Hinz wirbt für Piwis

Weinbauministerin Priska Hinz (Die Grünen) hat die Rheingauer Winzer aufgerufen, sich künftig nicht länger nahezu ausschließlich auf Riesling und Spätburgunder zu konzentrieren, sondern neue und robuste Rebsorten vermehrt bei der Anbauentscheidung zu berücksichtigten. Das sei wegen des Klimawandels, der Ausbreitung neuer Krankheiten und Schädlinge sowie wegen der Vorgaben der Europäischen Union zur weiteren Reduzierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln unumgänglich. Die Winzer dürften sich im Rheingau einer Entwicklung nicht verschließen, die im Ausland schon weiter vorangeschritten sei. Hinz kündigte an, den Anbau der sogenannten pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (Piwis) zu entbürokratisieren und auch finanziell zu fördern.

Zufrieden zeigte sich Hinz mit den Fortschritten beim ökologischen Weinbau. Der positive Trend der zurückliegenden Jahre setze ich fort, sagt Hinz, nach deren Angaben hessenweit inzwischen 850 Hektar und damit fast 25 Prozent der hessischen Rebfläche ökologisch bewirtschaftet werden. Die Ministerin kündigte an, die Weinbauförderung in Hessen im bisherigen Umfang fortzusetzen und weiterhin Geld für den Ökoweinbau, den Steillagenweinbau, die biologische Schädlingsbekämpfung und für Investitionen in eine moderne Kellerwirtschaft und die Umstellung von Rebflächen bereitzustellen.

Die Winzer seien im Gegenzug aber gefordert, den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel „auf das absolut notwendige Maß“ zu begrenzen. Hinz kündigte zudem einen „Pestizid-Reduktionsplan“ für Hessen an, der auch für den Weinbau Wirkung entfalten werde. Dazu werde der Weinbauverband aber noch angehört. Ein Zeitpunkt für die Vorlage des Plans nannte Hinz nicht.   

Nach dem besonders schwierigen und herausfordernden Pflanzenschutzjahr 2021 hat der Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes, Peter Seyffardt, die Wiederzulassung des Mittels  Kaliumphosphonat zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten für den ökologischen Weinbau gefordert. „Das hätte den Ökobetrieben in diesem Jahr sehr geholfen“. Dieser Stoff war vor einigen Jahren von der Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel genommen worden. Seither stehen den Ökowinzern nur noch Kupferpräparate als hochwirksame Mittel zur Verfügung. Hinz griff diese Forderung aber nicht in ihrer Ansprache auf.

Seyffardt berichtet von teils erheblichen Ertragsausfällen im vergangenen Weinjahr durch den „falschen Mehltau“ (Peronospora) vor allem im Ökoweinbau. Schäden habe es aber auch durch den „echten Mehltau“ (Oidium), durch die Schwarzfäule und den Botrytispilz gegeben. Das Pflanzenschutzjahr 2021 habe den ökologischen Weinbau an seine Grenzen geführt. Wer als Ökowinzer alle fünf bis sieben Tage mit dem Traktor und der Spritze durch die Rebzeilen fahren müsse, der muss ich laut Seyffardt fragen lassen, ob das noch eine nachhaltige Wirtschaftsweise ist.

Nicht nur wegen der Ausbreitung der Pilzerkrankungen, sondern auch wegen der Pandemie hätten viele Winzer finanzielle Einbußen zu verkraften. Seyffardt verwies auf die Absage fast alle Weinfeste und Weinmessen und die phasenweise Schließung der Gastronomie im Lockdown. Der Rheingau leide zudem durch die Unterbrechung der A66 nach Havarie und Sprengung der Salzbachtalbrücke, weil weniger Besucher kämen. Zunehmend Sorgen bereitet dem Verband die Ausbreitung der Rebstock-Krankheit Esca, die zum schnellen Absterben des Rebholzes führen kann. „Da brauchen wir die Hilfe der Wissenschaft“, sagt Seyffardt zu dieser wachsenden Bedrohung.

Trotz dieser Rahmenbedingungen wurden laut Seyffardt im Rheingau 67 Hektoliter je Hektar geerntet. Das ist etwas weniger als anfänglich geschätzt worden war. Von Weinberg zu Weinberg seien die Schwankungen bei den Erträgen aber enorm und lägen zwischen 30 und 130 Hektoliter je Hektar. Insgesamt stünden der Rheingau und Deutschland aber besser da als einige der Nachbarländer. Europaweit sei die Weinernte 13 Prozent niedriger ausgefallen als 2020. Unzufrieden sind die Rheingauer Winzer mit den Preisen für Fasswein. Diese lägen teils unter den Erzeugungskosten. In die Flasche gefüllt worden sei „ein guter Trinkjahrgang“, während Spitzenweine vergleichsweise dünn gesät seien. Gut angelaufen ist laut Seyffardt mit mehr als 10.000 Flaschen das Gemeinschaftsprojekt zur Erzeugung eines alkoholfreien Weines. Es soll in diesem Jahr wiederholt und womöglich ausgeweitet werden. (aus der FAZ vom 13.01.2022)

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Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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