• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Große Gewächse Riesling

Große Gewächse – Riesling

Wie immer beginnt in der Pfalz die Solaris-Lese, wenn im Rheingau das endgültige Urteil über den aktuellen Jahrgang fällt, denn dann werden im Rheingau die Ersten Gewächse (Bericht folgt, GGa s.u.!) und in Wiesbaden die VDP Großen Gewächse vorgestellt werden – wie gewohnt mustergültig organisiert, auch wenn es bei den Einladungen im Vorfeld bei paar Irritationen und Ungereimtheiten gab. Schwamm drüber. 2016 war wieder ein Jahr der Extreme und der Herausforderungen, erst viel zu nass, dann eigentlich viel zu trocken. Aber es gab – wie immer – Wein. Sogar gut, auch an der Basis, wie die von mir organisierte Schoppen-Trophy gezeigt hat. Und an der Spitze. Tag 2 bei #vdpgg2017: Riesling

Mittelrhein

eine schöne geschlossene Kollektion, die von den Winzern vorgestellt wurde. Ich nehme jetzt bewusst 3 Rheingauer Weine mit absolutem Mittelrheincharakter hinzu: Kesselers Lorchhäuser Seligmacher (klar wie Quellwasser, filigran, merkliche Süße, die dem Wein aber ungemein steht, top!) sowie die beiden Kanitz-Weine, Lorcher Kapellenberg und Pfaffenwies Röder. Schörkellos, ganz geradeaus, feingliedrig, das gefällt mir ausnehmend gut. Bei den „echten“ Mittelrheinern stechen 3 Weine für mich heraus: Matthias Müllers fantastischer „An der Rabenlei“, „Im Hahn“ von Toni Jost und Ratzenbergers St. Jost, die das ausstrahlen, was den Mittelrhein ausmacht: Finesse und tänzerische Eleganz gepaart mit einer zupackende Säure und mit großem Trinkfluss

Nahe

großes Kompliment an die Nahe, die im ersten Flight gleich mit Dönnhoffs Dellchen Sympathiepunkte bei mir gesammelt hat. Restlos überzeugt hat mich direkt danach das Pittermännchen von Diel mit seiner straffen Würze, gutem Zug, Finesse und Tiefgang (während das Goldloch noch recht verschlossen daherkam, muss noch wachgeküsst werden). Sehr ordentlich, was Gut Hermannsberg diesmal auf die Beine gestellt hat, dem 2015er Hermannsberg hat die längere Zeit in der Flasche sehr gut getan. Dönnhoff zeigt gleichwohl die charakteristischere Handschrift, bringt die Weine etwas präziser auf den Punkt. Und dann das große „Duell“ am Gaumen: Schäfer-Fröhlich und Emrich-Schönleber! Unglaublich gut, was beide Güter aus ihren Spitzenlagen diesmal vorgestellt haben, ich bin platt. Vor allem der kräuterige, florale Felsenberg von Schäfer-Fröhlich ist ein Wein, über den sich zu reden und schreiben lohnt. Die Kupfergrube nicht minder packend, mit einem schönen Stinker, aber eine Dichte und Konzentration, die unglaublich schön anzutrinken ist, auch wenn die Weine ein großes Stück von ihrem „Punkt“ entfernt sind. Wenn Winzer so um meine Gaumengunst wetteifern wie diese beiden Güter, auch mit Halenberg und Frühlingsplätzchen, dann ist das eine wahre Lust. Ich ziehe mich salomonisch zurück: Emrich-Schönleber für absehbaren kaufen, Schäfer-Fröhlich erst mal einlagern.

Rheinhessen

Wer meint, Rheinhessen könne nach diesem Loblied auf die Nahe einpacken, der irrt. Schon im ersten Flight ein Scharlachberg von Wagner-Stempel, der mich völlig überrascht und überzeugt hat. Das ist ein großer Wein mit großer Zukunft. Eine Einschätzung, die übrigens nicht minder für den Rothenberg „wurzelecht“ von Kühling-Gillot gilt: straff, präzise, Druck am Gaumen, betörende Aromen, klasse! Und sonst: 4x Hipping, 5x Pettenthal, und bei beiden Lagen muss ich Kühling-Gillot hervorheben, das das Großartige dieser Lage mit einer überzeugenden Stilistik verbinden. Und das Loblied hat noch kein Ende, sondern steigert sich zum Finale mit einer Ode auf Wagner-Stempel: Heerkretz und Höllberg, das sind für mich 95 und 94 Punkt und mit das Beste, was Wiesbaden heute zu bieten hatte, obwohl ich Wittmannns Kirchspiel und Groebes Aulerde damit ein wenig Unrecht tue. Aber was ist schon gerecht auf dieser Welt?