• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Wettlauf zwischen Fäulnis und Reife

Kurz vor Beginn der Rieslinglese brauchen die Rheingauer Winzer gute Nerven. Die letzten zwei, drei Wochen vor der Weinlese sind im Hinblick auf die Qualität des Jahrgangs die entscheidenden, und auf dem Wunschzettel der Rheingauer Winzer stehen viel Sonnenschein und eher kühle Temperaturen. Doch danach sieht es nicht aus. Nicht wenige Winzer sehen sich schon jetzt einem Dilemma gegenüber, denn das Ziel, vollreife und gesunde Beeren zu ernten, könnte in Gefahr geraten. Wenn sich Fäulnis ausbreiten sollte, dann könnten die Winzer gezwungen sein, die Lese zu forcieren, obwohl die Ausreifung der Beeren noch nicht im erwünschten Maße vorangeschritten ist. Bislang ist im Rheingau zunächst nur die vereinzelte Lese der frühreifen Rotweinsorten angelaufen. Auch das Weinbauamt riet hier zur zügigen Ernte, denn Traubengesundheit und „Basissicherung“ seien wichtiger als höhere Oechslegrade, heißt es. Durch häufigere Kontrollen als gewöhnlich müsse der Winzer derzeit den richtigen Kompromiss zwischen dem Reife- und Gesundheitszustand finden.

Das Weinbauamt warnt aber auch, aus Sorge um die Ernte nicht viel zu früh zu lesen. Wer unreifes Lesegut in großer Menge verarbeite, der riskiere später Abstufungen bei der Qualitätsweinprüfung. Zudem präsentierten sich solche Weine geschmacklich oft „ausdruckslos und leer.“ Auch Fehltöne wie der „untypische Alterungston“ treten häufiger auf. Der Beginn der Hauptlese wird im Rheingau für die Tage um den 29. September erwartet. Wie schnell es dann gehen wird, hängt vom Gesundheitszustand der Trauben und von der Witterung ab. Vor allem die vielen Regenfälle im August haben die Winzer sorgenvoll gestimmt. Die Beeren nahmen dadurch viel Wasser auf und drücken sich nun in kompakten Trauben gegenseitig so stark ab, dass einige Beeren aufplatzen und sich Fäulnisnester bilden. Nicht wenige Winzer richten sich schon jetzt darauf ein, bei gutem Reifezustand mit hoher Schlagkraft zügig zu ernten, um möglichst viele und möglichst gesunde Beeren in die Weinpresse zu bringen. Beim Riesling sind die Ertrags- und Qualitätserwartungen der Winzer trotz der wachsenden Nervosität noch gut. Weinbaupräsident Peter Seyffardt beispielsweise belegt mit aktuellen Bildern aus seinen Weinbergen in Facebook einen noch guten Gesundheitszustand der Trauben. Der Betriebsleiter des Hattenheimer Weinguts Balthasar Ress und Weinblogger Dirk Würtz spricht von „Alarmstufe 3“ von insgesamt fünf Stufen und sieht die Hoffnungen auf einen entspannten Lesestart erst Anfang Oktober dahin. Die Trauben bräuchten jetzt Licht und Luft, um sie vor Fäulnis zu bewahren. Würtz und andere Winzer sehen zudem viel Arbeit auf sich zukommen, weil vor der Lese sämtliche schon faulen Beeren manuell aus den Rebstöcken herausgeschnitten werden müssen, um reintönige Weine produzieren zu können. Das bedeutet nicht nur mehr Aufwand, sondern auch deutlich höhere Kosten. Beim Rotwein ist dieser Prozess des sorgsamen Selektionierens schon seit einigen Tagen im Gange. Würtz fürchtet eine „der herausforderndsten und komplexesten Ernten“ der zurückliegenden zehn Jahre. Es sei zu nass, zu warm und noch einige Zeit hin bis zur „wirklichen Traubenreife.“ Die Lage verschärfe sich mit jedem Tropfen Regen, die Wetterprognosen seien unsicher. „Aber einfach kann schließlich jeder.“ (mein leicht gekürzter Bericht aus der F.AZ. vom 20. September)