Sind die Ökowinzer auf dem Holzweg…

zumindest beim Thema Klimawandel und CO2 Fußabdruck?

Die Winzer trauen Fidelio noch nicht

Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt die Weinbranche zunehmend und in hoher Intensität. Die vom Land mitorganisierte Rheingauer Weinbauwoche hatte jetzt erstmals „Nachhaltigkeit und Biodiversität“ als das prägende Thema. Dieses geht über eine zertifizierte ökologische Wirtschaftsweise weit hinaus. Tatsächlich scheint der Weg der Ökowinzer zu einer konsequent nachhaltigen Wirtschaftsweise überraschenderweise länger und steiniger als der ihrer konventionellen Kollegen. Denn Ökowinzer haben in der Regel einen geringeren Ertrag je Hektar Rebfläche und sie müssen vor allem in schwierigen Jahren wie 2021 deutlich öfter mit dem Traktor in die Rebzeilen, um die Ernte mit Kupfer- und Schwefelpräparaten vor Pilzkrankheiten wie Oidium und Peronospora zu schützen. Beides wirkt sich deutlich negativ auf den Kohlendioxid-Fußabdruck eines Weinguts aus.

Ein Instrument aus dem Baukasten hin zu einem konsequent nachhaltigen Weinbau sind pilzwiderstandsfähige Rebsorten, in der Branche kurz Piwis genannt. Das sieht auch der Geschäftsführer des Weinguts Schloss Vollrads, Ralf Bengel, so. Bengel vollzieht mit Schloss Vollrads gerade die Umstellung auf ökologischen Weinbau. Auf der Tagung gab er aber zu bedenken, dass jede Neuanlage von Weinbergen eine Entscheidung für die nächsten 30 bis 40 Jahre ist. Solange sollen die Rebstöcke Ertrag bringen, ehe sie gerodet werden und der Weinberg neu bepflanzt wird. Jede Anbauentscheidung will angesichts der Kosten in fünfstelliger Höhe je Hektar gut überlegt sein. Schließlich müssen die Kunden die dort erzeugten Weine auch überzeugen.

Wie berichtet führt aus Sicht der Politik daran aber kein Weg vorbei. Priska Hinz, deren Ministerium nicht explizit den Weinbau, aber den Klimaschutz im Namen führt, gab den Winzern jedenfalls die klare Ansage mit auf den Weg, dass die „neuen und robusten“ Rebsorten stärker angebaut werden müssen (F.A.Z. vom 13. Januar). Das Land will den Anbau von Piwis ausdrücklich fördern. Das ist neu, weil die Rheingauer Winzer bislang für ihre Konzentration auf Riesling und Spätburgunder stets gelobt wurden. Bislang lag der Fokus des Landes zudem auf der Forcierung des ökologischen Weinbaus. Doch das Ziel der Europäischen Union im Zuge des „Green Deal“, dass 25 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet werden sollen, ist beim Weinbau in Hessen mit 850 Hektar schon fast erreicht.

Eine zweite Vorgabe lautet, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis zum Jahr 2030 um die Hälfte zu verringern, wobei bislang unklar ist, auf welcher Zahlenbasis diese Reduktion errechnet wird. Nach Ansicht von Hans Rainer Schulz, dem Präsidenten der Hochschule Geisenheim, wird der deutsche Weinbau ohne Piwis dieses Ziel aber kaum erreichen können.

Zwar gibt es schon deutsche Winzer, die mit diesen modernen Rebsorten-Kreuzungen schon Erfahrungen sammeln, doch deutschlandweit stehen erst auf 2,8 Prozent der Rebfläche Piwi-Rebstöcke. An der hessischen Bergstraße sind es vor allem wegen der experimentierfreudigen Winzergenossenschaft und den Versuchsflächen des Rebveredlers Antes immerhin 3,5 Prozent. Im deutlich größeren Rheingau nicht einmal 0,5 Prozent.

