• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Wenn einem also Gutes widerfährt

Die Asbach-Story

In 125 Jahren ist Asbach ist nicht nur Gutes widerfahren. Um mit deutschem Cognac den Franzosen Paroli zu bieten, gründete Hugo Asbach im Mai 1892 die Rüdesheimer Weinbrennerei. Das war Anlass für eine würdige Feier im Asbach-Besucher-Zentrum in Rüdesheim. Zu einem feine Menü gab es Georg Breuer 2015 Rüdesheim Berg Rottland Riesling und 2012 Assmannshäuser Höllenberg der Staatsweingüter, dazu wurde die 125 Jahre- Asbach - Jubiläumscuvee vorgestellt aus bis zu 60 Jahre alte Destillaten. Sehr weich am Gaumen, gute Länge, Nussig, Lakritz und Mandel, aber auch Muskat. Gut gelungen. Und hier nun die Asbach-Story:

Wenn einem also Gutes widerfährt, das ist schon einen Asbach Uralt wert.“ Zwei Generationen sind mit diesem Werbespruch groß geworden. Ein namenloser, väterlich dreinblickender Asbach-Genießer war neben Käseverkäuferin Antje aus Holland, Spülmittelexpertin Tilly und Waschweib Klementine in den Wirtschaftswunderzeiten dank ausschließlich öffentlich rechtlichem Fernsehen ein häufiger Besucher in den bundesdeutschen Wohnstuben. Erstmals ausgestrahlt Ende der fünfziger Jahren blieb das Loblied auf den „Geist des Weines“ einer der eingängigsten Fernsehspots bis in die achtziger Jahre. Einer Marktstudie jener Zeit zufolge hatte Asbach damit einen Bekanntheitsgrad von 86 Prozent erreicht.

Begonnen hatte die Erfolgsgeschichte einer der bekanntesten deutschen Marken am 11. Mai 1892. An jenem Tag vor 125 Jahren gründete ein aus Köln stammender Destillateur, der damals erst 24 Jahre alte Hugo Asbach, die Rüdesheimer Weinbrennerei. Auf der rechten Seite des Rheins wollte er es den scheinbar übermächtigen Franzosen zeigen, denen er zuvor die Kunst der Cognac-Herstellung abgeschaut hatte. Aber erst als 1905 der geschäftstüchtige Kaufmann Albert Sturm als Partner bei Asbach einstieg, waren die Grundlagen für ein stürmisches Wachstum gelegt. Im Jahr 1908 wurde die Marke „Asbach & Co. Uralt“ in das Warenzeichen-Register bei Deutschen Patentamt eingetragen.

Der heute befremdlich klingende Zusatz „uralt“ war damals ein griffiger Hinweis auf die lange Reifezeit, die noch immer für jeden Brand ein Qualitätsmerkmal ist. Mit dem damals neuen Begriff „Weinbrand“ setzte Hugo Asbach seinen „deutschen Cognac“ bewusst von der scheinbar übermächtigen französischen Konkurrenz ab und baute auf das nationale Bewusstsein der Genießer in Deutschland. Dass der Versailler Vertrag 1919 den Deutschen schließlich die Nutzung des Begriffs Cognac – ebenso wie den des Champagner – gänzlich untersagte, konnte Asbach kalt lassen. Asbach hatte da schon Weinbrand als Begriff geprägt und erreichte, dass die Wortschöpfung 1923 ins novellierte deutsche Weingesetz aufgenommen wurde.

Ein genialer Schachzug war nur ein Jahr später die Erfindung der mit Asbach gefüllten Praline. Genial deshalb, weil der Genuss von Hochprozentigem in jener Zeit für Frauen als unschicklich galt. Versteckt und verpackt hinter Schokolade und Zucker war dieses gesellschaftliche Tabu leichter zu umgehen. Ein Schwips durch Naschen, das war neu. Und Asbach war fortan der weltweit einzige Spirituosenhersteller mit eigener Pralinenfabrikation.

