California Dreaming

Finale beim Rheingau Gourmet und Wein Festival. Ich habe das Ende mit kalifornischen Weinen begossen… genauer: mit einer recht aufschlussreichen Probe mit dem Master of Wine Konstantin Baum, ein Badener wie ich… Natürlich ist die Wein-Vielfalt eines Bundesstaats mit 200.000 Hektar Weinbau (= 2x Deutschland) nicht in einem solchen Tasting zu ermessen, aber manchmal genügt ja auch eine Art Stichprobe.

Die umfasste auch 4x Chardonnay: Zuerst einen sehr cremigen, tatsächlich sehr an Champagner erinnernden und finessenreichen 2016 Blanc de Blanc brut von Schramsberg, der mir sehr, sehr gut gefiel. Da müssen sich die Franzosen warm anziehen. Danach 3x Chardonnay aus dem Jahrgang 2016: Grgich Hills Commemorative, Ramey Ritchie Vineyard und Paul Hobbs Russian River Valley. Das bestätigte mich einmal mehr in meiner bisherigen Erfahrung, dass mir die Sonoma-Weine im direkten Vergleich fast immer besser gefallen als die aus dem Napa Valley. In diesem Fall Hobbs (sehr harmonisch und perfekt balancierte Fülle) und Ramey (elegant, Zitrus, Frische, sehr eigenständig) klar vor Grgich. Aber: Alle drei Weine liegen zwischen 70 und 100 Euro die Flasche. Da wird die Luft dünn, nicht nur in meinem Geldbeutel. Würde ich bestellen? …. Äh… Nein.

Wechsel zu den Rotweinen. Ja, ich identifiziere mich mit dem Helden von „Sideways“, dem vielleicht besten Wein-Movie ever. Ich liebe Pinot Noir und mag (meistens) keinen Merlot. Also war der marmeladige 2017 Bucella Merlot aus dem Napa auch nix für meinen Gaumen, umso mehr der 2018 Black Stallion Pinot Noir Los Carneros. Viel Pfeffer und Lakritz, aber auch Brombeere, Leder und Schwarzkirsche. Top Pinot, und überdies für 30 Euro fair bezahlt!

Einen Tick stärker (auch weil zwei Jahre länger gereift), aber auch schon doppelt so teuer, der 2016er Goldeneye Pinot Noir aus dem Anderson Valley. Top. Pinot Noir macht einfach so viel mehr Spaß … das gilt auch nach der Verkostung der beiden Premium-Cabernet Sauvignons: 2017 Stag´s Leap Artemis und 2015 Silver Oak aus dem Alexander Valley. Beide so um die 80 Euro, beide sehr gut, aber für das gleiche Geld zöge ich wohl einen Spitzen-Burgunder vor…

Zum Schluss dann 2015 Seghesio Old Vine Zinfandel, wieder aus dem Sonoma Valley. Eigentlich mag ich Zinfandel so sehr wie Pinotage aus Südafrika. Gehört einfach dahin und dazu! Hier ein dichter, fetter Zeitgenosse, wiewohl das Thema Alkoholmanagement und Alkoholreduzierung auch bei der neuen Generation amerikanischer Winzer allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Die Chardonnays schmecken zwar nicht mehr so opulent-holzig, cremig-buttrig, vanillig-fett wie ehemals, aber 14,5 Alkohol haben sie dennoch allemal. Der richtige Trinkfluss will sich nach dem ersten Glas einfach nicht einstellen… den Hobbs Chardonnay und den Black Stallion Pinot nehme ich hier einmal aus… da kam wirklich Freude auf. Ein wenig California dreaming…

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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