, Winkel

2009 Quercus Superior – da saß mir vor ein paar Jahren mal der Geldbeutel locker, und ich habe eine Kiste dieses Spitzenweins erworben. Gute Entscheidung. Ich habe lange warten müssen, aber jetzt ist der Quercus S. großes Pinot-Kino mit Kraft, Frucht, Fülle und Präzision, inzwischen gut eingebundenen Taninen und feiner Säure. Ein Schätzchen… und das Warten hat sich gelohnt

Schloss Lieser, Mosel

2008 Niederberger Helden Riesling Auslese – großartig! Gute Säure, angemessene Süße, Salzigkeit, nicht zu fett sondern tänzerisch, fein, belebend, klasse!

Thelema, Stellenbosch

2014 Cabernet Sauvignon – ein Geschenk von guten Freunden, um uns langsam auf den heiß ersehnten Urlaub einzutrinken… das gelingt mit diesem Cabernet sehr gut. Betörende Frucht, guter Körper, langer Nachhall, typische Cabernet-Aromen, nicht zu holzig, ein guter Botschafter Südafrikas … und vielleicht halte ich in diesem Jahr auch mal wieder in diesem großartigen Weingut, wenn genügend Zeit bleibt….

Capannelle, Toskana

2009 Chianti Classico DOC Riserva – ich bin wahrlich kein Spezialist für Toskana-Weine, aber dieser hat mich überzeugt. Beginnend fast wie ein Pinot schmeckend (viel Säure) hat sich der Wein unter Luftzufuhr dann recht schnell verändert und typische Sangiovese-Merkmale schmecken lassen. Viel Tabak, etwas Lakritz, gute Frucht, Länge und Tiefgang, molto bene!

Großer Sekt aus großer Lage

Mark Barth und ich mögen es trocken. Staubtrocken. Ehrlich. Authentisch. Gerade heraus. Eben „extra brut“ oder vielleicht sogar „brut nature“. Das schmeckt dann weder dünn noch säuerlich, wie mancher unken mag, sondern nach glasklarer Frucht, nach Rasse und Finesse. Und immer mehr Kunden ziehen mit. Der Riesling-Sekt „extra brut“ ist der Verkaufsschlager im Sortiment. Richtig trocken liegt also wieder im Trend, Rosé im Sommer sowieso, und die Bedeutung der Jahrgangsangabe auf dem Etikett nimmt zu. Das allerdings hat seinen Preis.

Bei Barth beginnt das mit 14 Euro je Flasche. Und nicht weniger als 65 Euro kostet der Premium-Sekt aus dem Spitzenweinberg Hattenheimer Hassel. Dort erzeugt das VDP-Gut seine Großes Gewächs-Weine. Mit dem Unterschied, dass der in dieser Lage gewonnene Sekt nach Ernte im Keller noch fünf Jahre mit der Hefe in der Flasche reift. „Für diesen Aufwand ist der Sekt günstig“, sagt Barth und hat völlig recht.

Barth gehört zu der Handvoll Rheingauer Weingüter, die ihre Sekte von kleineren oder größeren Kellereien herstellen lassen, sondern die gesamte Produktionskette in der eigenen Hand behalten. Fast 30 Jahre ist es her, dass Barths Schwiegervater Norbert der Sekterzeugung besondere Aufmerksamkeit schenkte und die Marktchancen hochwertiger Winzersekte erkannte. Mit seinem „Ultra“-Sekt aus weiß gekeltertem Spätburgunder stieß Barth schon in einer Zeit in ein Preissegment vor, in das sich die wenigsten seiner Kollegen getraut hätten.

Seither ist die Sektproduktion sukzessive immer wichtiger geworden, wichtiger als in fast allen anderen Rheingauer Weingütern. Rund ein Drittel der Traubenernte auf einer Rebfläche von immerhin 20 Hektar wird heute zu Sekt verarbeitet. Während das Gesetz eine Reifezeit von neun Monaten vorschreibt, lässt Barth seinen Sekten mindestens zwei Jahre Zeit. Manche wie der überaus seltene, ebenfalls staubtrockene Rotsekt aus Spätburgundertrauben, dürfen fünf Jahre reifen, ehe sie in den Verkauf kommen.

„Wer Sekt machen will, braucht viel Geduld und viel Platz“, sagt Barth zwischen den langen Reihen der Rüttelpulte. Vor drei Jahren hat die Familie Geld in die Hand genommen, um den Keller zu erweitern und einen dem eigenen Anspruch entsprechenden, standesgemäßen Verkostungs- und Verkaufsraum zu bauen. Für ein Wein- und Sektgut mit einem hohen Anteil an Privatkunden ist ein repräsentativer Auftritt von besonderer Bedeutung. Rund die Hälfte des Weins geht direkt ab Hof an die Kundschaft, beim Sekt steigt dieser Anteil sogar auf 70 Prozent. Und Sekt ist nach wie vor ein Saisongeschäft. Barth schätzt, dass etwa ein Drittel des Absatzes auf die letzten sechs Wochen des Jahres entfällt.

Ein feiner Sekt ist für Barth „belebend und erfrischend“ und damit das Gegenteil von einem ermüdenden Getränk. Zwar dürfe Sekt auch komplex und fordernd sein, aber stets müsse die Freude am Genuss überwiegen. Das beginnt für Barth bei der Güte des Grundweins. Er ist für ihn „der Rohdiamant, der durch den Schliff seine finale Form erhält“. Sektspezialisten wie Barth wählen deshalb die Weinberge für die Sektproduktion gezielt aus, steuern die Erträge am Rebstock und wählen vor allem einen vergleichsweise frühen Zeitpunkt für die Ernte, weil nicht das Mostgewicht entscheidend ist, sondern die Gesundheit der Trauben und ihr Säuregehalt. Sekterzeugung beginnt im Kopf und wird im Weinberg lange vor der Lese vorbereitet.

Das kann dazu führen, dass schwierige und fäulnisreiche Jahre wie 2016 und 2017 für die Sektproduktion nur bedingt in Frage kommen. Seit vier Jahren ist das Weingut als ökologisch wirtschaftender Erzeuger zertifiziert. Die Kunden allerdings interessiert vor allem die Güte des Flascheninhalts. Dass es für den Preis seiner Spitzensekte auch schon Champagner zu kaufen gibt, stört Barth nicht. Er sieht die Schaumweine aus Frankreich nicht als direkte Konkurrenz, sondern als „andere Kategorie“. Sie sind für ihn daher auch kein Leitbild. „Wie wollen das Beste aus dem rausholen, was wir haben“, sagt Barth, und das sind im Rheingau nun einmal viel Riesling, ein wenig Spätburgunder und etwas Weißburgunder.

Die Konzentration auf die Traditionsrebsorten des Rheingaus kommt gut an und ist authentisch. In den aktuellen Weinführern ist Barth durchweg gut bewertet, und die Sekte tragen zum besonderen Profil bei. Mancher ausgewiesene Sektfreund ist beim ersten Besuch des Gutes in Hattenheim sogar erstaunt: „Oh, Sie haben ja auch Wein“: Gerade erst hat FAZ-Kolumnist Stuart Pigott den 2013er Schützenhaus Sekt brut nature zum „Schaumwein des Jahres“ gekürt. Barth könnte also rundum zufrieden sein. Nur dass Sekt immer noch häufig auf die Rolle eines Aperitifs reduziert wird, das kann er nicht verstehen. Barth ist überzeugt dass seine Sekte ein komplettes Menü adäquat begleiten können. Ich auch.

Verkostung

Riesling Sekt brut & extra brut – die doppelte Basis und zweifache Visitenkarte des Sektguts. Feinperlig, gute Frucht, erfrischende Säure, im direkten Vergleich wirkt der extra brut präziser, mehr auf dem Punkt.

Pinot Blanc brut – viel Schmelz, bringt die Finesse und Aromatik des Weißburgunders sehr gut zum Ausdruck, elegant, guter Essensbegleiter mit Tiefgang

Pinot Rose brut – perfektes Lachsrosa, typische rote Früchte prägen das Aroma, langer Nachhall, der ideale Sommersekt, aber nicht nur….!

Pinot Noir Rotsekt – eine Rarität für Kenner, ich liebe diese Sekte, wenn sie richtig „brut“ sind, leicht rauchige Note, sehr komplex, großartig... einer der besten Rotsekte, die ich in jüngerer Zeit getrunken habe

2011 Ultra Pinot brut nature – seit vielen Jahren eines der Flaggschiffe deutschen Winzersektes. Immer noch ein Erlebnis am Gaumen. Immer gut, immer verlässlich, eine Bank!

2013 Schützenhaus Riesling brut nature – ich kann die Schwärmerei von Stuart Pigott gut verstehen. Könnte auch mein Schaumwein des Jahres sein dank seiner Finesse und Komplexität, aber auch wegen seiner feinfruchtigen Frische und vor allem seines trinkanimierenden Charakters! Nächste Flasche!

2011 Hassel Riesling brut – Großes Sekt-Kino aus VDP-Großer Lage. Nach fünf Jahren auf der Hefe komplex und tiefgründig, verbindet Eleganz mit Kraft und Finesse. Groß.

Aus dem Verkostungstagebuch

Horst Sauer, Franken

2016 „Sehnsucht“ Silvaner trocken – internationaler Weißwein, holzgeprägt, hätte in einem Bocksbeutel nicht zu suchen, als Silvaner nicht leicht zu erkennen, gute Balance und Struktur, fein

Speicher-Schuth, Kiedrich

2016 Gräfenberg Riesling Terroir trocken – hoher Trinkfluss, tänzerisch, gute Säure, Tiefgang, fein

Ehrhard, Rüdesheim

2005 Rüdesheim Berg Roseneck Spätburgunder Magnum – zeigt, wie großartig 2005 als Rotweinjahr war. Weiche Tanine, Fülle, Tabak, etwas Lakritz und Leder, viel Länge, noch immer mit großem Potential

Robert Weil, Kiedrich

2012 Gräfenberg GG Magnum – ein Wein zum Niederknien, sehr präzise, druckvoll, elegant, hohe Trinkanimation, superlecker!

