Schandfleck Staatsweingüterkellerei

Wiesbaden  Das Ensemble der ehemaligen Kellerei der Staatsweingüter hat einen neuen und ambitionierten Eigentümer. Nun muss die Stadt den Bebauungsplan ändern

Es ist ein Schandfleck an einer stark befahrenen Einfallsroute von Eltville: Die Brandruine der ehemaligen Kellerei der Staatsweingüter an der Schwalbacher Straße gammelt seit Jahren vor sich hin. Regen und Schnee dringen ungehindert in die von Architekt Heinrich Bott entworfene und in den Jahren 1910 und 1911 errichtete „Königliche Domänenkellerei“. Auch die Nebengebäude gammeln vor sich hin. Ein Trauerspiel, zumal äußerlich nicht erkennbar ist, dass das in Teilen denkmalgeschützte Ensemble schon seit dem Frühjahr 2021 einen neuen Eigentümer hat.

Die Mainterra Immobilien GmbH, ein vor gut 20 Jahren gegründeter Frankfurter Projektentwickler mit Schwerpunkt auf der Metropolregion Rhein-Main, hat das gesamte, 15.400 Quadratmeter große Areal zwischen Schwalbacher Straße und Waldstraße erworben. Geschäftsführer Jan Görtz wurde durch einen Makler auf die Verkaufsofferte aufmerksam und griff zu, zumal die Mainterra ohnehin gerade ein Wohnbauprojekt am alten Güterbahnhof vorbeireitet. Der aus dem Irak stammende und in Dubai lebende Investor Dana Hussein Qadir hatte im vergangenen Jahr die Lust an dem schwierigen Objekt offenbar endgültig verloren.

Schon im Jahr 2007 hatten die Staatsweingüter ihre damals schon marode erbaute Kellerei endgültig aufgegeben und den Neubau am Steinberg in Betrieb genommen. Das große Gelände lag danach brach. Ehrgeizige Pläne für eine Konzerthalle des Rheingau Musik Festivals scheiterten an Widerständen in der Politik. Es dauert sechs Jahre, ehe das Land das Gelände endlich für 2,5 Millionen Euro an eine „Domäne Eltville GmbH“ veräußerte. Damals war es noch das Ziel der Stadt, im denkmalgeschützten Kellereigebäude ein Hotel und im hinteren Teil des Grundstücks Wohnungen errichten wollen. Doch es tat sich nichts, und im Oktober 2015 zerstörte ein mutwillig gelegtes Feuer die historische Kelterhalle.

Danach beschleunigte sich der Verfall, den Görtz und die Mainterra nun baldmöglichst stoppen wollen. Zunächst aber wird die Stadt einen neuen Bebauungsplan aufstellen müssen. Im Frühjahr will Görtz der Politik die konkretisierten Pläne für das Gelände vorlegen. Ein Hotel ist allerdings vom Tisch. Stattdessen werden im Hauptgebäude der ehemaligen Kellerei, von der im Kern nur die Fassade stehen bleibt, bis zu 800 Quadratmeter Büroflächen entstehen. Außer der Gebäudehülle sei „nichts mehr da“, bedauert Görtz die weit fortgeschrittene Zerstörung eines Kulturdenkmals.

Der marode Gebäude-Querriegel aus der Nachkriegszeit darf mit dem Segen der Denkmalpflege abgerissen werden und soll in modernerer Form neu errichtet werden. Dort sollen Wohnungen für ein modernes  Wohnprojekt entstehen, zu dem Görtz aber noch keine Details verraten will. In dieses Wohnprojekt einbezogen werden könnte dann die altehrwürdige „Turn- und Festhalle“ auf dem Geländer. Einer passenden Nutzung bedarf auch der 700 Quadratmeter große Gewölbekeller mit seinen mächtigen Pfeilern. Er soll auf jeden Fall nach der Sanierung der Öffentlichkeit zugänglich sein. Einige Nebengebäude wie beispielsweise das Hochregallager mitsamt der Rampe für anliefernde Lastwagen werden abgerissen. Aus statischen Gründen und wegen des Brandschutzes wird wohl auch das alte unterirdische Fasslager nicht zu retten sein.

Ein zur Waldstraße hin gelegenes, rund 6000 Quadratmeter großes Teilgrundstück ist unverändert für den Wohnungsbau vorgesehen. Hier sollen einige großzügige Mehrfamilienhäuser mit Höfen entstehen. Die Mainterra will das Projekt, das einen zweistelligen Millionenbetrag erfordern wird, aus eigener Kraft stemmen. Regionale Banken sind bei der Finanzierung schon mit im Boot. Görtz hofft, dass das Vorhaben im Frühjahr 2023 starten kann. Wegen der Größe des Areals und der Komplexität des Vorhabens wird die Bauzeit kaum weniger als drei Jahre betragen. Bis zum Start will sich die Mainterra aber nicht nur auf Planungen beschränken. Möglichst kurzfristig soll nun doch noch das Dach provisorisch abgedichtet werden, damit die Schäden an der Gebäudesubstanz nicht noch größer werden. (aus der FAZ vom 15.01.22)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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