• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

10 Jahre Steinbergkellerei

Nicht Gras, sondern Reben wachsen über dem größten Zankapfel der Region
Mit ihrem neuen Arbeitsplatz ist Kathrin Puff überaus zufrieden. Die Ausstattung sei vom Feinsten, und im Tanklager sei nicht gespart worden, sagt die Neununddreißigjährige. Und dass beim Transport von Trauben, Most und Jungwein die Schwerkraft einen Gutteil der Arbeit im Keller erledigt und nicht gepumpt werden muss, was der Weinqualität abträglich wäre, gefällt ihr besonders gut. Das Lob der gebürtigen Krefelderin hat Gewicht. Denn die in Geisenheim und in Udine bestens ausgebildete Önologin mit reichem Erfahrungsschatz aus ihrer Tätigkeit für Weingüter in der Toskana, in Neuseeland und in Thailand verantwortet künftig in der Nachfolge von Ralf Bengel den Weinausbau für die Hessischen Staatsweingüter. Puff kommt mit vielen Ideen in den Rheingau. Ihr eilt der Ruf voraus, Weine mit feiner Aromatik und Struktur zu erzeugen. Und sie sieht ein großes Potential, das sie heben will.
Allerdings müsse dazu die Voraussetzung im Weinberg gelegt werden, sagt sie, denn im Weinkeller dürfe der Einfluss nur zurückhaltend sein. Sie will die Weinberge, das Terroir, sprechen lassen. Und weil kein Weinkeller "perfekt" ist, wünscht sich Puff noch mehr Tanks, um beim Ausbau experimentieren und beim Zusammenstellen der Cuvées "spielen" zu können. Auch an für die Staatsweingüter neuen Rebsorten wie Sauvignon blanc will sie sich versuchen, den Anteil der Burgundersorten erhöhen und überdies feinen Rosé erzeugen.
Geschäftsführer Dieter Greiner scheint solchen Wünschen aufgeschlossen gegenüberzustehen. Er zeigt sich begeistert von der Stilistik der ersten Weine, die Puff in die Flasche gebracht hat. Und die Önologin fiebert ihrer ersten Weinlese im Herbst entgegen. Ihr neues Engagement im Rheingau nach den Wanderjahren im Ausland fällt zusammen mit dem zehnjährigen Bestehen der Steinbergkellerei. Dort werden im Herbst die Trauben von 250 Hektar Weinbergen im Rheingau und an der hessischen Bergstraße in der Kellerei verarbeitet.
Dabei stand ihr Bau zeitweise auf des Messers Schneide. Doch in den vergangenen zehn Jahren haben die meisten Kritiker Frieden mit dem "großen Loch" am Steinberg geschlossen. Nur der frühere Landrat Burkhard Albers (SPD) war während seiner Amtszeit niemals dort gesehen worden und hat bis heute keinen Fuß in das Gebäude gesetzt. Dabei wohnt Albers im benachbarten Hattenheim.
Während energische Kritiker wie der Wallufer Winzer Hans-Josef Becker sogar zur Eröffnungsfeier erschienen, gab sich Albers stets unversöhnlich und klagte wenige Tage vor der Eröffnungsfeier, dass der "riesige Eingriff" in die historische Kulturlandschaft nicht zu heilen sein und als Wunde dauerhaft erhalten bleiben werde. Inzwischen sind es kleinere Kellereien privater Weingüter, die als Aussiedlungsprojekte im Rheingau für Aufregung sorgen. Am Steinberg hingegen ist Normalität eingekehrt, und die Neugier ist so groß, dass sich jährlich 6000 bis 8000 Besucher das Bauwerk zeigen lassen.
Unbestritten aber ist: Ohne den damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), der den Neubau als notwendigen Teil einer umfassenden Umstrukturierung des landeseigenen Unternehmens gegen viele Widerstände vorantrieb, wäre die Kellerei nicht gebaut und wären die Staatsweingüter vielleicht sogar aufgelöst oder verkauft worden, wie es Rheinland-Pfalz in einigen Fällen vorexerzierte.
Vor zehn Jahren wurde die Kellerei in Betrieb genommen, 10 000 Besucher bestaunten damals am ersten Wochenende das wieder von Rebstöcken überdeckte "Loch" von 80 Meter Länge, 60 Meter Breite und 13 Meter Tiefe. 10 000 Tonnen Beton und 1700 Tonnen Stahl waren verbaut worden, um mehr als 200 blitzende Edelstahltanks aufzunehmen. So entstand Deutschlands damals modernster Weinkeller, um dessen Bau über fast sieben Jahre hinweg erbittert gestritten worden war. In diese Auseinandersetzung waren auch Landtag, Regierungspräsidium, Kreistag und Verwaltungsgerichte involviert. Später gab Ministerpräsident Koch freimütig zu, den Protest gehörig unterschätzt zu haben.
Knapp 16 Millionen Euro kostete der Weinkeller. Gemessen an architektonisch herausragenden Weinkellereien in Südafrika, Südtirol und Kalifornien, war der Neubau gleichwohl funktional und bescheiden. Dass dennoch von einer "Kathedrale für den Riesling" die Rede war, lag vor allem an den Dimensionen: Knapp zwei Millionen Liter können in Tanks und Fässern gelagert werden, zudem rund 1,2 Millionen Flaschen. In den zurückliegenden zehn Jahren wurde an mancher Stellschraube gedreht. Die Erweiterung auf fünf große und eine kleine Weinpresse verdoppelte die Kapazität bei der Ernte. Eine Traubensortiermaschine wurde angeschafft, ebenso weitere Holzfässer, um den Spitzenweinen mehr Struktur und Strahlkraft zu geben.
Ungewöhnlich und hinderlich ist bis heute, dass die Kellerei über zwei Lastenaufzüge erschlossen wird und nicht direkt von Lastwagen angefahren werden kann. Doch das war ein damals unvermeidliches Zugeständnis an den sensiblen Standort in der Kulturlandschaft.
Unter der Prämisse, dass ein Bundesland es tatsächlich für notwendig hält, sich Deutschlands größtes Weingut zu leisten, war der Umzug an den Steinberg neben Kloster Eberbach die richtige Entscheidung. Denn es war eine Rückkehr, die vor allem von Greiner vorangetrieben wurde mit der nachvollziehbaren Argumentation, die Zukunft der Staatsweingüter liege in ihren Wurzeln und diese Wurzeln seien das Kloster und der Steinberg.
Denn nur 40 Jahre in der 900 Jahre währenden Geschichte des Weinklosters Eberbach war der Wein nicht am oder im Kloster selbst, sondern in Eltville ausgebaut worden. "Es kommt endlich wieder zusammen, was zusammengehört", sagte der damalige Weinbauminister Wilhelm Dietzel (CDU) zur Eröffnung. "Wir wollen und müssen nun ein Flaggschiff sein", gab Koch den Staatsweingütern damals ein ehrgeiziges Ziel vor, "sonst haben wir unseren Job verfehlt." Eine Aufgabe, der sich nun Kathrin Puff stellen muss. (aus meinem Text aus der FAZ vom 30.5.)