2014 Grafenberg GG – dieser Jahrgang ist jetzt auf einem sehr guten Weg, seine Stärken besser zu zeigen als in jungen Jahren, „eingeklemmt“ zwischen dem großartigen 2013 und dem vollen 2015. Großes Potential.

Allendorf, Winkel

2015 Jesuitengarten Riesling GG – einfach klasse, in welche Richtung es bei Allendorf geht, hier war 2015 einfach ganz groß. Kompliment!

Sohns, Geisenheim

2015 Seligmacher Riesling trocken – fängt jetzt an, richtig Spaß zu machen

Aus dem Verkostungstagebuch

August Kesseler

2016 „Rosengewächs“ Riesling trocken – viel Finesse, Eleganz und Frucht, von messerscharfer Klarheit…

Staatsweingüter

2014 Rüdesheim Berg Schlossberg Riesling GG – von meinem Lieblingsweinberg, straff, klar, guter Zug

Ott, Wagram

2016 Ried Feuersbrunner Spiegel Wagram Grüner Veltliner – einer der wirklich guten dieser Rebsorte

Staatsweingüter

2009 Höllenberg Spätburgunder trocken – großer Burgunder aus einem großen Rotweinjahrgang, topi!

Keller, Flörsheim-Dalsheim

2002 Hubacker Riesling trocken – damals wohl so 30 Euro, heute kaum mehr bezahlbar… Keller ist Kult im Moment, dieser Wein ruht in sich, mein Tipp ging zunächst auf ein warmes Jahr wie 2003, 2005 oder 2007, auf 2002 wäre ich nicht gekommen, recht konzentriert, dabei aber auch sehr würzig und mineralisch, reife Apfelnoten, sehr gelbfruchtig, durchaus noch elegant, wenn auch nicht verspielt

Veyder-Malberg, Wachau

2015 Weissenkirchener Weitenberg Grüner Veltliner – so kann, darf und muss Grüner Vetliner schmecken, Allzweckwaffe von hoher Güte und Präzision, geschliffen, komplex, fest und klar!

Neumeister, Straden Südsteiermark

2015 Ried Moarfeitl Sauvignon blanc – Spitzen-Sauvignon mit gutem Zug, gut strukturiert und balanciert, klar und präzise, saugut

Lackner Tinnacher, Südsteiermark

2015 Ried Welles Sauvignon blanc – großartiger Sauvignon auf der elegante, eher filigranen Seite, dennoch messerscharf, präzise, toptop

Robert König, Assmannshausen

2014 Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder trocken – der aktuelle Pinot für alle Fälle im „Anleger 511!, großer Trinkfluss, macht Freude, schmeckt nach mehr…

Pinot im Vergleich

Die 103. Probe der Kranenmeister zu Oestrich im Rheingau war ganz der roten Diva gewidmet, insgesamt 16 Weine durchweg hoher Güte, wenn auch nicht gleichermaßen gut, doch das ergibt sich von selbst. Ganz großartig für mich Solveigs 2011 „Micke“, auch wenn ich bei der Blindverkostung dieses Flights den Liebhabern von Laquais 2015 Bodenthal-Steinberg und Robert Königs Drachenstein Auslese trocken unterlegen bin. Dafür war ich mit der großen Mehrheit unserer Runde der Ansicht, dass Diefenhards Schlenzenberg GG deutlich St. Anthonys Kranzberg GG und Twardowskis mE. völlig überschätzten „Schiefergrund Mosel“ (65 Euro!) in den Schatten stellte. Dennoch ein überraschend schwacher Flight, vor allem gegenüber diesem Trio: Bischöfliches Weingut „2012 Assmannshäuser Pinot Noir S“, Staatsweingüter 2007 Assmannshäuser Höllenberg und Weingut Krone 2012 „Juwel“. Das „Juwel“ gewann diesen Vergleich klar und war auch der Sieger des Abends. Hochinteressant noch das Duell zwischen Bernhard Hubers 2012 Malterdinger (leider nicht das Pinot GG), den 2013 Drachenstein von Chat Sauvage und von Meo Camuzet 2013 Fixin Clos du Chapitre 1er Cru Bourgogne. Chat Sauvage hatte hier die Nase vorn, ohne am Ende das Weingut Krone gefährden zu können.

Aus dem Verkostungstagebuch

Weingut Speicher-Schuth, Kiedrich

Außerordentlich gut, was Ralf Schuth aus dem Jahrgang 2016 gemacht hat… am meisten haben es mir die Berglagen angetan, also die Riesling aus dem steinigen Wasseros, dem Klosterberg und dem Gräfenberg. Der Weißburgunder hatte mir in früheren Jahren schon besser gefallen, dafür ist der straffe, druckvolle Blanc de Noir eine Bank. Phänomenal ist wieder der „einfache“ Pinot (2015) ausgefallen… mehr Pinot geht für 9,50 Euro im Rheingau nicht. Präzise und geschliffen fällt der Bruder aus dem Barrique aus, und unbedingt zu verkosten ist der Cabernet franc, ebenfalls aus dem Jahrgang 2015. Der Rosé ist mir ein wenig zu süß ausgefallen, aber das ist im Rheingau die Regel und diese Weine verkaufen sich so auf den Weinfesten wie „geschnitten Brot“, also von mir aus, dann muss es halt so sein. Wer die Kiedricher Berglagen schätzt, die Preise von Weil aber nicht, der ist bei Schutz genau richtig!

Weingut Peter & Christine Keßler, Hallgarten

… so, jetzt ist das von manchen Kulturlandschaftsschützern als anstößig empfundene Weingut inmitten der Weinberge endlich fertig, und der Gutsausschank macht seine ersten Gehversuche. Lage und Blick des Weinguts sind phänomenal, die architektonische Aufteilung des Innenraums ist Geschmacksache, aber in jedem Fall ist das inzwischen schon auf zehn Hektar gewachsene Weingut ein Gewinn für den Rheingau. Für eine Neugründung hätte die Sortiments- und Preisgestaltung ein wenig mutiger und innovativer ausfallen dürfen, bsp. hat die trockene Spätlese keine Zukunft mehr. Immerhin lehnen sich der hervorragende Hallgartener Ortswein und der feinherbe Oestricher an das VDP-Konzept an, auch wenn die Bezeichnung Kabinett dann überflüssig ist, und der Lagenweine stammt aus der Lage Würzgarten (leider konnten wir 2016 noch nicht probieren). Sehr gut ist der Grauburgunder-Sekt, recht interessant die Cuvée aus Früh- und Spätburgunder.

Lissabon

ist für alle Weinschmecker eine Reise wert. Eine architektonisch beachtenswerte Stadt, in Erinnerung bleibend durch den rührenden Fado-Gesang (immaterielles Weltkulturerbe), kunstvolle Wandkacheln an jeder Ecke, imposante Bodenfliesen unter den Füßen, Pudding-Törtchen an jeder Ecke, die nostalgische Straßenbahn, die Aufzüge… und natürlich den Wein. Wir haben die Stadt erkundet und mit der Metro, dem Bus, dem Aufzug, der Fähre, dem Schiff und natürlich viel zu Fuß die besten Weinbars gesucht und zumindest einige gefunden. Meine Empfehlungen:

BA Weine Bar do Bairo Alto … ist an erster Stelle zu nennen. 16 Sitzplätze, perfekte Beratung, Riesenauswahl, dazu nette kleine Gerichte. Gutes Konzept: Man entscheidet sich für eine Preisrage und bekommt 3 Weine zu verkosten, von denen man sich nur für einen entscheiden muss…. Hier wird portugiesischer Wein gelebt!

Lisbon Winery … tolles Ambiente, aufmerksamer Service, gute Auswahl… hier verkostet und speist es sich formidabel, hingehen!

The Old Pharmacy Wine Inn …. Eng, gemütlich, gute Weinauswahl, klasse Schinken- und Käseplatten… und erst die gegrillte Chorizia….

Tabuas Porto Wine Tavern … mitten in der Altstadt, sehr gemütlich, auf Portwein spezialisiert, aber auch sonst mit ein paar guten Tropfen!

By the Wine – eine Art Gutsschänke von Foncesca… hier ist alles hip, trendy, lange Bar, der besten Platz für zwei ist am Tresen, die Weinauswahl ist limitierter als in den oben genannten, dafür die Speisenauswahl etwas größer… hier trifft sich das junge Lissabon auf ein Glas… reservieren!

Instituto do Vinho do Porto ist natürlich ein Muss: Feine Auswahl von Portweinen unterschiedlicher Jahrgänge und Herkünfte, stilvolle Oase im sonst quirligen Viertel Bairo Alto

… und ja, das ist natürlich noch längst nicht alles, was Lissabon in dieser Hinsicht zu bieten hat, für die Winebar do Castelo hat es leider nicht mehr gereicht, auch nicht für das Verkostungszentrum von Vini di Portugal direkt am Ufer und nicht für die Enoteca do Belém, da müssen wir wohl nochmal wiederkommen….

