Pinot Noir 2009 – 40 Meisterwerke

Merke: Der Bessere ist stets der Feind des Guten. Manchmal sogar der Feind des Herausragenden. Das ist das Schicksal vieler Weine in fast jeder Blindprobe vergleichbarer Tropfen. Mag der Wein auch noch so gut sein und als Individuum auf dem Tisch Begeisterungsstürme auslösen. Im „Flight“, also dem direkten und verdeckten Vergleich mit anderen, gibt es fast immer noch einen besseren. Ungerecht, aber schön. Und spannend. Obwohl das Blamage-Risiko gewaltig ist.

Das war bei einer fulminanten Probe im privaten Kreis nicht anders, zu der der Eltviller Weinenthusiast Michael Felzer tief in seinen Keller gegriffen hatte und das Ergebnis wunderbarer Sammelleidenschaft präsentierte: 40 x Pinot Noir aus dem für Rotwein bemerkenswert guten Jahrgang 2009. Ten years after, sozusagen… Eine wenig überraschende Erkenntnis vorweg: Wohl dem, der es sich leisten kann in Magnum- oder gar Doppelmagnumflaschen zu investieren, deren Inhalt über die Jahre einfach deutlich charmanter reift.

Und ein noch Wort zu unserer charmanten und bunt zusammengewürfelten Verkostungsgesellschaft: Wer geschmacklich im Rheingau sozialisiert wurde, bei dem haben Rheingauer Gewächse immer einen kleinen Vorsprung am Gaumen, das zeigte die Abstimmung für die jeweiligen Favoriten …. Aber das ist kein Nachteil, sondern Heimatliebe. Gut so.

Aber legen wir los (immer Pinot Noir, Jahrgang 2009, natürlich trocken):

Flight 1: Meyer-Näkel (Pfarrwingert), Deutzerhof (Melchior C), Fürst (Centgrafenberg), Shea Wine Cellars Oregon (Wilmettette Valley), Urmathum, Burgenland (Unter den Terrassen zu Jois), August Kesseler (Cuvée Max)

Der Oregon-Pinot stach am Gaumen sofort heraus und offenbarte sich als leicht zu identifizierenden Vertreter der Neuen Welt, viel Veilchen mit Liebstöckl, ungewohnte Würz-Aromen, recht viel Alkoholsüße, aber durchaus sehr gut. Ein Wein der polarisierte, aber mir sehr gut gefiel, wäre da nicht der „Max“ vom Assmannshäuser Großmeister August Kesseler gewesen…intensive rote Beerenaromen, viel Kräuter, dezenter Tabak, ein wenig Lakritz, sogar Leder, gute Säure, jugendlich frisch… Kein Wunder also, dass diese Flaschen zuerst restlos leer waren, was immer bezeichnend bei jeder Probe ist. Er war, auch mein Favorit, und die ganz dezente Süße (schätze mal 2g RZ) gab dem Wein charmanten Schmelz. Die beiden Ahrweine und der Franke unverkennbar deutsch, gute Säure, viel Cassis, viel Alkohol, deutlicher Schiefereinfluss an Ahr, aber auch ein wenig streng und astringierend… wie viele der Deutschen übrigens, manche auch ein wenig phenolisch. Das ist natürlich Kritk auf allerhöchstem Niveau… Der Burgenländer spielte in der Diskussion keine Rolle… im Restaurant sicherlich ein Knaller auf dem Tisch!

Flight 2: Später-Velt („P“), Horst Sauer (Spätlese trocken), Schlumberger Baden (Altenberg Wingerte), Carl Erhard (Berg Roseneck), Jakob Jung (Alexander Johannes)

Toll, was an der Mosel geht! Klar, präzise, geschliffen. Die klare Mehrheit im Panel votierte aber für den unfiltrierten Alexander Johannes von J.  Jung, mir gefiel der Schlumberger noch besser ob seiner feinen Cassis-Noten, seiner dezenten Würze, guten Struktur und Finesse… Das Roseneck von Erhard polarisierte, was nie für einen guten Platz bei der Abstimmung gut ist… Sehr, sehr gut gefiel mir auch Horst Sauer, Franken auf seine feine, harmonische Art… ging aber irgendwie unter… völlig unverdient…

Flight 3: Meyer-Näkel (Kräuterberg), Fürst (Hundsrück), Keller (Bürgel), Kuhn (Steinbuckel), Marquis d´Angerville (Pommard Combes Dessus), Jurtschitsch (Langenlois)