Anja Antes-Breit sieht in dem schwierigen Weinjahr 2021 ein „Umdenken-Jahr“ bei den Winzern. Die Nachfrage nach Piwis habe europaweit stark angezogen. Sie setzte während der Weinbauwoche ein Fragezeichen hinter die Nachhaltigkeit des ökologischen Weinbaus. Wer deutlich häufiger zum Spritzen der Rebstöcke unterwegs sei, der belaste und verdichte den Boden, verbrauche mehr Energie, erzeuge mehr Kohlendioxid, bringe mehr Kupfer in die Natur und habe höhere Kosten als ein konventioneller Winzer, so ihre Bedenken.

Antes-Breit gab zudem zu bedenken, dass es im Rheingau nicht weniger als 40 Jahre dauern würde, wenn jede Neupflanzung ausschließlich mit Piwis erfolgen würde, und das sei kaum realistisch. Beschränkten sich die Winzer auf fünf Prozent Piwis bei jeder Neupflanzung, dauere der Umstellungsprozess jedoch 800 Jahre. Ihrer Ansicht nach liegen die Vorteile der Piwis auf der Hand: weniger Spritzungen, weniger Bodenverdichtung, geringerer Bedarf an Dünger, gesündere Trauben, geringerer Arbeitsaufwand.

Vor allem aber sind die Piwis widerstandsfähiger gegen die 1845 nach Deutschland eingeschleppte Peronospora (Falscher Mehltau) und das seit 1878 grassierende Oidium (Echter Mehltau). Beide Pilzarten sind die größten Feinde des Ertragsweinbaus. Piwis, das wurde auf der Tagung aber auch deutlich, sind keine „eierlegende Wollmilchsau“ im Weinberg. Sie erfüllen nicht alle Wünsche der Winzer, und jede hat ihre Stärken und ihre Schwächen. Dennoch formulierte Antes-Breit die These, dass „im Bioanbau konsequenterweise Piwis vorgeschrieben werden“ müssten. Konventioneller Anbau mit Piwis sei nachhaltiger als Bioanbau mit konventionellen Sorten.

Der Geisenheimer Weinbauprofessor Manfred Stoll bestätigt den deutlich geringeren Arbeitsaufwand für Piwis im Weinberg. Allerdings lasse sich wissenschaftlich noch keine Aussage treffen, ob mit Piwis tatsächlich der „enkeltaugliche Weinbau“ mit langfristiger Perspektive möglich sei. Die Rebsortenfrage sei eine wichtige, aber nicht die einzige Fragestellung in der Branche, sagte Stoll: „Es gibt viele Baustellen, die wir im Weinbau angehen müssen“. Abwarten sei keine Option.

Winzer, die sich zumindest versuchsweise mit Piwis beschäftigen wollen, haben es nicht einfach, sondern stehen einer verwirrenden Vielfalt gegenüber. Allein auf den Versuchsanlagen bei Antes an der Bergstraße stehen aktuell 75 verschiedene Piwi-Sorten: „Es gibt für jeden Zweck eine“, sagt Reinhard Antes und spricht selbst von einer verwirrend großen Auswahl. Darunter sind auch Geisenheimer Züchtungen wie „Fidelio“: Eine Weißweintraube, die kaum anfällig gegen Peronospora ist und nur zwei Mal im Jahr gegen Oidium gespritzt werden will. Die Weine werden als „rassig, fruchtig, duftig, rieslingähnlich“ beschrieben. Noch sind die Neigungen der Winzer, Fidelio statt Riesling zu pflanzen und damit die Kunden zu überraschen, aber recht gering. Es fehlen Erfahrungen und das Zutrauen, dass der Kunde zugreift.

Marc Dreßler vom Weincampus Neustadt war indes bemüht, Sorgen vor der Marktakzeptanz zu zerstreuen. Nachhaltigkeit im Weinbau sei „ein Muss und ein Erfolgsfaktor“. Seine Untersuchungen zeigen, dass Piwis nicht nur in Cuvées mit anderen Rebsorten, sondern auch sortenrein zu guten Preis vermarktet werden können. Wichtig sei es für die Winzer, Piwi-Tropfen als innovative „Zukunftsweine“ zu bewerben. (aus der FAZ vom 17.01.2022)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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