22. Gourmet & Wein Festival

Nach der Riesling Gala ist vor dem Gourmet und Wein Festival. Festivalleiter HB Ullrich hat dieser Tage das 22. Programm für die Zeit vom 22. Februar bis 11. März 2018 vorgestellt, und das ist zwischen Welcome Party und Haus- und Küchenparty wieder einmal aller Ehren wert. 40 Köche aus aller Welt zeigen ihre Kunst, und 443 Weingüter stellen ausgewählte Weine vor… das wird großartig. Ich muss mich jetzt erst einmal näher ins Heft vertiefen, welche Veranstaltungen für mich besonders interessant sind, Verkostungen von Lynch Bages, Rauzan Ségla und Pichon de Lalande gehören jedenfalls dazu…. ebenso Avignonesi und ein paar Barolos…. bei der Programvorstellung jedenfalls gab es mit Lynch Bages 1999, Arrowood Vineyards 2011 Chardonnay, Hartfort Court 2012 Land´s Edge Chardonnay, Avignonesi 2014 Il Marzocco sowie Weil 1997 Gräfenberg Spätlese und Staatsweingüter 1993 Steinberger Auslese jedenfalls schon mal höchst verheißungsvolle Perspektiven…

Riesling Gala, die 28.

In Frankreich wurde seit jeher getafelt, in Deutschland gegessen. Meist bieder und bürgerlich. In den ersten Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren deftig servierte Kalorien in deutschen Lokalen in der Regel wichtiger als Geschmack. Das änderte sich spätestens zu Beginn der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Jörg Müller die kulinarische Verantwortung in der Küche der „Schweizer Stuben“ in Wertheim-Bettingen übernahm. Die „Schweizer Stuben“ galt in den Siebzigern gemeinsam mit dem Münchner Feinschmeckerlokal „Tantris“ und der „Ente vom Lehel“ in Wiesbaden als Ausgangspunkt eines deutschen Küchenwunders. Einer jener jungen ambitionierten Köche in der nach höchsten Ehren strebenden Küchenbrigade der Schweizer Stuben war Egbert Engelhardt, der 1984 in Oestrich-Winkel mit dem „Grauen Haus“ einen Michelin-Stern in den Rheingau brachte. Egbert ist einer der Väter der vor drei Jahrzehnten initiierten Riesling-Gala als kulinarischen Höhepunkts der Glorreichen Rheingau Tage. Insgesamt 28 Mal war Engelhardt seither künstlerisch-kulinarischer Leiter eines ungewöhnlichen Festivals der Genüsse. Diese Gala war sein Abschied und zugleich eine Hommage an die frühen Sternstunden deutscher Küchenkunst. Deutsche Kochlegenden zelebrierten für mehr als 600 Gäste ein formidables Sechs-Gang-Menü. Allen voran Altmeister Jörg Müller, aber ebenso Johann Lafer, Dieter Müller, Hans Stefan Steinheuer und Burkhard Schork. Engelhardt selbst stellte sich nach Jahren der kulinarischen Oberaufsicht wieder an den Herd und kredenzte mit seinem Team gegrillten Hummer. Jörg Müller leitete die Gala mit einem getrüffelten Geflügel-Gänseleber-Parfait im Baumkuchenmantel ein, Dieter Müller folgte mit einer Curry-Zitronengrassuppe, Schork mit einer feinen Perlhuhnbrust auf Polenta sowie Steinheuer mit Spessart-Reh in Nusskruste, ehe Johann Lafer mit einer Mousse von der Rheingauer Quitte mit cremigem Maroneneis den Schlusspunkt setzt. Mehr als fünf Stunden vergnüglicher Tafelfreuden, dazu an unserem Tisch beste Weine von Weil und Dr. Loosen.

Der „Hammer“ war der 1990 Graach Himmelreich Sekt brut… unbeschreiblich gut. Einsame Spitze der 2007 Turmberg trocken von Weil, dessen 2009 Gräfenberg trocken aus der Salmanazar und Loosens 2012 Würzgarten GG Réserve aus der Doppelmagnum. Groß!  

 

Rheingau open

…heißt die Jahrgangspräsentation des VDP im Zuge der Glorreichen Rheingau Tage und im stillvollen Rahmen von Schloss Johannisberg im Rheingau. Am Vortag der Riesling Gala fanden sich fast 70 ambitionierte Erzeuger im Fürst-von-Metternich- und im Spiegelsaal zusammen, um eine kleine Auswahl ihres Sortiments zu zeigen. Ich habe mich ganz auf die Großen Gewächse Nicht-Rheingauer Erzeuger konzentriert und war wieder einmal sehr angetan…. hier meine Favoriten, alles 2016 Riesling GG:

Heymann-Löwenstein Uhlen Laubach – Stinker in der Nase, aber grandios

Horst Sauer Am Lumpen – nicht ganz mein Fall, eher leicht, spritzig

Rings Saumangen – ganz großes Kino… klasse Balance !

Diel Goldloch – sehr gut, tänzerische Klasse mit Tiefgang

Knoll Stein – wird immer mehr zu meinem Liebling in Franken!

Dönnhof Felsentürmchen – fein, filigran, komplex, Trinkfluss!

Kühling-Gillot Kirchenstück – einer meiner Favoriten des Tages!

Dr. Loosen Himmelreich – dem Himmel so nah, grandios gut, Toptop

Forstmeister Geltz Ziliken Rausch Diabas – sooooo süffig… läuft !

VDP.Auktion.Réserve - was ist das denn?

Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Mit einer Verknappung des Angebots, mit eigens gefüllten VDP.Auktion.Réserve-Weinen und mit einer Öffnung in die digitale Welt durch einen Live-Stream via geschlossener Facebook-Gruppe wollen die Prädikatsweingüter im Rheingau die lange Tradition der Weinauktionen bewahren und in die digitale Zukunft retten.

Mit der herrschaftlichen Weinversteigerung war im Frühjahr 1806 im Kloster Eberbach die Tradition der Weinauktionen in der alten Zisterzienserabtei begonnen worden. Schon 1897 hatte sich die "Vereinigung Rheingauer Naturweinversteigerer" gegründet, der Vorläuferin des VDP. Die Versteigerungen sind somit ein bedeutender Teil der Rheingauer Weinkultur. Ihre Bedeutung allerdings war immer wieder starken Schwankungen unterworfen, und aus einem rein ökonomischen Blickwinkel wäre der Aufwand heute verzichtbar. Mit einer Frühjahrs- und einer Herbstversteigerung der Hessischen Staatsweingüter, einer VDP-Versteigerung im September und einer Raritätenauktion in Zusammenarbeit mit dem Londoner Auktionshaus Christie's hatte es vor 20 Jahren im Rheingau noch vier Auktionen gegeben. Vom 10. März 2018 an gibt es nur noch eine, nachdem der VDP seine Herbstauktion abgesagt hat und sich der Auktion der Staatsweingüter im Zuge des Rheingau Gourmet und Wein Festivals angeschlossen hat.

Es ist die notwendige Anpassung an die Veränderungen des Weinmarktes, der Vertriebswege und der Gewohnheiten der Weintrinker. „Die Weinversteigerung passt eigentlich nicht mehr in die heutige Zeit“, sagt der VDP-Vorsitzende und Kiedricher Spitzenwinzer Wilhelm Weil. Die Aktion aufzugeben kommt für traditionsbewusste Winzer aber nicht in Betracht. Nun also der Neustart mit „VDP.Auktion.Réserve“. Weil spricht von „preiswürdigen und erschwinglichen“ Weinen von geprüfter Qualität und „mit hohem Trinkfluss.“ Dirk Würtz und Marc Barth haben eine geschlossene Facebook-Gruppe gegründet und sichten während der Auktion live alle Gebote, die sie an die Kommissionäre weiterleiten. Es bleibt aber dabei, dass allein die zehn zugelassenen Kommissionäre direkt Gebote für die 4452 Flaschen bei Auktionator Leo Gros abgeben dürfen. Für die rund 400 Gäste im Dormitorium von Kloster Eberbach bleibt weitgehend alles beim Alten. Vor allem bleibt es bei der populären Tradition der „nassen“ Versteigerung, bei alle angebotenen Weine vor dem Zuschlag verkostet werden können. Eine Ausnahme sind besondere Raritäten.

Spannend wird sein, ob in den kommenden Jahren noch der eine oder andere VDP-Winzer dazu stoßen wird, wenn das Konzept erst einmal etabliert ist. Zum Auftakt sind es zehn Weingüter einschließlich der Staatsweingüter, die fast die Hälfte aller 37 Weinpartien anbieten. Diese Partien umfassen bis zu 300 Flaschen Wein, es gibt aber auch Einzelstücke wie eine neun Liter fassende Flasche, die mit Kiedricher Gräfenberg des Jahrgangs 2004 aus dem Weingut Weil gefüllt ist. Die Staatsweingüter setzen mit einem Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder auf dem Jahr 1938 die Tradition des Benefizweins fort, der für einen guten Zweck versteigert werden soll. Ebenfalls aus dem Jahr 1938 stammt eine Riesling Trockenbeerenauslese aus der Schatzkammer der Staatsweingüter, die den Schlusspunkt setzen wird. Unter dem Strich somit mehr „Leistungsschau“, weniger Umsatz, dafür mehr Image, Marketing und Öffentlichkeitswirkung – wenn die Rechnung aufgeht.

Ich hatte die Gelegenheit, bei der Präsentation die meisten Weine schon mal verkosten zu dürfen, hier ein erster Eindruck.

2016 VDP.Auktion.Réserve als Riesling von Weil, Ress, Johannishof, Georg-Müller-Stiftung, als Spätburgunder von Allendorf, den Staatsweingüter, als Sekt von Barth, als Fehlanzeige bei Vollrads, Johannisberg und Prinz). Startpreis jeweils 12 Euro, also ein gehobener Gutswein oder so… der VDP spricht von „gehobener Ortsweinqualität“, was leider angesichts der neuen VDP-Pyramide total missverständlich ist… aber gut. Die Qualität ist gut, bei Weil und Ress sehr gut, bei der Müller-Stiftung mäßig weil sehr unpräzise und schwammig.

