• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Essay: Hat Riesling Zukunft?

Die Winzer sprechen gern von der wertvollsten Rebsorte der Welt. Doch der Weinmarkt sendet andere Signale. Riesling ist ein allenfalls stagnierendes Nischenprodukt. Auf den Rebflächen der drei größten Weinbaunationen der Welt, Spanien, Frankreich und Italien, spielt Riesling keine Rolle. Mit einer weltweiten Anbaufläche von 50.000 Hektar liegt Riesling - gemessen an globalen Rebfläche von 5,6 Millionen Hektar – auf dem bescheidenen 18. Rang. Riesling ist vor allem eine deutsche Rebsorte. Hierzulande steht knapp die Hälfte aller Riesling-Rebstöcke weltweit, dahinter folgen das Elsass, Australien, die Ukraine und die Vereinigten Staaten. Während der „Rheingauer Weinbauwoche“ warfen die Veranstalter deshalb die Frage auf: „Welche Chancen hat der Riesling?“ Für den Rheingau stellt sich diese Frage umso drängender, als der Riesling allenfalls noch an der Mosel eine derart dominante Rolle spielt. Knapp 80 Prozent der 3200 Hektar Rebfläche sind zwischen Lorch und Hochheim mit dieser Rebsorte bestockt, dahinter ist nur Spätburgunder mit gut zwölf Prozent erwähnenswert. Dem Rest, auch dem in Deutschland derzeit stark nachgefragten Grau- und Weißburgunder, fällt die bescheidene Rolle einer Ergänzung des Sortiments zu.

Das gibt Anlass zum Selbstzweifel und zur Risikoabschätzung: „Treffen wir Erwartungen und Geschmack der Kunden? Sind unsere Weinprofile richtig? Und wo müssen wir nachjustieren?“ Fragen, die Weinbaupräsident Peter Seyffardt formulierte, und die auch nach langer Diskussion nicht eindeutig beantwortet waren. Im Lebensmitteleinzelhandel und im Discount kommt Riesling jedenfalls auch in Deutschland nicht über die Nische hinaus. Das bestätigte Mathias Müller vom Unternehmen „Quality Wein Select“, das zur Langguth-Gruppe gehört und bekannte Weinmarken wie die „Erben Spätlese“ im Portfolio hat. In den Supermärkten läuft Riesling laut Müller vor allem dann, wenn er halbtrocken oder feinherb schmeckt und die Süße im Wein die markante Säure des Rieslings „abdeckt“.

Für Rheingauer Erzeuger wie Wilhelm Weil, der auf 100 Hektar Rebfläche 100 Prozent Riesling erntet, ist das allerdings keine Option. Bei Weil beginnen die Flaschenpreise mit 15 Euro da, wo sie bei Müller schon lange enden. Nach Ansicht von Weil muss der Riesling im Rheingau die Leitrebsorte für Weißwein bleiben, weil die Winzer für diese Rebsorte eine „Kernkompetenz“ erarbeitet hätten, von denen andere Anbaugebiete weit entfernt seien. Weil nannte beispielhaft Rheinhessen, wo Riesling preislich inzwischen hinter die Burgundersorten zurückgefallen sei. Auch der Hochheimer Winzer Gunter Künstler warnte seine Winzerkollegen davor, mit Abstrichen beim Riesling „Profil und Gesicht zu verlieren“. „Die Zukunft unserer Leitrebsorte Riesling ist wichtig für die ganze Region“, seine vielen Facetten müssen den Kunden noch deutlicher präsentiert werden,“ meint Andrea Engelmann, die Geschäftsführerin der Rheingauer Weinwerbung. „Was wir nicht können, das ist billig“, sagt Theresa Breuer vom Rüdesheimer Weingut Breuer. Sie exportiert zwei Drittel ihrer Produktion und bestätigt, dass im Ausland deutlich höhere Flaschenpreise akzeptiert werden als im Inland. In diesem hochpreisigen Segment hat auch der Riesling als Rebsorte ein hohes Ansehen, so dass Breuer ihren bislang ebenfalls sehr hochpreisigen Grauburgunder nun als preiswerten „Türöffner“ anbietet. Seither werde ihr diese Rebsorte aus dem Händen gerissen.

Die Vorlieben und Gewohnheiten der Freunde des Rheingauer Weins und der Riesling-Trinker haben im Auftrag des Deutschen Weininstituts die Marktforscher von „Wine Intelligence“ erkundet. Grundlage sind Online-Befragungen von 145.000 Weinkonsumenten allein im vergangenen Jahr. Evelyn Pabst stellte dazu Sonderauswertungen für den Rheingau und die Rebsorte Riesling vor. Demnach gibt es in Deutschland immerhin 27,5 Millionen regelmäßige (mindestens 1x Monat) Weintrinker, von denen drei Viertel sogar  wöchentlich zum Glas greifen. Sie tun das in einem „robusten und gesättigten Weinmarkt“, dem größten Weinimportmarkt der Welt, in dem Wachstum nur noch durch Verdrängung der Konkurrenz möglich ist. Die Rebsorte ist nach ihren Analysen das wichtigste Kriterium bei der Kaufentscheidung, und Riesling ist für sie die bedeutendste Rebsorte mit der größten Reichweite unter den Kunden.

Riesling-Freunde sind demnach anspruchsvoller, wählerischer und experimentier- und trinkfreudiger als andere Weinkonsumenten, und sie halten sich tendenziell für kenntnisreicher. Pabst rät den Winzern, ältere Genießer und nachwachsende jüngere Weinfreunde mit unterschiedlichen Weinen und Strategien anzusprechen, weil diese beiden Gruppen unterschiedliche Vorlieben haben und auch nach unterschiedlichen Kriterien einkaufen. Dass der Riesling aus seiner Nische kommt, ist nach Meinung aller Experten nicht zu erwarten. Dass er in dieser Nische weiterhin Erfolg haben kann, ist ebenso unbestritten. Einen Nachteil in dieser Rolle sieht auch Britta Wiegelmann, die neue Chefredakteurin des Weinführers Gault Millau, nicht: „Die ganze Welt muss nicht Riesling trinken.“ (angelehnt an meinen Text in der FAZ vom 19.01.2018)