Gaja

Gaja 4 Buchstaben, 3 Weingüter, 250 Hektar Weinberge in Langhe, Bolgheri und Montalcino, 1 Legende. Gaja wird oft in einem Atemzug mit anderen Legenden der Weinwelt genannt, egal ob Krug in der Champagne oder DRC im Burgund. Es zeichnet das Rheingau Gourmet und Wein-Festival aus, dass es HB Ullrich immer gelingt, Weine solcher Giganten zu Tastings auszuschenken. Diesem Erfolg verdanke ich einige schöne und imposante Erlebnisse. Diesmal also Gaia, und Gaia Gaja aus dem Familenunternehmen ließ nicht nur die Weine für sich sprechen, sondern erläuterte fast 90 Minuten lang Geschichte, Philosophie und Anbau von Gaja bis hin zum Wassermanagement in den Weinbergen im Zeichen des Klimawandels und zur Rolle der Bienen in der Natur. Eingeschenkt wurden sieben Weine darunter zwei Weiße, die allerdings keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben: Der 2017er Rossj-Bass Langhe DOP, eine Cuvée aus Chardonnay und Sauvignon blanc, fiel durch eine sehr intensive, kräuterige und würzige Aromatik auf, reiche florale Noten, im Abgang allerdings sehr kurz. Insgesamt mäßiger Trinkfkluss, für meinen Geschmack liegt der Sauvignon-Anteil zu hoch. 2017 Vistamare Toscana IGP ist eine Cuvée aus Vermentino und (für mich viel zu viel) Viognier. Recht opulent, expressiv und „laut“, florale bis leicht parfümige Noten, ein sicherlich guter Essensbegleiter, der „solo“ für mich keine Option wäre. Aber gekommen sind wir ja wegen der Roten (alle 2014, alle 100% aus der Nebbiolo-Traube!): der „Barbaresco“ sehr gewürzig, viel Waldfrucht, deutliche Tanine, wirkt noch sehr jung und sehr kantig und hart, schöner Nachhall. Deutlich stärker der Sori Tildin Barbaresco DOP mit mineralischen Anklängen, guter Säure, straff, entfaltet guten Druck am Gaumen, kein Charmeur. Noch weniger der Costa Russi Barbaresco DOP, der für meine Geschmack viel zu säurebetont daherkommt, mit einer reichhaltigen samtigen Frucht, die jedoch alle Komplexität überdeckt. Mein Favorit an diesem Nachmittag ist der Sori San Lorenzo Barbaresco DOP dank seiner Eleganz, seinen feinen Taninen, einem guten Trinkfluss, der erdige Noten mit Spuren von Tabak und Lakritz offenbart, dabei weich und würzig, ohne an Straffheit und Präzision zu verlieren. Großer Wein. Die Favoritenrolle hätte ich eigentlich dem Sperss Barolo DOP zugebilligt, der mit seiner weichen, sehr fruchtbetonten Art (viel Lakritz, Teer und Tabak sowie Kirsche) und seinem langen Nachhall gut gefällt, aber nicht die Präzision des Sori San Lorenzo zeigt. auch der „Conteisa“ Barolo DOP“ kann sich trotz einer gewissen Sinnlichkeit, trotz betörender Kirsche, seinen floralen Noten und kräuterigen Akzenten nicht an die Spitze setzen. Unter dem Strich viel zu junge Weine, die (noch) nicht ihre Klasse zeigen konnten. Schöner wäre eine Vertikalprobe beispielsweise des Sperss oder des Sori San Lorenzo gewesen, die nachdrücklich das von Gaja in den Vordergrund gestellte Alterungspotential nachvollziehbar bewiesen hätte. So blieb bei mir am Ende ein zwiespältiger Eindruck und die Frage offen, ob Gaja jenseits des Mythos sein Geld von 400 und mehr Euro je Flasche wert ist, sofern man Geduld und den richtigen Keller dafür hat.

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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