Sehr, sehr ordentlich der Höllenberg 2012 und 2015 der Staatsweingüter. Selbst ersteigern würde ich mit dem nötigen Kleingeld ausgestattet die 9-Liter Flasche Weil Gräfenberg 2004 EG ( der beste trockene Gräfenberg seit 1999), das 2016er Rottland GG von Ress in der Methusalem-Flasche, den genialen 2013er Steinberger der Staatsweingüter sowie den 2016er Steinberger Kabinett und von Prinz die 2016er Jungfer Kabinett. Von der perfekten 2016er Weil-Auslese erst gar nicht zu reden. So, jetzt sind wir Weinenthusiasten am Zug. Der Anfang ist gemacht, wird spannend im März. Ich bin dabei. (siehe auch F.A.Z.)

Bordeaux, preis-wert

Es müssen nicht immer nur die großen Namen aus dem berühmtesten Anbaugebiet der Welt sein. Leider ist es allerdings so, dass an meinem Gaumen der Trinkfluss bei Bordeaux erst dann groß ist, wenn die Weine ordentlich gereift sind. Sie sind dann aber in der Regel nicht mehr auf dem Markt oder nur zu sehr hohen Preisen erhältlich. Die Zukunft eines jungen Bordeaux mit hoher Sicherheit voraus zu schmecken, das ist ein Experiment, das gelingen kann, das ich mir aber dennoch mangels ausreichend liquider Mittel erspare. Dennoch gibt es immer wieder bemerkenswerte unbekanntere Güter, die auch vergleichsweise junge Weine mit vergleichsweise gute Trinkreife offerieren. Dazu gehört ohne Zweifel das mir bislang weitgehend unbekannte, 23 Hektar große Weingut Château Les Bouzigues, etwa 30 Kilometer südlich von St. Emilion und 20 Kilometer östlich von Sauternes im südlichsten Teil des Bordelais gelegen. Die Böden gleichen laut Weingut denen im Südhang von St. Emilion, die Preise für die 35.000 Flaschen Rotwein aus den Rebsorten Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc aber nicht.

Wir hatten die Chance, drei Reserve-Jahrgänge (2005, 2009, 2010) und den Topwein „2010 Cru“ blind gegen 2009 Chateau Lagrange und 2009 Chateau Phélan Ségur zu probieren.

Château Les Bouzigues

2010 Reserve – sehr fruchtbetont, elegant mit gut integrierter, schmeckbarer Säure, leichte Anklänge von Pflaumenkompott, Aromen von Leder und Tabak, wirkt so jung wie er ist, noch leicht unfertig, aber mit guten Anlagen für ein langes Leben, 88P

2009 Reserve – sehr expressive, ausdrucksstarkes Bukett, opulente Frucht auch am Gaumen, unverkennbar aus einem warmen Jahrgang mit Schmelz und Kraft, fleischige Noten, schon sehr gefällig, weiche, feine Tannine, erstaunlich trinkreif, legt mit jeder Minute Luftkontakt an Klasse zu, einer der trinkanimierenden Topweine des Abends 91P

2005 Reserve – Die erste Flasche leider fehlerhaft, die zweite tadellos. Kraft und Eleganz gut vereint, aber auch eine merkliche Schärfe im Abgang, kein Schmeichler, sondern eher derb am Gaumen, könnte mit den Jahren noch deutlich besser werden, muss aber nicht, 89P

2010 Cru - sehr saftig, fast mollig, zupackend, überwältigend viel Cassis, aber dick aufgetragen, hochkonzentriert und fett, für Starkweintrinker eine wahre Freude, ich nenne das „Bettkantenwein“, gibt nur 925 Flaschen dieses Powerweins, der aber auch schon leicht oxydative Noten im Hintergrund zeigte, es fehlt zudem die Eleganz eines Klassikers, ein inspirierender Tastingwein, macht aber schnell satt und müde, gähn, 90+P

2009 Chateau Phélan Ségur – sehr verhaltene Frucht, noch deutlich zu jung, rauh, hart, vielleicht hat auch das nicht perfekte Glas zu einem minderen Geschmackserlebnis beigetragen, legt bei längerem Luftkontakt deutlich zu, unter dem Strich aber geringer Trinkfluss, 87P

2009 Chateau Lagrange – klassisch-guter Bordeaux von hoher Strahlkraft, sehr fruchtgetrieben, fleischig auf die positive Art, aber mit großem Tiefgang, komplex, fein integriertes Holz, vielleicht ein wenig zu viel Alkohol, leicht animalisch-feurig, gute Würze, Leder, Tabak, kräuteriger Unteron, reife Tannine, top, 91+P

Chat Sauvage, vertikal

Eine Freude, wenn uns Verena Schöttle auf der Liste hat, sobald es um eine Vertikale zurückliegender Jahrgänge der Johannisberger Rot.Wein.Gut-Gründung „Chat Sauvage“ von Günter Schulz geht. Insgesamt 13 Weine zwischen 2001 und 2015 hat die hoch sympathische Weinmacherin vor uns – und 3,8 Trillionen Fruchtfliegen - auf den Tisch gestellt, und die hochspannende Pinot-Noir-Reise ging von der Gegenwart in die Vergangenheit.

2015 „Rouge de Schulz Nr.1“ – megastarkes, neues Gewächs aus dem Lorcher Bodenthal-Steinberg, einer meiner absoluten Lieblingslagen. Sehr feine, rote  Früchte, hochelegant, edel,  finessenreich, kühler Zug, perfekte Säure, hohe Trinkanimation, schon jetzt erstaunlich zugänglich und charmant, absolut einer der besten Pinots der zurückliegenden Jahre… Rarität im Rheingau, wird womöglich versteigert, oder für anspruchsvolle 150 Euro verkauft. das klingt ambitioniert.  

2014 Rüdesheim Drachenstein – recht verschlossen, abweisend, will und braucht noch Zeit, aber recht gut veranlagt, gute Struktur, fester Körper.

2013 Rüdesheim Drachenstein – einer meiner Favoriten, fein verwobene Säure, hohe Eleganz, großartiger Trinkfluss, Finesse, Grazie, wunderbar!

2012 Rüdesheim Drachenstein – mit deutlichen Reifenoten, Kuschelwein, strahlt wohlige Kamin-Wärme aus, ein bisserl mollig vielleicht, aber lecker mit allen vom Pinot gewohnten Aromen… fein.

2011 Lorch Schlossberg – das letzte 1. Gewächs, das Chat Sauvage in dieser Kategorie vorgestellt hat, eigentlich schade, aber auch irgendwie verständlich (s.u.), sehr tiefgründig mit langem Nachhall, unverkennbar für das Jahr 2011 und die zügige Reife, die Weine dieses Jahrgangs sehr häufig durchlaufen, hohe Präsenz am Gaumen, Schmeichler, gut.

2010 Assmannshausen Frankenthal – das war wirklich kein Rotwein-Jahrgang, dafür aber recht ordentlich. Sehr reife Cassis-Noten, viel Leder, Tabak, gute Säure, aber nicht sehr harmonisch

2009 Assmannshausen Höllenberg – noch ein 1. Gewächs, sehr typisch für 2009, voll, stoffig, präsent, komplex, kraftvoll, mit fester Struktur, langem Nachhall, typische Cassis-Noten des Höllenberg.

2009 Rüdesheim Drachenstein – zeigt dem Höllenberg seine Grenzen auf! kühler Zug, ätherisch, kräuterige Noten, feiner Zug, sehr animierend am Gaumen, macht richtig Spaß, mehr davon! Viel mehr!

2008 Rüdesheim Drachenstein – nicht mein Wein, wirkt recht hart, roher Geselle, Kompottnoten aus roten Früchten, wie ich sie nicht so sehr mag…

2007 Rüdesheim Drachenstein – typischer Pinot aus einem warmen Jahr im Rheingau, gute Konzentration, eher üppig als betont elegant, feine rote Beerenfrüchte, Leder, auch florale Noten und ein wenig Orangenschalenabrief, seht nach 10 Jahr sehr gut im Glas, top

2006 Johannisberg Hölle – aus einem schwierigen Jahr einen guten Pinot erzeugt! sehr komplex, hoher Spannungsgrad, vielschichtig, viele getrocknete Früchte, ein wenig Kompott, aber dezent, gut.

2005 Pinot Noir Schiefer – großartiger Wein, salzig-kühles Naturell, gute Säure, viel Schiefer im Maul wie ich es liebe, klarer Zug, klares Finish, rauchige Note, etwas Leder, Kreide, ungemein Frisch und klar, toptop!

2001 Pinot Noir Rheingau – ehrwürdiger Grande, hat die besten Zeiten hinter sich, nicht nur Kompott, sondern auch Rumtopf, hochreife, gezehrt, aber noch nicht todmüde, aller Ehren wert, Ruhe in Frieden!

Unter dem Strich ein eindrucksvolle Line-up, mit 2005, 2009 Drachenstein, 2013 und 2015 Rouge de Schulz als meinen klaren Favoriten, die ich nur zu gerne im Keller liegen hätte. Viel davon. Auf die Jahrgangsprobe im November bin ich schon jetzt gespannt.

Nachspiel: Chardonnay Clos de Schulz 2015, 2011 und 2007 …sehr eindrucksvolle Reihe, klare Handschrift, sehr cremig, elegant, Finesse, Zitrus, dezentes, aber merkliches Holz (für mich sehr angenehm), 2015 schon erstaunlich zugänglich (da gab es schon andere, holzbetontere…), 2011 schon jetzt in Topform, 2007 mit erstaunlicher Frische, als Jahrgang nicht erkennbar, klasse!  

Kurz mal an die Mosel!

