• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Essay: Das Winzersterben

Immer weniger Winzer bewirtschaften immer mehr Fläche. Der Konzentrationsprozess im Rheingau schreitet voran, ohne dass bislang ein Ende absehbar ist. Vor allem Winzer im Nebenerwerb, mit geringer Rebfläche und solche, die ihre Trauben an die verbliebenen Genossenschaften abliefern, geben zunehmend auf. Ein Anstoß ist nicht selten die Flurbereinigung, die wegen der unvermeidbaren Ertragsausfälle über mehrere Jahre, den Umlageverpflichtungen und den hohen Investitionen in die Neuanlage von Weinbergen mancher Winzer nicht stemmen kann oder will. In manch kleinem Betrieb fehlt es auch am Nachfolger. Das führt in der Konsequenz dazu, dass die Zahl der beim Weinbauamt in Eltville registrierten Weingüter seit Jahren stetig zurückgeht. Nach der jüngsten Aufstellung des Weinbauamtes wirtschaften auf den knapp 3200 Hektar Rebfläche im Rheingau derzeit nur noch 600 Betriebe. Vor sechs Jahren waren es noch 800. Ein Rückgang um 25 Prozent seit 2011. Damit hat sich der Konzentrationsprozess nahezu unvermindert fortgesetzt. Vor 20 Jahren waren es sogar noch rund 1500 Winzer in der Region, vor zehn Jahren knapp 1000. Brachflächen allerdings sucht der Besucher vergebens. Flächenhunger und Wachstumsstrategien haben vielmehr dazu geführt, dass die Preise für Rebflächen in den zurückliegenden Jahren deutlich angezogen haben, egal ob es um Pacht oder um Kauf geht. Dazu haben auch einige auswärtige Investoren und Seiteneinsteiger beigetragen, die im Rheingau Weingüter gekauft (Ottes, Hans Lang) oder gegründet (Chat Sauvage, Meine Freiheit) haben und mit ihrer Finanzkraft Rebflächen zugekauft haben. Für die eingesessenen Winzer hat das Vor- und Nachteile: die eigenen Rebflächen werden immer wertvoller, aber eine Expansion ist kaum mehr bezahlbar.

Inzwischen gibt es nur noch rund 200 Betriebe mit weniger als einem Hektar Rebfläche. Vor sechs Jahren waren es noch fast 300. Hingegen ist die Zahl der Betriebe, die mehr als zehn Hektar Rebfläche bewirtschaften, um zehn Prozent auf 72 gestiegen. Diese 72 Weingüter bewirtschaften inzwischen fast 2000 Hektar und damit knapp zwei Drittel der Rheingauer Rebfläche. Eine Entwicklung, die sich fortsetzen dürfte. Dramatisch ist das nicht: Im weltweiten Maßstab sind die Rheingauer Betriebe nach wie vor sehr klein. Dass auch kleinere Betriebe Zukunft haben können, zeigt zudem das Beispiel der Hessischen Bergstraße, wo auf 460 Rebflächen nur sechs Betriebe mit mehr als zehn Hektar wirtschaften, aber 140 mit weniger als einem Hektar und 255 Ablieferer von Winzergenossenschaften. Im Rheingau hingegen hat sich die Zahl der Ablieferer in den vergangenen sechs Jahren von 200 auf 100 halbiert.

Ob auch kleine Betriebe mit fünf oder weniger Hektar langfristig auskömmlich wirtschaften können, hängt allein von der Wertschöpfung ab. Wer Fasswein an Kellereien zu geringen Beträgen verkauft, der benötigt deutlich mehr Fläche zum Überleben als jener Betrieb, der ausschließlich an Privatkunden Flaschenweine verkauft und nebenbei eine Gutsschänke oder Straußwirtschaft betreibt. Sehr zu Freude des Weinschmeckers!

(angelehnt an meinen Text in der FAZ vom 13. Januar 2018)