Privatkunden retten die Winzer

In der Weinbranche wird die Corona-Krise nachhaltige Veränderungen zur Folge haben. Der Strukturwandel, der die Konzentration von immer mehr Weinbaufläche bei immer weniger Erzeugern beschreibt, wird sich noch einmal beschleunigen. Die Rebfläche in Deutschland von derzeit rund 100.000 Hektar könnte gleichwohl in wenigen Jahren deutlich zurückgehen. Und viele Erzeuger müssen sich wohl zu Produktions- und Vermarktungsallianzen zusammenschließen, wenn sie nicht zum Spielball des großen Lebensmitteleinzelhandels werden wollen.

Das sind einige der Einschätzungen aus dem ersten Online-Seminar, das der Bund Deutscher Önologen organisiert und das Simone Loose, die Geisenheimer Institutsleiterin für Wein- und Getränkewirtschaft, am Bildschirm moderiert hat. Loose hatte schon im April eine erste Umfrage zu den Corona-Folgen für die deutschen Weinproduzenten veröffentlicht. Daran hatten sich rund 850 Weingüter, Genossenschaften und Kellereien beteiligt.  

Demnach hatte es im März zunächst eine klare Verschiebung des Weinabsatzes hin zu Supermärkten und Discountern sowie zu Onlinehändlern gegeben, während der Absatz über die Gastronomie, den Export und den Fachhandel regelrecht eingebrochen ist. Die Folge: mehr als jeder zweite Erzeuger strich oder verschob geplante Investitionen. Nahezu jeder zweite Betrieb beantragte die staatliche Soforthilfe für selbständige und kleine Unternehmen. Für den Sommer zeichneten sich für vier von zehn Betrieben schwerwiegende Liquiditätsengpässe ab. Eine weitere Folge der Krise ist die starke Zunahme des Online-Geschäfts. Dirk Würtz, viele Jahre Betriebsleiter des Hattenheimer Weinguts Ress und jetzt Geschäftsführer bei St. Antony in Nierstein, hatte auf die Krise unmittelbar mit kreativen Online-Angeboten reagiert. Der Absatz sei daraufhin „unfassbar gestiegen“, beschreibt Würtz seine Erfahrungen mit dem eigenen Onlinehandel. Besonders bemerkenswert: Auch nach den zwischenzeitlichen Lockerungen und der Wiedereröffnung von Restaurants liegt der Onlineverkauf stabil etwa vier bis fünf Mal höher als noch vor der Krise.

: „Endlich scheint Wein im Online-Handel angekommen zu sein“, meint Würtz und lobt die Weingenießer: „Die Privatkunden haben uns gerettet“.

Kellereien und Große Winzergenossenschaften hatten wiederum das Glück, dass die Kunden ihren Wein vermehrt im Lebensmittelhandel kauften, um sich wenigsten zuhause gutes Glas zu gönnen. Die Lauffener Weingärtner, eine große württembergische Genossenschaft mit 1200 Mitgliedern und fast 900 Hektar Rebfläche, musste in der Krise zunächst damit kämpfen, dass die Lagerflächen in den Einkaufsmärkten für „systemrelevante“ Produkte reserviert waren und Wein es nur mit Hürden ins Regal schaffte. Weingärtner-Geschäftsführer Marion Kopp machte zu Beginn der Krise zwei interessante Erfahrungen. Außerhalb der deutschen Weinanbaugebiete ging Wein zu Preisen von weniger als zwei Euro je Flasche „ab wie Feuerwehr“. Je näher die Verbraucher allerdings an einem Weinbaugebiet wohnen, desto eher waren sie geneigt, sich etwas Gutes zu gönnen und auch bei Weinen jenseits der Preisschwelle von sieben Euro zuzugreifen. Der Konsument habe in der Krise gelernt, höherwertige Weine zu kaufen, freut sich Kopp und hofft, dass dies nun zur Gewohnheit geworden ist.

Das gibt Hoffnung auf Zukunft, zumal sich die Winzer neue Absatzchancen ausrechnen, wenn viele Bürger in diesem Sommer ihren Urlaub in Deutschland verbringen. Dann ist auch die Chance größer, dass sie zu deutschem Wein greifen. Laut Kopp stellen sich seine Handelspartner schon auf diese Entwicklung ein.

Doch neben diesen positiven Signalen gibt es viele negative Entwicklungen, die nachdenklich stimmen. Winzer Würtz hat beobachtet, dass manches Weingut in der Krise an seinen langjährigen Fachhändlern vorbei Wein über Schnäppchenangebote zu verkaufen suchte. Diesen „Sündenfall“ werde der jeweilige Händler über die Streichung aus der Lieferantenliste ahnden. Mit langfristig schwerwiegenden Folgen für den Erzeuger. Mancher Winzer habe zudem aus purer Not Weine direkt im Fass verkauft, anstatt sie in Flaschen zu füllen, und das Preisen von 90 Cent je Liter, und das für ordentliche Ware. Das ist jenseits der Kostendeckung. Und wer nur wegen der Krise jetzt auf die Schnelle einen Onlineshop aufgebaut habe, der dürfe nicht erwarten, dass nun die Bestellungen nur so eintrudelten.

Ganz allmählich geht es aber auch wieder aufwärts, bestätigte die Rüdesheimer Winzerin Theresa Breuer, die von der Krise mitten in einer baulichen Neuordnung des Betriebsgeländes erwischt wurde. Im Export und in der Gastronomie rühre sich langsam wieder etwas, sagte Breuer, die jetzt vor allem Flexibilität zeigen will, auch wenn die Gastronomen nur sehr kleine Mengen ordern oder Importeure und Händler nicht die gesamte reservierte Ware auf einmal abrufen. Aber auch Breuer hat beobachtet, dass Kollegen Wein tankweise zu Niedrigpreisen verkaufen, weil im September schon die nächste Ernte ansteht und Platz gebraucht wird. „Mancher Keller wird geradezu verramscht“, bedauerte Würtz. Ob die Rebfläche in Deutschland nach einer absehbaren Bereinigung in der Branche zurückgeht (Würtz), ob die Pachtpreise wirklich sinken (Kopp) und ob die jetzt schon großen Erzeuger in der Folge der Krise noch einmal größer werden (Breuer), blieb Spekulation.

Realität ist hingegen die Mehrwertsteuersenkung, die von der Branche skeptisch bis ablehnend gesehen wird, weil dadurch die Durchschnittspreise für deutschen Wein noch weiter sinken und weil danach schnelle Preiserhöhungen wohl Illusion sein werden. Für Würtz und Breuer führt aber kein Weg daran vorbei, die drei Prozent Steuersenkung an die Kunden weiterzugeben, während sich Kopp kämpferisch gab: „Wir senken die Preise nicht“.

Unter dem Strich hat für Würtz die Krise offengelegt, „wie wenig professionell unsere Branche ist“ und wie sehr Entscheidungen nach Gefühl und auch dem Bauch heraus getroffen würden. Ein Business-Plan für eine auskömmliche betriebswirtschaftliche Entwicklung sei in vielen Weingütern bis heute ein Fremdwort. Das bestätigen auch die Erfahrungen von Loose: Viele Güter kennen noch nicht einmal ihre Produktionskosten.

Entnommen aus meinem TEXT für die F.A.Z. vom 24.06.2020

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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