Endlich mal wieder Zeit für einen Kurztrip mit guten Freunden an die Mosel. Und bei Dr. Loosen in Bernkastel wie immer herzliche Aufnahme gefunden!  Baulich hat sich das Weingut beeindruckend weiterentwickelt. Der Anbau mit seinen Verkostungsräumen ist stilistisch sehr gelungen. Das ist mit Worten schwer zu beschreiben, das muss man gesehen haben! Und die Weine muss man getrunken haben, aber das ist vielleicht weniger überraschend. Beispiel 2016 Rotschiefer trocken. Ein fein balancierter VDP.Gutswein mit durchaus dichter, fein gewobener Mineralität. Kein Leichtgewicht, sondern ein fester, ernsthafter Riesling von großer Finesse. Nicht minder fein der VDP.Ortswein, der bei Dr. Loosen aus Graach kommt und den tiefgründigen Schieferboden sehr gut wiederspiegelt. Dezent kräuterige Noten im Hintergrund, saftige, gelbfruchte Aromen mit leicht erdigen Anklängen im Vordergrund, stoffig, gute Struktur und Balance. VDP.Erste Lage-Weine sucht der Weinfreund an der Mosel ja vergebens, denn hier herrscht die Dreistufigkeit vor. Bei Dr. Loosen wird das durch das Preisgefüge abgemildert, denn 17 Euro für das Bernkasteler Lay-GG aus VDP.Großer Lage sind eine Einladung zum Sofortkauf. Wir hatten das Vergnügen, das 2015 Würzgarten GG neben der 2012 Würzgarten GG Réserve verkosten zu dürfen und waren hin und weg. Die cremige Textur und schöne Reife der Réserve waren eine gut schmeckbare Steigerung des vom Vulkangestein geprägten, komplexen GGs, das voll exotisch-würziger Aromen daherkam, unter anderem mit Grapefruit, und Mirabelle. Und die Süßen? Ja, natürlich Lay Kabinett, Wehlener Sonnenuhr Spätlese, 2013 Beerenauslese, was soll ich sagen: Alles gut!

Wer anschließend durch Bernkastel-Kues spaziert, um seine Eindrücke zu sammeln, dem sei die Tresor-Weinbar (Gestade3b) empfohlen. Das ist fern der altbackenen Mosel-Litanei, auf die man noch an zu vielen Orten stößt (für meinen Geschmack übrigens auch in der Mosel-Vinothek am Weinmuseum, obwohl dort 140 Weine zu verkosten sind…), ein netter Ort zum Verweilen mit sehr freundlichem Personal. Top! Das 2014er Wegeler Bernkasteler Doctor GG erwies sich als idealer Nachmittagswein… Die Weinstube des Reichsgrafen von Kesselstadt in Trier war am Folgetag ein ebenso schöner Stopp, zum kleinen Lunch ein 2016er Kasler Kabinett trocken, das passt. Wie fast immer übernachten wir an der Mosel im Gästehaus des Weinguts Clüsserath-Weiler in Trittenheim, vor Verena Clüsserath jetzt ganz für den Weinausbau zuständig ist. Eine Zäsur, die sich in einem neuen, ganz hübsch geratenen Etikett wiederspiegelt. Wer die Chance und die Muse hat, nutze den Abend, um sich von ihrem Mann Raphael Ianniello höchst professionell kulinarisch verwöhnen zu lassen, der unter anderem bei Johann Lafer gelernt hat und Großartiges auf den Teller zaubert. Wir haben zuvor die 2016er trocken und halbtrocken verkostet (HC, Trittenheimer Apotheke pur, „Alte Reben“ und „Primus“ sowie Mehringer Zellerberg „Terra Rossa“) und neigen bei der Gesamt-Bewertung ausnahmsweise eher „Eichelmann“ als „Gault Millau“ zu. Der „HC“ ist wieder ein saftiger, fruchtbetonter, klar-frischer Gutswein mit Charme, die „einfache“ Apotheke ganz großartig geraten mit salzig-kühler Note und zurückhaltender Opulenz, die sollte man im Keller haben! Die „Alten Reben“ leider einen Tick zu süß, ebenso der noch recht verschlossene „Primus“, der noch Zeit zur Entwicklung braucht. Und der „Fährfels“ aus bald 120 Jahre alten, wurzelechten Reben wieder einmal ein Monument der Mittelmosel.

Alkoholfreier Wein

Jetzt hat die Weinwelt endlich ihr „Clausthaler alkoholfrei“. Der ernsthafte Rüdesheimer VDP-Renommierwinzer Leitz hat mit „Eins, zwei, zero“ einen alkoholfreien Riesling auf den Markt gebracht. Optisch schick in der Anmutung eines richtigen Weines, im Handel für immerhin 6,99 Euro erhältlich. Für Schwangere, Moslems und andere Zielgruppen sicher sehr interessant. Die positiven Seiten: das Getränk schmeckt nicht wirklich schlecht, es ist nicht süß und es hat die Säure des Rieslings. Die negative Seite: es fehlt überall an Geschmack: Im Bukett, am Gaumen, im Abgang. Aber wer weiß, vielleicht hat in 20 Jahren jeder bedeutende Erzeuger auch „bleifrei“ zusätzlich im Angebot und wird finden das genauso gut wie alkoholfreies Hefeweizen im Hochsommer. Clausthaler mögen wir bis heute nicht….

EG und GG 2016

Erste und Große Gewächse, Jg. 2016

Alles Riesling, alles 2016, alles EG/ GG-Qualität… das war das Motto der 102. Probe der Weinloge „Die Kranenmeister zu Oestrich im Rheingau“. Eine hochinteressante Probe vor dem Hintergrund, dass die Rheingauer VDP-Betriebe seit 2012 keine Ersten Gewächse, sondern nur noch Große Gewächse produzieren, und dass die Bedeutung der Ersten Gewächse immer weiter zurückgeht (siehe dazu weiter unten im Blog meine ausführlichen Kommentare um GG/EG-Jahrgang 2016). Weil der Markt für edelsüße Weine immer weniger Bedeutung hat fällt letztlich das Urteil über den aktuellen Jahrgang Ende August des Folgejahres mit der Vorstellung der trockenen Spitzen… Schlechte Jahrgänge gibt es ja schon seit 1988 nicht mehr, und ja, 2016 hat das Zeug dazu, vielleicht die Reihe der großartigen weil „mittleren“ Jahrgänge 2001, 2004, 2008, 2010, 2013 fortzusetzen. Das beurteilen braucht aber noch ein wenig Zeit, doch die Ansätze sind da, wie die Blindverkostung der nachfolgenden Flights gezeigt hat:

Bergweine

Robert Weil: 2016 Kiedrich Gräfenberg GG

Fred Prinz: 2016 Hallgarten Jungfer GG

Laquai: 2016 Lorcher Schlossberg EG

Wagner-Stempel: 2016 Scharlachberg GG

Brunnenlagen

Ress: 2016 Wisselbrunnen GG

Staatsweingüter: 2016 Erbach Marcobrunn GG

Schloss Schönborn: 2016 Hattenheim Nussbrunnen EG

Wittmann: 2016 Morstein GG

Riesling-Schlösser

Schloss Johannisberg: 2016 Silberlack GG

Schloss Vollrads: 2016 Schloss Vollrads GG

Schloss Schönborn: 2016 Hattenheimer Pfaffenberg EG

Schlossgut Diel: 2016 Pittermännchen GG

Rüdesheimer Berg

Schloss Schönborn 2016 Rüdesheimer Berg Schlossberg EG

Leitz 2016 Rüdesheim Rosengarten GG

Allendorf 2016 Rüdesheim Roseneck GG

Kühling-Gillot 2016 Nackenheim Rothenberg „wurzelecht“ GG

Fazit: Laquai hat 2016 meines Erachtens tatsächlich das beste EG erzeugt, das es mit den GGs aufnehmen kann. In anderen Anbaugebieten außerhalb des Rheingaus erzeugen die Spitzenweingüter „extremere“ GGs mit wilderen Aromen, „Stinker“ und mehr, die die regionale Zuordnung erschweren und mehr Handschrift als Terroir zeigen. Weils Gräfenberg war wieder mal einer meiner Favoriten, aber in diesem Stadium nur unmerklich besser als Laquai (zum halben Preis, übrigens, Kaufen!) Unter den Schlössern hat Johannisberg klar die Nase vorn. Und Allendorf wird immer besser.

A priori, Laudate, Episcopus!

Peter Perabo gehört zu den außergewöhnlichen Weinmachern des Rheingaus … und darüber hinaus. Für das Bischöfliche Weingut in Rüdesheim war es insofern ein Glücksfall, als Perabo in einer Phase der Unsicherheit während des Verkaufs der Assmannshäuser Krone (- … dass der Ruhrpott-Unternehmer, der seinerzeit die Krone kaufte, kein Interesse am Weingut zeigte, das war schon ein früher aber leider beredter Hinweis auf sein späteres Scheitern im Rheingau!) einen neuen Betrieb suchte. Unter seinen Fittichen haben die Weine enorm an Qualität gewonnen. Dass die mediale Aufmerksamkeit dennoch vergleichsweise zurückhaltend ist, das ist kaum verständlich. Perabos Gespür für große Pinots haben sonst nur ganz wenige im Rheingau, und seine Rieslinge sind flüssige Handwerkskunst auf hohem Niveau – auch wenn die Sortiments- und Preisgestaltung einer nachvollziehbaren Logik entbehren. Aber das schadet ja am Gaumen nicht. Der war bei der jüngsten Sortimentsverkostung entzückt…

2016 A priori Riesling trocken – das ist der feinfruchtige Einstieg in eine Weinkollektion, wie sie zu diesem Preis (7 Euro) nur wenige Weingüter bieten können. Klassisch Rheingau, klar, straight, nicht nur Frucht, sondern schmeckbare Finesse mit Zug und Grip!

2016 Rüdesheim QbA – der Ortswein aus Rüdesheimer Lagen, zum Teil im Holzfass ausgebaut und spontan vergoren, mineralisch, kühler Zug, feine Salzigkeit am Gaumen, hoher Trinkfluss, viel Wein fürs kleine Geld, top.

