• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Salmanazar und Balthazar

...hießen heute kaum mehr bekannte Assyrekönige. Für Champagner- und Weinfreunde sind das allerdings bis heute klingende Namen, denn sie stehen für Großflaschen, in denen schon allein wegen der beachtlichen Glaskosten nur ausgewählte Weine abgefüllt werden. Zwei dieser mundgeblasenen Giganten sorgten für die Höhepunkte auf der Weinversteigerung der Prädikatsweingüter und der Hessischen Staatsweingüter. Eine zwölf Liter fassende "Balthazar" des Weinguts Allendorf mit einem "2016er Goethewein aus dem Brentanohaus" war einem Weinfreund 2400 Euro wert. Und 1650 Euro ließ sich ein Bieter die Neun-Liter-Flasche (Salmanazar) aus dem Kiedricher Weingut Robert Weil kosten, die mit einem Ersten Gewächs des Jahrgangs 2004 gefüllt war - dem meiner Meinung nach aktuell besten trockenen Wein von Weil (siehe auch meinen Blog zu Vertikalproben bei Weil)

"Methusalem" ist der schmächtigere Bruder von Salmanazar und Balthazar mit "nur" sechs Liter Inhalt. Für eine kleine Familienfeier dürfte das aber immer noch genug sein. 1100 Euro wurden für ein "Berg Rottland Riesling Großes Gewächs" des Jahrgangs 2016 aus dem Weingut Ress in dieser Großflasche gezahlt, und sogar 1350 Euro gab es für eine 2016er Auslese von Schloss Johannisberg.

Zu welchem Anlass diese imposanten Großflaschen geöffnet werden und wer sie ersteigerte, das blieb den 480 Gästen der Auktion im Kloster Eberbach verborgen, denn Gebote durften im Auftrag ihrer Kunden nur die zehn zugelassenen Kommissionäre abgeben. Daher liegt auch der Mantel der Diskretion über jenen beiden finanzkräftigen Weinfreunden, die 4000 Euro für eine Einzelflasche Berg Rottland Riesling Trockenbeerenauslese und sogar 4150 Euro für einen Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder Natur zahlten, beide aus dem besonders raren Jahrgang 1938 und beide aus der Schatzkammer der Hessischen Staatsweingüter.

Das waren die Höhepunkte einer Auktion, die zugleich einen Neustart für diese Weinveranstaltung im Rheingau markieren sollte. Denn wegen geänderter Vertriebswege und Marktbedingungen war deren Bedeutung in den zurückliegenden Jahren stark gesunken. Trotz der langen Tradition. Mit einer herrschaftlichen Weinversteigerung war schon im Jahr 1806 in der alten Zisterzienserabtei begonnen worden, auch wenn es damals noch um ganze Fässer und nicht um Flaschen ging. 1897 hatte sich die "Vereinigung Rheingauer Naturweinversteigerer" gegründet, die Vorläuferin des heutigen Verbands der Prädikatsweingüter. Die Versteigerungen sind somit ein bedeutender Teil der Rheingauer Weinkultur. Ökonomisch betrachtet, wäre der Aufwand heute verzichtbar. Mit einer Frühjahrs- und einer Herbstversteigerung der Hessischen Staatsweingüter, einer VDP-Versteigerung im September und einer Raritätenauktion in Zusammenarbeit mit einem Londoner Auktionshaus hatte es vor 20 Jahren im Rheingau sogar noch vier Auktionen gegeben. Nun konzentriert sich alles auf eine einzige im März, nachdem der VDP im vergangenen Jahr seine Herbstauktion abgesagt hatte. Das Rheingau Gourmet- und Wein-Festival scheint zudem das richtige Umfeld für die Revitalisierung.

Neu waren in diesem Jahr die sieben "VDP. Auktion Réserve-Weine", die exklusiv nur für die Versteigerung gefüllt wurden. Bei ihrer Vorstellung im vergangenen Jahr sprach Wilhelm Weil von "preiswürdigen und erschwinglichen" Weinen von geprüfter Qualität und "mit hohem Trinkfluss". Dieses Experiment scheint gelungen. Die erzielten Preisen für die jeweils 300 Flaschen umfassenden Riesling-Partien waren durchaus ordentlich. Weils eigener Réserve-Wein wurde für zwölf Euro aufgerufen und für 27,50 Euro zugeschlagen. Ein Réserve-Sekt des Weinguts Barth wurde von 16 auf 42 Euro je Flasche gesteigert.

Erstmals wurde eine VDP-Weinauktion live im Internet übertragen. Bis zu 100 Zuschauer sahen sich zumindest phasenweise die Auktion an. Ein Dutzend potentieller Käufer hatte sich vorab registrieren lassen, um online mitzusteigern. Und das nach Angaben von Dirk Würtz, der das Projekt betreut hatte, mit Erfolg. Die Online-Gebote hätten sich auf einen fünfstelligen Betrag summiert. Vor allem ein norwegischer Weinfreund habe ordentlich eingekauft.Würtz spricht von einem "guten Impuls" für die Traditionsveranstaltung. Das sei ein erfolgreicher Auftakt gewesen, die Mühe habe sich gelohnt. "Ich bin extrem zufrieden", sagt Würtz, und der Erfolg sei greifbar: "Die Weinversteigerung lebt wieder". Ähnlich positiv äußerte sich der Geschäftsführer der Staatsweingüter, Dieter Greiner: "das hat Spaß gemacht." Viele der Versteigerungslose seien überzeichnet gewesen, so dass die Winzer zusätzliche Flaschen bereitstellen mussten, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Tatsächlich waren laut Katalog gut 4400 Flaschen im Angebot, versteigert wurden aber im Lauf von insgesamt vier Stunden nach der Bilanz von VDP-Geschäftsführer Mathias Ganswohl mehr als 5700 Flaschen zum Nettopreis von zusammen 225 000 Euro. Es scheint, dass die Winzer einen Weg gefunden haben, die Tradition zu wahren und sich der Online-Zukunft zu öffnen. (aus der FAZ)