• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Aus für Langwerth!

Der 554. Jahrgang war der letzte. Eines der ältesten in Familienbesitz befindlichen Weingüter der Welt, Langwerth von Simmern, gibt auf. „Wir ziehen uns aus dem aktiven Weingeschäft zurück“, heißt es in einem Brief an Kunden und Partner. Der Jahrgang 2017 wird schon nicht mehr in Flaschen gefüllt, der Weinkauf zum 1. Oktober eingestellt. Der Langwerther Hof, ein imposantes denkmalgeschütztes Ensemble im Herzen der Eltviller Altstadt, wird verkauft. Die Familie zieht im Herbst auf ihr landwirtschaftliches Rittergut Wichtringhausen bei Hannover.

Es ist das Ende einer Ära im Rheingau, die Georg Reinhard Freiherr Langwerth von Simmern und seine Frau Andrea mit dieser Entscheidung einleiten. Die Geschichte der Familie reicht im Rheingau in das Jahr 1464 zurück. Seither ist sie unmittelbar mit dem Weinbau verbunden. Johann Langwerth von Simmern wurde damals für seine Verdienste als Kanzler des Herzogs Ludwig von Pfalz-Zweibrücken mit rund sechs Hektar der Spitzenlage "Hattenheimer Mannberg" belehnt. Familienwohnsitz war nach 1472 zunächst die Hattenheimer Burg, von 1711 an der Stockheimer Hof in Eltville. Mit dem später erworbenen Lichtenstern’schen Hof wurde das heutige Ensemble des Langwerther Hofs komplettiert, das einen schönen Gutspark umschließt.

Das Weingut im Rheingau leitet seit 1996 Georg Reinhard Freiherr Langwerth von Simmern. Er musste allerdings die Erfahrung viele adeliger Weingutsbesitzer teilen, dass mit den Erträgen aus dem Weinbau in heutiger Zeit viel zu große, häufig marode, aber denkmalgeschützte Liegenschaften nicht zu unterhalten sind. Die Auflösung des Weinguts Graf Eltz in unmittelbarer Nachbarschaft ist ein Beispiel dafür, ebenso das Schicksal von Schloss Vollrads, das Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau nicht vor der Insolvenz zu retten vermochte.

Glaubhafte Gerüchte über Verkaufsabsichten hatte es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Vor zwei Jahren geisterte die Nachricht vom Erwerb durch eine Immobiliengesellschaft schon durch die sozialen Medien. „Das entbehrt jeder Grundlage“, dementierte Andrea Langwerth damals energisch. Doch die offiziell nie bestätigten Verkaufsabsichten waren in der Branche offensichtlich, nachdem ein ernsthafter Interessent an der Liegenschaft begonnen hatte, die renommierten Weinberge zum Kauf anzubieten. Die enorme Höhe der seinerzeit aufgerufenen Preise für Toplagen wie Marcobrunn, Baiken, Wisselbrunnen und Co. machte unter Winzern die Runde. Ein Fragezeichen über die Zukunft des Weinguts wurde vor zwei Jahren durch die Stadt Eltville selbst gesetzt. Die Verwaltung hatte damals eine Vorlage zur Änderung des Bebauungsplans erstellt, die Umbau und Erweiterung des Langwerther Hofes zu einem Ensemble mit schicken Eigentumswohnungen und sogar einer Tiefgarage ermöglicht hätte. Doch kurz vor Sitzungsbeginn nahm Bürgermeister Patrick Kunkel die Vorlage von der Tagesordnung, nachdem der Baron einen Rückzieher gemacht hatte.

Dennoch waren damit die Veränderungswünsche öffentlich geworden. Die Bewirtschaftung ihrer Weinberge hatte die Familie schon vor Jahren in die Hände des Eltviller Weinbaukollegen Ries gelegt. Im vergangenen Jahr verkaufte Langwerth überdies fünf Hektar Weinberge an das Wiesbadener Weingut Höhn. Und zum Jahresende 2017 kündigte Langwerth zudem die Mitgliedschaft im Verband der Prädikatsweingüter. „Ich muss zwei alte Gehöfte unterhalten, das ist eine Herausforderung“, begründet Langwerth die nun getroffene Entscheidung. Das sei mit Einkünften aus Weinbau und Landwirtschaft nicht zu stemmen. Die Entscheidung gegen den Standort Eltville sei auch eine Zukunftsentscheidung für die Familie. Dennoch will Langwerth die Verbindungen in den Rheingau nicht kappen.

Zwar werde der Langwerther Hof verkauft und „entwickelt“, doch werde die Familie die verbliebenen 18 Hektar Weinberge nicht veräußern. Er suche vielmehr einen strategischen Partner für deren Bewirtschaftung und den Ausbau der Weine, der im Herbst schon nicht mehr im Langwerther Hof möglich ist. Als Veranstaltungsort steht der Innenhof nur noch eingeschränkt zur Verfügung. Das Eltviller Sekt- und Biedermeierfest und das Jägerfest werden sich neue Standorte suchen müssen, vermutlich auch der Weihnachtsmarkt. Denn in Eltville endet eine Ära. (aus der FAZ vom 28. April)