Ein 1920er! Wirklich!

 Gefühlt unendliche Male wurde an mich schon die Frage gerichtet, ob man diesen (alten) Wein denn noch trinken kann. Mit „alt“ meinten die vermeintlichen Weinfreunde dann alles, was länger als fünf Jahrgänge zurückliegt. Sie hatten das Wesen des Rieslings (und Spätburgunders) nicht verstanden. Natürlich sind die Zeiten lange vorbei, als diese Weine in den Rheingauer Gewölben durchschnittlich acht bis zwölf Jahre lagern mussten, ehe ihnen endlich Trinkreife bescheinigt wurde. Den 1811er genoss Goethe immerhin schon im Abstand von nur fünf Jahren bei seinem Besuch im Rheingau, auch wenn er ebenso lustvoll dem 1806er zusprach. Heute lieben wir die edelsüßen Rieslinge von 1953, 1971 oder 1976. Ich habe auch noch eine 1961 Gräfenberg Auslese im Keller. Aber ein 100 Jahre alter Wein? Das kommt auch mir nicht alle Tage auf die Zunge.

Das Verdienst gebührt Kathrin Puff, der seit knapp zwei Jahren verantwortlichen Önologin der Hessischen Staatsweingüter. Puff zwar zuvor lange Jahre in Thailand, aber jetzt lebt sie in Hallgarten. Und ihre Mission ist es, die Qualität der Weine im Steinbergkeller zu heben. Meine ordnungspolitischen Vorbehalte gegenüber staatlichen Weingütern im Allgemeinen sind allgemein bekannt und haben an dieser Stelle nichts verloren. Denn es geht um den Wein. Und der macht Freude. Ich hatte die Gelegenheit zu einem Streifzug durch den Keller, um einen ersten Eindruck von den größtenteils noch unfertigen 2019ern zu gewinnen, und die stimmen hoffnungsfroh. Der erste Jahrgang, den Puff von Anfang bis Ende verantwortet, erfreut mit Klarheit, Finesse und Tiefgang. Vor allem die Weine aus dem Neroberg, dem Steinberg, dem Marcobrunn und dem Roseneck lassen sich im Glas sehr, sehr vielversprechend an. Da kommt vielleicht Großes auf uns zu.

2018 hat sich unterdessen recht gut entwickelt. Im direkten Vergleich der beiden GGs Baikenkopf und Marcobrunn hat letzterer die Nase vorn mit seiner maskulinen Art, seiner Konzentration und Fülle ohne deshalb gleich zu breit zu wirken, und seinem langen Nachhall. Baikenkopf hingegen sehr auf der filigranen, eleganten Seite, aber mit einer für ein GG fast zu prägenden Säure. Die wird den Wein aber sicherlich zu einem Langläufer mit großer Kondition machen. Aktuell aber gefällt mir der würzige Baiken aus VDP. 1. Lage mit seiner zupackenden Würze deutlich besser.

Verkostet habe ich übrigens auch noch 2016 und 2017 Höllenberg Spätburgunder, und 2016 empfand ich als grandioser, typischer Vertreter des Höllenbergs mit feiner Cassis-Note und anderen roten Beerenfrüchten, ein wenig Tabak und Lakritz, dazu Leder im Hintergrund. Wow.

Doch halt, die Leser dieses Blogs interessiert vor allem der 1920er. Ein Spitzenjahrgang in Deutschland mit einer guten Erntemenge von 2,44 Millionen Hektolitern. Die Winzer strahlten über Menge und Güte, während die Bauern über die Maul- und Klauensuche fluchten, an der 12 Millionen Tiere erkrankten. Politisch war es aufregend. Der Kapp-Putsch gegen die Reichsregierung scheiterte am Generalstreik der Gewerkschaften. In Indien machte ein gewisser Mahatma Gandhi erstmals auf sich aufmerksam. Und der Staatliche Domänenweinbau erzeugte in Eltville eine 1920 Rauenthaler Wieshell Trockenbeer-Auslese, die ich verkosten durfte. Farblich übrigens keine dunkelbraune Coca-Cola, sondern mit rubinroten Reflexen und von eher zartem Rot-Braun. Am Gaumen dezent rauchige Noten, deutlich Sternanis und auch Fenchel, aber viel reife Rosinen. Kein unangenehme Firne, sondern sehr zurückhaltende, aber feine Reifenoten. Die Süße nach 100 Jahren nur noch recht verhalten, der Wein wirkt heute sogar eher feinherb denn süß. Im Gegensatz zu vielen älteren Weinen, die man nur der Hochachtung und aus Interesse auf die Zunge lässt, ein echter Genuss und sehr gut trinkbar. Ein Erlebnis. So, und damit der Neid vollkommen ist: Es gab auch noch 1953 Rauenthaler Baiken Riesling Trockenbeerenauslese Naturrein!!! Ein wirklich feiner, präsenter, fast jugendlich wirkender Süßwein von hoher Konzentration mit akzeptabler Säure. Ein Monument, um dessen Zukunft auch bei weiterer Lagerung niemand bange werden muss! Ciao aus dem Steinbergkeller!

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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