Schluss mit dem Etikettenschwindel!

Im Wein liegt keineswegs nur Wahrheit. „Johannisberger Erntebringer“ ist ein gerne gepflegter Etikettenschwindel auf der Weinflasche. Denn der Tropfen muss nicht einmal aus Johannisberg stammen. Doch das muss endlich aufhören. Denn ein Rheingauer Riesling namens „Rauenthaler Steinmächer“ muss keinen einzigen Tropfen Wein auf dem zu Eltville gehörenden Weindorf Rauenthal enthalten. Vielmehr dürfen Weinpartien aus bis zu 27 Einzellagen im vorderen Rheingau unter diesem Namen vermarktet werden.

Gemäß Weingesetz ist die Verwendung dieser Großlagen völlig legal, obwohl sie nichts anderes als eine große Verbrauchertäuschung sind. Doch der Deutsche Weinbauverband, der die Interessen von Fassweinwinzern, Spitzenerzeugern und Genossenschaften unter einen Hut bringen muss, tut sich mit jeder Veränderung schwer. Doch an enier Reform des Weingesetzes führt kein Weg vorbei. Ziel ist die Vereinfachung des Bezeichnungsrechtes, um für den Verbraucher mehr Klarheit und Transparenz herzustellen. Und die Herkunft eines Weins soll endlich wichtiger sein als das Mostgewicht, um das sich in Zeiten des Klimawandels die wenigsten Winzer Sorgen machen müssen.

Es geht um eine neue Qualitätshierarchie nach dem Prinzip: Auf jedem Etikett soll die Herkunftsangabe zugleich ein Qualitätsversprechen sein. Und je enger diese Herkunft gefasst ist, desto höher diese Qualität.

Basisqualität im Rheingau für den alltäglichen Trinkgenuss wäre demnach ein „Rheingau Riesling trocken„. Qualitativ – und preislich – darüber stünde in der Hierarchie der Ortswein, beispielsweise ein „Rauenthaler Riesling“. Dieser Name wäre dann tatsächlich verpflichtend: Die dafür gekelterten Trauben dürften ausschließlich in Rauenthaler Weinbergen geerntet worden sein. An der Spitze der Qualitätspyramide stünden schließlich die Weine aus einer Einzellage wie dem „Rauenthaler Baiken“. Für den Großlagenwein „Rauenthaler Steinmächer“ wäre in dieser Hierarchie eigentlich kein Platz mehr. Doch nach dem üblen Kompromiss, den der Deutsche Weinbauverband nach zähem Ringen und gegen den erbitterten Widerstand vieler Genossenschaften gefunden hat, bleibt die Großlage als Qualitätsstufe zwischen Basiswein und Ortswein weiterhin erhalten.

Einziger Fortschritt: Nach einer Übergangsfrist von drei Jahren nur noch mit dem Zusatz „Region“. Ob ein Wein mit der Bezeichnung „Region Rauenthaler Steinmächer“ tatsächlich die notwendige Klarheit und Abgrenzung von den Einzellagen bringt, ist mehr als fraglich. Erst nach weiteren fünf Jahren soll geprüft werden, ob auf die Großlagen nicht doch ganz verzichtet werden kann, oder ob sie begrifflich nur noch als „Region Steinmächer“ verwandt wird – also ohne den Gemeindenamen Rauenthal.

Der Rheingauer Weinbaupräsident und Martinsthaler Winzer Peter Seyffardt hätte sich den völligen Verzicht auf die Großlagen gut vorstellen können. Zumal das vom Klimawandel längst ad absurdum geführte Qualitätssystem für trockene Weine mit den Stufen Kabinett, Spätlese und Auslese weiter erhalten bleiben soll. Ein Wahnsinn. Unabhängig von den politischen Festlegungen kann der Rheingau allerdings über die künftigen Vorgaben des Bundes hinausgehen und sich strengere Regeln geben. Das sollte er auch tun.

Seyffardt kündigt entsprechende Diskussionen und Vorschläge an. Dabei geht es auch die Zukunft der Kategorien „Großes Gewächs“ und „Erstes Gewächs“ für trockene Spitzenweine. Denkbar ist, dass das „Erste Gewächs“ künftig für Lagen verwendet werden kann, aus denen in den zurückliegenden fünf Jahren kein Großes Gewächs (bislang Erstes Gewächs) erzeugt worden war.

Der VDP ist unzufrieden. Den Kompromiss hält er für das „das absolute Minimum“. Für einen größeren Erfolg seien wesentlich weitergehende Einschränkungen notwendig: „Der vollständige Verzicht auf die Großlage würden Erfolg aller maßgeblich erleichtern“. Sollte der aus Sicht des VDP gefundene Minimalkompromiss keinen Bestand haben, beispielsweise, weil die Genossenschaften noch mit Erfolg politisch intervenieren, sieht der VDP eine Spaltung der deutschen Winzerschaft voraus: Dann „wird die Zukunft des deutschen Weinbaus in dem Beschreiten unterschiedlicher Wege liegen“, weil viele Winzer nicht bereit seien, sich auf „einen kleinsten Nenner, voller Verwässerungen und Parallelitäten“ einzulassen. Aus Sicht des VDP ist es Fünf vor Zwölf für Veränderungen. Der deutsche Weinbau stecke in einer strukturellen Krise. Der Inlandsanteil sei bei Verbrauch unter die 40 Prozent-Marke gesackt, der Export sei massiv eingebrochen. Das sind keine guten Nachrichten für die Branche, die das Deutsche Weininstitut gerade erst um die Botschaft ergänzte, dass der Weinabsatz 2019 über alle Verkaufskanäle um fast ein Prozent zurückging und der Pro-Kopf-Verbrauch auf 20,1 Liter absackte. (angelehnt an meinen Text in der FAZ vom 19.2.)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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