2016 Laudate – der erste von eigentlich 7 (!) Spitzenweinen des Jahrgangs zwischen 12 und 18 Euro – und der einzige, der mich ein wenig ratlos bleiben lässt…ich habe zwei Flaschen zur Nachverkostung mit genommen…viel Kiwi, Stachelbeere, gute Substanz

2016 Episcopus – der „Bischofswein“ als spontan vergorene Lagencuvée... sehr gut komponiert, mit Zug und Finesse, hohe Präsenz, Druck am Gaumen, aber kühler Zug wie alle Perabo-Weine, denen Überreife absolut fremd ist…

Die Lagenweine: Schlossberg-Katerloch, Schlossberg-Ehrenfels, Roseneck, Rottland, Rottland 1960… es ist eine wahre Freude, sich  hier durch die Kollektion durchzutrinken, und es bleibt am Ende die Qual der Wahl und natürlich eine Frage des Geschmack, wem der Vorzug zu geben ist. Für mich war es das „Katerloch“, das der gesamten Kollektion die Krone aufsetzte mit seinen feinsten Schiefernoten. Ein Wein der puren Eleganz und Trinkfreude, und überdies ein Wein – und nicht nur der – der es mit etlichen Rheingauer Ersten und Großen Gewächsen leichthin aufnehmen kann.

Die Rotweine

… noch ein schneller Blick auf die Pinots. Die 2014er sind eine Wucht. Schon der „einfache“ 2014 Assmannshäuser zeigt sehr schöne Cassis-Noten, ein wenig Graphit, etwas Lakritz, toller Nachhall, groß. 2014 Rüdesheim Pinot Noir „S“ hingegen deutlich fordernder, mehr Substanz, Kreide, Kirsche, Asche, feinste Schiefernoten, sehr elegant und präzise am Gaumen, hat ne große Zukunft. Und 2015: die ersten Faßproben versprechen großes Pinot-Kino, und wenn der Assmannshäuser „S“ erst einmal auf der Flasche ist, dann muss jeder zugreifen, feinen Späbu zu schätzen weiß.

Aus dem Verkostungstagebuch

Nils Henkel ist angekommen auf Burg Schwarzenstein, und seine beiden Menüs Fauna und Flora kommen gut an. Zwei Sterne scheinen durchaus möglich, wenn im Herbst die neuen Bewertungen des Micheln kommen, das ist zumindest mein Eindruck nach der Sechs-Gang-Variante von „Fauna“ die – vielleicht bis auf das Dessert – mich rundweg überzeugt hat. Die Speisenfolge lässt sich über das Internet nachsehen, hier folgt aber jetzt nachrichtlich die Weinbegleitung, die diesmal ganz dem Sommelier überlassen blieb. Unabhängig von einer Einzelbeurteilung der Weine, die ich mir hier erspare, ist die zentrale Botschaft, dass die Harmonie von Speise und Wein charmant erreicht wurde – vielleicht bis auf das Dessert - mit Weinen, die ich mir sonst wohl nie bestellt hätte. Aber genau dafür ist der Sommelier ja da. Hier hatte er seinen großen Auftritt:

Duval-Lerory Champagne

2006 Clos des Bouveries extra brut – sehr eleganter Schampus, reiner Chardonnay aus Einzellage, ganz fein und der richtige Einstieg ins Menü!

Bernhard Fouquet

2016 Cuvée de Silex Vouvray Chenin blanc

Demeter Zoltan

2015 Ösz – Hegy

Michael Teschke

2014 Sylvaner von der Dünnbach

Pierre Luneau Papin

2013 „Froggy“ Muscadet Sevre & Maine Sur Lie

Lustau

Medium Dry Blend of Amontillado Los Arcos Jerez Sherry

Chave Pere & Fils, Mercurol

2015 le Rouvre Crozes Hermitage

Frederiksdal

Vin AF Kiresbaerg Rancio Danmark (Kirschwein)

und was war sonst?

Prinz von Hessen

2015 Winkeler Jesuitengarten Riesling GG – es tut sich was, beim Weingut des Landgrafen, und die Tendenz zeigt aufwärts

Georg-Müller-Stiftung

2011 Schützenhaus Riesling GG – sehr ordentlich, aber auch kein Überflieger und den GGs

Klumpp, Bruchsal

2015 Himmelreich Riesling trocken – fein, elegant, präzise, salzig, mit sehr gutem Trinkfluss

Talenti Trentennale 2011 Brunello die Montalcino – ich bin ja kein soooo großer Sangiovese-Freund, aber das ist gut. Richtig gut!

Musso

2012 Veneto Rosso Limited Edition Pomea – mit gutem Druck am Gaumen, präzise, geschliffen, macht Spaß

Christopher, Oregon

2011 Dundee Hills Pinot Noir unfiltered – einer der feinen Oregon-Pinots, ganz auf der eleganten Seite mit Finesse und Frucht

Chardonnay im Rheingau? Mehr davon!

Die „Mariannenaue“ ist mit 84 Hektar die größte Insel im Rhein und seit jeher Privatbesitz. Vor etwa 10.000 Jahren entstand diese eiszeitliche Ablagerung der bayerischen Kalkalpen. Wer einen Spaten nimmt und in die Tiefe gräbt, stößt auf typisch-weißen kalkhaltigen Tonmergel. Seit ein paar Jahren gehört der ungewöhnlichste Weinberg des Rheingaus der Pfälzer Winzerfamilie Lergenmüller, die das Kleinod im Paket mit dem Weingut Schloss Reinhartshausen erworben hat. Weinbau gab es schon im Mittelalter. Schon 1978 begann Verwalter Karl-Heinz Zerbe auf dem Eiland gegen Widerstände der Behörden mit der ersten Anpflanzung von Chardonnay in Deutschland. Ein Experiment, das gelang. Schrittweise wurde die Rebfläche auf bis zu 23 Hektar vergrößert. Längst wachsen hier auch andere Reben wie Riesling, Weißburgunder und Silvaner, zudem Hopfen für Bier, und es gibt sogar Insel-Gin. Chardonnay wächst hier noch immer, aber längst nicht nur! Doch während Sauvignon blanc inzwischen wie Unkraut wächst, gibt es nur wenige Chardonnay-Erzeuger, die der Rebsorte auch ordentliche Wein abringen. Eine Vergleichsprobe mit Piraten sollte deshalb zeigen, was im Rheingau möglich ist… und ob Chardonnay  hier der Mühe lohnt….

Künstler 2016 Chardonnay Barrique – noch sehr jung, recht verschlossen, zeigt aber gute Ansätze von Finesse und cremiger Eleganz, hat eine große Zukunft vor sich, sehr gut.

Künstler 2016 Chardonnay Kalkstein trocken – gute Säur, klassische Typus mit guter Balance, straff, guter Zug, noch viel zu jung, aber ein Wein mit Potential

Jakob Jung: 2011 Chardonnay trocken Barrique – der vorerst letzte in der Reihe der Barrique-Chardonnays, gut gereift, Cremig, kühler Zug, salzige Noten

Jakob Jung: 2015 Chardonnay unoaked – rund, fein, leichte Cremigkeit, große Frische, easy drinking, sehr rund und weich, klasse Preis-Leistungs-Verhältnis, aber ohne die Ernsthaftigkeit eines großen Chardonnay

Chat Sauvage: 2015 Rheingau Chardonnay – wirkt recht verschlossen, geradezu asketisch, präzise, geschliffen, sehr trocken, sehr fordernd, allenfalls mittlerer Trinkfluss, großes Potential

Chat Sauvage: 2015 Clos de Schultz Chardonnay – ebenfalls zu jung, aber recht fett, ausdrucksstark, hohe Präsenz, druckvoll mit Charakter, gut

Hans Lang 2015 Chardonnay – eigentlich nicht als Chardonnay erkennbar, säurereduzierter Weißwein, wirkt sehr reduktiv ausgebaut, merkliche Süße, ein Wein zwischen allen Welten…

Schloss Reinhartshausen 2016 Chardonnay „Thanks Bob“ …sozusagen ein Dankeschön an Robert „Bob“ Mondavi – fantastisches Rebsorten-Bukett in der Nase, doch das wird am Gaumen leider nicht eingelöst, reißt schnell ab und hinterlässt leichte Bitternoten, wenig harmonisch.

Bernhard Huber – 2014 Bienenberg Chardonnay GG – tat sich blindverkostet sehr schwer in der Runde… die sprach von verbranntem Gummi, giftiger Zitronensäure, grünen Aromen, kräftiger Salzigkeit, geringem Nachhall…. mit der Erkennbarkeit des Etiketts nahm der Respekt exponentiell zu….“vielleicht doch ein großer Wein“… oder ein Flaschenfehler….?!?

Schätzle 2015 Chardonnay – Baden=Burgunderland? jedenfalls sehr frisch, viel Säure, Maracuja, Ananas, auch viel Zitrus, wenig Holz, nicht meine Idee von  Chardonnay vom Kaiserstuhl, sorry ….

Samuel Billaud 2014 Chablis Premier Cru Montée de Tonnerre – gut, “anders” als die anderen, Minze, Eukalyptus, ätherische Noten, sehr fordernd, aber durchaus auch elegant, Trinkfluss eher gering

Moreson 2015 Chardonnay Mercator – einer meiner aktuellen Liebling aus Südafrika, hat alles, was für mich ein großer Chardonnay braucht, hohe Dichte und Konzentration, druckvoll, präsent, cremige Eleganz, ideal für Liebhaber gut verwobenen, aber merklich spürbaren Holzes, sehr geringe Säure, nicht zu dick, aber auch nicht belanglos, klasse !

Das Fazit lautet gleichwohl, dass Chardonnay eine (gute) Zukunft im Rheingau hat, vor allem auf Böden mit einem möglichst hohen Kalkanteil.... aber bitte nicht als säurearme Riesling-Alternative so nebenbei ausgebaut, sondern als eigenständiger Charakterwein, der eine Zierde für die Rebsorte ist und all das zeigen kann, wofür Chardonnay steht: eine der besten Weißweinrebsorten der Welt.   

