Wein-Momente, Wein-Monumente !

Chateau Mouton Rothschild! Eine Legende. 118 Jahre hatte das Weingut warten müssen, bis der „Fehler“ der Klassifikation von 1855 endlich behoben wurde und es 1973 in den Kreis der (dann fünf) Premier-Cru-Weingüter des Bordeaux aufgenommen wurde. Dabei hatte das Weingut immer wieder bewiesen, dass es in die erste Reihe gehört, und der 1945er Mouton gilt manchem Bordeaux-Fan als der allerbeste überhaupt.

Ein Wein, nicht von diesem Planeten. Punkt. Nun, dieser 1945er Mouton – zeitweise übrigens der teuerste Wein der Welt – war mir bislang noch nicht vergönnt, aber aus dem Kronenschlösschen-Keller gab es bei der diesjährigen Probe immerhin fünf Moutons auf fünf Jahrzehnten: 1966, 1976, 1986, 1995, 2006 Dabei war die Weingut-Stilistik und die Prägung durch den Cabernet Sauvignon mit dem ihm typischen Aromenspiel gut erkennbar. Gemessen am Jahrgang hätte eigentlich der von der Weinkritik hochgelobte 1986er die Nase vorn haben müssen. Das hatte ich so erwartet. Tatsächlich gab es eine Überraschung, denn – nicht nur – mich überzeugte der 1976er mit samtigen Schmelz, schöner Präsenz, langem Nachhall. Schwarze Johannisbeere, Röstaromen, Tabak, ein wenig Zedernholz, Minze, eine Spur Leder, auch ein paar kräuterige Noten.

Aromen, die in unterschiedlicher Reihung und Prägung auch die anderen Jahrgänge bestimmten, doch 1976 war offenbar auch eine perfekte Flasche. 2006 eindeutig noch drei bis fünf Jahre zu jung, 1995 straff und gut, 1986 eher unruhig und nicht ganz so präzise und harmonisch wie erwartet. 1966 recht gut, obwohl der Füllstand nicht mehr ideal war, und die letzte 1966er-Flasche im Keller des Kronenschlösschens ist damit Geschichte!

Assmannshäuser Höllenberg

2009, 2010 und 2011 (jeweils Goldkapsel bzw. Cabinet), dazu 2005 als Mauerwein und vor allem 1945 Spätburgunder Natur

Über die jüngeren Jahrgänge ist schnell geschrieben: Der Sieger ist ganz klar 2011 mit seiner wahnsinnigen Geschmeidigkeit, seiner Eleganz, einer samtigen Würze, schönem Cassis. Dahinter blieb 2009 für mich überraschend deutlich zurück, und 2010 hatte für Spätburgunder einfach nicht das Potential wie 2009 und 2011. Bei Riesling ist das anders. Der 2005er Pinot Noir aus einem sehr warmen Jahr, „enttäuschte“ (wir kritteln auf höchstem Niveau!) insofern, als der Wein mit Blick auf das Mostgewicht offenbar ein paar Tage zu spät gelesen wurde. Die leichte Überreife der Beeren führte dann zu schöner Dichte und Konzentration, aber auch zu Rumtopf-Aromen, die ganz und gar nicht meine Sache sind.

Göttlich dagegen der 1945er Natur. Ein Monument. So gut wie keine Brauntöne! Fast jugendlich wirkend, sehr würzig und zugleich samtig, hohe Eleganz, Trinkfluss. Mit seiner Frische und Eleganz, seinen Aromen von Zedernholz, Tabak, Cassis, Himbeere, Veilchen und Räucherspeck war der Wein spannender als alle fünf Jahrgänge des ungleich teureren Kultweins „Chateau Mouton Rothschild“ (s.o.). Bin sehr gespannt, wie der Wein bei der Versteigerung am 29. Februar im Kloster Eberbach gehandelt wird!

Griff in die Schatzkammer!

Welches Weingut kann schon eine Riesling-Phalanx aus den 1940er Jahren auftischen? 1940, 1941, 1943 und 1947 Rauenthaler Gehrn Riesling trocken ! Trocken? Ja, trocken! Ein hochspannendes Quartett aus der Eberbacher Schatzkammer (siehe auch meinen Bericht in der FAZ vom 25. Februar 2020).

Von den drei Kriegsjahrgängen gefällt 1940 mit seinem Schmelz und der Fülle am besten. Vergleichsweise schwach hingegen 1941, der am Gaumen eine wenig erfreuliche Schärfe entfaltete und auch sonst vor allem sauer wirkte. Gut hingegen 1943, wenn auch der 1940er in allen Belangen jeweils einen Tick besser war. Herausragend und Flight-Sieger der 1947er mit samtigem Schmelz, guter Fülle, Nachhall. Das macht auch heute noch richtig Spaß, nicht nur wegen der Ehrfurcht. Applaus!

Das war längst nicht alles. Doch ich erspare mir jetzt, auf die vier Auslesen aus der Hochheimer Domdechaney näher einzugehen (1953 war übrigens der Hammer, weit vor 1967, 1979 und 1989), lobe stattdessen das 2010er Rüdesheimer Schlossberg Riesling GG (aus der Magnum! Ich liebe große Flaschen!) und verneige mich vor der 2015er Domdechaney Auslese Goldkapsel.

Doch der Star war natürlich die 1920er Rauenthaler Wieshell Riesling Trockenbeer-Auslese. Eine bernsteinfarbene Riesling-Majestät von nicht zu erwartender Vitalität dank belebender Säure. Sehr elegant, irgendwie zeitlos. Feine Noten von reifen Rosinen, ein wenig getrocknete Feige, dazu gebrannter Karamell, ein Hauch von Räucherspeck im Hintergrund, eine Prise Blutorange, Andeutungen von Fenchel, Räucherspeck… ein nachhaltiger, immer noch komplexer Charakter-Wein mit Tiefgang, über den man lange fachsimpeln, aber nicht streiten kann. Wow!  

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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