Die Bedeutung einprägsamer Werbung erkannte Asbach ebenso früh wie die einer nachhaltigen Preispolitik und eines dichten Vertreter- und Servicenetzes. Bis heute werden von Gastronomen Geschichten erzählt, wie rührige Asbach-Handelsvertreter auch am Wochenende und nach Mitternacht bei Bedarf eine unerwartete schnell geleerte Drei-Liter-Flasche am Tresen gegen eine neue austauschten. Schließlich sollte Asbach das „Zeichen guter Gastlichkeit“ in Deutschlands Kneipen sein.

Der frühere, stark verschachtelte und nicht weniger als vier Hektar große Firmensitz gegenüber dem Rüdesheimer Bahnhof ist architektonischer Ausdruck der steten Expansion während der ersten 100 Jahre Firmengeschichte. Er ist heute auch ein Zeugnis des Niedergangs. Zunächst aber überstand Asbach alle Rückschläge und Krisen, auch die sieben Jahre währende Betriebsschließung zwischen 1943 und 1950 als Folge des Krieges und der Besatzungszeit.

Mit der Wirtschaftswunderzeit kehrt Asbach in den fünfziger Jahren schnell auf die Erfolgsspur zurück. Schon Mitte der sechziger Jahre wurde stolz verkündet, dass der Verkauf von Asbach-Flaschen höher sei als der aller Whiskys und Cognacs in Deutschland. Und Asbach entwickelte immer wieder neue Ideen wie den „Rüdesheimer Kaffee“ mit einem guten Schuss Asbach unter der frischen Sahne. Asbach war damals nicht nur mit rund zwölf Millionen Mark der mit Abstand größte Gewerbesteuerzahler Rüdesheims. Er war für die zweitweise mehr als 700 Beschäftigen auch ein guter Arbeitgeber, der viele Sozialleistungen und sogar Anwesenheits- und Sonderprämien bot. Es gab eine Betriebsfeuerwehr, einen Betriebsarzt, ein Kasino und einen Werkschor. In manchen Monaten besuchten mehr als 20.000 Neugierige Asbach und ließen sich die Produktion zeigen.

Eine Fundgrube der wechselnden Befindlichkeiten bei Asbach ist die Werkszeitung „Unser Betrieb“ die zwischen 1952 und 1997 erschien und deren vergnügliches Studium einer Zeitreise durch die Asbach-Geschichte gleichkommt. Darin werden auch Bedrohungen genannt wie die Erhöhung der Branntweinsteuer, die Einführung der Mehrwertsteuer zum Jahresbeginn 1968 und der anstehende, 1974 dann gesetzlich festgelegte Fall der Preisbindung für Markenartikel. Bis dahin durfte Asbach vom Handel nur zum Festpreis verkauft werden. Eine Bindung, die Asbach vehement verteidigte. Auch das sich vereinigende Europa besorgte die Geschäftsleitung. Von der Bildung des gemeinsamen Marktes aus sechs europäischen Ländern und dem Fall der Zollgrenzen erwartete Asbach nichts Gutes: Es „werden also noch mehr Waren als bisher auf den deutschen Markt strömen und damit auch den deutschen Verbraucher verwirren“, hieß es warnend. Und zu den im Geschäftsbericht von 1968 formulierten „fünf Hauptsorgen“ gehörten neben der wachsenden Konkurrenz und der Konzentration im Handel „die drohende 0,8 Promille-Grenze“ im Straßenverkehr, die 1973 dann Wirklichkeit wurde. Und obwohl sich die „Asbacher“ immer als eine für einander einstehende Familie sahen, kam die Geschäftsleitung nicht umhin, bisweilen „Unpünktlichkeit bei Arbeitsaufnahme und Arbeitsende, unerlaubtes Verlassen des Betriebsgeländes, Verstöße in der Behandlung der Stechkarten“ zu rügen und mehr Disziplin zu fordern.