Wir steigern uns deutlich. Eine Probe ohne Rheingauer Pinot, und schon verteilten sich die Stimmen fast gleichmäßig auf die Probanden… ich war dennoch mit meinem Votum für Jurtschitsch alleine auf weiter Flur, obwohl der Wein ungemein Trinkfluss, Schmelz und Eleganz hat, die ich im Pinot immer suche. Doch gegen die 14-Prozenter haben es diese Weine immer schwer…

Flight 4: Knipser (Kirschgarten), Kuhn (Kirschgarten), F. Becker (Sonnenberg „Kammerberg), Franz Haas (Schweizer), Jakob Jung (Alexander Johannes „R“), Leitz & Becker (Rothenberg)

Jetzt wird es himmlisch. Aber noch so ein Fall von Power gegen Eleganz. Sieg am Tisch für Alexander Johannes R., ich hingegen war mit Knipsers Kirschgarten wegen seiner wahnsinnig tollen Frucht, seiner Eleganz und Finesse überaus glücklich. Mehr braucht kein Pinot-Freund im Glas. Eine Enttäuschung für mich hingegen Franz Haas (obwohl ich hier eigentlich nur die Überragenden loben und über die anderen Guten schweigen wollte, sorry), da hätte ich mehr erwartet. Fantastisch dagegen Kuhn und Friedrich Becker…

Flight 5: Knipser (Réserve), Knipser (Réserve du Patron), Freiherr vom Gleichenstein (Baron Philipp Oberrotweil Eichberg), Bürklin-Wolf („S“), Ziereisen (Aspis Alte Reben), Ziereisen (Rhini)

Was für ein Flight! Hammer! Knipser überzeugte gleich zwei Mal mit Tiefe und Komplexität, fein verwobenen Tanninen, feinster Beerenfrucht und Finesse sowie viel Länge am Gaumen. Top und für mich (fast) noch einen Tick besser als Ziereisens „Aspis“, der aber die Mehrheit am Tisch von sich überzeugte…Das kann ich durchaus verstehen…

Flight 6: Markus Molitor (Klostergarten***), Huber (Bienenberg), Keller (Frauenberg), Louis Jadot (Vonse Romanée Les Beaux Monts), J.B. Becker (Walkenberg Spätlese), Chat Sauvage (Höllenberg EG)

Hut ab, Markus Molitor, für so einen Kracher. Das hätte ich von der Mosel nicht erwartet. Sehr gute Eleganz, kühler Zug, feinfruchtig, Trinkfluss, der nach der zweiten Flasche ruft. Ganz ungewöhnlich der Wein von J.B.Becker, der ein wenig an Amarone erinnerte und den Exoten im Flight gab. Für mich unverständlich, denn das kenne ich so nicht, wenn ich mich beispielsweise an eine 1993er Spätlese denke… aber so what. Zwei Weine stachen klar hervor, und es war nicht der Keller: Nein, der Höllenberg von Chat Sauvage hat für mich das Zeug zum Jahrhundertwein, und davon hätte ich gerne den Keller voll. Beim Trinkspass war allerdings Hubers Bienenberg für mich der Knaller… Zartes Holz, feinste Kirsche, üppige Länge, leichte Cremigkeit, Trinkfluss vom Feinsten! Und der „echte“ Burgunder? No chance!

Flight 7: Knipser (Mandelpfad), Huber (Schlossberg), Méo-Camuzet (Chambolle-Musigny Les Feussselottes), Gantenbein (Pinot Noir), Krone (Juwel), Kloster Eberbach (Höllenberg)

Finale. Wow. Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Höllenberg von Eberbach den Sieg davontrug dank Kraft in Kombination mit Fülle, Frucht und Schmelz in fantastischem Zusammenspiel und Länge im Abgang. Trinkfluss auf höchstem Niveau. Hätte er nicht in dieser Reihe gestanden, hätte ich mich für Knipsers Mandelpfad erwärmt, oder vielleicht doch für das Juwel der „Krone“. Jedenfalls nicht für den hochgeschätzten Gantenbein, der bei einer offenen Probe mit sichtbaren Etiketten vermutlich mit Méo-Camuzet (das liebe ich eigentlich total!) um den Sieg gestritten hätten. So war es ein Triumph des Rheingau! Heimat, o Heimat… !Darauf eine 2009 Kiedrich Gräfenberg Riesling Auslese! Vorhang!

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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