Erstes Gewächs Rheingau

Vier Tage im August! An diesen vier Tagen fällt aus Rheingauer Sicht das finale Urteil über den Weinjahrgang 2016, denn samstags zeigt der VDP Rheingau eine Auswahl der Großen Gewächse. Sonntags legt der Rheingauer Weinbauverband mit den Ersten Gewächsen nach, und in Wiesbaden werden GGs aus allen Anbaugebieten einschließlich Rheingau drei Tage lang erschnüffelt, geschlürft und bewertet.

Im Rheingau testet der Weinbauverband fast jedes Jahr ein neues Konzept, einen neuen Termin und/ oder einen neuen Ort, um seine Ersten Gewächse vorzustellen. Die ideale Konstellation kann es vermutlich gar nicht geben, aber Burg Schwarzenstein war diesmal als stimmungsvoller Ort gut gewählt. und die lockere Art einschließlich Selbstbedienung war passend, weil sie jedem sein eigenes Verkostungstempo ließ – und meines war und ist zugegeben zügig.

Natürlich würde sich der Weinbauverband mehr mediale Aufmerksamkeit wünschen, aber das ist illusorisch. Tatsächlich muss sich der Verband durchaus Sorgen machen, wie es mit den 1999 erstmals vorgestellten „Ersten Gewächse“ weitergeht, nachdem die Rheingauer VDP-Güter seit 2012 ihre eigenen „GG“-Wege gehen. Im Weinjahr 2016 haben sich bislang nur 24 Erzeuger beteiligt und auf Burg Schwarzenstein 30 Erste Gewächse vorgestellt, die für eine Gesamtmenge von lediglich 22.500 Liter stehen. Das ist sehr wenig. Eine solche GG-Menge erzeugen einige größere VDP-Betriebe inzwischen ganz allein.

Beunruhigend ist vor allem die Tendenz: Im vergangenen Jahr waren es noch 30 Weingüter mit 40 Ersten Gewächsen und einer Menge von mehr als 27.000 Litern, im Jahr 2014 immerhin 32 Weingüter mit 37 Weinen und einer Menge von 32.000 Litern. Mit den Jahrgangsunterschieden allein lässt sich das nicht erklären.

Es sagt zudem viel aus über Marktbedeutung, über die Absatzzahlen bei den Weingütern, die ökonomische Bedeutung im Sortiment und die Relevanz in der Weinwelt. Das alles sagt aber noch nichts über die Qualität… also verbrenne ich mir hier mal wieder die Finger und den Mund: natürlich gab es wieder Licht und Schatten. Beginnen wir mit dem Licht. Das strahlte wieder einmal in der äußersten westlichen Ecke des Rheingaus am hellsten. Diesmal allerdings ist es Laquai, der mit einem großartigen, fein strukturierten und gut balancierten Lorcher Schlossberg den Vogel abschießt, 93P. Einen Wimpernschlag dahinter sehe ich den Bodental-Steinberg, 92P, von Mohr/ Familie Neher (die Lorcher Krone ist leider etwas zu süß geraten und wirkt dadurch weniger präzise) und den feinfruchtig-klaren, dabei ausnehmend mineralischen Pfaffenwies Riesling, 92P, von Altenkirch. Ziemlich gut sind zudem die beiden mineralisch-eleganten und strahlenden „Kläuserwege“ von Goldatzel und von Sohns ausgefallen, je 90P. Diese Lage mit ihrem Löß-Lehm-Boden kann was, auch wenn ihr Bekanntheitsgrad gegen Null tendiert. Und das Alterungspotential ist nach meinen Erfahrungen mit Weinen früherer Jahrgänge sehr beachtlich.

Ein leidiges Thema war wieder einmal der Zucker im Glas. Leider ist es vielen EG-Erzeugern nicht auszutreiben, Weine mit mehr als neun Gramm Zucker vorzustellen. Der einzige Betrieb, der das wenigstens einigermaßen gekonnt tat, war der Sieger der jüngsten Schoppen-Trophy, Trenz in Johannisberg, dessen Hasensprung und dessen Mittelhölle zwar beide nur knapp unter zehn Gramm RZ blieben, aber jeweils mit einer gut integrierten Säure von über acht Promille ausgestattet waren. Im Mund passte das sehr ordentlich. Ob man diese Stilistik einem Ersten-Gewächs zuordnen will, das lasse ich mal dahingestellt, aber die Weine zeigten sich mit viel Schmelz, Finesse, guter Säure, betörender Frucht und auch mit gutem Trinkfluss. Deutlich faszinierender fand ich allerdings die beiden Ausrufezeichen, die der Hattenheimer Stefan Gerhard gesetzt hat. Knochentrocken, präzise, scharf wie ein Samurai-Schwert. Vor allem der Wisselbrunnen gefiel mir gut, das Schützenhaus ist fast ganz durchgegoren und schon fast zu karg geraten. Positiv erwähnenswert sind darüber hinaus der straffe, dichte Siegelsberg von Crass und das Kirchenstück von Himmel, das einfach „charming“ ist. Für eine sehr positive Überraschung sorgte Schreiber aus Hochheim, ebenfalls mit einem Kirchenstück von pikanter Würze, zupackender Art, animierend, mit gutem Trinkfluss. Schließlich noch das altehrwürdige Schloss Schönborn, allerdings nur mit dem Nussbrunnen. Aber der hatte es mit seiner Substanz und Mineralität in sich und ist eine gute Werbung für die Güte der Hattenheimer Brunnenlagen.

Namentlich nicht erwähnen will ich jene Winzer, die Weine vorgestellt haben mit fast zehn Gramm Restzucker und weniger als sieben Promille Säure. Wie das geschmeckt hat, will ich nicht weiter ausbreiten. Allerdings richtet das den Blick auf die Jury. Da besteht offenbar durchaus die Gefahr, dass Weine auf höherem Niveau analog zur Landesweinprämierung geprüft werden und somit eher belanglose Mainstream-Weine durchrutschen, während Charakterweine mit Ecken und Kanten Gefahr laufen, durchzufallen. Diese Gefahr bestätigte sich für mich schon durch die zwischenzeitliche Verkostung eines der durchgefallenen EG-Kandidaten, der meines Erachtens zwei Drittel der akzeptierten und in Johannisberg gezeigten EGs glatt in die Tasche gesteckt hätte. Das kann nicht sein.

Bei den Rotweinen gab es nur einen einzigen (!!!) Wein: ein Langenstück von Ernst in Eltville. Auch das sah schon einmal ganz anders aus. Wenn der Bedarf nicht (mehr) da ist, sollte man die Kategorie gleich ganz streichen… oder wie will man das dem breiten Publikum erklären, dass der ganze Rheingau nur ein einiges rotes Erstes Gewächs hervorbringt, und das aus dem Eltviller Langestück… ?!? Ansonsten habe ich etliche Weingüter vermisst, angefangen von Schumann-Nägler über Koegler bis zu Schloss Reinhartshausen und noch etliche mehr… Auch darüber muss sich der Verband Gedanken machen in einer Zeit, in der das Erste Gewächs offenbar kein Selbstläufer (mehr) ist… Zwar gibt es interessante Gedankenspiele, welche Zukunft das Erste Gewächs einmal haben könnte… doch das muss allmählich auch mal konkrete Formen annehmen.

Große Gewächse Riesling

Große Gewächse – Riesling

Wie immer beginnt in der Pfalz die Solaris-Lese, wenn im Rheingau das endgültige Urteil über den aktuellen Jahrgang fällt, denn dann werden im Rheingau die Ersten Gewächse (Bericht folgt, GGa s.u.!) und in Wiesbaden die VDP Großen Gewächse vorgestellt werden – wie gewohnt mustergültig organisiert, auch wenn es bei den Einladungen im Vorfeld bei paar Irritationen und Ungereimtheiten gab. Schwamm drüber. 2016 war wieder ein Jahr der Extreme und der Herausforderungen, erst viel zu nass, dann eigentlich viel zu trocken. Aber es gab – wie immer – Wein. Sogar gut, auch an der Basis, wie die von mir organisierte Schoppen-Trophy gezeigt hat. Und an der Spitze. Tag 2 bei #vdpgg2017: Riesling

Mittelrhein

eine schöne geschlossene Kollektion, die von den Winzern vorgestellt wurde. Ich nehme jetzt bewusst 3 Rheingauer Weine mit absolutem Mittelrheincharakter hinzu: Kesselers Lorchhäuser Seligmacher (klar wie Quellwasser, filigran, merkliche Süße, die dem Wein aber ungemein steht, top!) sowie die beiden Kanitz-Weine, Lorcher Kapellenberg und Pfaffenwies Röder. Schörkellos, ganz geradeaus, feingliedrig, das gefällt mir ausnehmend gut. Bei den „echten“ Mittelrheinern stechen 3 Weine für mich heraus: Matthias Müllers fantastischer „An der Rabenlei“, „Im Hahn“ von Toni Jost und Ratzenbergers St. Jost, die das ausstrahlen, was den Mittelrhein ausmacht: Finesse und tänzerische Eleganz gepaart mit einer zupackende Säure und mit großem Trinkfluss

Nahe

großes Kompliment an die Nahe, die im ersten Flight gleich mit Dönnhoffs Dellchen Sympathiepunkte bei mir gesammelt hat. Restlos überzeugt hat mich direkt danach das Pittermännchen von Diel mit seiner straffen Würze, gutem Zug, Finesse und Tiefgang (während das Goldloch noch recht verschlossen daherkam, muss noch wachgeküsst werden). Sehr ordentlich, was Gut Hermannsberg diesmal auf die Beine gestellt hat, dem 2015er Hermannsberg hat die längere Zeit in der Flasche sehr gut getan. Dönnhoff zeigt gleichwohl die charakteristischere Handschrift, bringt die Weine etwas präziser auf den Punkt. Und dann das große „Duell“ am Gaumen: Schäfer-Fröhlich und Emrich-Schönleber! Unglaublich gut, was beide Güter aus ihren Spitzenlagen diesmal vorgestellt haben, ich bin platt. Vor allem der kräuterige, florale Felsenberg von Schäfer-Fröhlich ist ein Wein, über den sich zu reden und schreiben lohnt. Die Kupfergrube nicht minder packend, mit einem schönen Stinker, aber eine Dichte und Konzentration, die unglaublich schön anzutrinken ist, auch wenn die Weine ein großes Stück von ihrem „Punkt“ entfernt sind. Wenn Winzer so um meine Gaumengunst wetteifern wie diese beiden Güter, auch mit Halenberg und Frühlingsplätzchen, dann ist das eine wahre Lust. Ich ziehe mich salomonisch zurück: Emrich-Schönleber für absehbaren kaufen, Schäfer-Fröhlich erst mal einlagern.