Aus der Erfolgsspur brachte das Asbach aber nicht. Der Weinbrand schien vielmehr in aller Munde. Borussia Mönchengladbach feiert unter Trainer Hennes Weisweiler 1970 den deutschen Meistertitel mit Asbach; Helmut Kohl gönnte sich publicityträchtig im Jahr der Deutschen Einheit 1990 einen Rüdesheimer Kaffee; und von Sportstars wie Michael Schuhmacher und Michael Ballack wird berichtet, Asbach-Cola sei ihr bevorzugtes Mischgetränk. 1977 wurde die Rekordmenge von 23 Millionen Flaschen verkauft.

Es waren weniger der gesättigte Weinbrandmarkt mit der Folge von Absatzrückgängen sowie ein verändertes Verbraucherverhalten als die Uneinigkeit und die Renditeerwartungen der zunehmend verzweigten Gesellschafterfamilien Asbach, Sturm und Boltendahl, die schließlich zum Verkauf führten. Ende 1990 wurde Asbach zunächst mehrheitlich, 1993 dann vollständig an United Distillers, eine Tochter des britischen Guinness-Konzerns, veräußert. Der Unternehmenswert wurde damals auf die Höhe des Jahresumsatz von seinerzeit rund 460 Millionen Mark geschätzt. (gekürzte Fassung meines Textes für die FAZ vom 9. Mai)

Der angestrebte Imagewechsel der neuen Eigentümer misslang völlig, die Verkaufszahlen sackten ab. Die Folgen waren eine Restrukturierung sowie ein drastischer Abbau von Arbeitsplätzen. Als 1995 gar Pläne bekannt wurden, Asbach nach Holland zu verlagern, war der Aufschrei groß. Asbach und Rüdesheim, das galt und das gilt bis heute als unauflösliche Einheit. Mit dem Ankauf des alten Betriebsgeländes für den stark überhöhten Preis von sieben Millionen Euro durch Kreis und Stadt wurde der Verbleib von Asbach in einem 1997 neu errichteten Gebäude im Osten der Stadt teuer  bezahlt, ohne dass der Niedergang deshalb gestoppt wurde. Die Pralinenproduktion war schon 1996 an den Bad Reichenhaller Mozartkugel-Hersteller Reber verkauft worden.

Im Jahr 1997 fusionierte Guinness mit Grand Met zu Diageo, und 1998 schlossen sich United Distillers und die Weltmarken Import GmbH zu United Distillers & Vintners zusammen. Diese verkaufte 1999 Asbach an Bols Royal Distillers, die 50 Prozent der Anteile an die Semper idem Underberg AG weiterreichte. Bols seinerseits wurde wenig später von Remy Cointreau übernommen. Es waren aufregende Zeiten einer Branche im Umbruch. Underberg übernahm Asbach im Jahr 2002 vollständig. Ende der achtziger Jahre beschäftigte Asbach in Rüdesheim noch 550 Mitarbeiter, 2002 waren es 100, heute sind es ein Dutzend.

Der Geist des Weines ist dennoch lebendig, und soll sich nach der Strategie aus dem in Rheinberg beheimateten Haus Underberg wieder in neue Höhen schwingen. Qualität gilt dabei als Schlüssel. Bis heute wird in Rüdesheim die Kunst gepflegt, bis zu 25 Einzeldestillate zu einer Cuvée zusammenzuführen. In den kupfernen Brennblasen am Standort Rüdesheim wird seit einiger Zeit auch wieder gebrannt. "Wir sind die letzte Weinbrennerei, die noch in Deutschland brennt", sagt Asbach-Geschäftsführer Christopher Dellee, auch wenn das nur für etwa ein Viertel der Produktion gilt. Der größere Teil wird in Frankreich nach Vorgaben von Asbach hergestellt, weil dort die meisten Grundweine erzeugt werden. Die Reife erhält Asbach wie seit 1961 gewohnt in Ottersweier am Fuße des Schwarzwalds, wo rund 20.000 jeweils 300 Liter fassenden Eichenfässer lagern. Abgefüllt wird in Wilthen in Sachsen. Aber der Geist von Asbach lebt weiter in Rüdesheim.