Rheinhessen

Wer meint, Rheinhessen könne nach diesem Loblied auf die Nahe einpacken, der irrt. Schon im ersten Flight ein Scharlachberg von Wagner-Stempel, der mich völlig überrascht und überzeugt hat. Das ist ein großer Wein mit großer Zukunft. Eine Einschätzung, die übrigens nicht minder für den Rothenberg „wurzelecht“ von Kühling-Gillot gilt: straff, präzise, Druck am Gaumen, betörende Aromen, klasse! Und sonst: 4x Hipping, 5x Pettenthal, und bei beiden Lagen muss ich Kühling-Gillot hervorheben, das das Großartige dieser Lage mit einer überzeugenden Stilistik verbinden. Und das Loblied hat noch kein Ende, sondern steigert sich zum Finale mit einer Ode auf Wagner-Stempel: Heerkretz und Höllberg, das sind für mich 95 und 94 Punkt und mit das Beste, was Wiesbaden heute zu bieten hatte, obwohl ich Wittmannns Kirchspiel und Groebes Aulerde damit ein wenig Unrecht tue. Aber was ist schon gerecht auf dieser Welt?

Große Gewächse - Weiße Burgunder

Sonntag früh, nicht einmal 11 Uhr und schon eine kleine, aber feine Auswahl weißer Burgunder auf dem Tisch. Eine Herausforderung, aber eine geschmackvolle. Los geht’s in Wiesbaden anlässlich der Vorpremiere Großes Gewächs des VDP #vdpgg2017 mit der von mir ungeliebtesten Sorte, dem Grauburgunder… und der erste haut mich gleich von den Socken

Grauburgunder

Pawis Edelacker GG – eine Granate von Saale-Unstrut, geschliffen, präzise, Druck, hochfein, dabei mit guter Säure, Trinkfluss wie ich ihn sonst von dieser Rebsorte kaum kenne, Kompliment! 92P

Nicht minder gut das Lämmler GG von Schnaitmann, ein Expresszug am Gaumen, voll, elegant, schöne Cremigkeit, das macht Laune. 91P. Bercher überzeugt mit dem Feuerberg Haslen, 91P. Übertroffen wird er allerdings von Hegers Achkarrer Schlossberg, der alles hat, was ich von einem Wein dieser Güte erwarte. Schmelz, Nachhall, Eleganz, Cremigkeit, Körper ohne deshalb zu fett daher zu kommen. 93P  Eher in die herkömmliche Kategorie fallen da Wöhrwags Herzogenberg (88P) und die Kirchgasse von Wöhrle (Weingut Stadt Lahr), 89P. Perfekt ausbalanciert erscheint mir Stiglers Winklerberg Pagode, 92P, gut Blankenhorns Sonnenstück und der Doktorgarten aus dem Staatsweingut Freiburg, beide 90P. Alles war mehr als 90 Punkte führt sogar einen Grauburgunder-Skeptiker wie mich in Versuchung, zumal die Weine eine guten Trinkfluss haben könnten… ich muss jetzt nochmal am Pawis nippen!

Chardonnay

… ich werde immer mehr zum Freund anspruchsvoller deutscher Chardonnays, auch wenn ich – zugegeben – gute Franzosen ebenso zu schätzen weiß wie die Neue Welt, vor allem meine geliebten Südafrikaner (Bouchard-Finlayson, Moreson und Co…!) In Baden – meiner Heimat – gibt es aber schon lange Extraordinäres, und mein Schlüsselerlebnis hatte ich schon vor Jahren mit Huber! Der war in Wiesbaden diesmal mit dem 2015er Bienenberg GG und dem 2015er Schlossberg dabei… ganz einfach klasse! Nicht zu dick, merkliche Säure, viel Zitrus, feine Cremigkeit, sehr auf der eleganten Seite, so muss, darf und kann deutscher Chardonnay schmecken, eine Benchmark, beide 93P.

Sehr ordentlich auch Kronenbühl-Gottesacker von Wöhrle (Stadt Lahr), 89P. Vom Staatsweingut war leider nur der Doktorgarten, nicht aber der Schlossberg zu verkosten – sehr fest am Gaumen, druckvoll, ein Wein mit Durchschlagskraft, dem ein wenig die Finesse fehlt, 90P. Genau die zeigt Stiglers Winklerfeld auf wunderbare Weise… ein Chardonnay-Grazie mit Stil und Noblesse, hoher Trinkfluss, 92P. Stilistisch ganz anders, aber nicht minder fein zeigt sich Hegers 2015er Hinter Winklen „Gras im Ofen“, der sich in der Nase mit einem Wahnsinnsbukett meldet und sich am Gaumen ausgezeichnet präsentiert und zu meinen Höhepunkten zählt, 93P.

Roter Traminer

Lützendorfs Hohe Gräte Roter Traminer GG ist für mich mangels Vergleichsmöglichkeit und mangels Erfahrung ein schwer zu bewertender Wein, die relative Süße ist nicht mein Ding, allerdings fallen mir sofort jeden Menge Gericht ein, zu denen das ein absolut überzeugender Essensbegleiter wäre… solo ohne Trinkfluss, 88P

Weißburgunder

Weißburgunder! Bleiben wir doch erstmal im Badischen, auch wenn es der Rest der Republik auf meinem Gaumen dann vermutlich nicht einfach haben wird. Die badische Phalanx erweist sich in der Tat als beeindruckend, angeführt von Hegers Winklen Rappenecker, 94P, und dem Doktorgarten aus dem Staatsweingut, 93P. Stigler und Bercher bleiben mit der Pagode und dem Feuerberg Haslen nur knapp dahinter (beide 91P) vor dem Herrentisch von Wöhrle.  Das alles ist ziemlich gut und auch ziemlich überzeugend, wenn man ein Fan von Weißburgunder ist.

Bei den Kollegen in Württemberg liefern sich Aldinger und Ellwanger auf meiner Zunge ein hartes Gefecht, das wegen der größere Klarheit und Präzision Aldinger, 91P, mit leichtem Vorteil für sich knapp vor Ellwanger, 90P, entscheidet. Ähnlich gilt an Saale-Unstrut, wobei der Vorteil für Pawis mit seinem Edelacker, 90P, vor der Hohen Gräte von Lützendorf (88P), etwas klarer ausfällt. Bei den Franken steht erstaunlicherweise das Juliusspital allein auf weiter Flur. Der 2015er Karthäuser weiß aber mit seinem Spiel, seiner cremigen Leichtigkeit und seiner Finesse sehr zu überzeugen, 92P.

Beherrscht wird die Rebsorte bei den GGs aber von der Pfalz mit einem Dutzend GGs! Rebholz bewegt sich mit Im Sonnenschein, 89P, und Mandelberg, 91P, sehr auf der eleganten Seite, doch gefällt mir unerwartet die kräftiger Interpretation des Mandelberg von Dr. Wehrheim deutlich besser, 92P. Ein Maul von Wein auf höchstem Niveau. Kranz´ Kalmit ist recht ordentlich ausgefallen, mehr aber auch nicht, 88P, deutlich geschliffener Bernharts Sonnenberg „Rädling“. Nachträglich angestellt wurde noch der Mandelberg von Bergdolt Klostergut St. Lamprecht, der sich nur knapp hinter Wehrheim einordnet, 91P

Hochspannend die unterschiedliche Interpretation aus dem Kirschgarten von Knipser und Philipp Kuhn… letzter sehr „wild“, animalisch, animierend, spannend, ein Wein mit Ausrufzeichen, der für Diskussionen sorgen wird, 92P, doch am Ende überzeugt mich doch Knipsers großer Klassiker, 93P… da werde ich aber sicher nicht in der Mehrheit sein… Rings bestätigen ihren guten Lauf, 92P, Meßmer und Minges gewohnt verlässlich, 90P, eine Neuentdeckung sind für mich Münzberg Lothar Keßler & Söhne mit einem hochspannenden Münzberg „Schlangenpfiff“..,., dieser Pfiff lässt mich aufhorchen…, 91P.

Silvaner

... meine fränkische Lieblingsrebsorte darf am Ende nicht fehlen! Sehr ordentlich Rothlauf und Himmelspfad von Rudolf May, doch nicht auf dem Niveau von Schmitt´s Kinder und Ludwig Knoll, DAS ist ein STEIN. Die beste Silvaner-Kollektion hat meines Erachtens das Bürgerspital vorgelegt, für den Stein gibt es 92P, für die Stein-Harfe 91P. Auf ähnlich  hohem Niveau produzieren sonst nur noch Hans Wirsching und die beiden Sauers in Escherndorf. Welcher "Lumpen 1655" der Bessere ist, das ist wirklich eine Frage der Tagesform des Verkosters. In jedem Fall war 2016 ein guter Silvaner-Jahrgang, und meine persönlichen Vorlieben erfüllt das Bürgerspital in diesem Jahr am Besten.